Ich glaube, das meiste, was in diesem Text vorkommt, stimmt. Geschrieben wurde er irgendwann in den Jahren 1996 bis 2002, in sporadischen Episoden, weil ich nie recht wußte, was das ganze eigentlich soll und wo es hinführen könnte. Manchmal war es die Grundlage für einen Roman (dem aber kein rechter "Plot" wachsen wollte), manchmal irgendwas anderes. Richtig überarbeitet worden ist der Text nie, und ob er irgendwann in irgendeiner Form gedruckt erscheint, ist ganz und gar nicht zu sagen. Doch immerhin: ein kleiner Ausschnitt daraus zierte im Frühjahr 2004 die "Wahrheit"-Seite der taz.

INHALT

1 - »CSU« und Fußball

2 - Autos und Aschentonnen

3 - Fernsehen und Väter

4 - Gehorsam und Strafe

5 - Räder und Schrauben

6 - Töpfe und Flaschen

7 - Agenten und Millionen

8 - Kekse und Kassettenrekorder

9 - Freunde und Verbote

10 - Häuser und Hausmeister

11 - Wolken und Jahre

12 - Fenster und Bilder

13 - Zäune und Duschen

14 - Natur und Scheiße

15 - Wackeln und Weggehen

Autobiographisches

Junger Unfug

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
   
 

JUNGER UNFUG

2 - Autos und Aschentonnen

Die lange Reihe mit den Aschentonnen war eine typische Fehlkonstruktion der damaligen Zeit: Um den Mülleimer auszuleeren, mußte man mit beiden Händen an einer schwarzen Kugel rütteln, ehe eine der Türen endlich aufging. Die Aschentonnen selbst standen auf einem verrosteten Blech, das sich mit der Tür herausdrehte. Die Tonnen waren auch verrostet, und die, die man erwischte, war immer voll. Also kippte man den Müll obendrauf und drückte die Tür wieder zu, wodurch im Inneren der ganzen Angelegenheit der Müll auf das Blech und in alle möglichen Ritzen fiel. Deshalb rostete auch alles.

Später wurde es den meisten Leuten zu dumm, alle drei Tage ihren stinkenden Mülleimer auszuwaschen, also gingen sie dazu über, Tüten hineinzuhängen. Die brauchte man nicht mehr auszuleeren, weil Plastiktüten sowieso Müll waren, also stopfte man sie oben drauf, was dazu führte, daß die Tür nicht mehr zuging. Offenbleiben durfte die Tür nur, wenn der Hausmeister nicht in der Nähe war, was selten vorkam. Die meisten Tüten mit Kaffeesatz, verfaulten Apfelbutzen und verschimmeltem Brot landeten zwischen den jeweils zwei Tonnen, wo sie sofort anfingen, neuen Rost und noch Unangenehmeres zu produzieren.

Wenn ich mir heute Bilder von damals ansehe, wirkt unsere ganze Straße irgendwie grau, alt, still und schmutzig. Das ist aber Unsinn, denn schmutzig war außer den Autos wenig, und von denen gab es nicht so viele. Mein Vater hatte noch keinen Führerschein, weshalb ich einen großen Respekt vor dem Inneren eines Auto hatte. Wenn ich mit dem gleichaltrigen Jungen und seinem Vater manchmal an einen See fahren durfte, mußten wir immer die Schuhe ausziehen und in eine Plastiktüte stecken, ehe der Vater erlaubte, daß wir uns auf die Rückbank des Opel setzten.

Obwohl uns beim Fahren nie schlecht wurde, ermahnte er uns vor jeder Reise, beim ersten Anzeichen von Übelkeit sofort Bescheid zu sagen. Die Rückbank war mit einer buntkarierten Decke überworfen; auf der Ablage stand für alle Fälle eine Rolle Klopapier, die einen bunten Hut aufhatte. Daneben gab es noch einen Plastikdackel, der beim Fahren mit dem Kopf nickte wie ein Idiot. Wir saßen mit gedrehten Hälsen in den Polstern, die Arme auf der Rückenlehne, und glotzten auf die Straße, die hinten aus dem Auto wuchs. Nach einiger Zeit fingen wir an, die Kopfbewegungen des Dackels zu imitieren und dazu Geräusche zu erzeugen, die den Bewegungen entsprachen. Dann lachten wir, immer lauter, bis uns die Tränen kamen und der Vater das Autoradio leiser drehte, um »Ruhe, verdammt!« zu bellen.

Der Vater des gleichaltrigen Jungen war ein gewaltiger Mann, der nicht oft zum Lachen aufgelegt war, und wenn er lachte, war meistens nichts lustig, wie das bei lachenden Männern seiner Art so ist. Er sah dem Mann auf dem CSU-Plakat ähnlich, was meine Neigung zu den harschen, bulligen Männern, die durchgriffen, etwas milderte. Am besten gefielen sie mir auf Plakaten, in der Wirklichkeit suchte ich Begegnungen nach Möglichkeit zu vermeiden.

Der Vater des gleichaltrigen Jungen pflegte die meisten Dinge ernstzunehmen, wenn er sie überhaupt bemerkte. Meist sagte er lange Zeit gar nichts; wenn er dann doch etwas sagte, wurde die Stimmung sehr schnell ungemütlich.

Er beobachtete den Jungen und mich, wie wir mit dessen Modelleisenbahn spielten, mit verschränkten Armen und stummem Blick. Und ganz plötzlich rutschte ihm die Hand aus, weil er seinem Sohn schon hundertmal gesagt hatte, daß man an die Dampflok den Kohlenwagen hängt, und dann erst die anderen Wägen. Daraufhin verließ er das Zimmer, und wir hängten den Kohlenwagen ganz hinten an den Zug, weil das lustiger aussah und wir relativ sicher waren, daß der Vater von der Eisenbahn und uns jetzt vorläufig genug hatte.

(Fortsetzung: Teil 3)


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer