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Frisch gepreßt 70 (September 2003):

Rancid - Indestructible

Rancid sind die schlimmste Band der Welt. Weil: Sie schauen aus die letzten Deppen, so als hätte jemand für ein Wachsfigurenkabinett vier Musterbeispiele der schrecklichsten Folgen von übermäßigem Exploited-Genuß und fanatischem Punk's-not-dead-Fundamentalismus gegossen; Hirnamputations-Stehausschank goes Top 50 in Reinkultur - kein Plattencover ohne den unsäglichen Iro-Mann, dessen Anblick einem die Lust eines ganzen Tages und den Glauben an die Wertigkeit der Popmusik überhaupt nehmen kann. Und dann noch Songtitel wie "Out Of Control", "Travis Bickle" (wg. Iro), "Born Frustrated" ... und ein Plattentitel, der ins Englische übersetzt "Punk's Not Dead" lautet.

Aber das ist alles noch nicht schlimm. Richtig schlimm wird es immer dann, wenn man eine Rancid-Platte auflegt, weil man sich dann nicht wehren kann, weil dann die trutzige Schutzmauer aus gesunden Vorurteilen in Sekundenbruchteilen zu Staub zerbröselt, und da steht der Iro-Mann, lacht geschert und sagt: "Na, du Wurst? Hättest du nicht gedacht, gell?" Dann fühlt man sich, um das mal ein bißchen positiv darzustellen, als schlüge man die Bildzeitung auf und fände darin eine bislang verschollene Erzählung von Nabokov.

Es ist ja so: die populäre Musik hat in den letzten hundert Jahren ein paar Spielarten hervorgebracht, die man "klassisch" nennen könnte - insofern, als die Zeit ihrer Entstehung und Weiterentwicklung unterschiedlich weit zurückliegt, in jedem Fall aber abgeschlossen ist. Nun käme keiner auf die Idee, (hm, möglichst entlegenes Beispiel gesucht:) Eric Clapton oder John Lee Hooker auszulachen, weil sie irgendwie bloß das aufwärmen, was Charlie Patton vor 80 Jahren gemacht hat. Oder die Strokes, wegen Television. Oder, um Joe Strummer zu zitieren: "Hey, der Bluesgitarrist Son House hat gesagt, daß es nichts Neues unter der Sonne gibt. Und er hat nicht von Busmotoren oder neuartigen Föns geredet, die sich in Feuerzeuge verwandeln können." Right? Ist, Fazit, eine musikalische Spielart erst einmal historisch und musikalisch gerundet, darf sie jeder spielen, der das gut kann - und, fucking hell!, kein Mensch auf diesem Planeten spielt die Quintessenz von Clash-Punk-Rock (Betonung auf Wort eins und drei) so wahnwitzig geil wie Rancid; inklusive monstermäßig guten Songs (Ausnahme: "Spirit Of '87" ist moderner Knüppel-Müll, aber als solcher immer noch so gut, daß sämtliche Linkin Bizkits in ihren Mudd-Puddles versinken vor Scham), virtuosen Reggae- und Bluebeat-Einlagen, Roots-Bewußtsein, authentisch-grandiosen Knarz-Röchel-Gesängen und dermaßen viel Wut, daß man streckenweise glauben möchte, das wäre doch Vintage 77 - kann es aber nicht sein, weil keiner damals so gut gespielt hat.

Ja, und jetzt? Müssen wir uns schämen, wenn wir "Indestructible" einen Ehrenplatz gleich neben "London Calling" (und dem Vorvorgänger "Life Won't Wait") reservieren? Wenn wir den Lautstärkeregler auf elf drehen, so saublöde, dreckspeinliche Textzeilen wie "I'll keep listening to the great Joe Strummer, cause through music we can live forever" wie entfesselt mitbrüllen und uns dabei fühlen, als hätte gerade Gott an der Tür geläutet und gesagt "Servus Michi, hier: Ich schenke dir die Welt. Und ab heute bist du übrigens unsterblich!"??

Und wenn schon. Erstens: Joe Strummer hat Rancid gemocht, ätsch. Zweitens: So blöd, so naiv, so peinlich muß man erst mal sein, hihi. Drittens: Mag sein, daß es Rancid nur gibt, weil es Joe Strummer und The Clash gegeben hat. Aber Strummers Mescaleros-Alben gibt es nur, weil es die schlimmste Band der Welt und ihr Label Hellcat Records gibt. Viertens: Unsterblichen Weltbesitzern ist derartiger Firlefanz sowieso egal. Fünftens: Fuck off, wem's nicht paßt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer