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geschrieben im Februar 1997 für die Zeitschrift BEAST. Ob der Text dort erschienen ist, weiß ich nicht. Und mehr fällt mir dazu auch nicht mehr ein.
 
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21st Century Boys

Das zwanzigste Jahrhundert zerfällt in zwei Hälften: Zuerst war da die Ära der Kriege, Krisen und des Kapitalismus. Seitdem leben wir im Zeitalter des Trällerns, der Tränen und der Boygroups. Teenies brauchen Bands; das war schon immer so. Seit es Teenager gibt. Denn Teenager sein bedeutet, die Eigenheit des eigenen Lebens zu entdecken, und das tut man am besten in einer Masse. Was aber passiert, wenn die Jahre vergehen und die Träume sich nicht ändern? Ein Abend im Jahr 2017 ...

Manchmal genügt es, einen Moment innezuhalten, um alles zu verändern. Ein kurzer Blick in den Spiegel: müde, brüchige Augen, Risse im Make-up-Zement, hinter denen Falten lauern wie hartnäckiges Ungeziefer. Dann breitet sich die Müdigkeit aus, wird zum alles erfüllenden Grundgefühl der Vergeblichkeit. Vielleicht war es nicht richtig, in den Spiegel zu schauen. Vielleicht war aber auch alles andere falsch, der lange Weg bis hierher, in diese muffige Garderobe am östlichen Ende der Welt.

Geübte Finger glätten die Schmiere, die das Leben verbergen soll; aber die Risse werden sich durchsetzen, denn das Gesicht muß sich bewegen, muß lächeln und mitteilen, was die tausend Gesichter vor der Bühne sehen wollen: muß ihnen das Bild und den Glauben an eine Jugend geben, die längst vergangen und verweht ist. Vielleicht war es ein Fehler, hierherzukommen und sich dafür bezahlen zu lassen, so zu tun, als wäre alles noch wie damals, als wäre das gut so. Als wären die Träume noch die alten.

Die Beatles waren einst die ersten Musiker gewesen, denen jenes merkwürdige Schlüsselerlebnis passierte: Man schreibt Lieder, spielt sie Leuten vor, die Lieder gefallen immer mehr Leuten, die Konzertsäle werden immer größer, bis - plötzlich niemand mehr die Musik hören will. Statt dessen besteht das Publikum mit einem Mal aus einer unübersehbaren Horde von offensichtlich hysterischen Jugendlichen, die versuchen, mit Kreischen die Band zu übertönen, die Teddybären, Unterwäsche und Süßigkeiten auf die Bühne werfen und vor Glück in Tränen ausbrechen, wenn einer ihrer Stars sie anzulächeln scheint. Das hat er trainiert, dieses intime Lächeln für viele, aber das macht nichts.

Was mag Brian Connolly gedacht haben in der Nacht, als er starb, als der Rest von Leben ihn verließ, der in den Jahren des langsamen Vergehens nie so recht heimisch in ihm geworden war? Siebzehn Herzinfarkte in einer Nacht hatten die müde Flamme nicht ausblasen können, die immer wieder ein bißchen aufloderte, wenn sich der abgewrackte Körper ins alte Kunstlederkorsett gezwängt und auf namenlose Bühnen in muffigen Tanzpalästen und Landdiscos geschleppt hatte. Erst als die Niere aufgab, am Rosenmontag 1997, war das Trauerspiel zu Ende. Damals, vor vielen Jahren, als die Meldung von Connollys Tod ihn für einen Moment wieder lebendig, zu einem Teil der Dinge, die passierten, werden ließ, damals hatte er sich geschworen, nicht so zu enden: nicht seine Jahre damit zu verbringen, eine Rolle zu spielen, die jeder durchschaut, auch die wenigen Verbliebenen, die sich täuschen lassen wollten. Aber es hatte ihn nicht losgelassen. Er hatte nichts gelernt, als für andere jung zu sein. Teil einer Boygroup zu sein und lächelnd durch die Welt zu reisen. Das Gefühl eines Lebens zu erzeugen, das andere nicht leben konnten.

Erwachsen zu werden war eine Fiktion geworden. Traum und Alptraum: wie hatte er sich danach gesehnt, sich fallen zu lassen, so zu werden, wie er war; und dann das Grauen der Augenblicke, in denen er den Verfall gespürt hatte. Als die Bay City Rollers Teil seiner eigenen frühen Kindheit geworden waren, hatten sie Jahre ihres Lebens unterschlagen. Aber was war die Lüge gegen die Erkenntnis, daß das Alter nicht aufzuhalten war. Nie würde er die späteren Bilder vergessen: Eric Faulkner mit Bierbauch und Schnauzbart in der Eighties-Rockstar-üblichen Verkleidung (schwarze Lederjeans und Nadelstreifensakko), Woody mit lichten Haaren und Falten der Müdigkeit, und dazu die bleibenden Melodien, die klangen, als machten sie sich über die lustig, die sie sangen: Bye Bye Baby, Baby Goodbye.

Er war anfangs skeptisch gewesen, als die Idee der Reunion aufgekommen war: die Backstreet Boys mit vierzig? Wer würde das sehen wollen, wenn nicht, um sich lustig zu machen darüber, daß der Kampf um ewige Jugend so kläglich gescheitert war? Wer würde das hören wollen? Es waren, wie sich herausstellte, nicht wenige, die das wollten. Die Japan-Tournee war ein gewaltiger Erfolg. Wenn man das Erfolg nennen mochte: sich für einen Abend in einer Halle zu versammeln, um einem vergangenen Sommer nachzutrauern, indem man lauthals verkündete, er sei nie vergangen.

Er hatte andere dabei beobachtet: als Brian Connolly Ende der achtziger Jahre mit drei jungen Burschen als The Sweet durch die Tanzhallen zog, stand er vor der Bühne und konnte nicht verstehen, was an diesem traurigen Schauspiel einmal aufregend und neu gewesen sein konnte. Als sich The Teens 1996 wieder zusammentaten und ihre Versuche, erwachsen zu werden, abbrachen für den Versuch, wieder jung zu sein, hatte er Abscheu und Mitleid empfunden. Nostalgie war etwas Geschmackloses. Und unfair den Nachgewachsenen gegenüber: die hatten ein Recht auf ihre eigene Welt, in der nicht alles, was möglich war, gleichzeitig verfügbar und präsent war. Immerhin: die Unansehnlichkeit der Revivals sorgte dafür, daß sie in staubigen Ecken der Zeitlosigkeit stattfanden, die jugendlicher Weltgier nicht zugänglich waren.

Gestern abend hatte ihm eine Japanerin mit Begeisterung von einer der vielen Reunion-Tourneen der Bay City Rollers erzählt. Vor fünfundzwanzig Jahren, damals war sie Anfang dreißig gewesen, und jetzt trug sie immer noch die Mode von damals, die sie nicht mehr kleidete, sondern zur Karikatur machte. Er konnte sich dunkel an einen Film über die erwachsenen Bay City Rollers erinnern, die mit vierzig endlich das zu tun versuchten, was ihnen die Vergangenheit und das Gedächtnis der Fans bis dahin verwehrt hatte: Musik zu machen. Da waren sie in ihrem eigenen kleinen Studio zu sehen gewesen, bei den Arbeiten an einem eigenen Song, der nicht richtig schlecht klang, aber auch nicht neu, nicht erregend, nicht modern, mit nichts verbunden, aus nichts entstanden, das Gerippe einer Musik, die sie vielleicht nie richtig verstanden hatten, obwohl sie durch sie in die Welt und in die Geschichte eingegangen war. Es war nur ein Song gewesen, den drei ältere Männer gesungen hatten. Niemand wollte ihn je hören. Niemand würde ihn je hören, und wenn doch, gelänge es niemandem, zu erraten, welcher Zeit er angehörte, weil er keiner angehörte, nie passiert war. Abends saßen Faulkner, Wood und Longmuir dann (wie erwachsen und normal die Namen auf einmal klangen; auch andere hatten bei genauem Nachdenken nicht mehr den früheren Hauch von verwegenem Glitter: Holder, Lea, Hill, Scott, Priest, Bolan, Quatro, alle klangen sie nach vertrockneten Bierpfützen und verschwitzten Bahnhofsklos, irgendwie); - abends saßen sie dann in einer Kneipe am Tresen, erkannt nicht mehr von verzweifelten Teenageraugen, die Jahre zuvor darum gebettelt hatten, sie nur einmal berühren zu dürfen. Erkannt nur noch von dem grauhaarigen Wirt und ein paar Freunden, die ihnen anerkennend auf die Schulter klopften und der Kamera erzählten, dies seien einmal die meistfotografierten Männer der Welt gewesen. Ein Jahr später hatten sie sich wieder in die bunten Fummel geworfen, um nach Japan zu fahren und die alten Lieder zu spielen.

In letzter Zeit war daraus eine regelrechte Epidemie geworden: East 17, Kajagoogoo, Worlds Apart, New Kids On The Block, Caught In The Act, N’Sync, Take That - das Programm des Clubs las sich in seiner Vertrautheit wie ein historischer Irrtum. Es gab nichts Neues mehr, also mußte das Alte auferstehen. Hatten sich nicht vor einiger Zeit, kurz nach Ringo Starrs Tod, selbst George Harrison und Paul McCartney wieder vereinigt, um mit den gesampelten Stimmen von Ringo und John Lennon einen Song unter dem Namen Beatles aufzunehmen? Sprachen nicht seit langem Gerüchte davon, die Rolling Stones wollten wieder auf Tournee gehen, mit Marlon Richards für seinen verstorbenen Vater an der Gitarre?

Natürlich spielte Geld eine Rolle. Was Tantiemen waren, hatte er erst erfahren, als man ihm mitteilte, er werde keine bekommen, weil er keinen der Songs seiner Backstreet Boys geschrieben hatte. Nach der letzten Tournee 1999 - das Ende kündigte sich an: niemand hatte mehr etwas dagegen, daß die Band in der Öffentlichkeit rauchte, den wenigen noch interessierten Fotografen Ehefrauen und Freundinnen vorstellte und in Interviews von etwas anderem sprach als davon, wie toll es sei, dabeizusein - nach jener Tournee war Geld sehr bald zu etwas geworden, das nicht mehr in stets passenden Portionen einfach vorhanden war. Nick hatte das als erster begriffen und das Angebot eines Ghost­writers angenommen, seine Autobiografie zu schreiben. “Ich war ein Backstreet Boy” - er hatte das damals hinterhältig gefunden, weil es nun für A.J., Kevin, Howie und ihn keine Möglichkeit mehr gab, dasselbe zu tun: “Ich war auch ein Backstreet Boy”. Was folgte, war der lange, entwürdigende Kampf um einen Platz in der Welt. Modefotos, Fernsehwerbung, er hatte sich auch als Radiomoderator versucht, aber an einem Ex-Star, der zwar singen, aber nicht sprechen konnte, hatte bald niemand mehr Interesse gehabt. Dann der Job bei seiner ehemaligen Plattenfirma, wo er in langen Tagen am Telefon versuchte, aus nachgewachsenen Jungstars das zu machen, was er einst gewesen war. Ein Versuch mit ernsthafter Musik war kläglich gescheitert: Niemand hatte sich das Band anhören wollen, auf dem ein ehemaliger Backstreet Boy von den Schrecken seiner professionellen Jugend sang.

Als ihr alter Manager Johnny Wright ihn anrief und von der Einladung zur Reunion-Tournee nach Japan erzählte, war er erst seit ein paar Monaten bei der Versicherung, als Vertreter im Innendienst. Man hatte ihm nahegelegt, Urlaub zu nehmen, aber die Tournee sollte zwei Monate dauern, und inzwischen hatte ein anderer von den hundert Millionen arbeitslosen Europäern den schlecht bezahlten Knochenjob übernommen.

Der japanische Tourbegleiter sah zur Tür herein und sagte ihm, der Saal sei voll, in zehn Minuten fange die Vorband an. Auch dies alte Bekannte: Zwar waren die Gesichter der sechs Bandmitglieder nicht mehr dieselben wie vor zwanzig Jahren, aber der Name Kelly Family war geblieben. Eine generationenverschlingende Jugendmaschine. Und nicht die einzige: Auch die Karriere von Jim, John, Robert, Davy und Terry Osmond, die er vergangene Woche in Osaka getroffen hatte, hatte im Prinzip schon Jahrzehnte vor ihrer Geburt begonnen, als ihre Väter und Großväter unter demselben Namen aufgetreten waren.

Entstellte Musik drang wie ein plötzlicher Luftzug durch die Wände, übertönt von hysterischem Kreischen aus tausend Kehlen. Er verließ seine Garderobe und ging den dunklen Gang zur Bühne. Vom Rand aus gesehen, wirkte das, was sich da abspielte, wie ein verzweifelter Kampf: als stritte die Band auf der Bühne mit den Zuschauern um das ungreifbare Gefühl der Jugend, das ihnen beiden nicht mehr gehörte.

Was mochte Brian Connolly gedacht haben in der Nacht, als er starb? Was würde er selbst denken, wenn das Ende in spürbare Nähe rückte? Würde er sich betrogen fühlen um das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, nach einem Leben, das nur daraus bestand, vor etwas zu fliehen, das vor ihm lag?

Stunden später saß er wieder in seiner Garderobe, lauschte den entfernten Kommandos der Bühnenarbeiter, die er nicht verstand, weil sie japanisch sprachen, und die ihm das Gefühl gaben, unvorstellbar weit von allem entfernt zu sein: von der Zukunft, von seinem Leben.

Aber es blieb keine Zeit, innezuhalten.


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