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geschrieben im Oktober 1999 für den Rolling Stone; das Konzert fand damals in Wien statt und war das einzige in Europa
 
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David Bowie: 27 Jahre und drei Sekunden

Eine Untersuchung in England führte kürzlich zu dem Ergebnis, daß praktisch jede kursierende Pfundnote mit Kokainspuren verunreinigt ist. Stellt man die Summe in Rechnung, die in den 70er und 80er Jahren in gerollter Form allein David Bowies Nase von innen gesehen hat, so kann man sich nur wundern, in welch blendender Verfassung der Thin White Duke sein sechstes Lebensjahrzehnt angeht.

Das österreichische (und aus weiterer Umgebung angereiste) Publikum macht es dem gerade vom britischen Straßenblatt THE SUN zum "größten Star des 20. Jahrhunderts" gewählten Bowie von Anfang an leicht: Die mit gut 2.500 Leuten gefüllte Wiener Libro Music Hall bebt vor Erwartung und Spannung, die kritischen Ohren versagen umgehend den Dienst; man feiert das Wiedersehen mit dem Idol der 70er Jahre, dem einst die Versöhnung von Avantgarde und Pop gelang und das man lange Jahre vermißt hat - das neue Album "Hours ..." schließt da an, wo "Scary Monsters" 1980 aufhörte, und Bowies Ablehnung der eigenen Arbeit in den mittleren 80er Jahren, die er nachmittags bei der Pressekonferenz gutgelaunt verkündet hat, schlägt sich glücklicherweise im Programm nieder: Von zwei Ausnahmen abgesehen - einem furiosen "China Girl" und dem Tin-Machine-Song "I Can't Read", hoffnungsloser Bastard aus synthetischer Wut und mißglückter Ballade und einziger echter Schwachpunkt des Abend - ertönt nichts, was zwischen 1980 und 1998 entstand. Statt dessen gibt es ein lockeres, von Späßchen, Geschichten und angekündigten Einlagen in "interpretative dance" von Background-Sängerin Lani Groves und Bassistin Gail Dorsey (die nach zwei Schritten lachend "Fuck you!" ruft und abbricht) verbundenes Potpourri aus früher, noch früher und heute - 16 Songs hat Bowie, wie er gutgelaunt erzählt, mit der Band für die drei europäischen Konzerte eingeübt, "If I'm Dreaming My Life" kommt spontan dazu ("Das haben wir wirklich, wirklich, wirklich nicht geprobt!). "Life On Mars" macht den Anfang, und das erste Ohnmachtsopfer wird von der VIP-Tribüne getragen. Viele sichere Trümpfe fehlen, dafür gibt es manche Überraschung: "Drive-In Saturday" etwa, jenen Song, den Bowie einst Mott The Hoople als Nachfolge-Hit für "All The Young Dudes" anbot (die lehnten ab und verschwanden aus der Popgeschichte), "Repetition" vom 79er Album "Lodger" (eine höchst seltsame Mischung aus Stampf-Beat, Beziehungsabrechnung - die Scheidung von Angie lief - und schräger Lakonie) und "I Can't Help Thinking About Me" von 1966 ("Dies ist der erste Song, den ich als David Bowie geschrieben habe - 80 Prozent von euch waren damals noch gar nicht geboren!"). Bowie gibt scherzhafte Einlagen als Straßensänger, er tanzt (charmant und leicht unbeholfen wie eh und je), und er lächelt, lacht, lächelt und lacht, immer wieder.

Die große Überraschung ist eigentlich nicht, daß die neuen Songs im Set überhaupt funktionieren, sondern daß sie die besten Momente des ganzen Konzerts sind, weil sie genau jene Qualität haben, die "Ziggy Stardust", "Wild Is The Wind", "Sound And Vision", "Young Americans", "Station To Station", "Heroes", "Ashes To Ashes" (die an diesem Abend alle nicht gespielt werden) so unwiderstehlich machte: die Verbindung aus Melancholie und grenzenloser Euphorie in einem emotionalen Mahlstrom, das, was Bowie in der Pressekonferenz zuvor die Triebfeder jeder guten Kunst nannte: zu spüren, wie unendlich schon und teuer das Leben ist, und gleichzeitig zu wissen, daß das Ende, der Tod, unvermeidlich dazugehört. "Alle Lust will Ewigkeit", schrieb Nietzsche; diese Erkenntnis und die verzweifelte, trotzige Kraft, die ihr entspringt, in Musik umzusetzen ist Bowies Stärke, nicht etwa die vielen Image-Spielereien, mit denen er uns in den letzten 30 Jahren immer wieder überrascht, inspiriert, seit 1983 aber oft genug auch maßlos enttäuscht hat, wenn die tiefe Wahrheit, die aus seinen besten Songs spricht, von lärmender, oberflächlicher Aktualität übertönt wurde.

Als ich David Bowie das erste Mal sah, füllte sein Bild eine Doppelseite in meiner damaligen Lieblingszeitschrift. Bowie verkörperte Ziggy Stardust, und die Überschrift nannte ihn den Mann, der zu schön war. Ich war noch in der Grundschule, hatte nach der kindlichen Freude an Beatles, Stones, Monkees eigene, elternunabhängige popmusikalische "Eroberungen" gemacht (Slade, T.Rex) und erlebte nun zum ersten Mal, was ein Idol ist: David Bowie war mein Idol.

In den folgenden Jahren wechselte nicht nur ich meine Vorlieben mit schöner Regelmäßigkeit: Auf Glam-Rock folgte Prog-Rock, ein bißchen Hardrock, dann Punk, New Wave usw. Bowies zentrale Stellung blieb davon unangetastet, denn er war immer dabei, gehörte stets zu den Pionieren.

Zwischendurch ging Bowie fast verloren: Ein uninspiriertes Hitalbum ("Let's Dance") leitete 1983 den Niedergang ein, "Never Let Me Down" markierte den Tiefpunkt; die Erholung gestaltete sich langsam und war von Rückschlägen begleitet. Nun hat Bowie nicht nur die schlimmste Phase bereut ("Ich kann mir das nur so erklären: Es war eben dieses mittlere Alter"), manchen Irrweg auch ("Ich habe zusammen mit Goldie eine Drum-&-Bass-Version von ‚The Laughing Gnome' aufgenommen, aber nicht veröffentlicht, denn Drum & Bass ist out"), und er hat sogar eine smarte Erklärung für die kreative Genesung: "Indem ich ein echtes Bowie-Album aufnahm, habe ich doch wieder mal das Unerwartetste getan!" - da muß er selber lachen.

Und dann stehe ich tatsächlich hinter der Bühne und reiche dem Mann die Hand, der mein ganzes musikalisches Leben beeinflußt und geprägt hat wie kein Zweiter, und bin wieder ganz der Fan, der ich damals war, und sage ihm, daß ich seit 27 Jahren auf diesen Augenblick warte, und David Bowie sieht auf die Uhr, grinst übers ganze Gesicht und sagt "Entschuldige, ich habe mich ein bißchen verspätet", und da ist auch er wieder der von damals: der Mann, der zu schön war.


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