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Frisch gepreßt 72 (Oktober 2003):

"Amon Düül II Play Phallus Dei"

Geschichtsstunde! Im Sommer 1968 lud der Münchner Filmstudent Rüdiger Nüchtern die menschen- oder wenigstens musikerähnlichere Hälfte der gerade im inspirationellen Stahlgewitter von Diskussion, Rausch, Sex, Meditation, Blödsinn und sonst was zerspaltenen "Musikkommune" Amon Düül in ein Studio, wo die Band vor laufenden Kameras (hinter einer davon stand Nüchterns Kommilitone Wim Wenders, der vielleicht hier lernte, wie toll das ist, wenn man eine Einstellung ohne Schnitt solange, ähem, durchzieht, bis die Batterie leer ist) "Phallus Dei" spielte, das ein Jahr später ihr erstes Album zierte und betitelte. Nüchtern schnitt ein paar Naturaufnahmen dazwischen und erntete nicht nur auf einem Filmfestival in Edinburgh, sondern auch in der Süddeutschen Zeitung begeisterte Kritiken für das gegenkulturelle Dokument. So weit die Fakten.

Daß das Gemache und Getu, das die wüste Düül-Horde veranstaltete, mehr Ähnlichkeit mit einem experimentellen Schleudergang beim kollektiven Sockenwaschen (oder dessen grundsätzlicher Verweigerung) zu tun hatte als mit Musik, haben Typen wie ich des öfteren betont. Allen späteren Meriten der Ursuppen-Beteiligten und Hinzugemischten zum Trotz (oder bin ich der einzige, der endlich mal Lothar Meids Soloalben auf CD hören möchte?) ist erwiesen: Am Anfang war das, hm, noch nicht mal nichts, sondern ein grauenhaft gekrümmter, gefolterter und mißbrauchter Ansatz von, Doppel-hm, "Selbstverwirklichung" oder "-befreiung" oder wie immer man das nannte, die Werdung des westeuropäischen Wohlstandsnachwuchsmenschen zum konzeptionellen Solidaritätsneger sozusagen, indem er dessen Platten hörte, sich mit viel Glück (Chris Karrer) haupthaarmäßig anpassen konnte und glaubte, nun das zu spielen, was er da gehört hatte. Späteres Antun für Unbeteiligte nur mit auraler Gasmaske oder am besten gar nicht zu empfehlen; Begegnungen mit fossilen Resten diverser Bandmitglieder erhöhen den Horror-Faktor um einen Mitleids-Quotienten, aber vergebens ist alle Müh, aus solchem Unfugsgewirr Nutzen, Freude oder Anverwandtes ziehen zu wollen.

Oder? Klar: "Phallus Dei" ist kein "Song", ein Stück auch nur insofern, als es irgendwann (ungefähr) anfängt und (wahrscheinlich mehr oder weniger) aufhört. Sondern mäanderndes Geschraddel, tapfer entfesseltes Trommel-Gebölk und ein wildes Gedudel, das in grober Kreisrichtung und ohne Rücksicht auf tonale Verkehrsregeln kein rechtes Ziel finden will. Dazu, optisch: ein fehlfarbiger Sonnenauf- und untergang, alle möglichen Zuckungen (wobei es Renate Knaup gelingt, selbst den Rudimentär-Rhythmus um Meter zu verfehlen und die anderen Musiker zumeist aussehen, als hätte man ihnen eine Tüte Käfer in die Hose gekippt und die Hände gefesselt) und ein intensiv blubberndes Projektions-Lichtgewitter (mit jeder Menge Schatten). Aber irgendwie, irgendwie, ich weiß es nicht: Man kann sich dem nicht entziehen, wenn man die ersten zwei Minuten der DVD überstanden hat, starrt gefesselt ins bunte Warr und denkt immer lauter: Das kann doch nicht sein! sind die wahnsinnig?! bis man irgendwann gar nichts mehr denkt und wohl "drin" ist. Und danach erstaunt und strangely begeistert feststellt: Es war keine Musik im modernen, kommerziellen Sinn, was man da erlebt hat, sondern ... vielleicht ein Requiem der Schildkrötenwesen vom Uranus auf den Untergang ihrer Kultur oder, hm, was auch immer, jedenfalls ein ziemlich wirksames Mittel gegen eben jene moderne Musik, deren Produkte (!) und Darsteller, unmittelbar danach betrachtet, noch langweiliger, formatierter, liebloser, leerer und produkthafter wirken und irgendwie ihren damaligen Vorgängern von Max Greger über Bata Ilic bis zu den Osmonds doch sehr ähneln.

Hieß Popmusik nicht früher mal: etwas erleben, was "die anderen" nicht verstehen? Was ihnen Furcht, Schrecken, Bauchgrimmen und Ratlosigkeit einjagt? So gesehen ist dieser Musikfilm in der Tat ein makelloses Meisterwerk und ein unverzichtbares Dokument, das zeigt: Die Welt war mal total anders, und das ist noch gar nicht so lange her.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer