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Das Gespräch fand 1998 im Münchner Hilton-Hotel statt, kurz bevor das Comeback-Album "No Exit" erschien. Die Geschichte erschien dann im WOM-Journal und ist, wenn ich mich recht entsinne, ziemlich gekürzt; das Original existiert aber leider nicht mehr.
 
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Die blonde Zeitmaschine

Sechs Jahre lang gehörten BLONDIE zu den Größten, dann endete alles in Streit, Prozessen und Krankheit. Ein Gespräch über 16 Jahre Pause, Vergangenheit und Zukunft.

Das nennt man wohl ein Deja-vu: Als ich 15 war, zierte Debbie Harry gleich mehrfach meine Wand, mein Federmäppchen und natürlich meinen Plattenspieler, Tag und Nacht. Jetzt, nachdem ich außer gelegentlichen nostalgischen Sehnsüchten 16 Jahre lang kaum mehr einen Gedanken an sie verschwendet habe, sitzt sie mir gegenüber – 53 Jahre alt, gutgelaunt und umgeben von drei graubehaarten Herren, die seit 1974 ihre Band sind: Blondie.

Warum muß es nach all den gescheiterten Comebackversuchen der letzten Jahre eigentlich auch noch ein Blondie-Comeback geben?

Debbie Harry: Die Gelegenheit war einfach da, und wir haben sie genutzt. Was sollen wir sonst tun? Wir sind Musiker. Du kannst nicht durchs Leben gehen und Gelegenheiten verpassen, das wirst du eines Tages bereuen.

Als ihr euch 1982 getrennt habt, war das weniger eine Bandauflösung als ein öffentlich zelebrierter Zerfall ...

Chris Stein: Wir sind von den Leuten auf der anderen Seite, den Businessleuten, im Stich gelassen und beschissen worden.

Debbie: Die meisten der Leute, mit denen wir geschäftlich zu tun hatten, waren geldgeil. Nicht unbedingt unehrlich, aber auf persönlicher Ebene desinteressiert, und ich denke, ein gutes Management muß so eine Art Familiensinn entwickeln. Man braucht Respekt und Vertrauen, und das hat wirklich gefehlt.

Chris: Wenn du einen Hund schlägst, kriegst du ihn vielleicht dazu, Sachen zu tun, aber gut ist das nicht.

Jimmy Destri: Wir waren alle irgendwie müde geworden, und dann sollten wir nach Japan auf Tournee und sind einfach nicht hingefahren. Wahrscheinlich sind die immer noch sauer.

Könnt ihr euch noch an eure erste gemeinsame Probe erinnern?

Clem Burke: Ich weiß noch genau, das war 1974, ich war 18. Ich hatte einen Matrosenanzug an, weil ich ein Bild von Keith Moon in einem Matrosenanzug gesehen hatte. Chris kann sich noch an die Schuhe erinnern, die ich trug. Wir spielten ein bißchen, aber vor allem haben wir über Musik geredet, über Konzepte. Chris in seiner üblichen Position, irgendwie in den Sessel gegossen, und Fred Smith war am Baß dabei. Wir spielten ein bißchen in ihrem Loft, dann kam Jimmy dazu.

Jimmy: Ich hing schon eine Zeitlang mit den Leuten rum, hatte die passende Frisur und alles. Eigentlich wollte ich Arzt werden, aber dann ging ich ins CBGB’s, und das war’s. Ich sah Debbie und war überzeugt. Eines Tages sagte Chris: Ich habe gehört, du spielst Klavier. Ich, nein, aber ich habe diese alte Orgel. Und dann kam Chris in meine Wohnung in Brooklyn, zeigte mir 20 Songs und sagte: Wir haben Mittwoch einen Auftritt. Das war mein erster Blondie-Gig, im »Mothers« in der 23. Straße in Manhattan, nach den Talking Heads, 1975. »Out In The Streets« war einer der ersten Songs, die wir überhaupt spielten, jetzt ist er auf dem neuen Album.

War die New Yorker Szene Mitte der 70er wirklich so was wie eine große Familie, oder ist das nostalgische Verklärung?

Chris: Es gab kaum Musikzeitungen, kein Fernsehen, da war kaum Aufmerksamkeit. Debbie: New York war wie ein Provinznest, kein Interesse von Medien und Firmen, bis sie uns nach zwei oder drei Jahren plötzlich entdeckten.

Euer damaliger Stil schien mir wie eine Mischung aus Sixties-Underground-Pop und einer Art Cut-up aus US-Kultur-Images. Steckte dahinter eine Strategie?

Debbie: Nein, das war nur eine der Sachen, die alle Bandmitglieder gemeinsam hatten, die Begeisterung für diese Images.

Chris: Bei uns steckt nie eine Strategie hinter irgendwas. Wir tun, was uns gerade einfällt.

In Deutschland hielt euch die ernsthafte Musikpresse für eine Teenieband, vielleicht lag das an der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Mike Chapman, der auch Sweet und Suzi Quatro produziert hat?

Chris: Die deutsche Mentalität ist ganz anders, total eigen.

Debbie: Pop heißt hier was ganz anderes. Die Klischees, die Europäer mit diesem speziellen Sound verbinden, mit Chapman, mit mir als »Mädchen« und so weiter, das hatte in deutschen Augen eine andere Bedeutung als für uns. Die Kombination wurde hier anders verstanden.

Chris: Ich denke, die Ironie ist nicht rübergekommen. Du sagst, die Presse hier sei ernsthaft gewesen, aber ich kann mich nur an diese Buntblätter erinnern, BRAVO und so. (wird plötzlich lebhaft) Hör zu, heute sind wir zu dieser verdammten TV-Show gegangen ...

Debbie: Oh bitte, nicht das!

Chris: Doch, laß mich erzählen! Da hatten sie diese ganzen blonden Mannequins als Dekoration. Wir baten sie, die Mannequins zu entfernen, und der Typ: (keift) In 20 Jahren hat mir noch niemand gesagt ... ! Ein merkwürdiges Erlebnis. Am Ende haben sie die Mannequins dann doch weggelassen.

Chris, was ist eigentlich aus deinem Label Animal Records geworden?

Chris: Ich will Animal Records wieder starten, nächstes Jahr vielleicht. Damals kam so viel zusammen, die Krankheit und alles, da ist die Sache einfach geplatzt.

Debbie: Ich denke, seine Krankheit kam zum Teil daher, daß er zu viele Sachen auf einmal getan hat.

Bist du jetzt wieder ganz gesund?

Chris: Ja, ich denke schon.

Debbie: Das will ich auch meinen! (fällt über ihn her)

Bei Animal Records erschien damals eine meiner Lieblingsplatten, »Miami« von Gun Club. Jeffrey Lee Pierce war ja davor auch Leiter eures Fanclubs ...

Chris: Jeffrey war ein Genie, sein Tod hat mich sehr getroffen; wir waren bis zum Schluß eng befreundet. Es kam sehr überraschend, aber ich glaube, eine Menge Leute haben ihn ermuntert, durchzudrehen und sich totzusaufen. Niemand sagte ihm: Tu das nicht!

Debbie (empört): Ich schon, ich hab ihm gesagt, er soll damit aufhören! Er war richtig schockiert, das konnte er gar nicht glauben.

Chris: Wir haben einen Song für ihn auf der Platte, da haben wir seine Stimme gesampelt.

Debbie (singt): Daddy’s ready to die ...

Chris: Er hätte das bestimmt sehr witzig gefunden.

Mit eurem Comeback gab’s anfangs Probleme ...

Chris: Stimmt, wir mußten da ein bißchen manövrieren. Sobald du etwas Geld verdienst, wirst du überrascht sein, wie viele Leute dich verklagen. Die finden alle einen Grund.

Debbie: Ich weiß nicht, wie das in Europa ist, aber in den USA, sobald du in einer Position bist, wo du zahlen kannst, werden sie dich fertigmachen mit ihren Anwälten.

Hört ihr aus der Popmusik von heute Blondie-Einflüsse heraus?

Chris: Ich kümmere mich nicht besonders darum, was in der Musikszene passiert. Clem kennt alle Bands, aber ich ...

Debbie: Einflüsse schon, aber niemand, der so ist wie wir.

Was ist oder war denn das Besondere an Blondie?

Debbie: Wir wollten starke Individuen haben, die eine bestimmte Art Energie haben, ein bißchen überdreht und geladen. Alles andere war egal. Wir wollten irre Typen, keine verläßlichen Sidemen. Keine anderen Bands waren so, und wenn sie so waren, zerbrachen sie. Wie Tom Verlaine und Richard Hell bei Television, die konnten nicht zusammenbleiben. Tom wollte die Macht nicht teilen. Das passiert normalerweise immer. Die Rolling Stones und Brian Jones, genau dasselbe. Wir wollten das in der Band haben, aber es ist sehr schwer, so eine Band zusammenzuhalten.

Chris: Ja, ich denke, die erste Zeit dauerte genau so lange, wie es jeder aushalten konnte. Obwohl, wären wir von außen besser behandelt worden, wäre es vielleicht länger gegangen. Amerikaner wollen ihre Helden am Boden sehen. Diesmal klappt es so gut, weil wir schon am Boden waren, das macht uns zu einer Art Anti-Helden.

Debbie: Es ist immer spannender, aufzusteigen, als oben zu sein.

Chris: Aber Selbstzerstörung gibt dir eine Art von Menschlichkeit. Daß die Band so auseinandergefallen ist, ließ uns menschlicher erscheinen.

Wie schafft ihr es eigentlich, so jung auszusehen?

Debbie (lacht): Kosmetik.

Clem: Ich bin seit 20 Jahren Vegetarier. Vielleicht ist das auch genetisch bedingt.

Jimmy, als 1982 dein Soloalbum »Heart On A Wall erschien«, war ein Sticker drauf: »Der Keyboarder von Blondie«. Als Debbies erstes Soloalbum erschien, stand drauf: »Blondie – jetzt solo

Jimmy (lacht melancholisch): Ja ja, schon schade. Die haben beide Alben damals nicht promotet, weil sie Angst hatten, wir steigen aus, wenn wir Erfolg haben. Was dann sowieso passiert ist. Zum Teil deshalb, weil sie uns nicht unser eigenes Ding machen ließen.

Was habt ihr denn in den 16 Jahren Pause gemacht?

Clem: Ich hatte eine Band mit Steve Jones von den Sex Pistols, Chequered Past. 1984 hab ich auf Pete Townshends »White City« gespielt, dann mit Bob Dylan, auf »Revenge« mit den Eurythmics, mit meiner Band Dramarama. Vor kurzem habe ich mit Mark Owen in den Abbey Road Studios ein Album aufgenommen, das hat unser Produzent Craig Leon produziert, und Dave Gregory von XTC war dabei. Tolles Album übrigens! Außerdem war ich auf Tournee mit allen möglichen Leuten, hab mit David Bowie Filmmusik gemacht ... ich habe immer die Kameradschaft in einer Band gebraucht, das ist mein Leben.

Jimmy: Ich war nach Blondie drei Jahre lang betrunken, völlig kaputt, hab alles kaputtgemacht, indem ich mich vollgedröhnt habe; (lacht) also, ihr Kids da draußen, dröhnt euch nicht voll, es ist keine gute Idee! Ich hab dann ein neues Geschäft angefangen, geheiratet, und ungefähr 1990 bin ich wieder ins Musikgeschäft eingestiegen, als Produzent. Ich hätte schon U2s »War« produzieren sollen, verbrachte ein dreiwöchiges besoffenes Wochenende in Dublin mit Adam Clayton, aber wir kriegten nichts fertig. Dann wurden sie die größte Band der Welt, und ich ohrfeigte mich selbst und wurde immer betrunkener. Meine Frau rettete mein Leben. Irgendwann fing ich an, Remixes zu machen, für Prince und World Party, und als ich den Anruf von Blondie bekam, hab ich alles liegen und stehen lassen, um das zu tun. Obwohl ich ein bürgerliches Leben führte und meine Frau sehr liebe, war die Zeit dazwischen irgendwie irreal; dies ist das wirkliche Leben. Ich fühle mich mit diesen drei Typen besser als mit irgend jemand sonst. Ich habe dazwischen zwar Songs geschrieben, Chris auch, aber dann haben wir alles weggeworfen und neue Sachen geschrieben, weil wir zusammen einfach besser sind, wenn wir miteinander reden. Wir sind gemeinsam auch als Einzelmenschen besser.

Eure ersten beiden Alben liefen hierzulande unter »Punk Rock« ...

Jimmy: Damals war uns das ein bißchen unangenehm. Im Rückblick gefällt mir die Bezeichnung aber doch sehr, es ist irgendwie cool, und das meiste war echte Popmusik, die Pistols zum Beispiel.

Als ihr euer letztes Album veröffentlicht habt, gab es weder MTV noch CDs. Passen Blondie noch in die moderne Welt?

Jimmy: Stimmt, heute ist alles ganz anders, nur die Musik ist gleich. Das Business ist künstlerfreundlicher, weil es jetzt von Leuten organisiert wird, die jünger als wir sind und Blondie-Fans waren. Kurz nachdem wir uns getrennt hatten, wollte Chrysalis übrigens unsere ganzen Songs kaufen. Das wäre ein Batzen Geld gewesen, aber wir hätten sämtliche Rechte daran verloren. Wir sagten nein, das war eine gute Entscheidung, weil gleich danach die CDs aufkamen.

Wie wird das nächste Blondie-Album klingen?

Jimmy: Diesmal waren wir einfach froh, wieder da zu sein. Beim nächsten Mal werden wir ein bißchen kontroverser sein. Ich will neue Stilrichtungen ausprobieren, atonal, verrückt. Wir haben es irgendwie immer geschafft, genießbar zu sein. Ich möchte ein bißchen in den Wahnsinn fliehen.

Clem: Ich will mehr ethnische Musik machen, Latin zum Beispiel. Obwohl, wenn ich entscheiden dürfte, würde die nächste Platte wie die 1910 Fruitgum Company klingen.

Jimmy: Jetzt kannst du dir in etwa die Mischung vorstellen. (lacht) Debbie steht auf Jazz, Chris auf poppige Filmmusik, ich auf atonalen Wahnsinn, und Clem will in Richtung World Music und Bubblegum gehen, so Südsee-Zeug. Das wird sehr spannend!


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