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Geschrieben 1999 fürs WOM-Journal.
 
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Go your own way

Die Karriere von AIMEE MANN sollte eigentlich längst zu Ende sein. Doch nach dem Rauswurf bei ihrer Plattenfirma und einem Album im Selbstvertrieb wird sie nun dank einem Oscar-nominierten Soundtrack endlich zum Star.

Ein ganzer Saal voller Journalisten ist für Small-Talk ein so geeigneter Ort wie ein Haufen Dung für Fliegen. Freibier und Büffet erhöhen den Geräuschpegel in "Angies Nightclub" auf der Hamburger Reeperbahn noch einmal beträchtlich. Um schnell für Ruhe zu sorgen, bräuchte es hier schon eine Death-Metal-Band; aber Aimee Mann hat Geduld. Ganz alleine mit ihrer Akustikgitarre tritt sie auf die winzige Bühne, ohne sich groß um das Geplapper zu kümmern, stimmt "It's Not Safe" an, einen der schönsten Songs von ihrem grandiosen Album '95er Album "I'm With Stupid", und scheint augenblicklich in der Melodie und der melancholischen Geschichte zu versinken. Und langsam, Song für Song (nun mit einfühlsamer Bandverstärkung), folgt ihr das Publikum. Als am Ende das unwiderstehlich tragende "Calling It Quits" verklungen ist, nimmt der Beifall minutenlang weder ab noch Ende; aber die Bühne bleibt leer.

Aimee Mann zu hören - das ist eine Gelegenheit, die man ergreifen sollte, solange sie sich bietet; Zugaben gibt es nicht, und Anbiederungen sind der kristallblonden, gertenschlanken 39jährigen so fremd wie einem Chinesen die französische Käsekultur. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun: "Beim dritten Album mit Til Tuesday (ihrer frühreren Band) haben wir alles getan, um die Firma zufriedenzustellen. Die wollten, daß ich mit anderen zusammen Songs schreibe, also hab' ich's versucht, hab' alles getan, was die wollten. Am Ende war ich mit der Platte nicht hundertprozentig zufrieden; es war eben das beste, was aus so einer Situation entstehen konnte. Aber natürlich haben die dann trotzdem überhaupt nichts für die Platte getan", erzählt sie mir am nächsten Tag; ohne Verbitterung, obwohl ihre folgende Solokarriere reichlich Anlaß dafür böte. Ihre erste Solo-LP "Whatever" entstand zunächst ganz ohne Unterstützung einer Plattenfirma - daher auch der Titel: "Wir konnten tun, was immer wir wollten" - kurz vor Erscheinen der zweiten, "I'm With Stupid", ging das Label Imago pleite, was die Veröffentlichung um fast ein Jahr verzögerte; und die dritte, "Bachelor Nr.2", war gerade fertig, als ihre letzte Firma von einem Schnapskonzern eingesackt und umgebaut wurde und neben ihr auch gleich noch Tricky, Morrissey, Elastica, Barry White, 10.000 Maniacs und einige andere auf die Straße setzte. "Man wies mich darauf hin, die neue Firma würde der Platte ihren Stempel aufdrücken wollen, Vorschläge machen, einbezogen werden. Und ich sagte: wozu? Ich möchte die Platte machen, die ich machen möchte, auch wenn sich niemand dafür interessiert. Zumindest ich werde sie mir anhören." Inzwischen ist "Bachelor Nr.2" doch erschienen - auf Aimees eigenem Label und vorläufig nur über das Internet zu beziehen.

Ein Teil der grandiosen, an Joni Mitchell, Randy Newman oder Rickie Lee Jones weniger erinnernden als ihnen ebenbürtigen Songs findet sich auch in einem Soundtrack wieder, der mit Ausnahme zweier alter Supertramp-Lieder ausschließlich von Aimee bestritten wird und ihren Namen schlagartig wieder auf die Tagesordnung setzte, nachdem "Save Me" für einen Oscar nominiert wurde. "Ich kann den Leuten nicht böse sein, wenn sie eine Platte ablehnen, mit der sie nichts anfangen können", sagt Aimee über das Album zum Kinoschlager "Magnolia". Das erschien ihrer alten Firma auch als zu "unkommerziell". Bessere Ohren hatte Reprise, schnappte sich die Platte - und die verkauft sich nun wie warme Semmeln.

Ein gefundenes Fressen für die Sensationsmaschine: Die Geschichte von der unbekannten Songwriterin, die von Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson "entdeckt", "gerettet" oder "zum Star gemacht" worden sei, machte die Runde durch die Schlagzeilen. Das Gegenteil kommt der Wahrheit jedoch näher: Anderson, Mann und ihr Ehemann Michael Penn sind alle in der lebendigen Kreativ-Szene des alten jüdischen Viertels von West-Hollywood zu Hause und seit Jahren befreundet; Penn - ebenfalls seit vielen Jahren ein unterschätzter und unterpromoteter Songwriter - schrieb bereits die Soundtracks zu Andersons ersten Filmen "Hard Eight" und "Boogie Nights". Eines Tages bat Anderson Aimee, ihm doch eine Kassette mit ihrer Musik fürs Auto aufzunehmen. Das war die Geburtsstunde von "Magnolia", denn wie Anderson in seinem Kommentar zum Album klarstellt, entstand der Film auf der Basis der Songs. Das geht so weit, daß er seine Figuren Sätze aus Aimees Texten nachsprechen läßt, die ihn besonders beeindruckten. Etwa diesen: "Jetzt, wo wir uns getroffen haben, wärst du einverstanden, daß wir uns nie wiedersehen?"

Die fundamentale Einsamkeit und Beziehungsunfähigkeit, die aus solchen Zeilen spricht, ist ein Leitmotiv in Aimee Manns Songs. Dahinter steht eine tiefe Skepsis gegenüber der modernen Ideologie von Bindungslosigkeit und Selbstverwirklichung, aber auch der verletzliche, ehrliche Stolz der Außenseiterin, die beschlossen hat, ihren ganz eigenen Weg zu gehen: "Als ich sehr jung war, war ich ein großer Elton-John-Fan. Ich versuchte damals schon Songs zu schreiben, aber sie waren richtig schlecht, weil ich es nicht schaffte, meine eigenen Gedanken in den Songs unterzubringen. Viele junge Leute verbergen das, was sie denken, weil sie nicht wirklich daran glauben, und dann verbirgst du es irgendwann vor dir selbst und fängst an, Rollen zu spielen. Ich habe mich entschieden, es anders zu versuchen. Der beste Weg, mit einer schwierigen Situation umzugehen, ist manchmal, nicht daran teilzunehmen. Das gilt auch fürs Musikgeschäft. Du entscheidest dich, was du wirklich willst, und dann solltest du es einfach tun."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer