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Geschrieben 1995 fürs WOM-Journal. Das Interview fand an einem Vormittag in einem Münchner Hotel statt. Im Bayerischen Hof, wenn ich mich recht entsinne.
 
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Guter Onkel, schlechte Mutter

Seine erste Karriere brach wie ein Gewitter über die Welt herein: Fünf Jahre lang hielt BOY GEORGE die Welt mit bisexuellen Attitüden, Heroin-Eskapaden und Hits in Atem, ehe er aus den Schlagzeilen und nach Indien verschwand. Michael Sailer traf den Paradiesvogel in den Startlöchern zum Comeback.

Wie lange haben wir für das Interview Zeit? Drei Stunden könnten reichen

Um Gottes Willen! Mein Mittagessen!

Du hast gerade deine Autobiografie geschrieben. Was steht drin? Warum sollte ich sie lesen?

(Lacht) Wart's ab! Niemand muß das Buch lesen, aber viele meiner schwulen Freunde, denen ich Teile daraus vorgelesen habe, sagten: 'Wow, das ist meine Jugend!' Ich denke, viele werden sich darin wiederfinden. Das Buch wird gerade in England ausgeliefert, und keine Zeitung wird etwas davon abdrucken können, denn es ist ein sehr schwules Buch, die haben davor Angst. Du kannst nichts aus dem Buch rausnehmen, was nicht schwul ist. Es ist ein Buch über die Achtziger, und viele Leute werden es verstehen. Genausoviele werden es nicht verstehen, aber vielleicht kann ich denen ein paar Sachen erhellen. Lesen ist wahrscheinlich das beste, was du für deine Seele und dein Bewußtsein tun kannst, du lernst, wenn du liest. Und das Buch ist sehr ehrlich, es ist nicht von George Michael.

Hat die Ehrlichkeit was mit Exhibitionismus zu tun?

Ja, ein bißchen vielleicht, aber viel mehr mit Ehrlichkeit. Bei den meisten Autobiografien weißt du danach nicht mehr über den Kerl als davor, deshalb wollte ich die Wahrheit schreiben, soweit ich sie kenne.

Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal mit Musik in Berührung kamst?

Ja, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, wollte ich Shirley Bassey sein, ich hatte sie im Fernsehen singen und tanzen gesehen. Die meiste Musik habe ich als Kind im Fernsehen erlebt, in Hollywood-Musicals am Samstagnachmittag. Zuhause gab es Frank Sinatra und sowas. Später habe ich Pop und Rock entdeckt, David Bowie, T.Rex, dann war ich ein Punk. Ich habe immer alle Arten von Musik geliebt, wenn du meine CD-Sammlung siehst, könntest du nicht sagen, was für ein Mensch ich bin. Ich habe alles, von Elvis Presley bis Rap. Manchmal stehe ich auf und mache Tee und bin irgendwie so drauf, daß ich Pantera auflege, ein anderes Mal was Klassisches. Musik hat mit Stimmungen zu tun.

Wann hast du selber daran gedacht, Musiker zu werden?

Als ich zehn war, wollte ich Popstar sein. Ich war mit elf in einem David-Bowie-Konzert...

Durftest du da schon rein?

Ja, niemand hat mich abgehalten, ich war sowieso ein bißchen früh entwickelt. Ich war auf vielen Konzerten damals um 1973, mit den Klamotten meines Bruders.

Was hattest du an, Glam-Rock-Sachen?

Nein nein, ich trug so ein Hippiehemd, zweifarbige Trompetenjeans, Plateauschuhe, Brille, einen sehr lustigen Haarschnitt, so etwa

Oh Gott, wie Dave Hill von Slade?

Yeah! Genau so. Und dazu eine indische Jacke mit Spiegeln und Patchwork! Ich meine, ich wollte Sänger sein, die Welt des Entertainment schien mir ein guter Platz für mich. Weißt du, als ich aufwuchs, habe ich mich überall sehr fremd gefühlt, auch in meiner Familie. Ich dachte, wenn ich berühmt wäre, wäre ich unglaublich frei.

Dann hast du den Charakter Boy George erfunden.

Ich glaube nicht, daß Boy George eine Erfindung ist. Er war immer eine Erweiterung von mir selbst. Nicht sowas wie Bowie, der Ziggy Stardust war, das wollte ich nie.

Ich dachte immer, bestimmt läuft er am Wochenende daheim unrasiert und ohne Schminke in Jogginghosen rum.

Ja, solche Tage gibt es natürlich. Aber ich liebe es, mich zu kostümieren, zu verwandeln, anders auszusehen. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, manchmal auch ein Schutz, die Leute kommen dir nicht zu nahe, wenn du mit Handschuhen und sowas daherkommst.

Was haben deine Eltern dazu gesagt?

Sie waren entsetzt. Sie machten sich Sorgen, hofften, daß das wieder vergeht. Eltern haben immer Angst um ihre Kinder, wenn du so unheimliche Sachen tust, fragen sie sich: 'Wie wird er das überleben?'

Die Sorgen vergehen, wenn du Geld damit verdienst.

Natürlich, als ich mit Musik Geld verdiente, sagten sie: 'Ach so, DAS ist es also!' Davor habe ich ja überhaupt nichts getan, den ganzen Tag geschlafen, bin stempeln gegangen, in Nachtclubs rumgehangen. Das macht Eltern natürlich Sorgen. Für mich war es außerdem auch befreiend, als ich anfing, Geld zu verdienen.

Wenn deine Autobiografie jetzt erscheint, was wird dann im zweiten Teil passieren?

Wie meinst du das?

Na ja, ein bißchen früh ist es ja schon

Finde ich nicht. Ich denke, es ist sehr normal, sich dauernd zu verändern. Das Buch ist schon so eine Art Katharsis, es endet vor drei Jahren, als ich nach Indien ging. Es hat viel mit Culture Club zu tun, damit, berühmt und reich zu werden.

Kannst du dich an das erste Mal erinnern, als du mit Culture Club gespielt hast?

Ja, aber nicht genau. Lies es besser im Buch nach. Das ist das Gute daran: Endlich muß ich keine Fragen dazu mehr beantworten.

Ich dachte mir schon, daß dich das zu Tode langweilt: 'War er nun wirklich in Jon Moss verliebt?' und so was.

Natürlich war ich das. Das Buch wird eine Menge altes Zeug wieder ausgraben, Jon wird bestimmt nicht sehr glücklich darüber sein. Aber die Wahrheit ist die Wahrheit.

Hat es dein Leben verändert, nach Indien zu gehen?

Das Leben hört nie auf, sich zu verändern. Du siehst heute bestimmt anders aus als mit sechs Monaten, und mit sechzig wirst du wieder anders aussehen. Das Leben ist Veränderung. In Indien hatte ich das erste Mal Zeit für mich selbst. Indien ist ein sehr entlegener Ort, alles, was du in der westlichen Welt für selbstverständlich nimmst, ist unmöglich: weiches Klopapier, Telefonieren, Fernsehen, Zeitungen. Das war eine gute Erfahrung, ich war isoliert, hatte Zeit zum Nachdenken. Und die Kultur, die Armut, all das verändert dich. Es ist sehr spiritueller und manchmal beängstigend. Im Januar fahre ich wieder hin, nach Djaipur, Bombay und Bindaven, wo Krishna geboren wurde, so eine Art indisches Mekka.

Hattest du die religiösen Ideen schon vor Indien?

Ach, ich habe keine absolute religiöse Idee. Alle denken, ich bin ein Hare Krishna, aber ich bin eigentlich gar nichts. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu den Leuten, ich liebe Krishna, bin Vegetarier und sehr interessiert an spiritueller Entwicklung, das ist alles. Indien bringt dich in Berührung mit dir selbst, weil alles so ein Alptraum ist, du stellst dein ganzes Leben in Frage, das ist eine spirituelle Erfahrung. Für mich heißt Erlösung Ehrlichkeit. Die größte Sünde ist, dich selbst zu belügen. Ich habe mich lange belogen und versuche jetzt, das immer mehr loszuwerden. Ich will Ehrlichkeit in meiner Musik und in meinem Leben.

Bedeutet das nicht auch, Verkleidung und Schminke loszuwerden?

Ich weiß nicht, Verkleidung ist ein Spiel, das ist in Ordnung.

Es kann aber auch dazu dienen, etwas zu verbergen.

Na klar, ich könnte sagen: Du trägst Hosen, um deinen Schwanz zu verstecken, es gibt also praktische Gründe, Dinge zu verbergen. Frauen tragen Make up, weil sie sich damit besser fühlen. Es gibt verschiedene Arten von Verkleidung, und ich weiß sehr gut, daß es mir Selbstvertrauen gibt, mich zu kostümieren. Hast du schon mal einem Transvestiten beim Verkleiden zugesehen?

Nur im Fernsehen.

Du mußt im selben Raum sein, es ist unglaublich, wie er plötzlich lebendig wird. Es ist nicht nur das Gesicht, es ist Energie. Wenn du morgens aufstehst und fühlst dich beschissen, nimmst du eine Dusche, das ist auch eine Art Energie. Aber ich rede gar nicht von oberflächlichen Dingen, ich rede von Dingen, die Leute verbergen, weil sie Angst haben, sich auszudrücken, für sich selbst zu sprechen. Soviele Leute leben in Angst, und Angst ist so gefährlich.

Angst macht einen aggressiv.

Ja, oder schwach. Aggressivität hat nichts mit Stärke zu tun. Gewalt ist die letzte Zuflucht der Ignoranz, wenn dir die Argumente ausgehen. Ich streite manchmal, aber ich weiß, daß ich verliere. Dieser französische Fußballer, kennst du die Geschichte?

Nein, welche Geschichte?

Der hat in England einen Hooligan umgehauen, der mit Zeug nach ihm geworfen hat. Mit einem Kung-Fu-Schlag, jeder sagte: 'Wie konnte er nur sowas Schreckliches tun?' Es ist ja auch schrecklich, aber manchmal kannst du dir nicht anders helfen. Du mußt dir nur bewußt sein, daß es eine Art von Schwäche ist, zuzuschlagen. Wenn Leute sich mit dir prügeln wollen und du weigerst dich, halten sie dich für einen Feigling, aber ich glaube, es ist ein Zeichen von Stärke.

ich habe gestern einen Film im Fernsehen gesehen, da war die ganze Erde entvölkert, nur drei Leute übrig, die nichts voneinander wußten. Die hatten all diese Einkaufszentren, Paläste, Hotels zu ihrer Verfügung. Und was tun sie? Sie bewaffnen sich bis auf die Zähne und verstecken sich.

Ja, ich glaube, die meisten Leute fürchten sich.

Als du Drogen genommen hast, dachtest du da je ans Sterben?

Sicher. Deshalb hab ich ja aufgehört.

Hättest du auch aufgehört, wenn sie dich nicht erwischt hätten?

Ich wollte schon viel eher aufhören, aber wenn du in diesem Teufelskreis bist, ist das sehr schwer, es tut sehr weh. Auch als ich dann aufhörte, wollte ich das eigentlich nicht wirklich. Ich wollte, aber ich wollte nicht. Das ist ein elender Zustand, ich hatte großes Glück, daß mich meine Familie so unterstützt hat. Es hat monatelange gedauert, bis ich wirklich nichts mehr nehmen wollte, aber als ich den Entzug einmal hinter mir hatte, war klar, daß ich das kein zweites Mal durchhalten würde. Das war's. Jetzt nehme ich überhaupt nichts mehr. Ich trinke ab und zu etwas, aber ich rauche nicht mal Dope, nehme keine Tabletten oder irgendwas. Ich mag einfach keine Drogen, ich hab' das hinter mir, und zwar bis zum Exzeß, nochmal muß ich da nicht durch. Leute nehmen Drogen, um zu fliehen, deshalb rauchen sie auch Zigaretten. Wenn du eine Zigarette hast, mußt du nicht denken.

Doch, Zigaretten unterstützen das Gehirn sogar.

Ach was, tun sie nicht.

Doch, das ist irgendein organischer oder chemischer Prozeß.

Glaube ich nicht. Zigaretten unterdrücken deine Gefühle. Du bist mit dem Essen fertig, es ist nichts zu tun, also zündest du eine Zigarette an. Das ist mit Drogen dasselbe, glaub mir, ich hab's erlebt. Drogen erweitern dein Bewußtsein nicht, sie schließen es.

Betrachtest du die Zeit, als du süchtig warst, als verschwendet?

Nein, es war eine sehr wichtige Zeit, ich habe gelernt, was ich heute weiß. Ich meine, du brauchst nicht Drogen zu nehmen, um erleuchtet zu werden, aber ich glaube nicht an Reue. Genauso könnte ich an meine Zeit mit Jon bei Culture Club zurückdenken und sagen, das war eine verdammte Zeitverschwendung, was es in gewisser Weise war. Aber ich weiß jetzt, daß ich so eine Beziehung nicht mehr will, das erspart mir eine ganze Menge Ärger und Schmerzen. Also: Ich habe mit Drogen eine Menge Zeit und Geld verschwendet, aber es hat mir geholfen, eine stärkere Persönlichkeit zu werden. Ich dachte immer, um kreativ zu sein, muß man leiden, also hatte ich jede Menge Dramen in meinem Leben, in meinen Beziehungen. Jetzt weiß ich, daß man auch ohne Schmerz und Chaos glücklich sein kann. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo immer gekämpft und gebrüllt wurde. Also dachte ich, zu einer Beziehung gehört das. Ich kämpfte und schrie und hielt das für Liebe. Das ist wie eine Droge, du kommst schwer da raus. Bei Culture Club war alles hysterisch, ein Alptraum, ein Drama. Jetzt genieße ich meine Arbeit, mein Leben, ich habe die Kontrolle über meine Arbeit, und ich bin dafür verantwortlich. Wenn du Leute respektierst, respektieren sie dich, das ist die entscheidende Erfahrung, die ich gemacht habe. Da bin ich jetzt. Ich habe nichts, worüber ich mich beklagen könnte: Ich mache, was ich am besten und am liebsten mache, und werde dafür bezhalt. Wer kann das schon von sich sagen? Die großen Wahrheiten in unserem Leben sind oft so klein und einfach, daß wir sie übersehen. Wenn wir uns mehr Zeit zum Nachdenken ließen, würden wir viel lernen.

Daran dachte ich, als ich hörte, daß dein Album mit Iggy Pops "Funtime" anfängt: Iggy mußte einiges durchmachen, um zu spüren, wie einfach und schön das Leben ist. Wie Boy George.

Eines kann ich über das Leben sagen: Es ist dazu da, gelebt zu werden. Oft entdecken wir unsere Fehler zu spät, manche Leute nie, sie sterben, ohne etwas erkannt zu haben. Deshalb ist es wichtig, deine Teufel und deine Sünden kennenzulernen. Und stolz zu sein, nicht arrogant. Wenn mir früher jemand ein Kompliment über meine Stimme gemacht hat, war ich beschämt, ich wollte das nicht hören. Ich mußte lernen, Komplimente zu bekommen. Deshalb wirst du nicht großkotzig, du weißt einfach: 'Ja, dies und jenes, was ich getan habe, ist gut. Nicht besser als du oder sonst wer, aber ich habe mein Talent.' Die meisten Leute denken, 'wenn du verlierst, werde ich gewinnen!' Ich glaube, jeder kann gewinnen, wenn er weiß, was er tut. Und denk an Dinge wie Rassismus: Jeder fragt: 'Was soll ICH schon tun?' Aber die Macht des Einzelnen ist unglaublich groß, beim Einzelnen fängt es an, bei dir, und nicht bei irgend jemand. Wenn du Kinder hast, hast du eine Chance, sie zu erziehen. Ich bin dreifacher Onkel, der Sohn meines Bruders ist fünf Jahre alt. Er weiß, daß ich schwul bin, er weiß, daß Michael mein Freund ist, und für ihn ist das überhaupt kein Problem. Da siehst du deinen Einfluß: Der Kleine hat meinen Bruder gefragt 'Was ist das da auf meinem Teller?', er sagte 'Das ist ein Lamm', und seitdem ißt der Junge kein Fleisch mehr. Man kann an Kindern soviel zerstören: Manchen wird nur gesagt, sie sollen das Maul halten, und mit sechs Jahren sprechen sie dann wie Babies. Du mußt offen und ehrlich sein, und darum geht es in meine Songs, ich sage Dinge, die du normalerweise in Popsongs nicht hörst. Der einzige, der in den letzten zwanzig Jahren schwule Dinge in Popsongs gesagt hat, war Kurt Cobain: 'What more should I say, everyone is gay'. Ich glaube, das einzige, was es gibt, ist Sexualität. Homosexualität ist genauso pervers wie Heterosexualität.

Natürlich, solange sich deine Sexualität nicht auf Personen bezieht, sondern auf Geschlechter

Absolut. Das hat übrigens schon Freud gesagt. Es gibt alle möglichen Formen der Anziehung zwischen Menschen, und alle sind normal. Das meine ich, wenn ich sage, jeder ist schwul. Und das hat Kurt Cobain gemeint.

Willst du selbst mal Kinder haben?

Nein.

Warum nicht?

(Lacht) Weil ich nicht will. Wenn ich Kinder haben wollte, müßte ich eine Frau haben, aber ich lebe mit einem Mann, und ich mag Männer. Ich liebe Kinder, aber ich glaube, ich könnte die Verantwortung nicht tragen. Vielleicht sind Frauen besser dafür ausgerüstet, Kinder großzuziehen. Du kannst dann nicht mehr einfach so abends weggehen und die Kinder vergessen. Ich bin wahrscheinlich einfach zu selbstsüchtig. Ich bin ein guter Onkel, aber eine schlechte Mutter.


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