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Der
Mann mit dem Schlüsselbund
Als
Jeff Buckley vor zehn Jahren, am 29. Mai 1997, im Wolf River ertrank,
war er einer der größten Hoffnungsträger der Alternative-Szene - nach
nur vier Jahren Karriere und einem Album, das ihn unsterblich machte.
Ein Gespräch und eine Erinnerung.
Washington
ist eine seltsame Gegend: Die Hauptstadt der USA wirkt auf den ersten
Blick friedlich, harmonisch, fast idyllisch. Denkmäler und Grünanlagen
laden zum Flanieren ein, die Straßenschluchten zwischen den monumentalen
Bürotürmen wirken aufgeräumt; in den pittoresken Kleinhäusern von Georgetown
scheint das Leben als Traum im 19. Jahrhundert stehengeblieben. Wenn man
das Park-Hyatt-Hotel betritt, versinkt man bis zu den Knien im Teppich
und möchte angesichts von Protz und Luxus am liebsten nach dem Dienstboteneingang
fragen. Aber das freundliche Personal übersieht das lumpige Outfit des
Fernreisenden und hilft bereitwillig bei jeder Kleinigkeit.
Dann
aber blickt man in ein entsetztes Gesicht, erntet ein heftiges Kopfschütteln,
und dabei hat man doch nur nach dem Weg zum Black Cat Club im Stadtteil
Adams-Morgan gefragt. Nein, da werde einen kein Taxifahrer der ganzen
Stadt hinbringen, und von einem Fußmarsch, überhaupt vom Betreten des
Viertels sei dringendst abzuraten. Es hilft aber nichts: Im Black Cat
spielt heute abend Jeff Buckley, eine der aktuell (wir schreiben den 13.
August 1994) größten Hoffnungen der Alternative-Szene zumindest der USA,
wenn nicht der Welt. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg, und jetzt,
in der Dämmerung, zeigt die Stadt ein anderes Gesicht: Gleich hinter dem
Luxuspalast gähnen leere Flächen, säumen Hügel von Müll und Autoleichen
aufgerissene Straßen, ragen Abbruchhäuser in den violetten Abendhimmel,
und auch das grellbunte "Stadttor" zum chinesischen Viertel wirkt nicht
arg einladend.
Adams-Morgan
liegt im Nordwesten von Washington; die Rinnsteine sind dort so hoch,
daß durch die Gullis ohne weiteres ein weißer Mann ohne Brieftasche paßt
- fragen wird niemand nach ihm. Aber freundlich ist man auch hier. Nachdem
ich mein Kleingeld restlos verschenkt habe, geleitet mich eine Eskorte
von Obdachlosen, Betrunkenen, Männern ohne Schuhen und Hemden geradezu
euphorisch zum Black Cat Club, einem Provinzclub, wie man ihn auch in
deutschen Wäldern findet: paarweise geordnetes Samstagabendpublikum (wie
sind die ohne Taxi hierhergekommen?) trinkt Bier aus grotesken Vasenkrügen,
dazu gibt es Tische, Stühle und einen Flipper. Nachdem ich den Türsteher,
der beim Anblick meiner Begleitmannschaft sofort sein Fensterchen zugeknallt
hat, überzeugt habe, daß ich ein weitgereister, jedenfalls aber geladener
Gast bin, und sich im Vorprogramm eine der drei schlechtesten Bands, die
ich je gehört habe, ihren uramerikanischen Jammer von der Seele gejault
hat, zeigt Jeff Buckley - weißes V-Neck-Unterhemd, alte Gammeljeans, an
der an einer Kette sein Schlüsselbund baumelt -, wofür er in eingeweihten
Kreisen längst mehr als ein Geheimtip ist: Manchmal völlig in sich versunken,
dann wieder verzweifelt aggressiv, heult, croont, flüstert er sich zur
unauffälligen, aber effektiven Begleitung seiner Band (Schlagzeug, Baß,
zweite Gitarre) durch ein spontan zusammengestelltes Set um die Songs
seines Debütalbums "Grace", das er, weil es gar so schnell ging, mit Coverversionen
auffüllen mußte (die jedoch alles andere als Füllmaterial sind).
Es
ist ein tiefes Bad in Gefühlen, das dem Publikum bald zuviel wird. Jeff
kümmert's nicht: Für jedes Normalo-Pärchen, das den Saal Richtung Flipper
oder Bar verläßt, legt er ein brikett Emotionen nach. Mit leuchtenden
Augen und einem dicken Überzug aus Gänsehäuten verläßt schließlich der
harte Kern der offenen Ohren den Club - nach dem wohl intensivsten Konzert,
das man sich denken kann. Da lächeln sogar die Rinnsteine versöhnlich,
und schrecken kann einen nun, auf dem einstündigen Fußmarsch zurück durch
die dunkle Stadtwüste, nichts mehr.
Nächster
Tag (Sonntag), das nächste Luxushotel: Ramada Techworld. Wer es schafft,
dieses Monument der Absurdität zu betreten, ohne sofort beschämt wieder
aus dem Seitenausgang zu flitzen, den empfängt ein solches Unmaß an Prunk,
Protz und Pomp, daß man jeden Moment erwartet, die Kulisse werde unter
hämischem Gelächter zusammenstürzen und das Ganze sich als "practical
joke" entpuppen. Warten auf Jeff Buckley, im Walkman läuft noch einmal
"Grace". Was ihn aus der Masse seiner Kollegen weit heraushebt, das wird
mit jedem Hören deutlicher, ist Jeffs Stimme. Die setzt er ein wie etwa
Jimi Hendrix seine Gitarre eingesetzt hat. "Ich singe davon, wie es ist,
am Leben zu sein", sagt er selbst, abwiegelnd und doch auch stolz - er
weiß, was er kann, möchte aber nicht zuviel Aufhebens darum machen. Ihm
beim Singen zuzuhören ist, als würde man konfrontiert mit den Ängsten
der eigenen Kindheit und Jugend, die sich dann langsam auflösen. "Es geht",
sagt Jeff, der leise spricht und jeden Satz genauestens zu bedenken scheint,
um ja nichts Überflüssiges zu reden, "um Dinge, die jeden Tag passieren,
während man durch verschiedene Phasen lebt. Du kannst dich als Achtjähriger
verlieben, und du kannst dich mit 32 verlieben, aber die Liebe ist anders.
Das Leben verändert sich, während du nach dem suchst, was wertvoll ist.
Man wird es dir nicht bringen, du darfst den Leuten, die alles besitzen
und am Laufen halten, nicht trauen."
Jeffs
Songs klingen unverkennbar nach den Straßen von New York, wo er sie früher
spielte. "Meine schlimmste Erfahrung mit Musik", sagt er, "war, die US-Nationalhymne
zu singen." Heute ist er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag -
bei den Leuten also, die alles besitzen und am Laufen halten -, sieht
jeden Tag eine neue Stadt und ein neues Publikum. "Das Seltsame daran",
sinniert er, "ist, daß du Teil einer Maschine wirst, die läuft, ohne sich
um dich zu kümmern. Konzerte auf Tour sind wie Sex, während jemand an
die Tür klopft und dich abholen kommt. In so einem gewaltigen Apparat
zu sein, heißt, daß du ständig erklären mußt, was du tust und warum. Das
ausdrücken, was du nicht ausdrücken kannst. Über Musik reden."
Was
kann Musik erreichen? "Ich weiß es nicht genau. Mir geht es nicht darum,
die Welt zu retten. Den meisten Kids fehlt eine Lebensphilosophie. Das
Leben, das die Massenmedien zeigen, ist kurz, brutal und sinnlos; du hast
keine Zeit, nachzudenken, also nichts wie rein! Töte, ficke, hol dir das
Geld, solange du kannst! Die Leute fühlen sich machtlos. Du wächst auf,
da ist ein Boß, und du bist nichts. Menschen in der Großstadt sind wie
Moleküle, sie haben keinen Hintergrund, keinen Zusammenhang. Die Gesellschaft
unterstützt das - nicht bewußt, sondern weil Leute von diesem Krieg profitieren
und das für Macht halten. Liebe ist Rebellion dagegen, weil man das echte
Leben nicht kontrollieren kann. Man muß es fühlen und verstehen." Man
versteht ihn oft nicht gleich, wenn er so vor sich hin spricht, scheinbar
assoziativ Gedanken aneinanderreiht. Worüber Jeff nicht so gern spricht,
ist sein Vater, ein Superstar der Spätsechziger-Hippiefolkszene. Das ist
verständlich: Jeff, am 17. November 1966 im kalifornischen Anaheim geboren,
wuchs unter falschem Namen ("Scotty Moorhead") bei seiner Mutter Mary
Guibert auf, verbrachte seine Kindheit größtenteils in Wohnwagenparks
und hat Tim Buckley, der 1975 an einer Überdosis Heroin starb, nur einmal
kurz gesehen, ein paar Wochen vor dessen Tod. Da war er noch ein Kind
und zu klein, um sich Anregungen fürs Komponieren oder Ratschläge fürs
Leben zu holen. Daß er den schnellen Eintritt ins Herz der US-Musikindustrie
weniger seiner atemberaubenden Stimme und seinen Songs als eben diesem
Vater (dem er auch äußerlich verblüffend ähnlich sieht) verdankt, streitet
er aber nicht ab. Ein Glücksfall. Aber lieben konnte er seinen Vater nie.
Liebe
und die Suche danach sind zentrale Themen in Jeff Buckleys Songs. Verbirgt
sich dahinter neben der Familiengeschichte auch eine typisch US-amerikanische
Sehnsucht? "Amerika?" Jeff schaut aus dem Fenster seiner Suite: majestätische
Wolkenkratzer, davor ausgebrannte Ruinen, Autowracks, von Baggern leergeräumte
Grundstücke. Zwei Männer sitzen im Schatten eines Buschs und trinken aus
einer Flasche Spiritus in braunem Packpapier. "Das", sagt Jeff nach langem
Schweigen, "ist doch alles ein Witz, ein großer Irrtum. Manchmal hasse
ich die ganze Welt, aber dann liebe ich sie wieder so sehr, daß ich weinen
möchte. Ich weiß nicht, was richtig ist. Weißt du's?"
Wir
schauen wieder aus dem Fenster, diesmal ein bißchen höher, ins tiefe Blau.
Jeff Buckley, sagt er, redet nicht gerne. Dafür hat er enorm viel geredet
an diesem Nachmittag, auch über seine Einflüsse (neben vielem anderen:
Nusrat Fateh Ali Khan, Led Zeppelin und - überraschenderweise - vor allem
die Bad Brains) und sein Heimatland ("Die USA sind bewohnt von Leuten,
die aus alten Kulturen kommen, aber die Leute hier haben Angst vor dem
Alter. Du wächst als kindliches Genie auf, dann bist du vierzig und brätst
Hamburger. Also führt sich jeder auf wie ein kindischer Trottel. Es ist
cool, ein Trottel zu sein, aber Trottel sind verantwortlich für Katastrophen.
Trottel erfinden halbgares Zeug wie Atomreaktoren. Trottel interessieren
sich nur für den Profit, nicht für das, was passiert, was sie anrichten").
Jetzt ist, denken wir wohl beide, alles gesagt, den Rest erzählt die Musik.
Gut
vier Wochen später sehen wir uns wieder, im Münchner Club Substanz, einer
Art sympathischem Gegenstück zum "Black Cat". Die Magie wirkt auch hier;
traumverloren läßt Jeff die Finger über seine Telecaster gleiten, singt
seine ewigen Geschichten. Es sind nicht viele Leute gekommen, hierzulande
ist sein Name noch neu, aber manchmal geht so etwas schnell: Am 16. Februar
1995 ist Jeff Buckley wieder im Substanz, und inzwischen sind aus den
paar offenen Ohren, die ahnten, was die anderen noch verpaßten, fast schon
Heerscharen von Verehrern geworden, die sein Loblied singen und das Album
in höchsten Tönen preisen. Der anschwellende Begeisterungsgesang hat den
unscheinbaren Mann mit dem Gesicht, das bei einer Hälfte seiner Fans mittlerweile
auch ganz ohne Musik für schlaflose Nächte sorgt, nicht verändert. Noch
immer hängt der Schlüssel am Gürtel (nicht auszudenken, wenn das Mode
wird!), noch immer stehen bzw. sitzen er und seine Begleitmusiker showlos
auf der Bühne und konzentrieren sich auf das Wichtigste: die Musik. Die
ist (immer noch) ein großes Versprechen, dessen Einlösung man erwarten
kann, weil sie noch weit mehr ist: Eine Mischung der Extreme - zwischen
der fast unhörbar leisen Interpretation von Leonhard Cohens "Hallelujah"
und ozeanartigen Hymnen wie "Mojo Pin" - und die unglaubliche Intensität
von Buckleys Stimme sorgen für eine derartige Spannung, daß zwischen den
Songs für einige Sekunden die Münder offen und die Hände stumm bleiben,
ehe Jubel und Begeisterung in die gebannte Stille brechen und sich erst
nach etlichen Zugaben langsam erschöpfen.
Wer
diesmal nicht dabei war, denke ich hinterher, sollte sich ohrfeigen, denn
daß Jeff Buckleys Vorliebe für kleine Clubs sich bei seinem nächsten Besuch
noch gegen die Nachfrage durchsetzen kann, kann ich mir nicht vorstellen.
Mit einem der wichtigsten Elemente seiner Musik - der Intimität - wird
es dann vorbei sein.
Es
kommt aber ganz anders. Jeff Buckley kehrt nicht zurück. Geradezu überhäuft
mit Preisen, Hymnen, Prophezeiungen, tourt er unermüdlich durch die Welt,
von Australien bis in die hintersten Winkel der USA, ab Dezember 1996
meist unter falschem Namen - The Crackrobats, Possessed by Elves, Father
Demo, Smackrobiotic, The Halfspeeds, Crit-Club, Topless America, Martha
& The Nicotines, A Puppet Show Named Julio -, um die Freiheit seiner frühen
Zeit in New York wiederzufinden. Er schreibt neue Songs, mietet eine kleine
Hütte in Memphis, nimmt Demos auf, mietet ein Studio und sucht sich eine
Band zusammen. Und dann, kurz vor Beginn der "echten" Arbeit an seinem
zweiten Album (Arbeitstitel: "My Sweetheart, The Drunk"), springt er am
29. Mai in den Wolf River, mit Stiefeln und Klamotten, weil er mit seinem
Roadie Keith Foti gewettet hat, daß er es bis ans andere Ufer schafft.
Er schafft es nicht. Eine Woche später findet ein Tourist seine angeschwemmte
Leiche. Jeff Buckley war 30 Jahre alt.
Der
Tod, so mächtig er ist, hat dennoch nicht triumphiert. Zehn Jahre danach
sind viele Platten mit Demos, Liveaufnahmen, Skizzen erschienen, aber
sein Hauptwerk bleibt "Grace", das aus heutiger Sicht wie eine Metapher
auf sein Leben wirkt: unfertig, vielversprechend und dennoch größer und
schöner als vieles, was bis auf den letzten Polierstrich perfekt ist.
Ich denke oft an damals, in Washington, und daran, was weiter passieren
hätte können und nie mehr passieren wird. Und dann fallen mir zwei Dinge
ein, die Jeff gesagt hat und die (fast) alles über ihn sagen: "Wenn ich
beschreiben müßte, was ein Song ist, … hm. Ein Bild vielleicht, von der
Größe einer Briefmarke. Wenn du es eine Woche in der Tasche trägst und
dann in Wasser legst, wird es so groß wie ein Fußballplatz. Dann siehst
du eine wahnsinnige Masse von Details, endlos und überwältigend. Und wenn
es wieder trocken ist, kannst du es vielleicht wieder einstecken."
Und
dann noch das, und ich weiß nicht mehr, um welchen Song es dabei ging:
"What is this song about?" fragte ich. Und Jeff grinste: "About five minutes
long."
e-mail:michael
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