Im Mai 2002 feierte meine ehemalige Grundschule an der St.-Martin-Straße ihren hundertsten Geburtstag. Dazu gab es eine DIN-A-4-Heft-große Broschüre, und da meine Schwester Mitglied im Elternbeirat der Schule war, wurde ich gebeten, für diese Broschüre etwas über meine Schulzeit zu schreiben. Habe ich dann auch getan, am 22. November 2001. Für den Abdruck wurden ein paar Stellen etwas abgemildert. Am 16. Mai fand die Feier statt, an der ich auch teilnehmen durfte, in der im Text gleich zu Anfang erwähnten Turnhalle, und dabei waren außer dem Oberbürgermeister auch zwei Lehrer meiner späteren Schule, die mich jedoch nicht erkannten.
 
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Autobiographisches:
In der Schule

Irgendwann einmal muß fast ein jeder zur Schule gehen,

und so fand auch ich mich an einem zumindest durch den Nebel der Erinnerung recht sonnigen Vormittag im September 1969 in der Turnhalle der St.-Martin-Schule ein, wo jede Menge Kinder mitsamt ihren Eltern auf langen Bänken an den Wänden saßen und den einführenden Worten des Direktors Zimmer lauschten (die ich allerdings, wenn ich sie überhaupt gehört habe, sofort wieder vergaß). Dann erklommen wir breite Treppen, gelangten durch einen düsteren, gebohnerten Gang zum Klassenzimmer, legten Schultüte und Tafel auf den Tisch und beendeten die bis dahin endlos scheinende Zeit des analphabetischen Urwuchses, um zu lernen, wie man liest, schreibt, rechnet, malt, turnt und singt, wie man mit Oberflächenspannung Stecknadeln zum Schwimmen bringt, daß "Elemelemule" ein Wort ist, wie ein Verkehrszeichen aussieht und warum, daß Heinrich der Löwe die Föhringer Brücke niederbrennen und sich selbst in eine Kuhhaut einnähen ließ, wie man ein Fahrrad putzt, einen Topflappen häkelt und daß man keinen Purzelbaum macht, sondern eine Rolle vorwärts.

Wir lernten aber auch, daß Fische während der Osterferien gerne aus dem Aquarium hüpfen und auf dem Fensterbrett vertrocknen, daß viele verknotete Schuhbänder im Garderobenraum sehr lustige Folgen haben, daß man in der Ecke stehen muß, wenn man seinen Füller allzu auffällig als Raumschiff benützt und dabei vom Stuhl oder mit dem Stuhl auf die Grenze des Universums fällt, daß es für die, die nicht nur dumm, sondern auch noch frech sind, eine Eselsbank gibt, daß man froh sein muß, weil außer Frau Burghart niemand mehr einen Stock benützt, daß man Donald-Duck-Hefte notfalls unter die Bank legen darf, aber nicht um sie während des Unterrichts zu lesen, daß man wegen einer Note sitzenbleiben kann (ein Wort, das es heute zum Glück nicht mehr gibt, oder nur noch in Verbindung mit Stühlen) und daß man bei der Feier vor den Ferien besser nicht um die Wette Limo trinkt, weil man sonst in den Gang brechen muß.

Wir lernten dazu noch, daß Berufsschüler nicht zur Schule gehen, sondern aufs Klo, um zu rauchen, daß Polizisten in Turnhallen gehen, um Kasperltheater aufzuführen, daß Lehrerinnen, die heiraten, nicht mehr Müller, sondern Leiffer heißen, daß man sich der Bank eines Scharlachkindes nicht einmal auf einen Meter nähern darf, daß man von einem kleinen Pflaster auf der Brust TBC bekommen kann, daß die Windpocken überhaupt fast jeder bekommt, wenn sie einer erst mal hat; wir lernten, daß auch Schulen einen Hausmeister haben und daß es verboten ist, auf gebohnertem Boden Weitrutschrekorde aufzustellen oder Treppengeländer anders als mit den Händen zu benützen, daß man seine sieben Zwetschgen beieinanderhalten soll, weil man sonst nachmittags beim Hausmeister klingeln muß, daß man den Schulgarten besser gar nicht betritt, wenn Frau Burghart nicht dabei ist. Wir lernten, daß es verschiedene Arten gibt, zu sprechen, von denen eine "schwätzen" heißt und ganz schlimm ist. Wir lernten, daß Buben Fußball und Mädchen Völkerball spielen, daß Buben beim Knabeneingang und Mädchen beim Mädcheneingang auf den Gong warten müssen, daß die im Kindergarten Zurückgebliebenen "Bamsler" sind, daß Kakao besser schmeckt als Milch (zumindest aus Pyramidentüten). Wir lernten einen Mann namens Pamfi kennen, der uns beibrachte, daß man links, rechts und geradeaus schaut, um sicher gut nach Haus zu kommen. Und wir lernten, daß trotzdem manchmal Kinder überfahren werden und daß sie dann im Krankenhaus einen Gips und einen Kassettenrecorder bekamen.

Wir lernten, daß Tintentod giftig und deshalb streng verboten ist, daß man Diktate auch dann nicht selber unterschreiben darf, wenn man eine 6 bekommen hat, daß es auch nicht erlaubt ist, Fehler zu verbessern, wenn erst einmal eine Note dasteht, daß Uhu kein Kaugummi und Pelikanol keine Haarcreme ist, daß man Eiszapfen hängen läßt und sie schon gar nicht anderen auf den Kopf haut, daß man einmal im Leben beichten muß, daß im Keller Duschen und im Speicher alte Bücher sind, daß der Hausmeister einen Hund hat, und wenn wir nach der Schule im Erdgeschoß in den Hort gingen, lernten wir nicht nur, was ein "Erdgeschoß" ist (was manche allerdings schon aus dem Kindergarten wußten), sondern daß man den Rasen eben doch betreten darf, allerdings nur nachmittags und keinesfalls zu dem Zweck, sich im Gebüsch zu verstecken, Judenstrick zu rauchen und mit beim Mittagessen geklauten Messern die Zaunpfähle anzusägen, um zum Mississippi abzuhauen.

Wenn man soviel (und noch einiges mehr, für das jetzt weder Zeit noch Platz ist) gelernt hat, darf man mit Fug und Recht dankbar an seine ersten vier Schuljahre zurückdenken. Trotzdem kann das schwierig sein - weniger die Dankbarkeit als das Zurückdenken, denn wenn die Schule erst einmal losgeht, kommt irgendwann auch das Leben daher und mit ihm soviele Dinge, Leute, Vorgänge und Sachen, daß die paar vier Jahre irgendwann eben doch bloß noch vier Jahre sind, von denen man kaum noch was weiß. Dann wird man auf einmal gebeten, sich zu erinnern, und es fällt einem nur noch ein, in was für einer Schweißpfütze man gesessen ist, als die hübsche Frau Schütz, die einen sowieso nicht besonders mochte, weil man viele der eingangs erwähnten Dinge noch nicht wußte und deshalb falsch machte, kurz vor Schuljahresende von allen Kindern die Lesebücher einsammelte - nur von zweien nicht; eines war man selbst, das andere hieß Marina, und von der wußte man schon lange, daß sie sitzenbleibt, weil sie nicht entwickelt ist. (Da lernten wir auch noch, daß allzuviele Eselsohren und zusätzliche Illustrationen dazu führen, daß man sein Lesebuch behalten darf, auch wenn man es gar nicht mehr braucht.) Vielleicht fällt einem noch ein, daß Frau Färber bei Bedarf so laut schreien konnte, daß man es vom zweiten Stock im hinteren Flügel bis in den dritten Stock im vorderen Flügel hörte; wahrscheinlich auch bis in den Schlierseeblock, wo Frau Färber angeblich wohnte, was sich aber nie jemand nachzuprüfen traute. Man erinnert sich vage an den Schularzt und seine Buchstabentafel, von der man ganz etwas anderes herunterlas, um eine schöne Brille zu kriegen, die man dann aber doch nicht kriegte, weil er es merkte; und dann war man ganz froh, weil die, die schon eine Brille bekamen, auf einmal als "Brillenschlangen" ausgelacht wurden.

Vielleicht ist das auch alles gar nicht so wichtig; wichtig ist vielleicht nur, daß einem im notwendigerweise verklärten Rückblick die Zeit damals sehr lange und sehr ruhig und sehr aufregend und sehr schön vorkommt, vielleicht weil sie das wirklich war, vielleicht auch nur, weil das bei jedem so ist. Und wichtig ist natürlich auch, daß man dortgewesen ist, weil irgendwann eben fast ein jeder mal zur Schule gehen muß, und wenn das schon sein muß und wenn man selber gefragt worden wäre, dann würde man im Nachhinein doch am liebsten noch mal in die Martinsschule gehen.


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