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Frisch gepreßt 73 (Oktober 2003):

Joe Strummer & The Mescaleros - Streetcore

Es ist dem Menschen nicht auszutreiben, daß er den Fortgang eines verehrten Mitmenschen nicht hinnehmen will und in seiner Trauer etwas dabehalten möchte, damit jener und auch er selber weiterlebe. So kommt es zur bekannten Ausschlachtung musikalischer Restwerke und Residuale per Knisterdemo, "Alternate Take" (minus ein Beckenschlag), Rumpelrauschkonzertmitschnitt, Remaster-Remix-Superbox und was der digitalen Produktgenerierung sonst noch ist. Der Mensch indes geht davon nicht mehr her, sondern immer weiter weg.

Joe Strummer hat (so gesehen) Glück, denn als das böse Schicksal ihn mit einem besonders fiesen Schlag hinweggerafft hat, war er mit seinem neuen Album fast fertig und zudem bei einer Firma unter Vertrag, die im großen Ozean der unanständigen Monsterhaie, die alles Lebendige vorne reinmampfen und hinten als Stinkbrühe wieder rauslassen, als kleiner Fisch in eiserner Nietenrüstung herumzappelt. Folglich ist an "Streetcore" nichts aufgewärmt, getürkt, goldlackiert, überkandidelt oder sonst was; nein, es ist einfach die Platte, die Joe mit seinen Kumpels gemacht hat, danach von diesen abgemischt und fertig.

Was war es aber, was den starrsinnigen Eigenbrötler, Diplomatensohn von Geburt und Landstreicher aus Überzeugung, den Sänger mit dem überforderten Krächzorgan, der als Gitarrist Technik durch Wut und Virtuosität durch blutende Finger ersetzte, den "Sozialisten mit dem Loch in der Hosentasche" (Bertolucci), Tresenanarchisten, Hausbesetzer und Hollywood-Outlaw, den verletzlichen Mann mit dem warmen Herzen, der als Straßenmusiker anfing, Millionen Platten verkaufte und dann wieder Straßenmusiker wurde, der jeden seiner spätjugendlichen Anflüge von Stalinismus so bitter bereute, daß er nach dem erbärmlichen Ende der Clash nach Spanien flüchtete, wo er unter einem Baum saß und weinte, der erst nach dem Tod seiner Eltern erkannte, daß er nicht zum Massenführer und Rockstar geboren war, der so groß war im Kleinen und so klein im Großen, der lieber bei einem Bier in der Garderobe mit jedem Dahergelaufenen diskutierte als Autogramme zu geben, der die jahrelange Knebelung durch den Mega-Konzern Sony geduldig aussaß, statt sich als Märtyrersklave zu verkaufen, und am Ende gelassen und friedlich lächelnd aus der Knochenmühle herausspazierte, um endlich wieder das zu tun, was er tun mußte: Lieder singen; - was ist es, was den Kerl so unverzichtbar, so liebenswert und noch nach einem Jahr im Grab so lebendig macht, daß man einfach nicht glauben will, er sei wirklich für immer weg?

Seine Stimme? die unnachahmliche Schraddel-räng-däng-Gitarre? sein geniales Gespür für die Melodien und Rhythmen der Straßen dieser Welt, sein mitleidloses Mitgefühl für die Leute im Schatten, am Rand, im Dreck? sein überwirklicher Optimismus, seine Traurigkeit, seine Gelassenheit, sein froher Zorn, seine wilde Wut, sein unwiderstehlicher Witz, seine unbeugsame, durch nichts, aber auch gar nichts, auch nicht den Tod zu brechende, fanatische Liebe zur Welt und ihren Menschen? Oder doch bloß einfach die Songs, diese anrührenden, mitreißenden, irgendwie zusammengeklapperten und doch absolut perfekten Hymnen, Miniaturen, Ohrwürmer, in denen Reggae, Folk, Jazz, Soul, Punk, Country, Pop, Rock 'n' Roll plötzlich ein und dasselbe sind, in denen es um Millionen von Dingen, Erlebnissen und Menschen und am Ende doch immer um dasselbe geht: Liebe, Freiheit, Glück, das Leben - "Lebenslieder" meinetwegen?

Was es auch war. Es ist alles da, so schön, so wunderbar, daß der Mensch die Fenster und der Himmel die Wolken aufreißt. Ein letztes Mal.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer