Was diese Geschichte soll, ist und darstellt, ist schwer zu sagen, zumindest anders als sie es selbst sagt. Sie entstand im Laufe der Jahre 1994 bis 1997(zum Teil unter Verwendung älterer Notizen) und erschien (ohne Absprache in gekürzter Version) in dem Buch "Clubheads" von Christof Leistl (Belleville Verlag).

 

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MOVE
eine Sammlung

Ich will nicht unterbrochen werden, also schreibe ich.
(Reinhard Lettau, Flucht vor Gästen)

Schriftsteller: Ingenieur des Herzens.
(Josef Stalin)

Ich war noch nie auf einer Demonstration. Ich bin selber eine.
(Friedrich Dürrenmatt)

Wir meinen zunächst, daß die Welt verändert werden muß.
(Guy Debord, Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz)

I see liberals / I am just a fashion accessory / People / send postcards / And they all hope I'm feeling well.
(Manic Street Preachers, La Tristessa Durera)

I can't hear you 'cause your mouth's full of shit / Do something about it / I wouldn't piss on you / if you were on fire.
(Chumbawamba, Mouthful Of Shit)

Man tut manches auf dem Todbette und sogar ins Todbett, das man vorher als vernünftiger Mensch nicht getan haben würde. Man fängt den alten Kinderglauben wieder an, so wie man das Scheißen ins Bett wieder anfängt, man weiß alsdann nicht mehr was weggeht.
(Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch Heft J 117)

Revol. Revol. Lebensraum. Kulturkampf. Raus. Raus. Fila Fila! (So damn easy to cave in - man kills everything)
(Manic Street Preachers, Revol (Faster))

Leben, subst. neutr. Eine geistige Würztunke, die den Körper vor Verfall bewahrt. Wir leben in der täglichen Furcht, es zu verlieren; haben wir es verloren, so wird es nicht vermißt. Die Frage "Ist das Leben lebenswert?" ist viel diskutiert worden, insbesondere von jenen, die sie verneinen und von denen viele ihre Ansichten mit großer Ausführlichkeit schriftlich verteidigt haben; indem sie die Gesundheitsregeln sorgfältig befolgten, haben sie viele Jahre hindurch den Ruhm einer erfolgreichen Kontroverse genossen.
(Ambrose Bierce, Das Wörterbuch des Teufels)

Sammeln: Aufgewacht bin ich einfach so. Und gedacht hab ich dabei.
Ach was, gedacht, gedacht hatte ich schon lange nicht. Was man hätte denken nennen können, fühlte sich an, als hätte jemand seine letzten fünfundzwanzig Frühstücksrühreier in meinem Kopf zubereitet und dabei die Hagelschnüre vergessen, und die schlugen jetzt, während sich der Mixer immer noch drehte, frambl frambl frambl an die Innenseite meiner Schädeldecke.
Also hab ich die Sonne angesehen, die wie immer ihr Lachen hinter viel viel Licht versteckte, und versucht, mich zu erinnern, was gestern wieder so los war. Sowieso immer dasselbe, aber die Details entscheiden über die Zukunft.
Da waren Gesichter, und da war meines. Schimpfend, stolpernd, fluchend, knieend, wieder hochgerappelt, dann mußte einer kotzen, wer war das bloß. Dabei immer lachend, mit diesem Glaslächeln, das man vorsichtig in die Breite zieht, damit es nicht splittert vor ihren Augen. Und damit ist nichts über sie gesagt.

Der Tag: Nachdem die Armeen schreiender Realitätserzeuger uns ein paar Stunden lang ihre Betroffenheitsmasken entgegengeäthert haben, diese Allgegenwart gleichgeschalteter Empörung und Besserinformiertheit, die sie uns dann überstreifen wie eine Uniform aus undurchsichtigem, kaltem Plastik, nachdem sie mahnend betont haben, daß ein Teil von uns so ist, daß sich der andere Teil schon gleich ganz furchtbar schämen muß, ist ihnen nun was besseres eingefallen: Der türkische Familienvater war's nämlich selbst, der seine Familie angezündet hat, Frau und zwei Kinder. Der türkische Familienvater, den man noch gestern als Einheitsbild sehen konnte, wie er "schwer erschüttert" irgendeiner Funktionseinheit die Hand schüttelt und sich kondolieren läßt.
Dazu gehören immer wieder die gleichen Wörter: offenbar zum Beispiel. Und dringender Tatverdacht. Der fängt in dem Moment zu dringen an, wo eine Sache in die falsche Richtung stinkt, das wissen wir und empören uns ebenso pawlowsch wie die anderen, die nun wieder die Büchse recken und das Unterhemd spannen und speichelnd in die Küche brüllen Wir waren's gar nicht, das war er selber, die Sau!

Und am Bahnhof gefressen/Fast Food: Das Geheimnis ist nicht etwa, aus Scheiße Geld zu machen, sondern aus Tieren und Lebensmitteln Scheiße zu machen und daraus Geld. Seltsam bunte Konstruktionen aus runden Dingern, die fürchterlich deprimierend aussehen und riechen. Rinder zu graubraunen Scheiben verarbeitet. Man muß sehr schnell reinmampfen, weil wenn man das Zeug 5 Minuten anschaut, möchte man sich aufhängen. Die Verdauung ihrem Ursprung, ihrer Substanz, ihrer Idee vollständig entfremdeter Produkte wird zum Paradigma nicht nur der Enthebung aus Zusammenhängen, die dem Menschen Ohnmacht vermitteln, weil sie ihn überdauern, durchdringen und notfalls töten. Diese Zusammenhänge werden durch neue ersetzt, deren Kreislaufbewegung dort beginnt, wo sie endet: im neuen Zentrum, dem Menschen selbst. So wird die Technoernährung vor allem zum Paradigma des Konzepts Produkt, das sich in allen Lebensäußerungen wiederfindet: Nicht nur die Mittel und Räume tragen den Charakter der Maschine, die Produkt und Industrie gleichzeitig ist, indem sie Verdauliches abgibt, zugleich Substanz ansaugt, sammelt und, dem Konsumenten unzugänglich, in den puren Wert verwandelt. Der Konsumierende selbst wird zum Produkt, das seinen Charakter der Konsumierbarkeit weitergibt wie genetische Information. Er ähnelt jenen Viren, die auf das auslösendes Ausschütten eines einzelnen mit einer katastrophenhaft sich steigernden Kollektivausschüttung reagieren, die einem dreidimensionalen Dominoeffekt ähnelt. Es scheint eine Art Schwerkraft zu geben, die den Menschen dahin zieht. Unter dem archaisch-diskreditierten Begriff Kultur ließe sich dann ein kompliziertes und fragiles Anstrengungssystem verstehen, daß diesen Dominoeffekt zeitweise verhindert. Oder etwas anderes.

Bewegung: aus Angst vor Stillstand. Vorwärts. Nirgendwohin.

Der Tag: Indem sich das moderne Leben spiralförmig in immer schneller Umdrehungen dem Nullpunkt zudreht, wird es immer schwieriger, auf den vorbeiziehenden früheren Windungen der Spirale etwas zu erkennen. Eine Jourrnalistin trifft ihren Vater wieder und stellt fest, daß sie ihn nie gekannt hat: Sensibel, liebevoll, zärtlich, so hatte sie ihn in Erinnerung. Als der Vater im Krieg war, fragte die Tochter die Mutter, was ein Konzentrationslager sei. Da kämen Leute hin, die widerborstig sind, die politisch geschult werden müssen, habe sie geantwortet. Im Krieg ist der Vater gestorben: gefallen, ein sondersprachlicher Euphemismus, an dem die militärische Denkschule bis heute festhält. Wem ein Stahlprojektil das Gehirn zerfetzt, der stirbt nicht, wird nicht getötet, ermordet schon gar nicht, so er denn in Zusammenhang mit einer militärischen Operation sein Leben verliert. Er fällt. Gar noch für etwas, wovon noch nie jemand schlüssig erklären konnte, was es denn von einem Tod habe. Als die Journalistin ihren gefallenen Vater nach über fünfzig Jahren wiedersieht, findet die Begegnung auf einer Photographie statt. Das Bild zeigt einen Mann in Uniform, der mit geschulten Handgriffen einen Strick am Hals einer Frau in Zivilkleidung befestigt. Minuten nach dem gefrorenen Moment ist die Frau tot. Ein zweiter Mann, nur Handbreiten entfernt, beachtet die Szene nicht, weil er ihren Ablauf kennt. Das Profil des Offiziers vorne rechts sieht ihrem Vater ähnlich.

Der Irrwitz der Geschichte äußert sich darin, daß sie stets die Dinge erzeugt, vor denen ihre Interpretatoren am lautstärksten warnen. Was gezeigt wird, erhält dadurch Existenz und Substanz: durch den Vorgang des Zeigens/Zeugens. Und birgt den Keim neuer Aberrationen. Zum Irrwitz der Geschichte (zum Beispiel der Literatur) zähle ich (zum Beispiel), daß Ray Bradbury 1953 einen Teil der Erstauflage von "Fahrenheit 451" in Asbest binden ließ.

Provokation: immer Ausdruck von Hilflosigkeit, Unfähigkeit, etwas weiterzugeben/auszudrücken, von dem daher verlangt wird, daß der Provozierte es sich selbst erklärt.

Der Tag: Was ist aus dem türkischen Familienvater geworden? Er steht irgendwo vor einem Spiegel und sieht sich selbst an, versucht sich zu sehen, wie er war, bevor er in Millionen kleine Informations- und Meinungspartikel explodiert ist. Bevor er aufhörte, privat zu sein. Schau mich an, sagt er zu sich selbst. Zu dem anderen da. Tausend Bilder. Wer träumt nicht davon, wie auch immer, so oder anders?

Die Idee des "Vortänzers", der, der Masse enthoben, auf den monumentalen Lautsprecherboxen dieselben Bewegungen vorzumachen scheint und in Wirklichkeit nur mitmacht, ist ein Ausdruck des Traums, sich in Bilder zu verwandeln, körperlose Signale, die in den durch die Geschwindigkeit unerreichbar entfernten anderen Reaktionen auslösen. Die anderen als Spiegelbilder: Der eigenen Schwere entledigt, erlebt man sich nicht nur entgrenzt, sondern auch in gleichförmiger Vervielfältigung, die sich ohne zeitliche Verzögerung dominoartig fortpflanzt, weil hindernde oder verändernde Merkmale bewußt ausgeschlossen bleiben. Der Mensch wird nicht zur Masse gemacht, er trägt alle Anlagen der Vermassung in sich selbst, gezügelt und geformt von individuellen Schaltstellen, die in dem Moment automatisch überbrückt werden, wo er sie als hinderlich für die Verwandlung in Massenmaterial erlebt.

Beim Gehen spüre ich die Substanz der Steine durch die Sohle meiner Schuhe, folge mit dem Blick den Linien und Dimensionen ihrer Ordnung. Deutliche Veränderungen: der Kopfstein äußert seine Individualität nicht nur in einer scheinbaren Körperlichkeit, die erst in ausreichender Veränderung zur Masse zu verschmelzen beginnt/scheint. Dagegen ist das Pflaster bis ins kleinste Detail Abbild kalter Disziplin im Großen, die sich scheinbar endlos erweitern läßt. Das Geräusch der Bewegung das Reifen erzeugen, wenn sie über beide rollen, paßt dazu: Individueller Lärm gegen monotone Entgrenzung.

Union Move '97: Aus hundert Metern Entfernung das Gefühl, sich einem Eisenwalzwerk zu nähern. Weniger der bedrohliche Nebel aus Baß, weniger die manifesten Schläge, die Schwabing durchziehen und das scheinbar alltägliche Leben im Park mit dunkler Ironie unterlegen, weniger der sound selbst ist es, was diese Empfindung körperlich werden läßt, sondern der Charakter der Rhythmik, der beim Hervortreten hinter der letzten Mauer wie eine Welle ins Gesicht schlägt: der Rhythmus der Industrie, der dem unregelmäßigen Dreischlag des menschlichen Kreislaufs asynchron läuft wie ein Zahnrad mit zu vielen Zähnen. Dieser Rhythmus erzeugt eine Euphorie, die das zwanzigste Jahrhundert durchzieht wie ein Lichtband: Die Futuristen erlebten eine erste Ahnung von ihr, als sie der Inspiration erlaubten, sich der anderen Motorik der neuen Maschinen zu öffnen, deren Ziel die Überwindung der Zeitgrenze zur verlorenen Gegenwart war. Die Abkoppelung der Verkehrszeit von der historischen Zeit hatte dieselbe Wirkung wie das plötzliche Durchdrehen eines Rades im Sand: zielloses Kreisen steigert sich zur ewigen, allgegenwärtigen Geschwindigkeit ohne - logisch - Anhaltspunkt. Wie die Futuristen fühlt der Technomensch den Sog des Nichts, der Leere, in der keinerlei Ziele mehr ausgemacht werden können. Für den Weg dorthin empfiehlt sich ein Auto, das der Futurist Marinetti beschreibt, als habe er einen der Karnevalswagen heutiger Techno-Umzüge schon 1909 zu Gesicht bekommen: ein Rennwagen mit seinen gewaltigen Röhren, feuerspeienden Schlangen ähnlich, das tost, als sei es auf einem Maschinengewehr montiert, und schöner ist als die Nike von Samothrake. Gemeint ist nicht die Turnschuhmarke.

Ich verstehe wenig von den Dingen, die mich umgeben. Vor allem nicht, wozu sie mich umgeben.

Der Schmerz wohnt dem Dasein inne, transzendiert in seiner Steigerung in den Wunsch nach Flucht aus dem Dasein in ein betäubendes Nichts, das aber eine diesseitige Idee ist. Der Irrtum der Romantiker: dem erbärmlichen, unwürdigen Leben in einen Tod entfliehen zu können, der als Idee dem Leben als immanenter, nicht eigentlicher Gegensatz angehört. Nicht denkbar ohne die Vorstellung der Grenze, der man sich nähern kann, um sie zu überschreiten, deren wahre Natur jedoch die der Nichtannäherbarkeit ist: Sie bleibt fern, während sich die Zeit verlangsamt und dem Stillstand ebenfalls nur nähert. Das Ende ist die Grenze der Zeit: Null, nicht erlebbar.

Ein Blick in den Spiegel: ein Schrei ins Nichts, nicht von, sondern aus.

Zufall, daß sie der Form- und Farbidee des Futurismus ähneln, jene, die gelegentlich als "Technojünger" bezeichnet werden? Ein falscher Begriff, denn das Konzept religiöser Ekstase verlangt als sinngebendes Gegenkonzept die Meditation, nicht die Funktion. Im "normalen" Leben fest und unterhalb der Bewußtseinsschwelle verwachsen mit den Funktionszusammenhängen des industriellen Systems von Produktion und Konsum, übersteigert der Techno-Mensch in seiner Kultur die Motorik eben jenes Systems, ohne den Punkt der Übersteuerung zu erreichen, wo die Reflexion einen Zwischenraum zwischen Bewegung und Bewegtem schafft. Die äußerste Stufe der industriellen Techno-Motorik ist der absolute Leerlauf: Daher der alles durchdringende Eindruck totaler Ereignislosigkeit bei Techno-Veranstaltungen. Der Punkt des Geschehens, die Gegenwart, wird nicht erreicht. Die Zahl scheinbarer Ereignisse, deren Substanz nichtig, nihil ist, steigert sich durch die Geschwindigkeit ins Massenhafte, Maßlose, symbolisch dargestellt in der Gleichförmigkeit der rhythmischen Schläge, die nicht mit dem unwägbaren Moment der Erzeugung verbunden und daher planmäßig identisch sind. Jede "Love Parade", jedes "Union Move" ist so ein identischer Taktschlag auf der nächsten Ebene: keines der Scheinereignisse findet Zeit und Reflexionsebene, um Eigenart zu zeigen oder Wirkung zu entfalten. Wo ein Zurückbleiben, verbunden mit der Erkenntnis der Unerreichbarkeit, Melancholie erzeugt, gebiert das über die Gegenwart hinausschießende Imlodieren des Leerlaufs das, was man hinter und in den Masken auf höchster Stufe leerlaufender Gesichter deutlich erkennen kann: Verzweiflung.

Das existentielle Grauen: in den Augen einer Frau, die im Anblick der Welt die Synchronisation mit ihrer Erfahrung nicht mehr findet. Fehlende Verbindung, fehlender Zugang: das Nichts als Bewußtsein der Irrelevanz von Zeit.

Wie die Melancholie heilt auch die Verzweiflung nur der Geschlechtsverkehr. Für Minuten. Dabei bestimmt die existentielle Befindlichkeit die Wahl des Geschlechtspartners: Melancholie schließt lachende, fröhliche, braungebrannte, allzu gesunde Menschen aus. Die Verzweiflung erschöpft sich in der Jagd nach Partnern, die noch positiver wirken als man sich selbst darstellt: Die dem Fitneßwahn innewohnende Sucht nach ständiger Bewegung ist eine andere Form des Leerlaufs, die dieselbe Verzweiflung zeugt.

Gesundheit ist schädlich, die führt nur zu Wahnsinn und Verbrechen.
(Jakov Lind, Eine Seele aus Holz)

Die Ahnung, daß mit der Jugend jener Zustand kindlicher Wahrnehmung, der im Nichts das Alles zu erblicken vermag, übergeht in die erwachsene Wahrnehmung, die im Alles stets das Nichts weiß - diese Ahnung führt zu einer Ausdehnung der Jugend in die virtuelle Kindheit des vierzigjährigen Kretins, der den Ritualen der Verzweiflung, Bewegung und Wahn, folgt, ohne sie noch wirklich verinnerlichen zu können.

So sitze ich und sehe, und die Idee, daß der Blick dem Kopf entwächst, verdrängt die Einbildung, die Welt dringe durch den Blick in mich ein.

Im sysiphosschen Streben nach der unerreichbaren Gegenwart sind Euphorie und Verzweiflung ebenso Geschwister wie Manie und Melancholie. Beider Betäubung nähern sich nur immer kürzer werdende Momente haltloser Übersteigerung: Während auf den fröhlichen Kirmesrausch vergangener Tage unweigerlich der "moralische" Zustand trunkener Ernüchterung folgte, findet im absoluten Leerlauf der Techno-Bewegung beides auf so engem zeitlichen Raum statt, daß dem Beobachter der Eindruck der Gleichzeitigkeit von Raserei und Grauen entsteht. Darin liegt die Faszination.

Die zwanghafte Suche des Menschen nach Ordnung als Ersatz für den abwesenden Sinn äußert sich in Zahlen, die als Produkte menschlicher Phantasie diese überwachsen und zur natürlichen Ordnung werden. Der Grad der Abstraktion ist ein Indikator: Ein Ethnologe berichtet von seinem Staunen über die Unfähigkeit eines von ihm untersuchten Stammes, zwei Hasen und drei Enten zusammenzuzählen. Das Konzept "fünf" hat für sie keinen Sinn, der liegt nicht in der Zahl, sondern in den gezählten Objekten. Dagegen jener Mensch, dem das Wort "Million" eine solche Faszination vermittelt, daß eine Anbindung an gegenständliche Objekte gar keine Rolle spielt. Die Zahl wird zum Rhythmus des Lebens. So ist das Technogeräusch die musikalische Inkarnation totaler Digitalität: Die rhythmische Erfahrung wird bestimmt vom Bezug aller Nuancen auf den Unterschied zwischen eins und null, zwischen dem Knall des einheitlichen Taktmoments und dem ankündigenden Moment vor dem nächsten Schlag. Die anhaltspunktfreie Gleichförmigkeit der Abfolge führt zur Entgrenzung der subjektiven Zeiterfahrung: So wird das Technogeräusch, mehr als jede andere Form von Musik, zum wirksamen Mittel zur Abschaltung der Vergehensempfindung, die wir Zeit nennen.

Die Summe der ekstatischen Loslösung von der Verkehrszeit führt zur Mystifizierung verbliebener Anhaltspunkte, an denen das Fließen des Lebens tatsächlich anzuhalten scheint. Deren Ordnung bestimmt wiederum die Zahl. Daher der Hang zum Ab- und Aufrunden allzu individueller, zufälliger oder als ungerade empfundener Zahlen, die bei kleiner Abweichung von der Rundzahl höchstens als mystisch, geheimnisvoll, offen oder magisch empfunden werden. "1999" und "2001" haben eine größere Potenz individueller Mystik als "2000". Die Dynamik der vereinheitlichenden Sammlung verlangt die Reduktion auf 2000 als Zahl des Einschnitts. So kommt es, daß Menschen Anstrengungen unternehmen, sich dieser Zahl anzugleichen, sie aber gleichzeitig als unheimliche Grenze erfahren. Ein Verein namens "Committee 2000" etwa wollte den 1999 Meter hohen Berg Hirschhorn durch Auftürmen eines Geröllhaufens zum "2000er" machen. Und ein überwiegender Teil der christlicher Zeitrechnung unterworfenen Menschen ist ohne Überlegen bereit, den 1. Januar 2000 als Beginn eines neuen Jahrtausends zu empfinden. Der arithmetisch einfache Gedanke, daß 2000 Jahre erst dann 2000 Jahre sind, wenn der letzte Tag des 2000. Jahres vorüber ist, wird zugunsten der Simplizität der runden Zahl ignoriert.

Der einseitige Funktionszusammenhang des individuellen und in der Vermassung zur Gesamtperson geformten Technomenschen zeigt sich in seinem subrationalen Konzept von Politik. Weniger die Parolen "Liebe" und "Frieden", auch nicht die selbstentlarvende Forderung nach "Einheit", die als scheinvariante Identität nach außen realisiert wird, sind dabei entscheidend, sondern die Reaktion auf das dem Funktionszusammenhang der humanindustriellen Gesellschaft fundamentale Konzept von Politik: Die Reduktion von "Politik" auf einen Mechanismus zur Vergabe lukrativer Posten in einem System zur Aufrechterhaltung der Voraussetzungen und Bedingungen von Produktion, Konsum und Profit wird diffus erkannt, das System als solches jedoch als alternativlose Matrix der eigenen Existenz hingenommen.

Die Idee, die über sich selbst spricht: Das Problem zum Beisiel mit hochgelobten Büchern (die damit hausieren gehen) ist, daß, so gut sie auch sein mögen, das auf Klappe und Umschlag aufgedruckte Lob sie schlechter macht. Es fehlt der Reiz, eine Perle im grauen Mantel zu entdecken, einen tristen Nachmittag mit überraschender Fülle verzaubern zu können. Das Ergebnis ist schon vorgegeben, und es ist schwer zu erreichen: Begeisterung. "Man kann es nicht mehr aus der Hand legen." Also legt man's nicht mehr aus der Hand, auch wenn die Begeisterung sich - zuviel gefordert - nicht einstellen will. Wer's doch tut, hat verloren und gibt sich selbst die Schuld. Wer durchhält, fühlt sich danach nicht selten wie nach dem Besuch eines dieser schweineteuren In-Restaurants: Man hat für jeden Bissen zählbar, evident bezahlt, bekommen hat man dafür einen Hauch von etwas, ein salatgewordenes Stück der vollmundigen Empfehlung, eine Ahnung von Gewürzen, aber man ist nicht satt, nicht zufrieden, hat nichts zum Verdauen, zum Erinnern, auch nur die Empfehlungen, die man pflichtbewußt und beflissen weitergibt. Das Wunderland, den verborgenen Schatz, die unerwartete Offenbarung findet so keiner. Die gehört dem Zufall, und wer sie gefunden hat, gibt sie allenfalls mit dem Finger auf den Lippen persönlich weiter. So auch das Grundprinzip der Techno-Events: Programmiertes Positiv-Erleben läßt keinen Raum für Kontraste.

Der Versuch der Zerstörung von Ideologie nimmt die Ideologie der Zerstörung in sich auf und führt sie fort. Perpetuiert sie.

Der Tag: Ein Mann mit dem schrecklichen Namen Waffenschmidt wird zitiert mit der Aussage,, daß die Zahl der Aussiedler abnehmen wird. Das ist interressant, und nicht nur wegen dem Namen, der außer schrecklich auch lächerlich oder sonstwas sein könnte. Denn die Situation wächst aus den gedruckten Wörtern wie ein Pilz im Zeitraffer - Ein hellholzgetäfelter Raum voller Mobiliar aus den späten siebziger Jahren: Stahl und Holz, ohne Zier und Rat. Darin sitzen fleischgefüllte Anzüge, die dorthin bestellt worden sind durch ein Offizium, das sie ereilte, während sie in der Kantine dem Tag sein erstes Bier widmeten: euphorielos, sarkastisch, wie immer. Einer davon ist neu wundert sich, daß in der Hauptstadt der republikanischen Vorgänge, die man öfter als nötig Politik nennt, soviel getrunken wird. Das wird es aber auch anderswo, und die Worte schleifen sich an ihrer Gewohntheit. Vor den Anzgen nimmt einer an einem Tisch Patz, um sich einige der Gestalten, die ein eigens dafür erfundener Volksmund "Sprecher" nennt: die nie spechen, sondern immer nur Gespräch absondern, wenn es zu still zu werden droht zwischen den ablenkenden Schlagzeilen.
Der Mann heißt Waffenschmidt, und er hat Gründe: Zu lange schon hat man nichts von ihm gehört, was sein Gesicht auf neuen Plakaten rechtfertigen könnte. Ein Schrei in die Leere ist sein Pressetermin: Ich habe hier etwas mitzuteilen! Nämlich: die Verläßlichkeit der deutschen Aussiedlerplitik zu betonen. Das Tor nach Deutschland bleibe für alle offen, die die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen. Solch gefährlicher Dreck wird dann von Kugelschreibern und Tonköpfen, Tastaturen und Telephonen in die Welt getragen, vervielfältigt und zu Realität. Dahinter verschwindet die Wahrheit.

Wie sehr die Wahrnehmung des Technomenschen von der Geschwindigkeit konditioniert ist, zeigt das unbemerkte Entgleiten aller Dinge, die als zu langsam nicht mehr aufgefaßt werden können. Nach erfolgter Beschleunigung und Strukturierung durch den digitalisierten 1-1-1-1-Rhythmus tauchen plötzlich bis dahin unhörbare Melodien wieder auf. Ein Effekt, der nicht auf Techno beschränkt ist: die Behauptung, das zwanzigste Jahrhundert spiele klassische Musik generell zu schnell, korrespondiert damit.

Nach früher: wie klein, unfertig und erbärmlich das heute alles erscheint, was zwischen dem echten Damals und einem falschen Heute "früher" genannt wird. Der Nährboden für "Kulte", die um die Transzendenz des entleerten Symbols kreisen. Was nicht wahrgenommen wird, verschwindet unbemerkt, bleibt aber bestehen, bis andere Aspekte und Funktionen der Wahrnehmung entgleiten und den Blick auf das bisher Übersehene lenken. So kann die Form von Spülmittelflaschen, die vor vielen Jahren vom Markt genommen wurden, plötzlich eine emotionelle Rolle spielen. Da unser Moment ein Karussell entwurzelter Zitate ist, wird dieser Mechanismus in der Zukunft explodieren.

Versuch: Eines der seltsamen Idole damals war ein Mann, der Fußball spielte. Er hieß Franz Beckenbauer und fiel vor allem durch seine Frisur auf: Die Haare stiegen vom kilometerlangen Scheitel in einer flachen Tangente über die Kopfmitte und endeten auf der anderen Seite in einem voluminösen Wulst, der sich mit wachsender Haarlänge zusehends nach außen verlagerte, einer Lawine gleich, die zu Tal zu donnern dräute. Das sah irre aus, aber weil niemand damals auch nur einen Anflug von Geschmack besaß, konnte keiner sagen, was denn nun eigentlich so grotesk daran war. War's die Fortsetzung nach unten in eine Art von Hose, wie es sie wirklich nur zu jener Zeit gab: Von den Knien abwärts nicht eigentlich eine Hose, eher zwei Glockenröcke, dafür erweckte sie oben den Eindruck, ihr Träger habe sich ein kleines Sortiment einheimischer Wurstwaren, etwa Wiener, Regensburger oder Wollwürste, in den Schritt gezwängt. Dazu (dazu noch!) waren damals alle Hosen irgendwie braun. Und zwischen jener Frisur und dieser Hose kräuselte sich ein Mund zwischen den gewaltigen Flaggen eines ausufernden Spitzkragens vor, ja, war es Wut, Belustigung? Meistens wohl am ehesten Beherrschung, denn der Mann wollte nicht gerne zeigen, was in ihm vorging. Wodurch natürlich seine rumpelnden Anwandlungen niemandem verborgen bleiben konnten.

Heute ein integraler Funktionsträger der zeitvertreibenden Industrie, die den ästhetischen status quo repräsentiert, der das Leben jener umgibt wie die Atemluft, deren Kind der Technomensch ist. Der dieses Leben nicht nur umgibt, sondern so fundamental durchdringt und in seinen Grundfunktionen strukturiert, daß der Technomensch als Opposition nicht mehr ein Gegenkonzept setzen, sondern nur die Farben und Töne neu anmischen kann.

Der Tag: Die Dinge, die der ästhetische status quo zu kanalisieren und ordnen vorgibt, sind in Wirklichkeit das, was von natürlichen Äußerungen nach dem Bad in eben jenem Zustand übrigbleibt. Die niederländische Polizei wird künftig vor, während und nach Fußballspielen gewalttätige Fußballanhänger nicht nur in den Stadien, sondern auch im weiten Umkreis davon verhaften können. Auf neuen Chip-Klubkarten, ohne die keine Eintrittskarten gekauft werden können, werden alle Vergehen gegen die öffentliche Ordnung registriert. Der freiwilligen Beschränkung des individuellen Ausdrucks auf seine Perversion in der richtungslosen Gewalt folgt somit durch die zeitlich und räumlich unbegrenzte Verhaftbarkeit des Äußerungsträgers eine neue Stufe gesellschaftlicher Kontrolle, die die Möglichkeiten des Ausdrucks wiederum reduziert. Auf der anderen Seite dieses Möglichkeitsspektrums steht der Technomensch, der die Gewalt nach innen richtet und sie in purer Bewegung wieder nach außen trägt. Der gewaltsamen Kontrolle des gewalttätigen Hooligans entspricht die grundsätzliche Kontrolliertheit des Technomenschen durch die eigenen Äußerungsmechanismen, denen das Durchbrechen der Grenze in die Welt als Widerspruch in sich erscheint. Die Zugehörigkeit zu einem sozialen Zeichensystem spielt bei beiden eine zentrale Rolle, jedoch die jeweils entgegengesetzte: Wird der Hooligan durch diese Zugehörigkeit nach außen entfesselt, bindet sich der Technomensch durch die stumme und systemgründende Übereinkunft, die Entfesselung auf den Rahmen des Systems selbst zu beschränken. Wer nach Verlassen des Clubs/Raves sein Verhalten weiterhin vom dort gültigen System bestimmen läßt, ist eigentlich aus diesem System schon herausgefallen, während beim Hooligan die Entgrenzung erst bei Verlassen des Ordnungssystems Stadion beginnt. Der Entgrenzung nach außen entspricht so die Entgrenzung nach innen an beiden Enden eines Spektrums von Bewegungsäußerungen.

Die Ratlosigkeit der Technobotschaften: es fehlt der Empfänger. Von ihrem gesellschaftlichen Anspruchs- und Wirklichkeitsgehalt abstrahiert, entkernt, bleiben nur melodische Rudimente, die der Rhythmus als Akzente aufnimmt.

Der Tag: Für März rechnet der DGB mit 4,5 Millionen Arbeitslosen. Ein irres Bild: Ein dreibuchstabiges Etwas rechnet mit einem Vielfältigen einer Abwesenheit. 4.500.000 Mal keine Arbeit ist Rechenmasse. Was berechnet man damit?

Während also der gesamtgesellschaftliche Besitz von immer weniger Produzenten immer schneller in Waren umgesetzt wird, die ihn wiederum immer schneller konzentrieren; - während immer weniger Menschen dem sich beschleunigenden Rhythmus industrieller Produktion folgen, steigt die Anzahl jener Menschen, die ihm ohne Produktion folgen. Jedoch nicht ohne symbolische und reale Erschöpfung.

Wie der öffentliche Raum im Bild der Öffentlichkeit verschwindet, verschwindet das Konzept der Begegnung. Der Technomensch begegnet auf dem Technoumzug nicht sich noch anderen: Er wird Teil eines Bildes, das begegnungslos an unbeteiligte Beobachter übermittelt wird. Sein Handeln wird davon bestimmt: ausgestreckte Hände sollen niemanden erreichen, niemandem etwas signalisieren, selbst das rhythmische "Union Move!"-Schrei dient nicht der Animation, sondern der Dokumentation: eines Vorgangs, der erst in elektronischer Aufbereitung zum scheinbaren Ereignis gefriert.

Der Tag: Ein Schüler bewaffnet sich für den Tag in der Schule mit einer Gaspistole. Er befürchtet, auf dem Nachhauseweg überfallen zu werden. Daß sich im Klassenzimmer während des Unterrichts aus seiner Pistole ein Schuß löst, bringt die Polizei auf den Plan: "Lassen Sie klassenweise Taschen leeren und sammeln Sie Schlag-, Stich und Schußwaffen ein!" rät sie jenen, die der bewaffneten Generation als Erzieher gegenüberstehen. Damit jedoch läßt sich bestenfalls der "versehentlich gelöste Schuß" verhindern, der eigentlich der Polizei vorbehalten bleibt. Derselben Polizei übrigens, die gegen die Durchführung der Berliner "Love Parade" unter ihrer ordnenden Aufsicht keine Einwände hat, weil es sich dabei ihrer Ansicht nach durchaus um eine politische Demonstration handelt. Solcher Art ist die Verwirrung: Während sich ein manifest politisches Problem, die Explosion gesellschaftlicher Desorientierung in zielloser Gewalt ohne Expansion in jene Schicht, die diese Desorientierung wenn nicht herbeiführt, dann doch als soziale Waffe einsetzt, während sich dieses Problem nach Ansicht der Polizei durch Entwaffnung der Wehrlosen lösen läßt, wird das Konzept Politik begrenzt auf den Austausch von Parolen, die zwischen denen, die sie äußern, und denen, die sie hören, wie Bälle hin und her fliegen, ohne festgehalten zu werden, weil sie ohne Substanz und Authentizität nur ohnmächtige Schreie aus dem Nichts ins Nichts sind, nicht festzuhalten, unbrauchbar, nicht real.

Der Horizont ist nur eine Idee. Das Leben beginnt jenseits. Als Idee, denn eine Annäherung haben wir bereits ausgeschlossen. Der Unterschied der Lebenserfahrung ist der zwischen Parabolik und Hyperbolik, mithin ein technischer der Annäherung.

HipHop als musikalische Reaktion versuchte eine "Wiederauffüllung" der entleerten Bewegungszeit mit Splittern ihrer selbst, indem sie zerbrochen wird in der Intention, sich dem linearen Ablauf, der ihr zu unterliegen scheint, nicht mehr zu folgen. Das auf dem Band allgegenwärtiger Fortbewegung entgleitende Leben soll als gläserne Brechung wieder spürbar werden. Techno versucht, den Augenblick aufzuheben in einem gleitenden Schweben, in dem vorher und nachher keine Rolle mehr spielen und ihre Irrelevanz nicht mehr wahrgenommen wird. Das berechenbare Intervall ersetzt den Moment.

Wie gut der Technomensch funktioniert, zeigen die sozialen Koordinaten, nach denen er die eigene Bedeutung berechnet. Wenn beispielsweise einer der selbstdefinierten Proagandisten der Bewegung stolz verkündet, Technomenschen seien mittlerweile in den Schaltzentralen der Gesellschaft angekommen, muß die logisch anschließende Frage, welche Art von Schaltungen denn da zentriert ist, ausbleiben. Sie verbietet sich als systemexterne Reflexion, die außerdem (!) ein Innehalten voraussetzte, das der Dynamik der Bewegung als solcher widerspräche.

Die der entfesselten Bewegung notwendig folgende Erschöpfung in der retardierenden Verausgabung des Krieges verlegt der Technomensch in den eigenen Körper. Dies äußert sich auch in der militärischen Funktionsbezogenheit der Oberflächensprache ohne Rückkoppelung. Auch sie flieht: zum Satzende.

Das Kaputte erscheint immer sinnvoller als das Sinnmachende, weil beim Sinnmachenden der Sinn zu deutlich ist, als daß jeder seinen eigenen Sinn raus- (rein-?)lesen könnte, wie man es bei der Zerstörung so schön zelebrieren kann.

Das chemisch erzeugte Gefühl, nicht schlafen zu können, es nicht zu wollen, es unbedingt vermeiden zu müssen, gemischt mit dem in sich gekehrten Drang, sich zu öffnen, anderes hereinzulassen; dem Drang, der sich auszubreiten scheint, mit zunehmender Geschwindigkeit, während ich unbewußt spüre, daß er von einem Nullpunkt angezogen, angesaugt wird, der so schwarz ist, daß er mir Angst macht. Also Bewegung, im Rhythmus des Lichts, das eine schattierte Form der Dunkelheit parodiert und Realität in einen abgegrenzten Raum der Phantasie verwandelt, der aber zugleich sein außen definiert. Die künstliche Wachheit wird zur inneren Raserei mit zunehmender körperlicher Lähmung. Worte zu Geräuschen.

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, hört man zum Beispiel von einem Münchner Filmregisseur, einem frühen Vorläufer leerlaufender Gegenwartssucht, dem dabei die Regie über das eigene Sein entglitten ist. Hört man von seinen Mitessern, Jahre nach seinem Tod. Ach könnte er doch nur! Recht hat er vielleicht oft gehabt, aber hier gar nicht, mein Herr. Heißen muß es vielmehr: "Arbeiten kann ich, wenn ich tot bin." Schlafen, vor allem träumen läßt sich jedoch nur in dem, was viele so anmaßend Leben nennen. Wie man arbeitet, wenn man tot ist? Sie werden es gar nicht vermeiden können. Lassen Sie sich verbrennen, verbrauchen Sie Energie. Oder Sie erzeugen Energie, das bleibt sich hier, wie stets, gleich. Sie erhöhen in jedem Fall das Bruttosozialprodukt, und was das heißt, wissen wir ja. Lassen Sie sich also einbuddeln. Noch fataler: Ganz ohne Ihr Zutun fangen augenblicklich Würmer an zu arbeiten. Mit anderen Worten: Sie geben ihnen Arbeit. So wären Sie gar postum zum Unternehmer geworden. Kann etwas Beschämenderes gedacht werden? Zum Glück sind Sie ja tot und müssen das erniedrigende Schauspiel nicht mitansehen. Sparen Sie sich also die traurige Geschichte für einen Zeitpunkt nach Ihrem Ableben auf, Faulenzen und Träumen benötigt ihre hiesige Aufmerksamkeit. Und überlassen Sie die Entscheidung über Ihr postexitales Beschäftigungsfeld Ihren Nachbleibenden. Sollen die sich schämen.

Ich hasse die Sommerzeit, weil sie einem die Nacht raubt. Kaum ist es ordentlich dunkel geworden, muß man bereits schon schlafen gehen, um mitten in der Nacht erneut zur Arbeit antreten zu können. Was bleibt der schwarzen Seele bei soviel Tag? Nach der Nacht bloß die vage Sehnsucht der Erinnerung. Allerdings ist die ganze dumme Geschichte bei der Winterzeit auch nur 1 läppische Stunde anders.

In der Masse sitzen. Und die ganzen Köpfe sehen. Alles Köpfe, darunter Körper in pseudo-individueller Einheitskleidung. Körper, die jeglichen Rest von kultischer oder statischer Bedeutung längst abgeworfen haben. "Sie leben im Gefühl der Nicht-Wiederkehr", meint Peter Sloterdijk. Nein, sie leben in der Gewißheit des Nicht-Seins. Sie sind nicht.

Das ist, was ich denke:
Man muß hier raus.
Man muß überall raus.
Man muß denen geben, was sie wollen, und dann muß man es ihnen wieder wegnehmen, damit sie merken, daß sie es nicht selbst gemacht haben.

Und noch einmal das Leben: Was für ein erbärmliches, leeres, hoffnungsloses Suchen. Und das Finden weitaus leerer noch: Stolpern und Taumeln im Meer der Gegenstände die dauern. Die noch kaum korrodieren oder Moos ernähren in der Stille absoluten Lärms, wenn der Körper des Sammlers, Besitzers längst zu kaltem, unnennbarem Schleim geworden ist.


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