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Frisch gepreßt 91 (Mai 2004):

Michael Rother - Remember (The Great Adventure)

Manchmal steigt aus einem Bild ein Mann; dann muß man sich hinsetzen, den ganzen Schmarrn ab- und aus- und wegschalten und sich erinnern, als gäbe es die Welt schon immer und als würde alles immer so bleiben, wie es schon immer war. Da steht man sich selber gegenüber und schaut sich zu, wie man 1976 oder so auf dem Mofaparkplatz steht und kein Mofa hat und schon ein bißchen neidisch ist und dann aber denkt: Ja mei, dafür muß ich mir nicht die Platte anhören, die der Kerl, der ein Mofa hat, da in seiner Tüte rumträgt und die "Flammende Herzen" heißt. Weil: Platten, die so heißen, also echt.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert komisch: Wenn man 25 Jahre später (oder früher?) eine Platte aus dem Schrank zieht, auf der "Michael Rother" steht und die man schon ungefähr vier Jahre besitzt und sich immer gedacht hat: Irgendwann höre ich mir die mal an! dann steht auf einmal auf der Rückseite auch wieder "Flammende Herzen" drauf; und wenn man die Platte anhört, steht man wieder auf dem Mofaparkplatz an dem Novembervormittag damals oder irgendwann und sieht den Typen mit der Tüte mit "Flammende Herzen" und denkt: Das kenne ich schon. Das habe ich ja immer schon gekannt. Man holt den Plattenkatalog von 1980 aus dem Regal, da steht: "Michael Rother: Flammende Herzen (1976)". Freilich, weiß man ja. Daneben ist ein Kreuz mit Kugelschreiber. Wer hat das wann hingemacht oder wird es hingemacht haben?

Das geht so im Kreis, aus Bildern kommen Leute raus und geben einem die Hand, dann ist man selber in einem Bild, steigt raus, und es dreht sich weiter, und irgendwann weiß man nicht mehr, was wann war und ist oder gewesen sein wird und wer sich da an einen erinnert oder ob man das selber ist.

Dann steigt man in ein Bild hinein und hat wieder eine Platte in der Hand, und wieder steht "Michael Rother" drauf, mit "Remember" diesmal, und während man sie anschaut, hört man die Erinnerung, die sich in Klang verwandelt. In Klang von einer gänzlich entrückten Schönheit und Leere, strahlend hell, zart, nein: durchsichtig, endlos und belanglos. Belanglos? Aber natürlich! Das ganze Leben und alles, was schön ist, ist belanglos. Oder andersherum.

Und dann hört man hinter der gläsernen Frau eine andere, ferne Stimme und schaut, aber der Mann ist schon wieder in ein Bild gestiegen und hinter dem Bild verschwunden, und in der Platte steht nur noch sein Name: Grönemeyer. Da ist man gekränkt, weil man den doch nie im Haus haben wollte, und jetzt ist er irgendwie doch da; andererseits bellt er gar nicht, sondern lächelt traurig hin und wieder fernen Bildern hervor und singt weit weg etwas, was sehr schön klingt. Man versteht es nicht, vielleicht ist es die Sprache der fernen Zukunft. Oder der erste Laut, den ein Mensch vor hunderttausenden Jahren geäußert hat, weil er so allein war. Auch die Worte, die man versteht, versteht man nicht. Vielleicht ist da was hinter dem Bild, was man nicht sieht, weil man selber in dem Bild ist.

Und es ist in dieser Musik so viel drin, was man nicht hört, was irgendwie drin verschwunden ist, was man nur spürt und ahnt und halt eben weiß. (Und dann hat man es ja auch dem Grönemeyer zu verdanken, daß man die Michael-Rother-Platten, auf denen "Neu!" steht, wieder oder überhaupt (wer weiß das (noch)) im Haus hat, weil der die auf seinem Label wieder herausgebracht hat, mit dem seltsamen Effekt, daß sie 2001 neuer klangen als 1975. Weil vielleicht 2001 schon vor 1975 passiert ist, wer weiß. Die Musik, die wir jetzt hören, ist vielleicht aus dem Jahr 51273. Jemand ist aus einem Bild gestiegen und hat sie uns gebracht und mit einem Lächeln gesagt: Achte auf nichts, dann wirst du alles bemerken. Denk an nichts, und du wirst dich an alles erinnern. An das Lächeln hinter dem Bild. An die Sonne, damals, auf dem Wasser. An die Wärme, die Luft und das Nichts. Und an den berauschend schönen, so schmerzhaft schönen Moment nach 2 Minuten 30 Sekunden in "He Said", denn solche Momente verändern das Universum, vom Anfang bis zum Ende.


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