Diese Geschichte entstand aufgrund alter Tagebuchaufzeichnungen am 11. Juni 2000 als Beitrag für die "Mein Sommer"-Sonderausgabe des "Kunstpark-Magazins" (wo sie dann auch gedruckt wurde). Und wenn ich mich recht erinnere, ist alles so passiert, wie es hier passiert, mit der kleinen Einschränkung im Text und der weiteren kleinen Einschränkung, daß nichts je so passiert, wie man es erzählt. Meine jahrelange Suche nach einer Platte von Rembremerdeng war übrigens inzwischen (dank dieser Seite) erfolgreich, und zwar erfolgreicher als je erwartet ... (Merci, Michael!)

 
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Autobiographisches:
Mein Sommerkonzert (Juli 1976)

MEIN SOMMERKONZERT (JULI 1976)

Was ist ein Sommer? "There was something in the air ..." - hat im Mai angefangen, dreißig Grad, Geschichtsstunde über den Vietnamkrieg, der gerade ein Jahr her ist; nachmittags Firmunterricht; "Yellow Submarine" im Fernsehen, zum ersten Mal, die Viking-Jugend in "Monitor", alles spielt jetzt eine Rolle, Diskussionen über Atomkraftwerke, fremde Planeten, rätselhafte Mädchen und die Fußball-EM - ganz Giesing hallt nachts von den entsetzten Schreien, als Hoeneß seinen Elfmeter verschießt; nach den Pfingstferien hitzefrei bis Ende Juli, jeden Tag. Neunundneunzig Pfennig für einen Liter Eis im verlassenen Schulhof, Vanille-Erdbeer-Schokolade, die erste Cola-Dose. Auch das erste Bier, irgendwann dazwischen, ein weißes; der leichte Schwindel anschließend beim Fußballspielen, wie schwebend, ein Torreigen; lachen bis die Sonne untergeht, dann ist fast Mitternacht, plötzlich Stille zum Flüstern und die Haare längst wieder trocken, paar Pfützen noch um den Wasserhahn im Pfarr-Garten, mit gelben Rändern vom Blütenstaub; oder ist das Wüstensand, wie die Bildzeitung mit rotem Kopf meldet? und das ganze Haus stöhnt vor Hitze, die Wohnungstüren offen, Durchzug, der Wellensittich fragt verwirrt, was ist los? - wieder zweiunddreißig Grad, es hört nicht auf.

Mitte Juli wird Regen gemeldet, im Radio, Hagel in Schwaben; die Kinder alle auf der Straße, im Hof, in der gelben Strohwiese, warten; da kommt eine Wolke über die Dächer, es geht los - fünf Minuten Tröpfeln, drei Windstöße, ein Donner - das war's; zur Tagesschau alles wieder trocken und vergessen beinahe; wetten: morgen hitzefrei oder nicht um einen Milchshake. Wetterleuchten bis zum Einschlafen; die Ferien nähern sich unendlich langsam, ein letztes Auslaufen nach Schulsportfest, Bundesjugendspielen, sinnlosem Rumhängen neben einer Weitsprunggrube; der Fußball liegt zu Hause, vergessen; zu heiß zum Holen, zu blöd; Schulausflug ins Isartal, das zweite Bier, ein helles, MAD, KAPUTT und Science-Fiction-Heftchen im Michaeli- und Schyrenbad, giftgrünes Wassereis zwischen den Fingern beim Heimradeln, das letzte Drittel vom Dolomiti weggeschmolzen; Flaschendrehen in der Heuwiese, und ewig, ewig Sonne ohne Zeit.

Einer erzählt: im Olympiapark spielen Bands, umsonst - die echten, großen; andere gibt es eh nicht, nur die ganz großen, Yes, Genesis, Pink Floyd, Zeppelin vielleicht noch, Emerson, Lake & Palmer nicht mehr so. U-Bahn am Marienplatz kurz vor halb zwei: voll bis zur Türkante, ein Meer von Jeans und Haaren, Wahnsinn, hey! Olympiazentrum, raus; die Schlange robbt dahin, Brücke, Schwimmbad, die Kante, ein Blick nach unten: wow! Massen! Wolken von Haschisch, entspannter Fusion-Sound aus der schwarzen P.A.; keine Bühne, nur ein Steinrund am Wasser, in der Mitte geteilt von ein paar Gitterständern; hinten die Coolen, rauchen, halten Gitarren, Soundcheck bumm - bumm - bumm zehn Minuten, jetzt die Snare; ein Frisbee in die Menge, wir alle; einer ist besoffen, mit Lederhut und Sonnenbrille, alle lieben ihn.

Die erste Band heißt Rembremerdeng, wie die Typen bei Karl Valentin, "wir sind Rembremerdeng, servus, sind gerade von unserer Isartaltournee zurück, okay" - wir wollen was sehen da oben in der Mitte, wer vorne steht, soll sich setzen; außer zwei Mädchen in Indienhemden, barfuß auf dem Betonstein, die flippen aus, mit Schlangenarmen. Ein klebriger Haufen Melonenkerne am Stein, Rembremerdeng singen von lästigen Fliegen, kalten Fingern, Schwammerln, ein Abiturientenstück ("so gut wie das Abitur unseres Gitarristen"); von Läusen ("Läuse auf dem Kopf - armer Tropf - Glatze geschnitten, keine Läuse mehr - trotzdem armer Tropf", Schmunzeln, Blödsinn, aber gut). Der Bassist will kein Solo spielen, obwohl man das so macht; der Schlagzeuger springt ein, man hört zu, bis es zu lang wird, erwähnt Ten Years After; Wurstsemmeln für eine Mark, das ist Wucher; jemand mit besonders langen Haaren und lila Batikspirale kämpft sich mit einem zusammengenagelten Bauchladen durch die Ränge, verkauft das 76. Blatt - "die Stadtzeitung für München", ein anderer Blätter mit den Texten der Band, über Thusnelda Tausendschön, Kniebeugen, Brotzeit und das Aufstehen um sechs Uhr; die kann man sich sowieso merken, besonders den Bus-Blues ("I fahr mit'm Bus, ned weil i mag, sondern weil i muß" - und das Ende: "I fahr mit'm Kinderwagen, weil dann muß i 's Kind ned tragen"). Rembremerdeng sind fertig, werden beklatscht, und der Entschluß steht fest: selbst eine Band gründen, sofort, noch am selben Abend.

Umbaupause, wieder Fusion; nebenan ein Zungenkuß, Rauch, Wind; der Kopf wird leer, füllt sich mit altem, ein Bild von der blonden Susi, ein Becken im Maria-Einsiedel - letztes Jahr? vorletztes? Hier ist doch das erste. Es spielen Fargo aus Hannover, Musik für Fliegerjacken und Löwenkopfgürtel, der Höhepunkt ist "Jumping Jack Flash", sonst nicht viel; nun sitzt keiner mehr, trotz Protest. Franz K. zum Schluß, die Sonne hinter dem Stadion; irgendein technisches Problem, interessiert keinen; die Band kennt man seit Jahren, sogar aus POP, weil Franz K. eine eigene Plattenfirma haben, Vorbilder sind für alle deutschen Bands, unkommerziell; sie wirken steif, ein bißchen alt, singen Zeug wie "Der Tiger" und "Au weia Mensch Meier", trotzdem gut, alles ist gut; das schlechte ist das andere. Aufbruch, mit lustig wirrem Kopf in der U-Bahn, totlachen über die Anweisungen zum Verhalten bei Feuer ("Nicht auf die Stromabnehmer treten"), abends wird die Band gegründet; die Aufnahme gibt es noch, zu hören ist fast nichts mehr, das wenige erinnert an Rembremerdeng, wenn man es weiß. Was ist eigentlich aus Rembremerdeng geworden? Die Wege trennen sich, es werden immer mehr. Das Steinrund, liest die Oma aus der Zeitung vor, heißt Theatron, da wird man hingehen, bis zum Ende der Ferien und darüber hinaus, jeden Sonntag, Namen wie Ramses, Breakfast, Harlis, Cry Freedom, Guru Guru werden dann auf dem Federmäppchen stehen, und Monika, statt Susi.

Ob das alles so war? Ich weiß es nicht; ich bin dreizehn. "Though we never thought that we could lose ..." Dann kommt der Regen und trennt alles in zwei Hälften, vorher - nachher, plötzlich wieder Tage, dunkle, Hagelschauer und Überschwemmungen; danach sind alle wie versehrt, keiner traut dem Sommer mehr. Ende September Tangerine Dream im Circus Krone - der Friede ist vorbei; Herbst, nichts paßt mehr, und vier Wochen später erzählt einer von den Sex Pistols, das neue große Geheimnis, macht noch ein paar Umwege. Es geht weiter. Woanders.


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