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Geschrieben 1995 fürs WOM-Journal. Es war unsere dritte Begegnung: 1993 hatte ich Harry schon mal interviewt, und 1994 hatten wir zusammen in der Münchner Charterhalle gespielt - die Photos von der folgenden Backstage-Party sind leider verschollen.
 
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Das anarchistische Welttheater

Eine Band wollen CHUMBAWAMBA nicht sein, und Musiker schon gar nicht. Sondern Anarchisten. Wie sie es schaffen, dennoch eine der aufregendsten Erscheinungen der heutigen Popszene zu sein, erfuhr Michael Sailer bei einem lockeren Seminar über revolutionäre Theorie und Praxis.

Der Weg, den die vielköpfige Kommune aus Leeds in den letzten 14 Jahren nahm, war abenteuerlich und kontrovers: Ihr erster Auftritt an Elvis' Geburtstag 1982 endete in einem Flaschenhagel. In den folgenden drei Jahren zogen sie mit einer Mischung aus revolutionärer Agitation und Post-Punk-Lärm durch die Lande, erregten Aufsehen durch Unterstützung des Streiks der englischen Minenarbeiter und gründeten ihr eigenes Label Agit-Pop, um sich den »menschenfresserischen« Strukturen der Musikindustrie zu entziehen. »Pictures Of Starving Children Sell Records« lautete ihre LP-Antwort auf den Live-Aid-Rummel, die nicht überall auf Gegenliebe stieß, aber an der Spitze der britischen Independent-Charts landete. Dazu trugen die acht Aktivisten Maggie-Thatcher-T-Shirts mit der Aufschrift »The Beast Must Die«. »Dabei müssen wir der Thatcher-Regierung eigentlich dankbar sein«, meint Alice Nutter heute nicht ohne Ironie. »Als wir aus der Schule kamen, gab es erst keine Jobs mehr, dann wurde das Arbeitslosengeld gestrichen. Indem sie jungen Leuten wie uns jede Hoffnung auf eine bürgerliche Zukunft nahm, gab sie uns die Chance, uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich für wichtig hielten.«

Einer weiteren Punk-Platte folgten die »English Rebel Songs 1381-1914«, mit denen Chumbawamba zeigten, »daß nicht nur Irland, sondern auch England sehr wohl eine radikale und revolutionäre musikalische Tradition hat, die nicht vergessen werden sollte.« Und mit »Slap« der erste Ausflug auf den Dancefloor: »Die Idee war, die Symbole und Strukturen der herrschenden Geschmacksindustrie zu stehlen und für unsere Zwecke zu mißbrauchen. Es hat keinen Sinn, anarchistische Parolen so lange vor den selben paar Leuten runterzukrähen, bis sie sie auswendig können. Du mußt dort subversiv sein, wo der Feind ist. Nimm seine eigenen Bilder und reproduziere sie noch größer, schon bedeuten sie das Gegenteil», beschreibt Schlagzeuger Harry die Strategie. »Das Interessante am Kapitalismus ist, daß man seine eigenen Instrumente verwenden kann, um ihn zu entlarven und anzugreifen.«

Mit – zumindest kommerziellem – Erfolg: Zwar konnte ein Mini-Album mit zusammengeklauten Zitaten von Abba bis Stones nur als Bootleg erscheinen, aber mit dem letzten Album »Anarchy« gelang es Parolen wie »Enough is enough / give the fascist man a gunshot«, ins alltägliche Autoradio zu gelangen. »Politische Musik hieß damals U2 und so was: möglichst schwammig und reaktionär. Gebt euch die Hand und sagt ›Frieden‹!« Chumbawamba setzten auf das Gegenteil: direkte Aktion. Als ein Plattenladen in Leeds wegen ihrer T-Shirts im Schaufenster zweimal von Nazi-Schlägern heimgesucht wurde, reagierte die Band ganz unmusikalisch. »Wir wußten, wo die Kerle immer ihre Zeitungen verteilen, also sind wir hingefahren, zehn Leute oder so, und haben einfach verhindert, daß das Zeug verteilt wurde. Das ist keine Botschaft, aber effektiv«, erzählt Harry. Und Alice meint: »Das Gefährliche an den Faschisten ist, daß sie auf der einen Seite eine Atmosphäre von Terror und ständiger Bedrohung verbreiten, auf der anderen Seite den Leuten Visionen von gemütlicher Sicherheit vorgaukeln. Sie sagen den Frauen, daß sie ihnen Macht geben werden - nämlich die im eigenen Wohnzimmer. Dann verbreiten sie Angst und Gewalt auf der Straße, bis keiner mehr was anderes will als Ruhe in seinem eigenen Wohnzimmer. Deshalb sind wir Anarchisten: Jeder glaubt an die liberale Lüge von der absoluten Freiheit des Einzelnen. Die Folge ist, daß jeder allein und machtlos vor sich hin schuftet. Ohne die Verbindung von individueller Macht und sozialer Verantwortung endet jede menschliche Gesellschaft im Krieg.«

Nach langen Diskussionen beschloß das Kollektiv Chumbawamba, mit dem neuen Album auch neue Wege zu gehen: keine Parolen mehr, dafür die Besinnung auf die Welt und die Gefühle des Einzelnen. »Wir können keine erfolgreiche Formel reproduzieren. Wenn es keine wichtigen neuen Dinge zu sagen gibt, hat die Band keinen Sinn mehr.« »Swinging With Raymond« besteht aus einer »Love«- und einer »Hate«-Seite – nicht etwa aus traditionalistischer Liebe zur Vinylplatte. »Die Lovesongs haben mit dem üblichen Konzept von Hochzeit in weiß und Püppchenfrauen, die sich nach Sklaverei sehen, nichts zu tun. Liebe ist unvernünftig, aber nicht blöd«, stellt Alice klar. Wer Texte wie »This Girl« aufmerksam liest, versteht, was sie meint. Aber auch die »Hate«-Songs passen nicht ins Klischee: »Haß ist eine positive Kraft. Bewußter Haß macht den Blick klar und zeigt die Richtung.«

Die Anregung zu der dualistischen Trennung lieferte Trompeter Mavis Dillons Vater (eben Raymond), auf dessen Handrücken die Worte »Love« und »Hate« tätowiert sind. »Als er jung war, war das mal Mode, wegen diesem Film, wo Robert Mitchum so tätowiert war.« Daß Raymond das Cover der Platte ziert, trägt nebenbei vielleicht noch eine andere Botschaft: »Alte Leute haben in der Ideologie der neuen Rechten nichts verloren«, stellt Alice fest. »Es gab dieses Statement von einem jungen Hoffnungsträger der englischen Konservativen: ›Dieses Krankenhaus können wir schließen, weil da nur alte Leute drin sind.‹ Der Kerl mußte sich nicht mal rechtfertigen!«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer