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Geschrieben 1996 fürs WOM-Journal. Das Interview fand an einem sonnigen Nachmittag in einem Hotel in London statt.
 
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John Cale: Vom Gehen auf Heuschrecken

Er hat Velvet Underground gegründet, Iggy Pop und Patti Smith entdeckt und mit Dutzenden von Alben Musikgeschichte geschrieben. Aber John Cale interessiert vor allem die Gegenwart.

Seine 54 Lebensjahre sieht man John Cale nicht an, obwohl er nicht wenige davon mit Drogen verbrachte, die einen Teil seiner Musikergeneration längst auf den Friedhof gebracht haben. Die Managerlegende Danny Fields nannte ihn einmal einen »perfekten Middle-Class-Junkie, der nur herumpfuscht«. Der John-Cage-Schüler Cale kann heute darüber lächeln: »Vielleicht hatte er recht. Die beste Popmusik kommt von Leuten, die keine Akademiker auf ihrem Instrument sind. Aber Drogen haben mit Kreativität nichts zu tun. Das merkt man erst, wenn man damit aufhört.«

Cales neues Album, sein erstes »normales« seit vielen Jahren, folgt dieser Philosophie radikaler als früher: »Ich mag zerbrechliche, verwundbare Musik. Ich hab' dem Toningenieur am Anfang gesagt, daß ich die schlechte Angewohnheit habe, Dinge zu säubern und zu glätten, und daß er mich daran hindern soll. In einem alten Schulheft fand ich die ersten Textentwürfe für ›Slow Dazzle‹, und sie waren besser als die Texte auf der Platte, also wollte ich diesmal nichts nachträglich bearbeiten.«

Die Spontaneität der Arbeit führte auf überraschende Abwege: »Es begann als Streichquartett-Album. Später nahm ich ein paar A-capella-Sachen auf, dann Rhythmus-Tracks mit sechs marokkanischen Schlagzeugern. Irgendwann mischte ich auf dem Computer beides zusammen, dann machten wir alle möglichen Sachen damit. ›Some Friends‹ stammt von einer Filmmusik, ich wußte gar nicht, wie daraus ein Song werden sollte. Er hat mit Sterling Morrisons Tod letzten Sommer zu tun. Ich konnte damit nicht umgehen, bis ich den Song geschrieben habe. Es war eine große Erleichterung.«

Entsprechend seiner Arbeitsweise umgab sich Cale mit Helfern, die gar nicht in das übliche Rockmusiker-Klischee passen. »Ben Neal gehört zu der New Yorker Performance-Gruppe The Kitchen. Er hat die Trompete, die er spielt, selbst erfunden und gebaut. Sie hat einen Schieber wie eine Posaune und drei Schalltrichter. Er kann einen Ton durch drei Hörner spielen, und wenn du das hörst, verstehst du nicht, was da passiert. Wir haben außerdem mit allen möglichen seltenen und seltsamen Gitarren experimentiert. Beteiligt war auch ein Philosoph und ein Professor für Biochemie, der ein eigenes Forschungslabor leitet.« Lou Reed, mit dem Cale vor zwei Jahren Velvet Underground reformierte, erklärte Cales Denkweise einmal so: »John Cale ist wahrscheinlich deshalb verrückt, weil er aus Wales kommt.« – »Das mag sein«, entgegnet John Cale. »Ich bin mit der walisischen Sprache aufgewachsen, habe erst mit sieben Jahren englisch gelernt. Walisisch ist wie Finnisch, total verschroben, aber sehr schön. H ist zum Beispiel ein Vokal.« Aber vom alten Erzrivalen Lou Reed will er sich das dann doch nicht sagen lassen: »Ich würde nicht rumlaufen und Leute für verrückt erklären. Die meisten Dinge, die Lou tut, tut er aus Karrieregründen. Aufrichtigkeit ist nicht gerade etwas, was sich hinter jeder seiner Aussagen versteckt.« Ein grundsätzliches Mißverständnis sorgte auch für das schnelle Ende der VU-Reunion. »Ich wollte eigentlich nur neue Sachen spielen. Wir verbrachten eine Woche damit, Material einzustudieren und zwei Wochen damit, auf Lous Entscheidung zu warten, welchen Gitarrensound er auf welchem Song haben wollte. Wir hätten viel mehr tun können, wenn er sein Zeug auf die Reihe gekriegt hätte. Ich denke, er hat einfach entschieden, kein neues Material zu schreiben. Das war aber das einzige, was mich an der Sache interessiert hat. Reden wir nicht mehr davon.«

Schon lieber erzählt John Cale vom neuen Album und dessen seltsamem Titel »Walking On Locusts« – »Gehen auf Heuschrecken«. »Eine Songzeile. Es klingt knusprig, auf Heuschrecken zu gehen. Ich habe vor einiger Zeit einen Freund besucht, während einer Heuschreckenplage. Den ganzen Tag hörten wir diesen raschelnden Lärm, zehn Tage lang. Und erst gestern habe ich eine Fernsehsendung über Kochen mit Heuschrecken gesehen. Sie sagten, es schmeckt wie Brathähnchenhaut. Vielleicht sollte ich zu der Platte ein Kochbuch rausbringen: ›Cooking On Locusts‹.«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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