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Geschrieben im Sommer 1996 für die Zeitschrift BEAST. Der Text ist eine Kompilation aus eigenen Interviews aus den Jahren 1994 bis 1996.
 
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Der diskrete Charme des Proletariats

In den öden 80er Jahren verkleideten sich Popstars als Yuppies, eitle Gecken und hochwohlgeborene Herren. Vorbei, vorbei: Nie war man in Rockmusikerkreisen so arbeiterklassisch wie heute. Ein imaginärer Runder Tisch mit Suede, Chumbawamba, Billy Bragg, Skunk Anansie, Blur, Jeff Buckley, Pete Townshend und den Manic Street Preachers.

Wie kommt es, daß Klassenbewußtsein und die Arbeiterklasse in der britischen Popmusik plötzlich eine solche Rolle spielen?

Nicky Wire (Manic Street Preachers): Für uns war das eigentlich immer so. Ohne The Clash und den Bergarbeiterstreik ‘86 gäbe es die Manics wahrscheinlich nicht. Der Streik hat die Gegend, in der wir aufwuchsen, total verändert. Du hast mit einem Mal gespürt, was die Konservativen wirklich wollten. Bis dahin glaubten viele, die Arbeiter hätten irgendeine Art von Macht.

Alice Nutter (Chumbawamba): Dabei müssen wir der Thatcher-Regierung eigentlich dankbar sein. Als wir aus der Schule kamen, gab es erst keine Jobs mehr, dann wurde das Arbeitslosengeld gestrichen. Indem sie jungen Leuten wie uns jede Hoffnung auf eine bürgerliche Zukunft nahm, gab sie uns die Chance, uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich für wichtig hielten.

Gibt es überhaupt noch eine echte Arbeiterklasse?

Nicky: Natürlich, auch wenn das Bewußtsein und die Solidarität immer mehr verschwinden. Statt dessen ist die Arbeiterklasse heute damit beschäftigt, sich selbst zu zerstören.

Skin (Skunk Anansie): Früher gab es viel mehr ernsthafte Bands, vor allem in der Independent-Szene. Jetzt will jeder nur noch besoffen werden. Ich meine, ich will natürlich auch meinen Spaß haben ...

Cass (Skunk Anansie): Bands werden zur Zeit nicht gerade dazu ermutigt, sich ernsthaft mit der Welt zu beschäftigen.

Skin: Man macht es Leuten wie uns nicht leicht, die nicht nur vögeln und saufen wollen. Leute wie Oasis und Blur interessieren sich im Grunde für gar nichts.

Nicky: Blur haben die Dritte-Person-Krankheit: Sie erfinden einfach Charaktere, Typen, die irgendwas tun, was komisch ist. Keiner traut sich mehr, über sich selbst zu schreiben.

Alex James (Blur): Wir wollen was verändern.

Damon Albarn (Blur): Ich würde das nicht so direkt sagen. Ich meine, wenn du ein bißchen schräg bist, gebildet und seltsam ... Die Leute, die du wirklich berührst, sind Teenager. Und wenn du ihnen Musik gibst, über die sie ebensogut diskutieren wie nur zuhören können, dann ist das sehr gesund. Sie kriegen dann zwei Dinge, nicht nur dieses ›Waaah!‹. Sie können auch feststellen: ›Ah, da geht es um dies und das!‹ Ich stelle mir einfach gerne vor, was die Leute im stillen tun, hinter verschlossenen Türen. Bizarre und perverse Sachen.

Brett Anderson (Suede): Wenn ich um die Welt reise und feststelle, daß Damon überall rumerzählt hat, ich würde mich mit Heroin vollpumpen, kotzt mich das an. Ich hasse es, wenn jemand andere Leute lächerlich macht oder irgendwelche Geschichten erzählt. Vor allem, wenn es ein untalentierter Volksschüler tut, der Karriere gemacht hat, indem er gönnerhaftes Zeug über die Arbeiterklasse singt.

Kann Popmusik dazu beitragen, daß die Arbeiterklasse ein neues Bewußtsein entwickelt?

Brett Anderson: Ohne ein Gefühl eigener Schönheit und Kraft bist du in der heutigen Gesellschaft immer nur ein kleiner Wurm, der dem System dient. Popmusik gibt dir dieses Gefühl.

Pete Townshend: Das Entscheidende an Pop ist, daß es jetzt passiert, und du mußt dabei sein, weil einen Augenblick später alles wieder vorbei ist. Du mußt aufmerksam und voller Energie sein, geistig offen, innerlich jung, in Gefechtsbereitschaft. Und zugleich kritisch, arrogant, stolz, bereit, daran zu arbeiten. Wir sind ein Teil der Definition von ›Rock‹ geworden, weil wir die Frustrationen unseres Publikums ausgedrückt haben, fast bis zu einem Punkt, wo ich rumgelaufen wäre und die Leute gefragt hätte: ›Was wollt ihr sagen?‹, um dann einen Song darüber zu schreiben. Wenn Claudia Schiffer vor dem Spiegel steht, gibt es garantiert Momente, wo sie denkt: Ich bin ein häßliches Mädchen. Niemand wird mich je lieben. Das geht jedem so. Und dann gibt es einen Moment, wo du dich verlierst und findest, und das ist genau, was Rock 'n' Roll bedeutet. Es ist unheimlich aufregend, das alles erlebt zu haben, meine eigene Jugend mit Rock 'n' Roll ausgedrückt zu haben und nicht mit einem Maschinengewehr. Ich hatte mein Maschinengewehr, da waren Saiten drauf, und am Ende zerschlug ich es in Stücke. Wir hatten Waffen, aber sie töteten niemand. Ein paar Jahre vorher war die ganze Welt kaputt, wir mußten uns von dieser Generation absetzen. Ich mußte zu meinem Vater sagen: ›Okay, deine Musik ist ganz nett, aber ich werde mir jetzt John Lee Hooker und Hank Williams anhören, und dann werde ich eine gute Portion europäische Wut einbauen und das ganze fucking laut aufdrehen. Also stör' mich nicht, bis ich damit fertig bin!‹ Ich habe versucht, die Welt zu verbessern, ohne fünfzigtausend Leute umbringen zu müssen. Mein größter Genuß ist es, zuzusehen, wie dieser Prozeß weitergeht. Die Leute früher hatten geistige Orientierungspunkte: Kirche, Papst, Staat, König, Vaterland, Gott, die Armee. Marxismus, Faschismus und Kapitalismus änderten alles. Wir wollten mit Staat und Kirche unserer Eltern nichts mehr zu tun haben.

Billy Bragg: Solidarität kommt daher, daß man gemeinsame Gegner und ein gemeinsames Ziel hat. Musik kann dazu beitragen, den Leuten aus der Arbeiterklasse klarzumachen, wer ihr Gegner ist und daß eine Form von Sozialismus des Herzens ein erstrebenswertes Ziel ist. Es geht darum, der Gesellschaft eine Struktur zu geben, wie in einer Familie, wo jeder für jeden da ist. Die momentane Regierung setzt alles daran, die Leute dumm zu halten und das zu verhindern.

James Dean Bradfield (Manic Street Preachers): Warst du schon mal in Bangkok? Es ist die einzige Stadt, die ich kenne, in der schreckliche Armut und glitzernder Reichtum ohne Konflikte und Aggression direkt nebeneinander existieren, weil jeder glaubt, man arbeite gemeinsam daran, daß alles besser wird. Das ist vielleicht so ähnlich wie Deutschland in der Nachkriegszeit, bevor sich herausstellte, wer tatsächlich von dem Aufbau profitiert und wer auf der Strecke bleibt.

Brett: Die Regierung hier kümmert sich um dreißig Prozent der Bevölkerung und scheißt auf den Rest. Das sind die Leute, mit denen ich mich verbunden fühle. Die politisch auf der Strecke geblieben sind, wie meine Eltern in den sechziger Jahren.

Skin: Regierungen haben Angst vor ihrem Volk, weil sie glauben, daß die Leute mit sich selbst nicht umgehen können. Deshalb gibt man ihnen dumme moralische Verhaltensregeln, ignorante, idiotische Theorien. Musik hat einen großen Einfluß auf dein Leben, vor allem, wenn sie mit anderen Dingen verbunden ist, wie Sex, Sport, Mode. Aber klar, wenn Musik einfach nur Gedudel ist, ohne Anspruch und Bedeutung, dann bewirkt sie nur, daß du verblödest.

Harry (Chumbawamba): Die Idee hinter den Dancefloor-Klängen auf unserem Album »Anarchy« war, die Symbole und Strukturen der herrschenden Geschmacksindustrie zu stehlen und für unsere Zwecke zu mißbrauchen. Es hat keinen Sinn, anarchistische Parolen so lange vor den selben paar Leuten runterzukrähen, bis sie sie auswendig können. Du mußt dort subversiv sein, wo der Feind ist. Nimm seine eigenen Bilder und reproduziere sie noch größer, schon bedeuten sie das Gegenteil. Das Interessante am Kapitalismus ist, daß man seine eigenen Instrumente verwenden kann, um ihn zu entlarven und anzugreifen.

Jeff Buckley: Musik kann die Gesellschaft nicht ändern, aber sie kann vielleicht in so vielen Menschen etwas bewegen, daß sie eine Gesellschaft werden. Manche Songs haben Haken, die dich geistig zu etwas führen können, wofür du selbst sorgen mußt. Den meisten Kids fehlt eine Lebensphilosophie. Dann wachsen sie auf und sind erwachsen. Das Leben, das die Massenmedien zeigen, ist kurz, brutal und sinnlos. Du hast keine Zeit nachzudenken, also nichts wie rein! Töte, ficke, hol dir das Geld, solange du kannst. Die Leute fühlen sich machtlos, sie kennen ihre Macht zu denken, sich zu freuen und andere zu erfreuen nicht. Du wächst auf, da ist ein Boß, und du bist nichts. Die Leute in der Großstadt sind wie Moleküle, sie haben keinen Hintergrund, keine Beziehung, keinen Zusammenhang. Diese Gesellschaft unterstützt das, nicht bewußt, sondern weil Leute von diesem Krieg profitieren und das für Macht halten. Liebe ist Rebellion dagegen, weil man das Leben nicht kontrollieren kann. Man muß es fühlen und verstehen. Du kannst den Leuten, die das alles besitzen und am Laufen halten, nicht trauen.

Alice: Das Gefährliche an den Faschisten ist, daß sie auf der einen Seite eine Atmosphäre von Terror und ständiger Bedrohung verbreiten, auf der anderen Seite den Leuten Visionen von gemütlicher Sicherheit vorgaukeln. Sie sagen den Frauen, daß sie ihnen Macht geben werden – nämlich die im eigenen Wohnzimmer. Dann verbreiten sie Angst und Gewalt auf der Straße, bis keiner mehr was anderes will als Ruhe in seinem eigenen Wohnzimmer. Deshalb sind wir Anarchisten: Jeder glaubt an die liberale Lüge von der absoluten Freiheit des Einzelnen. Die Folge ist, daß jeder allein und machtlos vor sich hin schuftet. Ohne die Verbindung von individueller Macht und sozialer Verantwortung endet jede menschliche Gesellschaft im Krieg. Haß ist eine positive Kraft. Bewußter Haß macht den Blick klar und zeigt die Richtung.

Die Entsolidarisierung zeigt sich auch in einem Konflikt der Generationen.

Alice: Alte Leute haben in der Ideologie der neuen Rechten nichts verloren. Es gab dieses Statement von einem jungen Hoffnungsträger der englischen Konservativen: »Dieses Krankenhaus können wir schließen, weil da nur alte Leute drin sind.« Der Kerl mußte sich nicht mal rechtfertigen!

Jeff Buckley: Amerika ist bewohnt von Leuten, die aus alten Kulturen kommen, aber die Leute in Amerika haben Angst vor dem Alter. Du wächst als kindliches Genie auf, dann bist du vierzig und brätst Hamburger. Also führt sich jeder auf wie ein kindischer Trottel. Es ist cool, ein Trottel zu sein, aber Trottel sind verantwortlich für Ölkatastrophen. Trottel erfinden halbgares Zeug wie Atomreaktoren. Trottel interessieren sich nur für den Profit, nicht für das, was passiert, was sie anrichten.

Wie wird die Welt, oder England, in zehn Jahren aussehen?

Cass: Ein ziemlich harter Laden, eine Art Kriegsrecht.

Skin: Jeder wird bewaffnet sein.

Wie Amerika.

Cass: Ja, eine Art Kriegszone. Die ganze amerikanische Geschichte dreht sich nur um Gewalt und Geld. Da kommt alles her. Momentan befinden sie sich im Bürgerkrieg und streiten es ab. Sie behaupten, sie brauchen das Recht auf Waffenbesitz, um auf die Jagd zu gehen. Aber was jagt man mit einer Maschinenpistole? Und dann haben sie diese Gottesbanden, die sind total lächerlich, denn was beten sie an? Geld. Das ganze Moralgetue, und dann knallen sie dich ab, ohne mit der Wimper zu zucken. Und im Hintergrund spielt einer Banjo. Das amerikanische Jobwunder: Wir schaffen zwei Millionen Jobs, indem wir fünf Millionen Leute umbringen. Dann können wir zwei Millionen Totengräber einstellen.

Skin: Und wir werden in zehn Jahren immer noch eine königliche Familie haben.

Cass: Wer weiß, vielleicht jagt eines Tages jemand die ganze Bande weg. Nein, ernsthaft, wer weiß schon, was in zehn Jahren sein wird.

Skin: Wenn wir nicht sehr schnell viele Dinge ändern, sind wir verloren. Wenn wir weiterhin die selbe Regierung immer wieder wählen, sind wir im Eimer.

Cass: Die Regierung, ja, aber das Schlimme sind die Machtstrukturen darüber. Die Konzerne, die Superreichen, die mehr Geld haben als alle anderen zusammen. Die spielen mit der Welt, als wäre sie eine Art Mensch-ärgere-dich-nicht, und du kannst nichts tun.

Ist Terrorismus ein legitimer Weg, die Welt zu ändern?

Skin: Ja, wenn die IRA die Queen in die Luft jagt.

Mark (Skunk Anansie): Ich glaube, manchmal hat man keine Wahl. Die Art, wie Regierungen funktionieren, die Machtstrukturen in den meisten Ländern können dich zu drastischen Mitteln zwingen. Wenn man gegen eine Regierung Krieg führt, bloß weil sie dir den Krieg erklärt hat, dann ist alles legal.

Cass: Wenn die alles in die Luft jagen und jeden einfach so abknallen, nennt das keiner Terrorismus. Mit Regierungen kann man nicht streiten, also muß man ihnen ihren Arsch wegsprengen.


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