zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 

Frisch gepreßt 74 (November 2003):

The Creatures - Hái!

Die erste Frage muß lauten, wozu irgend jemand sich die Mühe gemacht hat, elektrische Musikinstrumente zu erfinden, wo doch die lautesten und vielleicht auch schönsten Geräusche ganz einfach zu erzeugen sind: Man öffnet den Mund und schlägt mit Stöcken auf Gegenstände.

Die zweite Frage ist: Warum ist es heutzutage für Menschen unter 40 offenbar nur noch in seltensten Ausnahmefällen möglich, interessante, aufregende, schwindelerregend waghalsige Musik zu machen, wenn man mal das Null-Argument außer acht läßt, es sei eben kein Bedarf nach solcher zu spüren?

Und weiterhin möchten wir wissen: Wie kommt es, daß ein kleines Teenager-Mädel, das eine Rockband aus ihrer Stadt total super findet und deshalb zum Spaß auch eine Band gründet, die sich aber nach einem einzigen (Zeugenaussagen zufolge infernalischen) Auftritt gnädig wieder auflöst (vorläufig) und - hoppla! Entschuldigung, haben Sie da einen Faden gesehen? Da ist er ja: daß dieses Mädel 25 Jahre später immer noch die aufregendste, schwindelerregendste und, dies nur nebenbei, meistnachgeäffte Stimme der Welt- und Popgeschichte in ihrer Kehle trägt?

Zwischenfrage I + II: Was sind eigentlich Taiko-Trommeln? Und warum gibt es in Japan so viele Erdbeben?

Dürften wir auch noch erfahren, warum wir auf einem Planeten leben müssen, auf dem Menschen in Stadien pilgern, um so Dinge wie Alanis Morissette, Madonna und - wie heißt noch gleich die aus dem Bräunungsstudio? - zu sehen, während es im ganzen Landkreis München höchstens 100 Siouxsie-&-The-Banshees-Platten gibt? Von Creatures-Platten ganz zu schweigen (was in diesem Fall heißt: Siouxsie-&-The-Banshees-Platten ohne Steve Severin und einen der vielen wechselnden Gitarristen? Oder täuschen wir uns da? Hm? Hm?

Hätten wir mehr Zeit, würde es uns gelegentlich auch mal interessieren, wie Musik eigentlich funktioniert. Wie zum Beispiel es sein kann, daß man über Tage und Wochen hinweg nichts anderes tut als Musik zu hören, mit dem einzigen Effekt, daß einem vier Haare ausgegangen sind und eine nicht zugängliche Stelle am Rücken juckt, was beides vielleicht auch auf etwas anderes zurückzuführen sein könnte, und dann legt man das neue Creatures-Album ein, die Trommeln rumpeln, scheppern, knallen, atmen, rauschen und donnern los, und nach zwei Sekunden sieht man ganz anders aus: der ganze Körper gespannt wie eine Stahlfeder, der Mund weit offen, die Augen groß, die Ohren schlackernd, im Hirn ein Wirbelsturm von Gefühlen. Dann kommt das eiskalte, glühende, rauhe, zarte, federleichte, glaskantenscharfe und wachsweiche Sägeblatt dieser Stimme, und alles wird noch viel schöner, größer, weiter, und auf einmal weiß man wieder, was das ist und wozu das gut ist: Musik. Herrgott noch mal, wie konnte man das nur vergessen? Und dann hat man plötzlich überhaupt keine Lust mehr auf das andere Zeug, das danach klingt wie eine Waschmaschine voller Saccharin und alter Lumpen. Ähem, ja, die Frage: Wie kann das sein?

Siouxsie und Budgie wissen die Antwort. Alle Antworten. Um sie zu erfahren, braucht man lediglich: ein halbdunkles Zimmer, zwei Ohren und das neue Creatures-Album. Man erfährt dann sogar noch viel mehr, über das Leben, die Welt, das Universum und sich selbst. Mehr als man je fragen könnte.

Und dabei sind das nur: Trommeln, Tommeln, Trommeln, ein ganz klein bißchen anderes Zeug (Piano, Marimba, Blech, ein paar Geräusche und etwas namens Yueh Ch'in) und diese, diese eine Stimme.

(Wir fügen noch hinzu, daß man dem ganzen Ungewitter von Schönheit, Lärm und Klarheit auf der beiliegenden DVD beim Entstehen zuschauen kann, was der Sache einen anderen, erdigen und spaßigen Ton beifügt. Und dabei erfährt man dann auch die Antwort auf Zwischenfrage I.)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer