Ich glaube, das meiste, was in diesem Text vorkommt, stimmt. Geschrieben wurde er irgendwann in den Jahren 1996 bis 2002, in sporadischen Episoden, weil ich nie recht wußte, was das ganze eigentlich soll und wo es hinführen könnte. Manchmal war es die Grundlage für einen Roman (dem aber kein rechter "Plot" wachsen wollte), manchmal irgendwas anderes. Richtig überarbeitet worden ist der Text nie, und ob er irgendwann in irgendeiner Form gedruckt erscheint, ist ganz und gar nicht zu sagen. Doch immerhin: ein kleiner Ausschnitt daraus zierte im Frühjahr 2004 die "Wahrheit"-Seite der taz.

INHALT

1 - »CSU« und Fußball

2 - Autos und Aschentonnen

3 - Fernsehen und Väter

4 - Gehorsam und Strafe

5 - Räder und Schrauben

6 - Töpfe und Flaschen

7 - Agenten und Millionen

8 - Kekse und Kassettenrekorder

9 - Freunde und Verbote

10 - Häuser und Hausmeister

11 - Wolken und Jahre

12 - Fenster und Bilder

13 - Zäune und Duschen

14 - Natur und Scheiße

15 - Wackeln und Weggehen

Autobiographisches

Junger Unfug

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
   
 

JUNGER UNFUG

6 - Töpfe und Flaschen

Die Kinder in dieser Station erwiesen sich als viel interessanter als die banalen Knochenbrüche im anderen Stockwerk. Sie bekamen riesige Spritzen in den Rücken, hatten Nierenentzündung oder falsches Blut. Ein Junge war zur Untersuchung da, wie er sagte. Ich erblaßte vor Neid angesichts der Tatsache, daß der Junge sich nur zum Untersuchen tagelang in ein Bett legen durfte. Zu allem Überfluß hieß er Theodor Zacharias, was ungemein wichtig klang. Es gab sogar ein Lied darüber, das eine Krankenschwester jeden Morgen sang, mit einem Fußballtor.

Am ersten Tag bekam ich von den anderen Kindern jedoch noch nichts mit. Da war ich nur einsam, wollte meine Eltern dahaben und verzweifelte vor Langeweile. Als meine Eltern dann dagewesen waren, hatte ich Bücher und las so lange Tom Sawyer und Huckleberry Finn, bis ich Kopfweh und Fieber bekam und die Schwestern mir verboten, weiterzulesen.

Ich war in der ganzen Station der einzige, der nicht aufstehen durfte. Mein rechtes Bein war mit dicken Verbänden an eine geknickte Schiene gebunden, obwohl man mir sagte, ich hätte mir nichts gebrochen, sondern nur eine Prellung. Jeden Morgen wechselte die Schwester den Verband, nachdem sie bei den anderen Kindern Fieber gemessen hatte. Dann kam weißes Jod auf die Wunde, die Ärzte sahen sich das Ganze an und gingen zum nächsten Bett. Die Schwester hatte eine besondere Art, den Verband zu binden: das Heldenmuster. Das ging zweimal rechts vor, einmal links vor, einmal rechts zurück und dann umgekehrt. Sie zeigte mir stolz, wie das Muster gemacht wurde, und ich merkte es mir. Als abends die Lichter ausgeschaltet wurden und die Schwestern gingen, stiegen die Kinder aus den Betten und tobten durch die Station. Staunend sahen sie mich plötzlich auch im Gang stehen. Der Junge mit dem falschen Blut zeigte mir seine Freundin, ein dünnes, blasses Mädchen, das im Krankenhaus war, weil es immer in Ohnmacht fiel. Alle trugen Schlafanzüge und Nachthemden und liefen leise kichernd durch die Station, verschwanden in einem Zimmer und kamen lachend wieder raus.

Ich hatte das Bett nicht nur verlassen, um bei den anderen zu sein, sondern vor allem, weil ich ganz dringend aufs Klo mußte. Da ich mein Bett nicht verlassen durfte, hatte man mir eine liegende Flasche und einen Blechtopf ins Nachtkästchen gestellt, aber ich konnte die Flasche nur selten und den Topf gar nicht benützen. Manchmal erklärte ich den Ärzten, ich hätte aus Versehen Tee verschüttet, was sie widerwillig akzeptierten. Aber für den Blechtopf mußte ich eine Lösung finden. Jeden Morgen lief die Schwester von Zimmer zu Zimmer und wollte wissen, ob man groß oder klein gewesen sei, und ich wurde mit der Zeit verdächtig.

Meine Mutter kam und brachte mir getrocknete Zwetschgen. Die hatte es bei uns noch nie gegeben, also mußte etwas dahinterstecken. Und tatsächlich hatte ich in der Nacht danach besonders schwer zu kämpfen, weshalb ich beschloß, mein Wissen über das Heldenmuster zu nutzen.

Es gab zwei Türen, die nicht aus Glas waren, und eine davon war das Klo. Ich fand es etwas seltsam, auch das Klopapier, das nicht auf Rollen, sondern etwas ähnliches wie Tempotaschentücher war. Aber ich war zu froh, daß sich meine Bedrängung löste, um nachzudenken. Als ich wieder im Bett lag und das Heldenmuster erneuert hatte, schlief ich den friedlichsten und schönsten meiner sieben oder acht Krankenhausschläfe. Daß am nächsten Tag durch die ganze Station gebrüllt wurde: Welches Schwein hat die Sauerei in der Hygienezelle angerichtet!, war schrecklich, aber es ging bald vorbei, und ich kam sowieso nicht in Betracht, weil ich nicht aufstehen konnte. Die tägliche Frage nach groß und klein machte mir danach allerdings eher noch mehr Sorgen, weil mich die Schwestern immer seltsamer ansahen.

(Fortsetzung: Teil 7)


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer