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Frisch gepreßt 69 (August 2003):

Spearmint - My Missing Days

Für religiöse Fanatiker mag es ein angemessenes Lebensziel sein, ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts zu essen; der gemeine mittel- und randkontinentaleuropäische Zweibeiner jedoch murrt unter der Knute von Zweck und Ziel. Unsereins scheut derlei sittliche Abirrungen, verzichtet auf Backwaren und Arbeitsanstrengungen gänzlich, dreht sich ab und zu einen heuschreckengrünen Sauersüßapfel ins dörrende Gekröse und schickt den Seichfilm, mit dem er sich dank vorwitziger Poreninsubordinanz alle zehn Minuten überzieht, mittels Niederschlägen aus der Eisesdusche in die Kanäle davon. Abends sammelt er sich zum fruchtbaren Disput am freiluftigen "Stammtisch zum guten Ton", wo indes An- und andere Strengungen gleichfalls vermieden und in diesem Sinne die Ranwanzungen bettelnder Schallkonzerne mit ihren alten Hüten voller pseudosommerlicher Koppeleien von Pseudojazz, Pseudoethno und Pseudopop ignoriert und letztere allenfalls als Butterbrotbrettln zum Einsatz kommen, zwanghafte Umpf-Hysterie benasrümpft sowie eventuell anstehende Neu-Alben von Laibach, Metallica und Compagnie dieselben Reaktionsmuster induzieren wie wanstig aufmulmende Wolkenbäuche und ozonbedingte Hustenanfälle: Was davon nicht von selber weggeht, darum kann man sich später kümmern.

"Höchstzweck populärer Musik im Einzugsbereich extremer Klimakapriolen, liebe Sinnesgenossen, kann und muß es sein, den Körper zu einer spezifischen Immunreaktion anzuregen, in deren Folge er sich mit einer hinreichend dünnen Schicht perlmuttsilbrig schimmernder Glückspatina überzieht, die UVA-Strahlen nur in melodischer Form hindurchläßt und es im Idealfall ermöglicht, ohne muskelnden Beineinsatz hinfortzutreiben in die schattigen Areale zeitbefreiter Insgesamtharmonie."

"Hört, hört! Doch ach, es sind dies nicht Zeiten der Verläßlichkeit mehr. Von Blur bis Pulp ist alles hingewelkt, was diesem Zwecke einst trefflich dienen mochte, und wirft pilzig mulme Bladern nur mehr, die zu erhöhtem Verbrauch von Duschwasser zwingen."

Zu früh geklagt! Dem Überlebensbeutel des Tischvorsitzenden nämlich entrutscht ein sauersüßapfelgrüngelbes, ähem, Digipack, dessen perlmuttsilbrig schimmernder Inhalt alsbald die gewünschte Wirkung von Erfrischung, Beseligung und Erhebung entfaltet. Ein lindes Lüftchen aus hallenden Trommelkesseln kühlt das dünstende Ohr, perlendes Gitarrenspiel hebt das Herz, bunte Bänder flattern durch die Lüfte, und John Shirleys Stimme erweist sich wieder einmal als der alte Freund, auf den man sein Leben lang zu warten glaubte; und befreit lachend stellt man fest, daß man in Wirklichkeit immer noch fünfzehn und alles leicht ist und der horrend warzige Lindwurm von Zeit, Welt und Unheil bloß ein doofer Alp.

"Wir wollen das präzisieren: ‚The Start Of It All' stellt in diesem Sinne eine Klinke da. Ruckzuck öffnet sich die Pforte ..."

"... und herein strömt der Fluß der Freude, ‚Perhaps You Were Sleeping', der, um es banal auszudrücken, geilste Sommerhit der Welt."

"Und während sich die Bögen beglückender Melodien immer weiter spannen und zwölf neue Argumente die These untermauern, daß Spearmint die, um es banal auszudrücken, geilste Popgruppe der Welt sind ..."

"... klappt man das, ähem, Digipack auf und sieht sich mit drängenden Fragen konfrontiert: Werte? Freunde? Besitz? Liebe? Freundschaft? Was ist wichtig? Was ist unverzichtbar? Was brauchen wir? Wohin? Wann?"

Und die Antworten sind so klar wie der Blick aus perlmuttsilbrig schimmernden Höhen auf süßsauerapfelgrüngelbe Weiten. Und genausowenig in Worten wiederzugeben.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer