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Frisch gepreßt 71 (September 2003):

Trembling Blue Stars - A Certain Evening Light

Schwer klopft es an die abendliche Tür - wer steht so spat wohl noch dafür?

"Huch, da ist ein dunkler Mann, hat einen Riesenmantel an, macht Wuh! und Böh! so laut er kann - ist das am End' ein Taliban?"

"Ach woher, bloß der alte Herbstdepp, der uns wie jedes Jahr ermahnt, daß man ab dem ersten Nebel nur noch Shinkansen-Platten hören darf."

"Gibt es denn neue?"

"Der Herbst, werter Freund, ist die Zeit des Besinnens, Versinkens, Erinnerns. Da wühlt man tiefe Schränke durch, tropft Zähren in gilbe Diarien, kehrt sich nach innen und prüft, was geblieben vom regen Getu. Wer kann außerdem schon behaupten, alle Trembling-Blue-Stars-Singles so greifbar zu haben, daß er sie nacheinander am Stück hören kann?"

Melancholische Geräuschschleier schweben durch den Raum. Eine klingelnde, himmelweit hallende Gitarre, sanfter Stimmenhauch.

"Hei, wie schön! Es sollte nie vergehen."

"So? Was würde dann aus den weiteren zwölf Höhepunkten europäischer Freutrauer, Schüchternzärtlichkeit, goldenen Sphärenschimmerns, baumwollwatteweichluftiger Schönleere, melodischer Zeitanhaltung und milde lächelnder Verzweiflung? Das ganze Universum herbstlich graubunter, kühler, unspektakulärer Popmusik, die Gedanken und Weltgefühl der mittleren 80er aufgreift, als die Smiths noch nicht Geschichte, sondern Zukunft waren, Nick Drake noch kein Kultstar düsterer Metal-Haluter, sondern ein fast vergessener Musik-Dichter, als man die Sonne noch nicht auf rasenden Rollen genoß, sondern im Sitzen und am liebsten Anfang Oktober, als man fremden Leuten auf der Straße um den Hals fallen und sie küssen wollte, wenn man einen Song wie "Half In Love With Leaving" oder "It's Easier To Smile" das erste Mal gehört hatte, und es natürlich nie tat, uff - es bliebe ungehört."

Erklärendes Intermezzo: Die Band, deren Name dem Roman "Die Geschichte der O" von Pauline Réage entstammt, begann im Winter 1995/96 als Soloprojekt von Bob Wratten (vordem Sänger und Songwriter bei The Field Mice und Northern Picture Library), mit dem er über die Trennung von Field-Mice- und Lebenspartnerin Annemari Davies hinwegzukommen suchte. Der Single "Abba On The Jukebox" folgte das Album "Her Handwriting" und erste Auftritte. Leider (oder zum Glück) verhinderte der Flop eines REM-Albums und die folgende Sparwelle bei Warner Brothers, daß die Trembling Blue Stars in die Mega-Hitmaschine gerieten. Das zweite Album zierte nicht nur ein Photo von Annemari, sondern auch ihre Stimme - und nicht nur sie ließ sich von der Musik verzaubern, sondern auch der Melody Maker, der "Lips That Taste Of Tears" in seine Liste der besten Platten des Jahres 1997 aufnahm. "Broken By Whispers" erreichte 1999 per Sup-Pop endlich auch die stillen Nischen des US-Musikbusiness; mit "Alive To Every Smile" tourte die mittlerweile auf fünf mehr oder weniger feste Mitglieder angewachsene Band sogar durch den Nu-Metal-Kontinent (allerdings ohne Annemari, die an schwerem Lampenfieber leidet) - das erste Konzert in New York war binnen Minuten ausverkauft, da Fans bis aus San Diego und Alaska anreisten. Daheim in London empfiehlt es sich, bei einem der seltenen Stars-Auftritte vier Stunden vorher dazusein, um nicht draußen bleiben zu müssen. Und in Deutschland gibt es zwar noch keinen Vertrieb für Shinkansen, aber ein paar Leute, die den mühsamen Weg übers Internet nicht scheuen, um in den Besitz der wunderbaren Platten zu gelangen. Soweit dies.

"Das ist so schön, daß es weh tut. Und es tut so weh, daß es schön ist."

Entrückt strahlend schwebt der grimme Herbstdepp davon.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer