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Frisch gepreßt 68 (August 2003):

Helga Pogatschar - Inanna

Die babylonische Göttin Inanna trug den Beinamen "Hure Babylon" und ist, so erfahren wir, "eine der ältesten mythischen Frauengestalten der Menschheit". Der Mythos seinerseits ist eine Erzählung über die Zusammenhänge der Welt mit dem eigenen, ursprünglich-naiven Empfinden; und weil man deswegen mit dem Mythos vorsichtiger umgehen sollte als beim Transport von hundert rohen Eiern durch die hochwassernde Isar, müssen handfeste Belege und Bezüge her.

Ein Blick aufs Cover - ein Griff ins Regal nach G. W. Geßmanns "Katechismus der Kopfformenkunde" (Berlin 1921). Doch, oh weh: Lage und Bezeichnung der numerierten Bereiche in Helga Pogatschars und Károly Kollers Hörkino entsprechen eher babylonischen als phrenologischen Richtlinien. Halten wir uns an die Zahlen, so finden wir: Kinderliebe (II), Bekämpfungstrieb (V), Verheimlichungstrieb (VII) sowie, in doppelter und großflächiger Ausführung, die Beifallsliebe (XI). Geßmann lokalisiert an den bezeichneten Stellen jedoch (u.a.) die Organe für Tonsinn, Nachahmungstalent, Schönheitsgefühl, Gewissenhaftigkeit und den Sinn für das Wunderbare. Schimmert dort am Nacken noch der Geschlechtstrieb? Nur als Ahnung ...

So kommen wir der Sache näher - und der (Wieder-)Entdeckung eines der ältesten literarischen Werke der Menschheitsgeschichte, denn zwar wurde die Geschichte Inannas und ihres Gangs in die Unterwelt schon vor 4.000 Jahren auf Keilschrifttafeln festgehalten, ist seither jedoch aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend entschwunden und mußte von Koller und Pogatschar mit assyrologischer Hilfe rekonstruiert, übertragen und endlich auch als sumerisches Original vertont werden, welch letzteres allein alle geßmannschen Fähigkeitsbereiche forderte, galt es doch, eine seit tausenden von Jahren ausgestorbene Sprache (wieder) singbar zu machen.

Als Tonspur zum Joggen oder Geschirrspülen ist das Ergebnis der Arbeit kaum geeignet; da müssen Ohr, Sinn und Gemüt manch harten Brocken wälzen, um zu Gehalt und Kern der Geschichte durchzudringen. Es sei immerhin soviel angedeutet: Inanna erhört die Klagen ihrer Schwester, der Königin der Unterwelt, und beschließt, ihr Reich der Himmel und Erden zurückzulassen und zu ihr hinabzusteigen. Angetan mit ihrer Krone, Lapislazuligepränge, glitzernden Steinen an den Brüsten, goldenen Armreifen und königlicher Robe, langt sie am äußeren Tor der Tiefen an. Der Wächter gewährt ihr Einlaß, entldeigt sie jedoch an jedem weiteren Tor eines Teils ihres schützenden Schmucks, bis sie endlich nackt und wehrlos am Thron der Schwester steht, die sie alsbald von den Richtern der Unterwelt ergreifen läßt und sie, ein totes Stück Fleisch nur mehr, an einem Haken aufhängt. Doch trägt ihre treue Dienerin Ninshubur die grause Kunde zu Enki, dem Gott der Weisheit und der Wasser, der aus dem Schmutz unter seinen Fingernägeln zwei Wesen erschafft und sie zur Rettung aussendet ...

Die vielfache Spannung der Gegensätze schlägt sich in Handlung, Sprache, Musikgeräuschen und Geräuschmusik nieder: Himmel, Erde, Tiefe, Weite, rasende Sinnlichkeit, behütende Mutterschaft, Ursprung und Ende, Liebe, Trug, Kampf, Tod und Wiedergeburt. Daraus lassen sich ebenso volksesoterische wie banale Lehren ziehen - das Leben ist ein Kreis, ohne Tiefen keine Höhen, inwärts gründet das äußere Glück usf.; andererseits muß man gar nichts und darf sich auch einfach mal fallen lassen in einen zeitfern und unirdisch faszinierenden Wirbel von Ton und Sinn, der mindestens so aufregend ist wie der Transport von hundert rohen Eiern durch die hochwassernde Isar.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer