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Geschrieben am 12. Februar 1999 fürs WOM-Journal.
 
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60 Minuten im Hyperraum

Blur, München Bryggerie, Stockholm

Wer die Stockholm-Beschreibungen in den Krimis von Maj Sjöwall und Per Wahlöö kennt, braucht sich nur die Buchstaben von den Seiten wegzudenken, um einen relativ genauen optischen Eindruck davon zu haben, wie die schwedische Hauptstadt und ihr Umland gegen Ende des Winters aus der Luft aussehen: strahlend weiß und unberührt (abgesehen von schüchternen grün-schwarzen Baumgruppen, die höflich und bescheiden unter sich bleiben), überflutet von einem Sonnenlicht, dessen Intensität trotz Minusgraden an Badekleidung denken läßt.

Eine schöne Koinzidenz, daß ausgerechnet hier das sechste Blur-Album seine Live-Premiere erleben soll. Denn ähnlich makellos und rein schlüpfte die Band vor zwei Jahren aus dem Brit-Pop-Sumpf heraus und legte, statt sich wie geplant aufzulösen, mit dem angemessen betitelten Album "Blur" einen zweiten Karrierestart hin, der sich höchstens noch mit der Wiedergeburt der Manic Street Preachers vergleichen läßt. "Blur" wurde das bis dahin erfolgreichste Album, und die schnell abgelutschte Britpop-Routine von "The Great Escape" ist heute ebenso wie die Charts-Rivalität mit einer Band namens Oasis nur noch eine Fußnote der Geschichte.

Nur für die, die meinen, so was schon erwartet zu haben: Das neue Album "13" ist ein Sprung nach vorne (und zur Seite), dessen Spannweite durchaus den Gedanken plausibel erscheinen läßt, man habe dazwischen elf Alben übergangen. Das Promo-Cover ist weiß wie jenes berühmte Doppelalbum, und der Vergleich ist gar nicht mal so schwach auf den Beinen. Das zeigt sich auch live: Blurs Set ist ein solcher Wirbelsturm von völlig entgleistem Lärm-Crescendo, betäubender Ruhe und einem Zeitraffer-Durchlauf so ziemlich aller Pop-Stil- und Spielarten, die man sich denken kann, daß man größtes Verständnis dafür aufbringt, wenn Damon Albarn seiner alten Gewohnheit treu bleibt und zwischendurch immer mal wieder den falschen Song ankündigt.

Es beginnt mit der Single "Tender", für die Alex James eigens seinen Kontrabaß auf die Bühne geschleppt hat, den er nach der extended version des Britgospel-Hits dann gleich wieder nach hinten reicht. "Tender" ist grandioser Anfang und Alibi zugleich: Für die, die glauben, Blur könnten vor lauter Experimenten keine Ohrwürmer mehr schreiben, haben sie in den Song gleich drei verschiedene Refrains reingepackt und dafür auf Strophen verzichtet.

Danach bricht ein Orkan los, der den Verdacht nahelegen könnte, da stünden in Wirklichkeit nicht vier, sondern mindestens vierzig Musiker auf der Bühne, die nach den Kommandos eines unsichtbaren Dirigenten scheinbar einfach durcheinander spielen, während sich das Chaos im Ohr des verblüfften, konsternierten, begeisterten Hörers zu einer unerhörten Form neuer Musik sammelt, von der Punk-Raserei in "B.L.U.R.E.M.I." bis zum Space-Zydeco in "Swamp Song". Obwohl von Anfang bis zum abschließenden Tränendrüsen-Abschied "No Distance Left To Run" nur neue Songs ertönen, tobt das größtenteils minderjährige Publikum ebenso vor Begeisterung wie die Band selbst, deren halsbrecherisches Herumgehüpfe den Sanitätern am Bühnenrand Fracksausen verursacht. Abgesehen von Alex James, der sich unter dem Einfluß seines aktuellen Lieblingsgetränks Absinth offenbar in eine Abform des frühen Nicky Wire verwandelt hat und nur neblig grinst, wenn ihm immer mal wieder ein freundlicher Mittelfinger entgegengestreckt wird. Musikalisch wird vor allem eines deutlich: So erfreulich und gelungen der Versuch ist, das neue Album von dem absolut "un-rocknrolligen" William Orbit produzieren zu lassen – zu ihrer ganzen Wucht und Größe wachsen die Songs erst live, wenn alles aus dem Ruder läuft.

Die Zugaben werden dann doch noch zum Trip in die Vergangenheit, allerdings verläuft auch diese Reise nicht auf gewöhnlichen Pfaden: Auf "Beetlebum" folgen mit "No Other Way" und "Popscene" zwei Uralt-Singles in Warp-13-Versionen, die kaum noch wiederzuerkennen sind. "Song 2" bildet den Abschluß einer berauschenden Raserei, nach der mancher noch lange erschöpft und verwirrt im längst beleuchteten Saal sitzen bleibt.

Den perfekten Kontrast liefert die After-Show-Party im angesagten "Spy"-Club: Da stehen Horden von jenen businessüblichen Typen rum, die aussehen, als wären sie im letzten Leben Roadies bei Showaddywaddy gewesen, und alle zehn Minuten "Hu! Hu!" schreien, weil sie alles mögen, was alle mögen, und lassen mit verbissenem Grinsen den geilsten und wahnsinnigsten Lärm der Menschheitsgeschichte noch einmal in Studioversion über sich ergehen, und unüberlesbar steht auf ihre Hinterköpfe geschrieben: "Oh Gott! Das steh‘ ich auch noch durch!" Mittendrin, weitgehend unbemerkt: Damon, er strahlt und plaudert und ist einer der wenigen ganz normalen Menschen.

Und für den Moment sind Blur das, was sie früher immer sein wollten, aber erst sein können, seit sie es nicht mehr wollen: die beste Band der Welt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer