Die Idee zu diesem Text entstand während der 5-Jahres-Feier des Münchner Literaturhauses am Abend des 7. Juni 2002 gemeinsam mit Franz Kotteder. Geschrieben am 10. und 11. Juni 2002; aufgrund eines Unvereinbarkeits-beschlusses der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (keine Veröffentlichung in Konkurrenzmedien) erschien die Geschichte dann umgearbeitet und gekürzt und nicht unter meinem Namen. Das Original druckte einige Zeit später die in jeder Hinsicht empfehlenswerte Fußballzeitschrift DER TÖDLICHE PASS.

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Minimode und zugebundene Hosen

Was Fußball ist und wie und warum - die längst fällige Wiederentdeckung eines Meilensteins der Münchner Literatur

Wenn eine deutsche Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft ausscheidet, ist der Jammer groß, denn eine Weltmeisterschaft ist für die Ewigkeit, und der Deutsche ist immer für die Ewigkeit; aber wer ausscheidet, dem ist die Ewigkeit verwehrt - es sei denn, er wird literarisch tätig, denn auch die Literatur ist für die Ewigkeit. Es sei denn, sie ist vergriffen. Das ist sie schnell, zumal in Deutschland, wo die Offsetmaschinen heißlaufen mit amerikanischem Krimikram und zumal in München, wo es eine Münchner Literatur und einen Münchner Verlag seit langem nicht mehr gibt und das eine im anderen sowieso nicht.

Deshalb lernt der Deutsche nichts, auch nicht dazu. Deshalb muß er immer wieder ausscheiden und vergißt es danach gleich wieder - oder kann sich noch jemand erinnern, was 1998, 1994, gar 1986 wirklich passiert ist? Wird in zehn Jahren noch jemand wissen, was gemeint ist, wenn wir fragen, warum um alles in der Welt Rudi Völler auf die Mitnahme von Bierofka und Martin Max verzichtete und wer bitteschön Carsten Jancker gewesen sein soll? Was bleibet, stiften die Dichter - die aber sitzen, wenn es um Fußball geht, in Deutschland am liebsten vor dem Fernsehkasten und schütten sich mit Riesling zu, und überhaupt sind sie meistens gar keine Dichter, sondern sondern soziolögelnden Humbug ab, für dessen Lektüre bzw. ihre Vermeidung Seminare gegeben werden. Ror Wolf und Jürgen Roth ragen als leuchtende Türme im schallenden Nichts, doch ihre Werke hielten und halten in die Haushalte der Hauptbetroffenen und Meistinteressierten nur als Makulatur unter der Tapete Einzug.

Weil aber nun einmal, wie jeder Erstsemesterhistoriker lernt, Historie nur dann als Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart überliefert und bewältigt werden kann, wenn wir mit den Gedanken derer, die sie schreiben, in Fühlung kommen bzw. wenn sie überhaupt schreiben bzw. überhaupt einen Gedanken haben, gibt es einen deutschen Fußball seit 1980 nicht mehr. Danach wurden in Deutschland die Ärmel hochgekrempelt; man spuckte in die Hände, und von nun an sollte es radikal und ausschließlich um Leistung und Zukunft gehen. Leistung hieß auf dem Fußballfeld: rennen, rennen, rennen; unter diesem Leitgedanken spezialisierten sich Spieler wie Hrubesch und Briegel darauf, lebende Menschen nicht als solche zu erfahren, sondern einfach durch sie hindurchzumarschieren, und ebenso erging es der Gegenwart und ihrer Überlieferung. Der Ameisenhaufen wurde zum Sinnbild einer manisch produzierenden und konsumierenden Gesellschaft, die im Vorbeirauschen die Freude zum "Fun" umfunktionierte und daraus einen "Wirtschaftsfaktor" machte. Literarische Zeugnisse sind aus Ameisenhaufen bislang nicht bekanntgeworden; höchstens kichert man müde und autistisch über immer wieder dieselben halbwitzigen Zitate aus Fußballermündern auf tausenden von Internetseiten, deren literarischer Horizont nicht ausreicht, zu bemerken, daß der Andi-Brehme-Spruch "Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank" völlig korrekt ist.

Das war einmal anders. Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft 1970 in Mexiko ist literarisch belegt durch die Aufzeichnungen von Josef Dieter "Sepp" Maier, der nicht nur das Spiel selbst 1980 in seiner Autobiographie "Ich bin doch kein Tor" verewigte ("Verlängerung in Mexiko. Bei 50 Grad Hitze auf dem Rasen. Mensch, Mensch, Mensch!"), sondern in dem frühen Meisterwerk "Mexiko aus erster Hand" 1970 schrieb: "Die Sonne stach vom wolkenlosen Himmel. In den Slums spielten verwahrloste, halbnackte Kinder. Abgemagerte Hunde liefen herum. Eine Katze ging auf Rattenfang. Hühner suchten Futter im Unrat. Ein junges, zerlumptes Mädchen, hochschwanger, trug einen Eimer Wasser in eine Hütte. Von einer Anhöhe, inmitten eines Quadratkilometers von Hunger und Elend, läuteten Glocken. Es war 12 Uhr, genau die Zeit für die Mexikaner zum Beten. Hier an diesem Ort, an einer der autoschnellsten Straßen des Landes, dem Perferico", hatten sich die Hoffnungslosen in das Lavagestein eingegraben. Daß von einigen der Anwesen Fernsehantennen emporragten, macht die Armut nur relativ. Es gibt kein Licht, kein Gas, keine Kanalisation, und die wenigen Wasserhähne, deren Leitungen sich in der Kraterlandschaft wie Miniatur-Pipelines ausnahmen, wirkten in dieser Landschaft der Unmenschlichkeit wie Oasen. Wir als Fremde dieses Landes, die die Bewohner dieser Slums mit drohenden Blicken verfolgt haben, konnten diese schreckliche Atmosphäre einfach nicht vertragen. Wir Spieler und sicher auch alle Schlachtenbummler hasteten zum nahen Bus oder Auto und versuchten die Gedanken zu verdrängen."

Andere Zeiten, andere Wesentlichkeiten, zweifellos. Auch der Wahlmünchner Petar Radenkovic, der seine Erinnerungen schon 1965 unter dem Titel "Bin i Radi ..." veröffentlichte, zeigte ein Auge für Details jenseits von Taktik, Statistik und Siegprämie, als er seine Ankunft am Münchner Hauptbahnhof und die anschließende Suche nach einer billigen Unterkunft beschrieb: "Es ist eine preiswerte Pension namens ‚Daheim'. Das erste Wort, das ich in meinem aus Belgrad mitgebrachten Wörterbuch nachsehe und lerne, ist das Wort ‚daheim'."

Nicht aufgrund solch anrührender Unmittelbarkeiten jedoch ist Sepp Maiers Buch "Ich bin doch kein Tor" von 1980 nicht nur das letzte lesenswerte Fußballbuch, sondern auch das letzte Erzeugnis dessen, was man im Rückblick als "Münchner Literatur" bezeichnen könnte (obwohl die Zeiten, da diese in Münchner Verlagen erscheinen konnte, auch damals schon vorbei waren). Sondern wegen der dichterischen Annäherung an das Nichtsagbare, die Maier mit vollem Risiko unternahm: "Der Luffe war ein feiner Kerl, ein echter Freund und ein hervorragender Torwart. Zum Spiel um den dritten Platz schickte Helmut Schön ihn zwischen die Pfosten. Ein paar Tage zuvor hatte es ihn jedoch erwischt: Montezumas Rache. Was man da durchzustehen hat, ist nicht zu beschreiben." Eben doch: "Daß man mit zugebundenen Hosen nicht spielen kann, brauche ich wohl niemandem zu erklären."

Maiers mutigem literarischen Schaffen in bester Thoma- und Sigi-Sommer-Tradition verdanken wir kickpsychologische Einblicke etwa in die Persönlichkeitsstruktur von Willi Schulz ("Daß er mich zum Rücktritt aufforderte, war mir wurscht, als er mich aber nach meinem Unfall irgendwo in Frankfurt einmal scheißfreundlich begrüßte, da ist mir doch der Kragen geplatzt. ‚Geh mir aus dem Weg, du Arsch ...'"), Paul Breitner ("lief regelrecht Slalom, um bloß kein Fettnäpfchen, in das er treten konnte, auszulassen (...) Ein Sieg, dann muß ein Flascherl her."), Uli Hoeneß ("Als hätte er geahnt, daß ihm nicht viel Zeit bleiben würde, sich einen großen Namen zu machen, nutzte er die paar fetten Jahre, knüpfte eine Unmenge Kontakte zu Industrie wie Politik, und zwar so geschickt, daß er mit den Leuten ins Gespräch kam, die nicht bloß den Titel trugen, sondern wirklich am Hebel saßen") und Franz Beckenbauer. In Sachen Anekdoterie stellt der gelernte Maschinenschlosser selbst den einschlägig berühmten Henscheid in den Schatten, wenn er etwa vom verbotenen Diskothekenbesuch vor einem Spiel in Kulmbach erzählt: "Nach einer Stunde kam der Alarmschrei: ‚Achtung, Deckung!' Ich nahm das wörtlich, tauchte hinter die Bar, legte mich auf den Boden, während Lattek am Tresen Platz nahm. Stundenlang hätte ich's da ausgehalten - damals war noch die Minimode ‚in'. Und als mir ein paar äußerst wohlgeformte Schenkel in Reichweite kamen, kribbelte es bei mir plötzlich in den Fingerspitzen. ‚Diiiieh!' Atemlose Stille. Dann hörte ich Lattek laut und vernehmlich: ‚Diesem Quietscher will ich noch nicht nachgehen. ich schaue jetzt zur Decke und zähle bis 25 000. Wenn sich dann das Quietschen wiederholt oder ich irgendein bekanntes Gesicht bemerke - dann könnte ich allerdings sauer werden.'" Es geht gut aus, man "flachst" bis tief in die Nacht, und tief ist endlich auch der Sturz von "Bulle" Roth in eine Baugrube auf dem Heimweg ("Gott sei Dank war ihm nichts passiert") - alles aufbewahrt zwischen Buchdeckeln, "von den Anfängen in Haar" (dem Ort!) bis zu jenem Unfall, der Maiers sportliche Karriere beendete.

Politischer Kommentar ("Überall Polizei. (...) Furchtbar.") und kapitalismuskritische Analyse ("Im Mittelpunkt steht der Erfolg, und der läßt sich deutlich in Zahlen ausdrücken, die in der rechten oberen Ecke eines Schecks stehen.") kommen in Maiers heimat- und weltgeschichtlichem Schaffen ebensowenig zu kurz wie sporthistorische Wertung (über den DDR-Fußball: "Wir waren unter die Holzfäller geraten."), Mentalitätskunde ("Die Armenier sind ein ganz anderer Menschenschlag als die Russen aus Moskau oder Kiew. Ein Unterschied wie Bayern und Preußen. Damit will ich sagen, sie sind ausgesprochen freundliche, gesellige Leute."), Stream of Consciousness, Wortwitz ("Morgens um sieben ist die Welt noch in Dortmund") und hochphilosophische Meditationen, etwa anläßlich des WM-Finales 1974: "Die letzten zehn Minuten wollten überhaupt nicht vergehen. Vor einer Ewigkeit waren es schon zehn Minuten. (...) Dann sah es doch aus, als wären es nur noch neun Minuten. (...) Aber die neun Minuten wurden dann doch wieder zu neun Ewigkeiten." Wundern wir uns, daß wir auf einer französischen Internetseite zum Thema "Métaphysique" neben Schopenhauer, Kant, Borges und Oscar Wilde auch ein Zitat von Sepp Maier finden?

Maiers sprachliches Lokalkolorit ("Jetzt sind wir im 73er Jahr") steht der Schärfe seiner Analyse nicht im Wege, wenn es um die Voraussetzungen des Erfolgs geht: "Die halbe Nacht" (nach dem verlorenen Vorrundenspiel gegen die DDR 1974) "ist der Sekt geflossen. (...) Gegen ein Uhr nachts kam der Schön dazu, der hat uns beinahe nimmer gesehen vor lauter Qualm. ‚Das hilft euch auch nicht weiter', hat er getobt (...)." Von seiner Gewandtheit im Umgang mit Metapher und Allegorie wollen wir gar nicht reden, auch nicht von einer knackigen Kürze der Sätze und einer Welthaltigkeit, für die mancher Popliterat seinen Kaschmirpulli gäbe.

Einen Geist braucht eine Manschaft, die nicht oder wenigstens erinnerlich tragisch und ehrenvoll ausscheiden will; und zumindest der literarische Fußballgeist war, als es einen solchen noch gab, in München zu Hause. Und heute? Was sollen wir erwarten? "Der Kopf ist rund, damit der Ball die Richtung ändern kann" von Oliver Bierhoff? "Die Fantome des Frisurträgers" von Günther Netzer (der mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, allerdings wohl eher für das Bauchgrimmen, das er Gernmögern der deutschen Sprache mit seinen wirren Sentenzen verursacht)? Der Fußball des Jahres 2002 ist kein Teil von kollektiver Identität und Historie mehr, sondern ein Produkt der Show-Industrie. Die lebt, wir wissen es, von Vortäuschungen, und so ist der deutsche Fußball seit langem bloß noch eine Vortäuschung: Zusammengeträumte Erinnerungen, zwecks Einschaltquotensteigerung vorab verkündete Sternstunden, nachträglich rosa gefärbte Nichtereignisse, ein Spektakel, das nicht mehr nur am Rand der Realität herumkarnevaliert, nicht mehr nur die Realität ersetzt, sondern durch seine leere Daueranwesenheit dafür gesorgt hat, daß heute niemand mehr weiß, was das überhaupt ist: Realität. Sepp Maier wußte das noch, denn er hat sie gesehen und aufgeschrieben, für die Ewigkeit. An ihn, nicht an Jancker, Linke oder Ramelow, werden wir denken, wenn uns unsere Enkel dereinst fragen, ob denn schon mal eine deutsche Nationalmannschaft bei einer WM ausgeschieden ist und was das mit uns zu tun hat.


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