Ich glaube, das meiste, was in diesem Text vorkommt, stimmt. Geschrieben wurde er irgendwann in den Jahren 1996 bis 2002, in sporadischen Episoden, weil ich nie recht wußte, was das ganze eigentlich soll und wo es hinführen könnte. Manchmal war es die Grundlage für einen Roman (dem aber kein rechter "Plot" wachsen wollte), manchmal irgendwas anderes. Richtig überarbeitet worden ist der Text nie, und ob er irgendwann in irgendeiner Form gedruckt erscheint, ist ganz und gar nicht zu sagen. Doch immerhin: ein kleiner Ausschnitt daraus zierte im Frühjahr 2004 die "Wahrheit"-Seite der taz.

INHALT

1 - »CSU« und Fußball

2 - Autos und Aschentonnen

3 - Fernsehen und Väter

4 - Gehorsam und Strafe

5 - Räder und Schrauben

6 - Töpfe und Flaschen

7 - Agenten und Millionen

8 - Kekse und Kassettenrekorder

9 - Freunde und Verbote

10 - Häuser und Hausmeister

11 - Wolken und Jahre

12 - Fenster und Bilder

13 - Zäune und Duschen

14 - Natur und Scheiße

15 - Wackeln und Weggehen

Autobiographisches

Junger Unfug

 
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JUNGER UNFUG

7 - Agenten und Millionen

Nach einigen Tagen wurde ich ins Nebenzimmer verlegt. Alle Zimmer lagen in einer Reihe und waren durch Glasscheiben verbunden. Vorher hatte ich das hintere Ende der Station gesehen, vier Zimmer weit bis zu dem Jungen mit dem falschen Blut, jetzt sah ich in die andere Richtung bis zu dem dünnen Mädchen, das immer in Ohnmacht fiel. In meinem Zimmer war jetzt der Junge mit der Nierenentzündung, der älter war als alle anderen und noch viel älter wirkte, weil er nie lachte, nur leise sprach und immer sehr bedenklich aussah. Das liege an seinen Schmerzen, wußte einer, aber mich störte die feinfühlige Murrigkeit des Jungen vor allem nachts, wenn ich mit dem neuen Jungen rechts von mir reden wollte und er immer wieder sagte, wir sollten endlich still sein.

Der neue Junge hatte amerikanische Verwandte und erzählte mir alles mögliche. Ich erfuhr, daß Bonn die Hauptstadt und München Geheimstadt war; ich erfuhr, daß in Moskau der höchste Fernsehturm stand, dreimal so hoch wie unserer. Ich erfuhr von Geheimagenten und Verbrechern und konterte mit meinen angeblichen Englischkenntnissen, die ich hätte, weil meine Familie mit der Königin von England verwandt sei. Er wollte, daß ich ihm etwas auf englisch aufschreibe, und ich schrieb so etwas ähnliches wie den Titel eines Beatlesliedes. Er behauptete, das sei kein Englisch und er werde seine Mutter fragen. Wir sprachen über Städte, in denen er war, und Städte, die ich erfand. Seine Mutter sagte nie etwas, lächelte mich nur an und war sehr freundlich. Was der Junge hatte, erfuhr ich nicht, weil weder er selbst noch die anderen es wußten. Die Schwestern schwiegen, und die Mutter wollte keiner fragen.

Nach einer Woche wurde mein Verband abgenommen und durch einen dünneren ersetzt, der nicht mehr um die Schiene gewickelt wurde. Nun durfte ich aufstehen, aufs Klo gehen, in die hellblau gekachelte Gemeinschaftsdusche, die so groß war wie ein Hallenbad, und ich durfte in den Gemeinschaftsraum, wo die anderen Monopoly spielten. Ich wußte, daß man von diesem Spiel, in dem es nur um Geld ging, verblödete, aber es machte mir großen Spaß, mit Geld umzugehen, auch wenn ich am Schluß Schulden in Millionenhöhe hatte. Zu einer Rückzahlung kam es nicht, weil ich am nächsten Tag aus dem Rollstuhl aufstehen durfte und von meiner Mutter abgeholt wurde.

(Fortsetzung: Teil 8)


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