Ich glaube, das meiste, was in diesem Text vorkommt, stimmt. Geschrieben wurde er irgendwann in den Jahren 1996 bis 2002, in sporadischen Episoden, weil ich nie recht wußte, was das ganze eigentlich soll und wo es hinführen könnte. Manchmal war es die Grundlage für einen Roman (dem aber kein rechter "Plot" wachsen wollte), manchmal irgendwas anderes. Richtig überarbeitet worden ist der Text nie, und ob er irgendwann in irgendeiner Form gedruckt erscheint, ist ganz und gar nicht zu sagen. Doch immerhin: ein kleiner Ausschnitt daraus zierte im Frühjahr 2004 die "Wahrheit"-Seite der taz.

INHALT

1 - »CSU« und Fußball

2 - Autos und Aschentonnen

3 - Fernsehen und Väter

4 - Gehorsam und Strafe

5 - Räder und Schrauben

6 - Töpfe und Flaschen

7 - Agenten und Millionen

8 - Kekse und Kassettenrekorder

9 - Freunde und Verbote

10 - Häuser und Hausmeister

11 - Wolken und Jahre

12 - Fenster und Bilder

13 - Zäune und Duschen

14 - Natur und Scheiße

15 - Wackeln und Weggehen

Autobiographisches

Junger Unfug

 
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JUNGER UNFUG

15 - Wackeln und Weggehen

Mit elf Jahren beschloß ich, es sei nun an der Zeit, wegzugehen. Das hatte auch damit zu tun, daß der Freund meiner Mutter abends immer häufiger in einem Zustand heimkam, von dem er am nächsten Tag, wenn überhaupt, höchstens verschmitzt einräumte, er habe »gewackelt«. Wenn er wackelte, war der Freund meiner Mutter nicht zu ertragen. Er stellte dann jede Frage viermal, und wenn er die Antwort nach dem vierten Mal noch nicht verstanden hatte, stellte er sie nach einer Pause noch mal oder sagte Dinge zu meiner Mutter wie: Sie solle nicht das Spinnen anfangen, das sei ein ganz normaler Schnee; und wenn meine Mutter sagte, im Fernseher hätten sie etwas anderes gesagt als er, dann sagte er notfalls, er sei selbst jahrelang ein Fernseher gewesen, und das war das Ende der Diskussion. Als ich beschloß, wegzugehen, war es kalt und neblig. Ich zog meinen Parka an, steckte mein Tagebuch, einen kleinen grünen Rido-Merker, in die Jackentasche und ging hinunter in den Hof, wo wieder mal niemand war. Dort saß ich eine Zeitlang auf der Bank und überlegte, wie schlimm alles war. Dann ging ich zu einer Fabrik ein paar Häuser weiter, suchte in den Aschentonnen nach einer großen Kiste, trug sie in einem Garageneingang die Treppe hinunter und setzte mich hinein. Mein erster Tag allein, dachte ich, aber da ging hinter mir die Tür auf, zwei Männer kamen aus der Garage und sagten, was ich hier verloren habe, und ich solle machen, daß ich weiterkomme. Also ging ich wieder nach Hause und hoffte, der Freund meiner Mutter würde an diesem Abend nicht wackeln.

--- Ende des ersten Teils ---

 

 


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