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Geschrieben im Mai 2007 für das Freisinger Stadtmagazin "Fink". Grundlage für den Text waren ein längerer Artikel und zwei Konzertberichte fürs WOM-Journal von 1994/5. Für die Druckversion wurde der Text an einigen Stellen leicht gekürzt.
 
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Der Mann mit dem Schlüsselbund

Als Jeff Buckley vor zehn Jahren, am 29. Mai 1997, im Wolf River ertrank, war er einer der größten Hoffnungsträger der Alternative-Szene - nach nur vier Jahren Karriere und einem Album, das ihn unsterblich machte. Ein Gespräch und eine Erinnerung.

Washington ist eine seltsame Gegend: Die Hauptstadt der USA wirkt auf den ersten Blick friedlich, harmonisch, fast idyllisch. Denkmäler und Grünanlagen laden zum Flanieren ein, die Straßenschluchten zwischen den monumentalen Bürotürmen wirken aufgeräumt; in den pittoresken Kleinhäusern von Georgetown scheint das Leben als Traum im 19. Jahrhundert stehengeblieben. Wenn man das Park-Hyatt-Hotel betritt, versinkt man bis zu den Knien im Teppich und möchte angesichts von Protz und Luxus am liebsten nach dem Dienstboteneingang fragen. Aber das freundliche Personal übersieht das lumpige Outfit des Fernreisenden und hilft bereitwillig bei jeder Kleinigkeit.

Dann aber blickt man in ein entsetztes Gesicht, erntet ein heftiges Kopfschütteln, und dabei hat man doch nur nach dem Weg zum Black Cat Club im Stadtteil Adams-Morgan gefragt. Nein, da werde einen kein Taxifahrer der ganzen Stadt hinbringen, und von einem Fußmarsch, überhaupt vom Betreten des Viertels sei dringendst abzuraten. Es hilft aber nichts: Im Black Cat spielt heute abend Jeff Buckley, eine der aktuell (wir schreiben den 13. August 1994) größten Hoffnungen der Alternative-Szene zumindest der USA, wenn nicht der Welt. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg, und jetzt, in der Dämmerung, zeigt die Stadt ein anderes Gesicht: Gleich hinter dem Luxuspalast gähnen leere Flächen, säumen Hügel von Müll und Autoleichen aufgerissene Straßen, ragen Abbruchhäuser in den violetten Abendhimmel, und auch das grellbunte "Stadttor" zum chinesischen Viertel wirkt nicht arg einladend.

Adams-Morgan liegt im Nordwesten von Washington; die Rinnsteine sind dort so hoch, daß durch die Gullis ohne weiteres ein weißer Mann ohne Brieftasche paßt - fragen wird niemand nach ihm. Aber freundlich ist man auch hier. Nachdem ich mein Kleingeld restlos verschenkt habe, geleitet mich eine Eskorte von Obdachlosen, Betrunkenen, Männern ohne Schuhen und Hemden geradezu euphorisch zum Black Cat Club, einem Provinzclub, wie man ihn auch in deutschen Wäldern findet: paarweise geordnetes Samstagabendpublikum (wie sind die ohne Taxi hierhergekommen?) trinkt Bier aus grotesken Vasenkrügen, dazu gibt es Tische, Stühle und einen Flipper. Nachdem ich den Türsteher, der beim Anblick meiner Begleitmannschaft sofort sein Fensterchen zugeknallt hat, überzeugt habe, daß ich ein weitgereister, jedenfalls aber geladener Gast bin, und sich im Vorprogramm eine der drei schlechtesten Bands, die ich je gehört habe, ihren uramerikanischen Jammer von der Seele gejault hat, zeigt Jeff Buckley - weißes V-Neck-Unterhemd, alte Gammeljeans, an der an einer Kette sein Schlüsselbund baumelt -, wofür er in eingeweihten Kreisen längst mehr als ein Geheimtip ist: Manchmal völlig in sich versunken, dann wieder verzweifelt aggressiv, heult, croont, flüstert er sich zur unauffälligen, aber effektiven Begleitung seiner Band (Schlagzeug, Baß, zweite Gitarre) durch ein spontan zusammengestelltes Set um die Songs seines Debütalbums "Grace", das er, weil es gar so schnell ging, mit Coverversionen auffüllen mußte (die jedoch alles andere als Füllmaterial sind).

Es ist ein tiefes Bad in Gefühlen, das dem Publikum bald zuviel wird. Jeff kümmert's nicht: Für jedes Normalo-Pärchen, das den Saal Richtung Flipper oder Bar verläßt, legt er ein brikett Emotionen nach. Mit leuchtenden Augen und einem dicken Überzug aus Gänsehäuten verläßt schließlich der harte Kern der offenen Ohren den Club - nach dem wohl intensivsten Konzert, das man sich denken kann. Da lächeln sogar die Rinnsteine versöhnlich, und schrecken kann einen nun, auf dem einstündigen Fußmarsch zurück durch die dunkle Stadtwüste, nichts mehr.

Nächster Tag (Sonntag), das nächste Luxushotel: Ramada Techworld. Wer es schafft, dieses Monument der Absurdität zu betreten, ohne sofort beschämt wieder aus dem Seitenausgang zu flitzen, den empfängt ein solches Unmaß an Prunk, Protz und Pomp, daß man jeden Moment erwartet, die Kulisse werde unter hämischem Gelächter zusammenstürzen und das Ganze sich als "practical joke" entpuppen. Warten auf Jeff Buckley, im Walkman läuft noch einmal "Grace". Was ihn aus der Masse seiner Kollegen weit heraushebt, das wird mit jedem Hören deutlicher, ist Jeffs Stimme. Die setzt er ein wie etwa Jimi Hendrix seine Gitarre eingesetzt hat. "Ich singe davon, wie es ist, am Leben zu sein", sagt er selbst, abwiegelnd und doch auch stolz - er weiß, was er kann, möchte aber nicht zuviel Aufhebens darum machen. Ihm beim Singen zuzuhören ist, als würde man konfrontiert mit den Ängsten der eigenen Kindheit und Jugend, die sich dann langsam auflösen. "Es geht", sagt Jeff, der leise spricht und jeden Satz genauestens zu bedenken scheint, um ja nichts Überflüssiges zu reden, "um Dinge, die jeden Tag passieren, während man durch verschiedene Phasen lebt. Du kannst dich als Achtjähriger verlieben, und du kannst dich mit 32 verlieben, aber die Liebe ist anders. Das Leben verändert sich, während du nach dem suchst, was wertvoll ist. Man wird es dir nicht bringen, du darfst den Leuten, die alles besitzen und am Laufen halten, nicht trauen."

Jeffs Songs klingen unverkennbar nach den Straßen von New York, wo er sie früher spielte. "Meine schlimmste Erfahrung mit Musik", sagt er, "war, die US-Nationalhymne zu singen." Heute ist er bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag - bei den Leuten also, die alles besitzen und am Laufen halten -, sieht jeden Tag eine neue Stadt und ein neues Publikum. "Das Seltsame daran", sinniert er, "ist, daß du Teil einer Maschine wirst, die läuft, ohne sich um dich zu kümmern. Konzerte auf Tour sind wie Sex, während jemand an die Tür klopft und dich abholen kommt. In so einem gewaltigen Apparat zu sein, heißt, daß du ständig erklären mußt, was du tust und warum. Das ausdrücken, was du nicht ausdrücken kannst. Über Musik reden."

Was kann Musik erreichen? "Ich weiß es nicht genau. Mir geht es nicht darum, die Welt zu retten. Den meisten Kids fehlt eine Lebensphilosophie. Das Leben, das die Massenmedien zeigen, ist kurz, brutal und sinnlos; du hast keine Zeit, nachzudenken, also nichts wie rein! Töte, ficke, hol dir das Geld, solange du kannst! Die Leute fühlen sich machtlos. Du wächst auf, da ist ein Boß, und du bist nichts. Menschen in der Großstadt sind wie Moleküle, sie haben keinen Hintergrund, keinen Zusammenhang. Die Gesellschaft unterstützt das - nicht bewußt, sondern weil Leute von diesem Krieg profitieren und das für Macht halten. Liebe ist Rebellion dagegen, weil man das echte Leben nicht kontrollieren kann. Man muß es fühlen und verstehen." Man versteht ihn oft nicht gleich, wenn er so vor sich hin spricht, scheinbar assoziativ Gedanken aneinanderreiht. Worüber Jeff nicht so gern spricht, ist sein Vater, ein Superstar der Spätsechziger-Hippiefolkszene. Das ist verständlich: Jeff, am 17. November 1966 im kalifornischen Anaheim geboren, wuchs unter falschem Namen ("Scotty Moorhead") bei seiner Mutter Mary Guibert auf, verbrachte seine Kindheit größtenteils in Wohnwagenparks und hat Tim Buckley, der 1975 an einer Überdosis Heroin starb, nur einmal kurz gesehen, ein paar Wochen vor dessen Tod. Da war er noch ein Kind und zu klein, um sich Anregungen fürs Komponieren oder Ratschläge fürs Leben zu holen. Daß er den schnellen Eintritt ins Herz der US-Musikindustrie weniger seiner atemberaubenden Stimme und seinen Songs als eben diesem Vater (dem er auch äußerlich verblüffend ähnlich sieht) verdankt, streitet er aber nicht ab. Ein Glücksfall. Aber lieben konnte er seinen Vater nie.

Liebe und die Suche danach sind zentrale Themen in Jeff Buckleys Songs. Verbirgt sich dahinter neben der Familiengeschichte auch eine typisch US-amerikanische Sehnsucht? "Amerika?" Jeff schaut aus dem Fenster seiner Suite: majestätische Wolkenkratzer, davor ausgebrannte Ruinen, Autowracks, von Baggern leergeräumte Grundstücke. Zwei Männer sitzen im Schatten eines Buschs und trinken aus einer Flasche Spiritus in braunem Packpapier. "Das", sagt Jeff nach langem Schweigen, "ist doch alles ein Witz, ein großer Irrtum. Manchmal hasse ich die ganze Welt, aber dann liebe ich sie wieder so sehr, daß ich weinen möchte. Ich weiß nicht, was richtig ist. Weißt du's?"

Wir schauen wieder aus dem Fenster, diesmal ein bißchen höher, ins tiefe Blau. Jeff Buckley, sagt er, redet nicht gerne. Dafür hat er enorm viel geredet an diesem Nachmittag, auch über seine Einflüsse (neben vielem anderen: Nusrat Fateh Ali Khan, Led Zeppelin und - überraschenderweise - vor allem die Bad Brains) und sein Heimatland ("Die USA sind bewohnt von Leuten, die aus alten Kulturen kommen, aber die Leute hier haben Angst vor dem Alter. Du wächst als kindliches Genie auf, dann bist du vierzig und brätst Hamburger. Also führt sich jeder auf wie ein kindischer Trottel. Es ist cool, ein Trottel zu sein, aber Trottel sind verantwortlich für Katastrophen. Trottel erfinden halbgares Zeug wie Atomreaktoren. Trottel interessieren sich nur für den Profit, nicht für das, was passiert, was sie anrichten"). Jetzt ist, denken wir wohl beide, alles gesagt, den Rest erzählt die Musik.

Gut vier Wochen später sehen wir uns wieder, im Münchner Club Substanz, einer Art sympathischem Gegenstück zum "Black Cat". Die Magie wirkt auch hier; traumverloren läßt Jeff die Finger über seine Telecaster gleiten, singt seine ewigen Geschichten. Es sind nicht viele Leute gekommen, hierzulande ist sein Name noch neu, aber manchmal geht so etwas schnell: Am 16. Februar 1995 ist Jeff Buckley wieder im Substanz, und inzwischen sind aus den paar offenen Ohren, die ahnten, was die anderen noch verpaßten, fast schon Heerscharen von Verehrern geworden, die sein Loblied singen und das Album in höchsten Tönen preisen. Der anschwellende Begeisterungsgesang hat den unscheinbaren Mann mit dem Gesicht, das bei einer Hälfte seiner Fans mittlerweile auch ganz ohne Musik für schlaflose Nächte sorgt, nicht verändert. Noch immer hängt der Schlüssel am Gürtel (nicht auszudenken, wenn das Mode wird!), noch immer stehen bzw. sitzen er und seine Begleitmusiker showlos auf der Bühne und konzentrieren sich auf das Wichtigste: die Musik. Die ist (immer noch) ein großes Versprechen, dessen Einlösung man erwarten kann, weil sie noch weit mehr ist: Eine Mischung der Extreme - zwischen der fast unhörbar leisen Interpretation von Leonhard Cohens "Hallelujah" und ozeanartigen Hymnen wie "Mojo Pin" - und die unglaubliche Intensität von Buckleys Stimme sorgen für eine derartige Spannung, daß zwischen den Songs für einige Sekunden die Münder offen und die Hände stumm bleiben, ehe Jubel und Begeisterung in die gebannte Stille brechen und sich erst nach etlichen Zugaben langsam erschöpfen.

Wer diesmal nicht dabei war, denke ich hinterher, sollte sich ohrfeigen, denn daß Jeff Buckleys Vorliebe für kleine Clubs sich bei seinem nächsten Besuch noch gegen die Nachfrage durchsetzen kann, kann ich mir nicht vorstellen. Mit einem der wichtigsten Elemente seiner Musik - der Intimität - wird es dann vorbei sein.

Es kommt aber ganz anders. Jeff Buckley kehrt nicht zurück. Geradezu überhäuft mit Preisen, Hymnen, Prophezeiungen, tourt er unermüdlich durch die Welt, von Australien bis in die hintersten Winkel der USA, ab Dezember 1996 meist unter falschem Namen - The Crackrobats, Possessed by Elves, Father Demo, Smackrobiotic, The Halfspeeds, Crit-Club, Topless America, Martha & The Nicotines, A Puppet Show Named Julio -, um die Freiheit seiner frühen Zeit in New York wiederzufinden. Er schreibt neue Songs, mietet eine kleine Hütte in Memphis, nimmt Demos auf, mietet ein Studio und sucht sich eine Band zusammen. Und dann, kurz vor Beginn der "echten" Arbeit an seinem zweiten Album (Arbeitstitel: "My Sweetheart, The Drunk"), springt er am 29. Mai in den Wolf River, mit Stiefeln und Klamotten, weil er mit seinem Roadie Keith Foti gewettet hat, daß er es bis ans andere Ufer schafft. Er schafft es nicht. Eine Woche später findet ein Tourist seine angeschwemmte Leiche. Jeff Buckley war 30 Jahre alt.

Der Tod, so mächtig er ist, hat dennoch nicht triumphiert. Zehn Jahre danach sind viele Platten mit Demos, Liveaufnahmen, Skizzen erschienen, aber sein Hauptwerk bleibt "Grace", das aus heutiger Sicht wie eine Metapher auf sein Leben wirkt: unfertig, vielversprechend und dennoch größer und schöner als vieles, was bis auf den letzten Polierstrich perfekt ist. Ich denke oft an damals, in Washington, und daran, was weiter passieren hätte können und nie mehr passieren wird. Und dann fallen mir zwei Dinge ein, die Jeff gesagt hat und die (fast) alles über ihn sagen: "Wenn ich beschreiben müßte, was ein Song ist, … hm. Ein Bild vielleicht, von der Größe einer Briefmarke. Wenn du es eine Woche in der Tasche trägst und dann in Wasser legst, wird es so groß wie ein Fußballplatz. Dann siehst du eine wahnsinnige Masse von Details, endlos und überwältigend. Und wenn es wieder trocken ist, kannst du es vielleicht wieder einstecken."

Und dann noch das, und ich weiß nicht mehr, um welchen Song es dabei ging: "What is this song about?" fragte ich. Und Jeff grinste: "About five minutes long."


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