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Geschrieben im Februar 2004 für den Musikexpreß, dort mit platzbedingt notwendigen, recht umfangreichen Kürzungen im Aprilheft gedruckt. Der Fall wird wohl noch längere Zeit diskutiert werden; man sehe mir aber bitte nach, wenn ich mich an diesen Diskussionen nicht mehr beteiligen möchte.
 
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Highway to Hell - die letzten Tage des Kurt Cobain

Kurt Cobain ist kein gesunder Mann. Seit seiner Kindheit hat er mit einem schweren Magenleiden zu kämpfen, hinzu kommt die Erschöpfung nach dem für ihn schockierenden kometenhaften Aufstieg seiner Band mit dem Album "Nevermind" und die privaten Turbulenzen seit seiner Heirat mit Courtney Love im Februar 1992; der zumindest unregelmäßige Konsum diverser Betäubungs- und Rauschmittel tut ein übriges.

Umso überraschter sind Freunde, Kollegen, Interviewer, die Cobain um die Jahreswende 1993/94 treffen, von seiner Verfassung: Der 27jährige Nirvana-Kopf ist fröhlich, optimistisch, clean, trinkt ausschließlich Wasser. Es sieht so aus, als hätte er nicht nur das eigene Leben erstmals seit langem im Griff, sondern auch seinen Frieden mit dem Musikbusiness gemacht. nach wie vor mag er kein Rockstar sein, sagt er, habe aber gelernt, die positiven Seiten zu genießen. "Ich war in meinem ganzen Leben noch nie glücklicher. Ich bin ein viel fröhlicherer Typ als viele Leute glauben", erzählt er dem Rolling-Stone-Redakteur David Fricke, der ihn am 23. Oktober 1993 nach einem fürchterlichen Konzert in Chicago trifft – nicht einmal der verheerende Sound und die Buh-Chöre können an diesem Abend Cobains Laune trüben. Selbst sein Magenleiden, das er mit Heroin "mediziert" hat, sei auf dem Weg der Besserung. "Ich hoffe bloß", grinst er, "ich werde nicht so frohgemut , daß ich langweile. Ich denke, ich werde immer neurotisch genug sein, um merkwürdige Sachen zu tun." Das immerhin klingt ein bißchen zweideutig, ebenso wie seine Aussagen zu drei brisanten Themen – erstens seine Band: "Ja, ich würde gerne mit Leuten arbeiten, die das genaue Gegenteil von dem sind, was ich jetzt mache. Darauf weise ich schon in diesem ganzen Interview hin: daß wir erschöpft sind. Wir haben den Punkt erreicht, wo wir uns wiederholen. Es gibt nichts, nach dem wir streben, nichts, auf das wir uns freuen können. Wir sitzen in einer Sackgasse. Wir sind abgestempelt. Was sind R.E.M.? College Rock? Das bleibt nicht an einem hängen. Aber Grunge ist ein so starker Begriff wie New Wave. Da kommst du nicht mehr raus. Du mußt einen anderen Weg suchen und hoffen, daß du entweder ein total anderes Publikum findest oder die Leute mit dir wachsen. Und wenn mich keiner versteht, oh well (lacht), fuck ‘em." Punkt zwei: seine Ehe und seine 14 Monate alte Tochter ("Auch wenn wir uns scheiden lassen sollten, werde ich nie zulassen, daß wir unseren Streit vor ihr austragen. So was kann ein Kind verderben, aber wenn es passiert, dann nur, weil die Eltern nicht sehr klug sind") und Punkt drei: Schußwaffen ("Ich brauche sie zum Schutz. Ich habe keine Bodyguards. Es sind schon viel weniger berühmte Leute als ich oder Courtney verfolgt und ermordet worden"). Alle drei Zitate wird man vier Monate später in einem ganz anderen Licht lesen – und sehr unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen.

Dennoch – das abrupte Ende der Europatournee (nach 18 von 40 geplanten Gigs) mit der Absage des zweiten Münchner Konzerts am 2. März 1994 (wegen schwerer Mandelentzündung und Bronchitis) kommt überraschend, nicht nur für Tony Berber und Pete Shelley von den Buzzcocks, die Nirvana noch im Februar als Vorband begleiteten: "Ich weiß, daß er auf dieser Tour keine Drogen genommen hat", sagt Barber später. "Er trank Evian-Wasser und sah sehr gut aus, ein schüchterner Kerl, der kaum Freunde zu haben schien. Jedesmal wenn ich mit ihm redete, hätte ich am liebsten gesagt: Hör zu, wenn du mal einen Kumpel brauchst, sag Bescheid, ich bin da." Auch Shelley wundert sich, daß Kurt an den "gemäßigten Ausschweifungen" nach Konzerten nicht teilnahm – nicht einmal am 20 Februar, seinem 27. Geburtstag.

Dann überschlagen sich die Ereignisse förmlich. Cobain reist nach Rom, wo er Courtney Love, die gemeinsame Tochter Frances Bean und den als "Babysitter" angestellten Michael "Cali" DeWitt trifft und sich mit ihnen im Excelsior-Hotel einquartiert. Courtney kommt direkt von einem Interview mit der britischen Musikzeitschrift Select, in dem sie darauf hingewiesen hat, daß sie das (verschreibungspflichtige) Rohypnol, das sie während des Interviews einnimmt, von ihrem Arzt verschrieben bekommen hat: "Es ist wie Valium. Scheiß auf das Prozac-Zeug. Ich bin nicht depressiv, ich habe das fünf, sechs Tage lang probiert und am Ende Leuchtspuren gesehen, wie auf LSD."

Harmlos ist Rohypnol indes nicht. Das Opiat-Substitut wird gerne als "K.O.-Tropfen" verwendet, denn es ist geruch- und geschmacklos und führt in Verbindung mit Alkohol zu Bewußtlosigkeit und Gedächtnisverlust. Tatsächlich kann sich Kurt später, dem behandelnden Arzt Dr. Galetta zufolge, an nichts erinnern, was in der Nacht auf den 4. März geschah. Ob er seine Erinnerung an die Ereignisse in Rom je wiedererlangt hat, werden wir nie erfahren. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Es gilt als sicher, daß Kurt Cobain plante, nicht nur die laufende Tournee abzusagen, sondern seine Ehe zu beenden, Nirvana zu verlassen und sich aus der Glitzer-Etage des Musikgeschäfts zurückzuziehen, zumindest für die nächste Zeit. Nach einem angeblich heftigen Streit mit Courtney bleibt Kurt in seinem Zimmer, wo er eine Nachricht schreibt – die nächste bekannte Tatsache ist ein Notruf nach einem Rettungswagen gegen 6 Uhr 30 morgens. Mit einer fatalen Mixtur von Rohypnol und Champagner im Blut wird Cobain ins Krankenhaus Umberto Prima eingeliefert, in tiefer Bewußtlosigkeit – allerdings wird Courtney Love, die Cobain zwischen 3 und 4 Uhr morgens (also über 2 Stunden vor dem Notruf) mit blutender Nase scheinbar tot in seinem Bett gefunden haben will, später erzählen, sie habe gesehen, wie sein Kopf im Ambulanzwagen "wild auf und ab schlug". Obwohl die Ärzte dringend von einem weiteren Transport abraten, besteht Courtney darauf, daß Kurt sofort ins American Hospital verlegt wird. Die Öffentlichkeit erfährt am selben Morgen, es habe sich bei dem lebensgefährlichen Vorfall um einen "Unfall" gehandelt. Als Kurt erwacht, ist er verwirrt und hungrig und bittet die Ärzte um einen Erdbeer-Milkshake. In einem Interview sagt Courtney über Kurts Vorhaben, sie zu verlassen: "Wenn er denkt, er wird mich so einfach los, kann er das vergessen. Ich werde ihm bis in die Hölle folgen."

Am 7. März wird Kurt aus dem Krankenhaus entlassen, am 12. März kehrt er mit Courtney nach Seattle zurück, in das Haus am Lake Washington Boulevard 171, das den beiden seit einem Jahr gehört (neben einem Anwesen im Vorort Carnation, etwa 25 Meilen östlich von Seattle). Sechs Tage kommt ein Notruf aus dem Cobainschen Haus: Kurt habe sich mit einem Gewehr eingeschlossen, um Selbstmord zu begehen, teilt Courtney mit. Als die Polizei eintrifft, erklärt er den Beamten jedoch, er habe keinesfalls vor, sich umzubringen, sondern lediglich versucht, sich nach einer verbalen Auseinandersetzung von Courtney fernzuhalten; Courtney bestätigt diese Version im Verhör. Kurt händigt der Polizei vier Schußwaffen und Munition aus, beschlagnahmt werden außerdem "unidentifizierte Pillen".

In den folgenden Tagen kommt es zu weiteren Turbulenzen: Bei einem Streit am 22. März soll Kurt darauf bestanden haben, daß Courtney das neue Luxusauto (ein Lexus), das sie sich gerade gekauft hat, zurückgibt. Dann ruft Courtney wutentbrannt die gemeinsame Anwältin Rosemary Carroll an und verlangt, sie solle ihr "den härtesten, bösesten Scheidungsanwalt" besorgen, den sie finden könne – "Ich habe so laut gebrüllt, daß er mich hören konnte und vielleicht damit aufhören würde, mit der verdammten Knarre rumzufuchteln", sagt sie später. Kurt hingegen soll mit Carroll über sein Testament gesprochen haben, aus dem er Courtneys Ansprüche streichen möchte. Einem Kindermädchen zufolge gibt es in jenen Tagen "viel zuviel Gerede über Testamente". Courtney, so erzählen Freunde, sei davon geradezu besessen gewesen.

Außerdem sind bei Kurts "Ausbruchsversuchen" offenbar wieder Drogen im Spiel. Am 25. März beruft Courtney eine "Versammlung" ein: Michael "Cali" DeWitt (ihr Ex-Freund, der als Kindermädchen für sie arbeitet), Nirvana-Bassist Krist Novoselic, drei Manager der Band und sein bester Freund Dylan Carlson sprechen insgesamt fünf Stunden mit Kurt. Ob es dabei um eine neue Therapie oder Kurts Plan, die Lollapalooza-Tour abzusagen (oder die Zukunft insgesamt) geht, wissen wir nicht. Ersteres ist nicht allzu wahrscheinlich, denn Cali und Dylan Carlson (sowie Courtney) nehmen selber Heroin. Am nächsten Tag fliegt Courtney nach Beverly Hills und quartiert sich im Peninsula-Hotel ein, um Promotion für das kommende Hole-Album zu machen.

Am 29. März erscheint eine Nachricht von Kurt im Internet: "Ich bin immer noch ziemlich entsetzt über die Sache in Rom und brauche Zeit, um mich zu erholen und darüber hinwegzukommen. Man sollte meinen, die könnten einen guten Milkshake machen, aber nein." Tags darauf begleitet ihn Dylan Carlson zu Stan Bakers Waffenladen, weil Kurt, wie er sagt, sich vor "Eindringlingen" schützen will. Der Verkäufer empfiehlt ein Remington-Gewehr für leichte Munition, die nicht durch Wände dringt – ideal für diesen Zweck. Dylan kauft, Kurt zahlt, bringt das Gewehr nach Hause; dann fahren beide zum Flughafen, wo Kurt feststellt, daß er die Munition noch dabei hat. Er übergibt sie dem Taxifahrer und fliegt nach Los Angeles, um sich in der Exodus-Entzugsklinik einem Rehabilitationsprogramm zu unterziehen.

Eigentlich ist geplant, daß die Kur einen Monat dauern soll, aber schon am 1. April gegen 7 Uhr abends erklärt Kurt den Betreuern, er wolle eine Zigarette rauchen, klettert über eine Mauer und kauft sich ein Ticket für den Delta-Flug 788F nach Seattle, Sitznummer 2F (neben ihm sitzt zufällig Duff MacKagan von Guns N' Roses). Er zahlt mit seiner Kreditkarte. Um 8 Uhr 47 ruft er Courtney im Peninsula-Hotel in LA an. Sie ist nicht da; Kurt hinterläßt eine Nachricht mit einer Telephonnummer – Courtney erwähnt später weder den Anruf noch die Nachricht. Am Nachmittag desselben Tages hat Courtneys Freund Joe Mama Kurt in der Klinik besucht und war überrascht: "Ich hatte erwartet, daß er total im Eimer und depressiv wäre. Aber er sah verdammt gesund aus. Nachdem Kurt die Klinik verlassen hatte, rief ich Courtney an, und sie war außer sich. Wir sind in der Gegend rumgefahren und haben ihn überall gesucht. Sie war echt verängstigt."

Am 2. April um 12 Uhr 47 kommt Kurt am Sea-Tac-Flughafen in Seattle an. Linda Walker von Seattle Limousines empfängt ihn und fährt ihn zu seinem Haus am Lake Washington Boulevard, das gut 5 Stunden zuvor ein seltsamer Mann verlassen hat: "Der Mann", sagte der Chef der Taxifirma Gray Top später der Polizei, "paßte nicht zu dem Anwesen. Er suchte nach einem Laden, um Patronen zu kaufen, fand aber keinen. Er erzählte dem Fahrer, er sei überfallen worden und brauche Munition." Im Haus trifft Kurt Michael "Cali" DeWitt an, einen Ex-Freund von Courtney, der als "Kindermädchen" für sie arbeitet. Cali unterrichtet Courtney per Telephon von seiner Ankunft. Courtney reagiert eigenwillig: Sie läßt Kurts Kreditkarte sperren und berichtet dann abends der Nachrichtenagentur AP, sie habe eine Überdosis genommen, um Kurt Angst zu machen, damit er sich mir ihr in Verbindung setze. Kurts erster Versuch, das Haus wieder zu verlassen, scheitert: An seinem Auto sind alle vier Reifen platt.

Am 3. April beauftragt Courtney Love den Privatdetektiv Tom Grant, Kurt zu suchen. Grant wird sich nach Cobains Tod zu einer Schlüsselfigur der Affäre entwickeln, denn seine Ermittlungen bringen ihn zu dem Schluß, Kurt sei einem Mordkomplott von Courtney und Cali zum Opfer gefallen – eine These die der ehemalige Polizeibeamte, der seit 1975 als Detektiv und Sicherheitsfachmann für eine Reihe schillernder Hollywood-Klienten tätig ist, seither offensiv vertritt (siehe seine Webseite www.cobaincase.com).

Courtney berichtet Grant von der Sperrung der Kreditkarte: Kurt habe weder Geld noch eine Möglichkeit, sich welches zu beschaffen. Auf Grants Nachfrage betont sie: "Der Kerl kann alleine nicht mal ein verdammtes Taxi anhalten." Sie erzählt Grant außerdem von ihrer Befürchtung, Kurt wolle sich scheiden lassen, von der getürkten Überdosis-Story vom Tag davor und schimpft, Kurt habe mit der Nirvana-Absage für Lollapalooza Millionen von Dollar verschenkt. Daß Kurt nach Seattle zurückgekehrt ist (was sie von Cali weiß), sagt sie hingegen nicht. Vielleicht sei er in den Osten geflogen, um Michael Stipe zu treffen. Am selben Tag gegen 15 Uhr versucht jemand, mit Kurts Kreditkarte 1.100 Dollar abzuheben, vergeblich.

Am 4. April um 9 Uhr morgens ruft Courtney Love die Polizei in Seattle an und meldet Kurt als vermißt. Dabei gibt sie sich als Kurts Mutter Wendy O’Connor aus (was nach US-Recht strafbar ist) und erklärt, Kurt sei aus der Drogenklinik geflohen, halte sich in Seattle auf und habe Selbstmordabsichten. Zugleich sagt sie den ersten Gig der Hole-Tournee ab, um sich, so das Management, "wichtigeren Dingen zu widmen – Gesundheit und Glück ihrer Familie". Detektiv Grant gegenüber erklärt Courtney, "jedermann" denke, "daß er sterben wird." Mit dieser Meinung steht sie jedoch noch weitestgehend allein. Am selben Tag gibt sie Robert Hilburn von der LA Times ein Interview, in dem sie erklärt, sie sei froh über die Lollapalooza-Absage, sie liebe den Klatsch über sich und habe sich eigens einen Macintosh-Computer angeschafft, um "all das Gerede über mich im Internet zu verfolgen". Über ihre Songtexte sagt sie, es gehe ihr vor allem darum, zuzugeben, daß sie unehrlich sein könne: "Ich lüge und lüge und lüge!"

Der 5. April wird später bei der Autopsie als wahrscheinlicher Todestag Kurt Cobains festgestellt. Allerdings räumen die Pathologen einen Fehlerbereich von 24 Stunden ein. Möglich also auch, daß Kurt zum Zeitpunkt der Vermißtmeldung bereits tot war.

Am 6. April ruft Courtney Love die Firma Veco an, die sie tags zuvor mit der Reparatur der elektrischen Anlagen im Haus am Lake Washington Boulevard beauftragt hat, und bittet sie, auch das Licht und die Bewegungsmelder im "Gewächshaus" über der Garage zu überprüfen. Tom Grant bietet ihr an, nach Seattle zu fahren, um nach Kurt zu suchen. Bis dahin war dort sein Mitarbeiter Ernie Bath tätig. Auf die Frage, ob sie nicht selbst nach Seattle fahren wolle, antwortet Courtney, sie könne nicht: "Ich muß mich hier um geschäftliche Dinge kümmern." Sie verabschiedet sich mit den Worten: "Rette die amerikanische Ikone, Tom!" Kurts Anwältin Rosemary Carroll erklärt Grant später, Courtney habe "keinerlei" geschäftliche Verpflichtungen in LA gehabt. DeWitt hält sich Zeugen zufolge derweil nach wie vor in dem Haus am Lake Washington Boulevard auf.

Um 11 Uhr 30 ist Grant in Seattle, trifft Dylan Carlson und fragt ihn nach möglichen Selbstmordabsichten des Sängers. Carlsons Meinung: "Nicht im geringsten. Er steht ziemlich unter Druck, aber er kann gut damit umgehen." Carlson erzählt Grant von Kurts Angst vor Einbrechern und dem Gewehr; Grant berichtet von Courtneys Auftrag, Kurt nur "in den besten Hotels" zu suchen, wo er generell übernachte. Carlson ist verblüfft: "Blödsinn. Er steigt normalerweise in ziemlich schäbigen Bleiben ab."

In der Nacht auf den 7. April gegen viertel nach 2 kommen Carlson und Grant beim Cobain-Haus an; dort ist offenbar niemand. Von einer Telephonzelle aus rufen sie Courtney bei Rosemary Carroll an und bitten sie, die Alarmanlage abschalten zu lassen, damit sie ins Haus können. Carroll sagt später aus, Courtney habe Carlson gebeten, auch im Gewächshaus nachzusehen. Kurz darauf kehrt Courtney ins Peninsula-Hotel zurück – und landet kurz darauf mit einer Überdosis im Krankenhaus (im Notruf ist von einer "allergischen Reaktion auf eine verschreibungspflichtige Substanz" die Rede).

Gegen dreiviertel 3 sind Grant und Carlson wieder beim Haus und steigen durch ein offenes Küchenfenster ein. Sie durchsuchen das Haus gründlich, auch die Betten, und finden eine Packung Rohypnol. In DeWitt's Schlafzimmer ist das Bett ungemacht, der Fernseher läuft – offenbar hat er das Haus überstürzt verlassen. Ob Carlson im Gewächshaus nachgesehen hat, ist unbekannt; Grant kennt den Raum noch gar nicht. (Am 11. Mai wird Carlson in einem Interview mit der Seattle Times behaupten, er habe ebenfalls nichts von der Existenz eines Gewächshauses gewußt!)

Am Nachmittag des 7. April fliegt DeWitt von Seattle nach LA, um Courtney zu treffen (und sie, wie sie später sagt, von dem Vorwurf abzubringen, er schirme Kurt vor ihr ab). Courtney ist unmittelbar nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wegen Besitz von Drogen und Diebesgut verhaftet und gegen 10.000 Dollar Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Noch im Krankenhaus hat sie erneut mit Carlson telephoniert und ihn gebeten, nach dem Gewehr zu suchen, das möglicherweise "in einem Schrank" sei.

Als Carlson und Grant gegen 10 Uhr abends das Haus erneut durchsuchen, finden sie auf der Treppe eine Nachricht von DeWitt an Kurt, die bei ihrem letzten "Besuch" noch nicht da war. Grant glaubt, die Nachricht sei ein Fake; möglicherweise habe DeWitt bereits gewußt, daß Cobain tot war. Auch Rosemary Carroll meint, der Text klinge "irgendwie aufgesetzt".

Gegen halb 9 Uhr morgens am 8. April findet Gary Smith, Angestellter der Elektrofirma Veca, im Gewächshaus die Leiche von Kurt Cobain. Die Polizei trifft um 8 Uhr 56 ein und stellt "Heroin-Zubehör" und ein Gewehr sicher. Kurt Cobain ist durch einen Kopfschuß gestorben; etwa 1,52 mg Heroin sowie Beruhigungsmitteln in seinem Blut.

Die Nachricht vom Tod des Rock-Idols geht binnen Minuten um die Welt. Grant und Carlson sind auf dem Weg nach Carnation, wo Kurt und Courtney zwei Häuser haben, als sie an einer Tankstelle die Nachricht im Radio hören. Grant ruft seinen Mitarbeiter Ben Klugman an, der berichtet, noch am selben Morgen habe erneut jemand versucht, mit Kurts Kreditkarte Geld abzuheben. Es ist der letzte Versuch dieser Art, die Kreditkarte bleibt jedoch bis heute unauffindbar. Am frühen Vormittag teilt Vinnette Tichi, Sprecherin der Polizei von Seattle, auf einer Pressekonferenz mit, bei der Leiche sei ein Abschiedsbrief gefunden worden. Noch ehe toxikologische und andere Untersuchungen durchgeführt werden, steht damit die Todesursache Selbstmord zumindest inoffiziell bereits fest. Fünf Tage später sagt Tichi zu dem Journalisten Richard Lee, neben der Vermißtenanzeige habe auch die Meldung von einem Selbstmordversuch im März zur Überzeugung der Polizei beigetragen. Bei der "Meldung", so stellt sich heraus, handelt es sich um den Anruf von Courtney am 18. März.

Tom Grant ruft noch am 8. April bei der Mordkommission in Seattle an und äußert sein Unbehagen über die Selbstmordthese. Ein Beamter erklärt ihm jedoch, das Gewächshaus sei von innen versperrt und verbarrikadiert gewesen, die Feuerwehr habe ein Fenster einschlagen müssen, um die Tür zu öffnen, was eine Fremdbeteiligung definitiv ausschließe. Diese Aussage, so stellt sich später heraus, ist falsch: Die Tür war lediglich eingeschnappt und die angebliche "Barrikade" ein kleiner Hocker – der auf der entgegengesetzten Seite des Raums vor der Balkontür stand!

Grant telephoniert mit Courtney – immer noch seine Auftraggeberin – und ist erstaunt, daß sie ihm keine Vorwürfe macht, weil er Kurt bei seiner Suche am Tag zuvor nicht gefunden hat, als er, wie sie annimmt, noch am Leben war. Courtney verlangt, daß Grant sofort mit der Presse spricht, was er ablehnt, weil er erst mehr über die Umstände von Kurts Tod herausfinden möchte. Am Abend verläßt er Seattle und fliegt nach Los Angeles.

Am 14. April ist Grant wieder in Seattle und trifft Courtney Love im Haus am Lake Washington Boulevard. Courtney zeigt ihm den "Abschiedsbrief", den Grant kopiert. Dabei fällt ihm eine erstaunliche Unstimmigkeit ins Auge: Der lange Text ist vollkommen frei von jeglichen Andeutungen einer Lebensmüdigkeit – es handelt sich um nichts anderes als die schriftliche Bekräftigung von Kurts lange gehegten und oft angedeuteten Plänen, aus dem Musikgeschäft auszusteigen. Dann sind, ganz am Ende des Blatts, vier Zeilen angefügt: "Please keep going Courtney / for Frances / for her life which will be so much happier / without me ... I LOVE YOU. I LOVE YOU" – und dieser Zusatz ist in einer deutlich anderen Handschrift geschrieben. Zwei Graphologen konstatieren später "über ein Dutzend auffällige Unterschiede".

Später fahren Grant, Courtney und eine Freundin zum Carnation-Anwesen. Während der Fahrt erzählt Courtney, sie wolle sich nach einem Gipsabdruck von Kurts Hand eine Gummihand anfertigen lassen, um "Leute damit in seinem Namen ins Gesicht zu schlagen", und schimpft über "den Hurensohn", der AP die Story von ihrer angeblichen Überdosis am 2. April gesteckt hat: "Ich werde rauskriegen, wer das war, und ich werde das Dreckschwein wegen Verleumdung verklagen. Es ist alles eine Lüge, ich kann beweisen, daß ich im Hotel war." Als Grant einwendet, sie habe ihm damals erzählt, sie selbst habe die Geschichte erfunden und verbreitet, sagt Courtney "Ha? Oh!" und starrt für den Rest der Fahrt schweigend aus dem Fenster.

Grants Ermittlungen in der Folgezeit finden unter erschwerten Bedingungen statt. Seine Auftraggeberin zeigt sich wenig kooperativ: Als Grant ihr mitteilt, er wolle mit Michael DeWitt sprechen, beauftragt sie den Hole-Gitarristen Eric Erlandson: "Ruf Cali an und sag ihm, er soll mit dem nächsten Flugzeug hierherkommen." Als Grant weg ist, erhält Eric einen neuen Auftrag: "Sag Cali, er braucht nicht zu kommen." Auch ansonsten zeigt sich Courtney widersprüchlich: läßt etwa in einer Zeitung behaupten, sie sitze trauernd zu hause, während sie in Wirklichkeit in Arizona um die Häuser zieht und versucht, mit Billy Corgan anzubändeln.

Die Schlüsse, die Tom Grant später aus seinen Ermittlungen und Courtneys Verhalten zog, sind eindeutig: Seiner Meinung nach war es ihr fester Wille, Kurt davon abzuhalten, sie zu verlassen und sein Testament zu ändern – ihre Vertuschungs- und Verwirrungsmanöver verstärken Grants Verdacht. Auch die Polizei von Seattle und ihre standhafte Weigerung, Ermittlungen (in irgendeiner Richtung) aufzunehmen, spielt eine wenig rühmliche Rolle. Man behauptet später gar, es gebe keine Photos vom Tatort, da es "nicht üblich" sei, Selbstmordphotos zu entwickeln. Es ist jedoch gesichert, daß 23 Polaroidaufnahmen existieren, die ein Polizeiphotograph unmittelbar nach Eintreffen der Beamten gemacht hat.

Am 8. Mai deutet Grant in einem Brief an Courtney seinen Verdacht an und teilt ihr mit, er werde auf eigene Kosten weiterermitteln. Courtney reagiert nicht etwa wütend, sondern engagiert Grant und seine Mitarbeiter für neue Aufträge, die nichts mit Kurts Tod zu tun haben – wie Grant meint, um seinen Verdacht nicht weiter zu verstärken und außerdem auf dem Laufenden zu bleiben. Zusätzlich erschwert werden seine weiteren Ermittlungen dadurch, daß Detective Antonio Terry vom Drogendezernat in Seattle, Courtneys Verbindungsmann zur Polizei nicht nur während der Suche nach Kurt, am 4. Juni 1994 ermordet wurde. Zu guter letzt läßt Courtney "jeden, der für mich arbeitet", eine Verpflichtung zur Verschwiegenheit unterschreiben, tritt aber selbst in der Folgezeit mit immer neuen Geschichten von Kurts Selbstmordneigungen an die Öffentlichkeit, die von den Medien begierig verbreitet werden, auch wenn sie offensichtlich unsinnig sind.

In einem Rolling-Stone-Interview im Dezember 1994 auf die Unstimmigkeiten in Cobains "Abschiedsbrief" angesprochen, behauptet Courtney, sie habe inzwischen einen zweiten Abschiedsbrief gefunden. Die Stellen, die sie daraus zitiert, weisen allerdings auch eher auf Pläne hin, sie und Seattle zu verlassen: "Du weißt, ich liebe dich, ich liebe Frances, es tut mir so leid. Bitte folgt mir nicht ... Ich werde da sein, euch beschützen. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, aber ich halte es hier einfach nicht mehr aus." Am 19. Januar 1995 von Grant danach befragt, erklärt sie, der zweite Brief habe unter ihrem Kopfkissen gelegen – was Tom Grant, der das Haus samt Betten am 7. April untersuchte und außer einer Packung Rohypnol nichts fand, ausschließt.

Die Ermittlungen um Cobains Tod sind eingestellt worden, ehe sie richtig begonnen haben. Sie werden auch nicht wieder aufgenommen, als Kristen Pfaff tot aufgefunden wird. Die Hole-Bassistin hatte nach Kurts Tod beschlossen, ihrer Band und Seattle den Rücken zu kehren; Freunde erzählen, sie habe Angst gehabt, ohne erklären zu können, wovor. Kristens alter Freund Paul Erickson soll sie am 16. Juni 1994 abholen und wegbringen; gegen 8 Uhr am Abend vorher – ihr Koffer ist bereits gepackt – erhält sie Besuch von Hole-Gitarrist Eric Erlandson. Als Paul am nächsten Tag bei Kristens Apartment in Capitol Hill ankommt, findet er die 27jährige mit einer Überdosis Heroin tot im Badezimmer. Er ruft Notarzt und Polizei, die kurz darauf eintreffen. Courtney Love allerdings berichtet später, sie habe "rübergehen müssen und Eric von der Leiche wegzerren". Wie und warum Erlandson am Morgen wieder in Kristens Wohnung kam und wieso ihn nicht die Polizei "wegzerrte" ... wir werden es nie erfahren. Im Dunkel bleibt auch die verwegene Geschichte des Alkoholiker-Rockers Eldon "El Duce" Hoke, der 1996 behauptete, Courtney Love habe ihm Ende Dezember 1993 50.000 Dollar geboten, um Kurt zu ermoden, und sei außer sich vor Wut gewesen, als sie ihn bei einem Anruf um den 30. März 1994 nicht an dem verabredeten Ort (einem Plattenladen in West Hollywood) antraf. Hoke unterzog sich am 6. März 1996 einem Lügendetektortest (den er und seine Aussage bestanden). Die Polizei lehnte es ab, seine Aussage aufzunehmen. Am 19. April 1997, eine Woche nachdem er seine Geschichte in einem Interview vor der Kamera wiederholt und erläutert hatte, wurde Hoke unter mysteriösen Umständen von einem Zug überfahren und getötet.

Die exponierte Rolle, die Courtney Love in dieser Geschichte spielt, und das überaus trübe Licht, in dem diese erscheint, läßt sich nicht leicht aufhellen und relativieren; doch kann man die Geschichte auch vorläufig nicht schließen, ohne es zu versuchen. Neid, Mißgunst und Haß nämlich zieht sie nicht erst seit Cobains Tod auf sich; doch selbst das Bild der ruhmsüchtigen, luxusversessenen "Nancy Spungen des Grunge", die sich ohne eigenes musikalisches Talent durch geschickte Schachzüge und Liasionen mit Stars in Charts, Schlagzeilen und die High Society des Showbiz hineingekeilt hat, ist nicht frei von Widersprüchen. Vergleicht man etwa die Independent-Debüts von Nirvana (BLEACH)und Hole (PRETTY ON THE INSIDE) nur anhand der Verkaufszahlen, so kehrt sich das Verhältnis um. Auch die Rollenverteilung ist so selbstverständlich nicht haltbar, auch wenn Courtneys Versuche, das Bild der maß- und rücksichtslosen, gierigen, zerrütteten, Gift und Galle sprühenden Hexe, das Neider, Konkurrenten und Medien von ihr zeichneten, zu korrigieren, nie sonderlich geschickt ausfielen. Kurt Cobain war alles andere als ein Heiliger, und eine Frau, die sich darauf einließ, ihn zu lieben und mit ihm zu leben, verdient zumindest Respekt und Gehör für ihre eigene Sicht der Dinge.

In einem Webchat (den sie kurz darauf wieder löschte) schrieb sie 2001:

"Es war ein Sonntag, Ostern oder so [der 3. April]. Ich rief den Manager an – Kurt hatte den Entzug abgebrochen. Ich rief an, weil ich verdammt genau wußte, was passiert war – die Pflegerin sagte, er sei zu einer Röntgenuntersuchung gegangen. Eine Röntgenuntersuchung? Ich wußte Bescheid. Niler nannten die meisten Leute ‚Ratte‘, das war sein Spitzname. [Cobain-Biograph] Charlie Cross hat mir erzählt, daß Niler ihn bei Exodus abgeholt hat, was vielleicht Erlandsons Eskapaden erklärt. Ich wußte, daß Eric vor ein paar Jahren Niler aufgetrieben und die Scheiße aus ihm rausgeprügelt hat, aber erst vor vier Monaten habe ich erfahren, warum, als Charlie mir gesagt hat, daß Niler ihn aufgelesen hat, nachdem er über die Mauer geklettert ist, und ihn in sein Haus gebracht hat. Als diese Pflegerin ‚Röntgenuntersuchung‘ sagte, habe ich sofort die Klinikleitung angerufen. Ich wußte, daß ich ihn verpaßt habe, aber er mußte in LA sein. Perry Farrell? Niler? Wo wird er hingehen?

Ich springe in ein Taxi und fahre zu Niler. Keine Ahnung mehr, wo Perry wohnt. (Ein paar Rock-Trivia am Rande: Als Parry in der St. Andrews aus dem Song ‚Jane Says‘ lebte, war er der angesagte Dope-Dealer. Bei den wenigen Gelegenheiten, als ich genug Geld für Dope hatte, war ich nicht cool genug, tatsächlich in das Haus reinzugehen, wo ‚Jane‘ wohnte und Perry dealte, also wartete ich im Auto, während Finch den Deal klarmachte. Ich war auch nicht cool genug, um Dope von Fabrice zu kriegen, dem Chili-Peppers-Dealer, der Hillel Slovak ‚umgebracht‘ hat, der starb, weil er ein Idiot war und alleine Drogen nahm, was beweist, warum Leute, die alleine Drogen nehmen, sterben und Leute, die das nicht tun, überleben.)

Ich rufe Eric in Seattle an und schreie, er soll die Flugpläne checken. Die Arschlöcher bei Exodus wollen nicht ‚bestätigen‘, daß Kurt weg ist. Übrigens kenne ich nicht einen Menschen, der zu Exodus gegangen und danach clean geblieben ist. Lustig, nicht? Ich denke, in LA brauchen sie eine Entzugsklinik, die nicht funktioniert.

Charlie Cross meint, daß Kurt in Nilers Haus war. Jetzt weiß ich, warum Eric hinter ihm her war. Eric, Niler und seine gruselige Freundin sind nicht mehr unter uns in LA. Aber neulich habe ich seinen Namen gehört: Eine bestimmte sehr brillante und sehr kaputte Schauspielerin, die die meisten Leute, die Hole mögen, sehr schätzen, fragt mich auf der Toilette bei den Golden Globes, ob ich "mit ihr zu Niler möchte, bevor wir auf die Party gehen". Whoa. Ich wußte nicht, daß man Junkie und Filmstar zugleich sein darf. Mir hat man erzählt, das gehe nicht. Sie hat mir echt leid getan. Ich hab ihre Narben gesehen und gedacht: ‚Wie kann Niler immer noch Dope verkaufen, und warum, verdammt noch mal, glaubt sie, ich nehme das Zeug nach wie vor?" Als würde ich nach der ganzen Scheiße je wieder eine Nadel in mich reinstechen. Egal, jedenfalls: ich und Charlene Tilton. Da habt ihr es.

Ich glaube, Kurt war in Nilers Hinterzimmer. Er hat was besorgt und ein Flugzeug nach Seattle genommen. Duff McKagan war in dem Flugzeug, der Guns-N‘-Roses-Bassist. Sie haben sich zusammen betrunken, und Duff hat ihm einen Fahrer besorgt. Er lehnte ab und nahm ein Taxi. Ich war erledigt. Ich WEISS, daß alles zusammenbricht. Eric geht ins Haus und holt die Knarren und Patronen. Ich rufe Silva an: Finde Krist und bring ihn rüber in das Haus. Und besorg mir einen Privatdetektiv. Silva, jetzt ein reicher Mann, sagt: ‚Das ist nicht mein Job, ruf einen Anwalt an.‘ Ich rufe die Anwältin an, sie ist in Urlaub. Ich rufe den verdammten Hotelempfang an, hysterisch. ‚Wir haben keine Privatdetektive.‘ Ich schlage die Gelben Seiten auf und wähle einfach eine Nummer. Und ich werde diese Scheiße nie vergessen. Der erste Typ war von ‚Eagle Detective‘, ein furchteinflößender, düsterer kleiner Kerl. Der nächste ist unser Mann Tom, egal wie er aussieht, ich brauche ihn für eine Sache – fahr nach Seattle und finde diesen verdammten Kerl JETZT. Er hatte einen von seinen Jungs dabei, wenn ich mich recht erinnere. Ich sage ihm genau, was er zu tun hat, jeden Dealer, stell einen Mann zum Haus und laß Kurt in Ruhe. Versuch nicht, ihn in die Klinik zu kriegen, sag ihm, mir ist alles egal, und versuch nicht, Dealer vom haus fernzuhalten, sonst geht er zu ihnen. Fahr nach Carnation und durchsuch jedes Zimmer, Keller, Garage, alles. Der Idiot fährt hin, und ich muß die Bullen anrufen, weil er’s nicht tut. Er ist zu blöd. Ich hab versucht, einen zweiten Kerl anzuheuern, sofort als ich ihn losgeschickt habe und er am nächsten Tag fahren wollte und ich sagte, nein, du fährst verdammt noch mal jetzt. Morgens klopft es an der Tür, es ist Eric. Warum zum Teufel ist die EINZIGE Person, die alles verhindern kann, in LA? ‚Ich hab gehört, du seist tot und Kurt sei hier.‘ Mach, daß du dich ins nächste Flugzeug setzt. Scheiße. Wir sahen uns an, und ich wußte einfach Bescheid. Eric fuhr zum Flughafen zurück, ich rufe Niler an, um in Hergottsnamen ein bißchen Stoff zu kriegen, dann meine Schwiegermutter, damit sie auf mein Kind aufpaßt. Niler oder jemand von seinen Leuten kommt und gibt mir ein beschissenes bißchen Zeug, das ich nehme, aber es ist Müll, und dann explodiert mein Arm (into a rash of shit). Also rufe ich unten an, weil mein Arm in die Luft geht. Inzwischen habe ich den blöden fetten Arsch von Gelbe-Seiten-Detektiv am Telephon, der nicht tut, was ich ihm sage. Und das Zimmermädchen bringt mir Benedryl, ich nehme es, und mein Arm schwillt ab, und ich packe und lasse Kurts verdammte Kreditkarte sperren, damit er kein Geld mehr abheben kann und mich anrufen muß. Ich rufe noch mal den verdammten Manager an und sage ihm, daß Kurt sterben wird, und er sagt: ‚Well, momentan gibt es nichts, was wir tun können.‘ Frage ihn, ob er Krist zum Haus geschickt hat. ‚Krist denkt, das ist nicht mehr seine Verantwortung.‘

Klopf, klopf.

Es sind die verdammten Bullen. West Hollywood Sheriff’s Department. Der Typ heißt, ohne Scheiß, DETECTIVE BUTKES. Ausgesprochen: ‚Buttkiss‘. Jahre später hab ich von diesem Fucker einen Strafzettel gekriegt; er hält mich und Norton in West Hollywood an, kommt zum Auto und sieht mich und dreht sich ohne ein Wort auf dem Absatz um und rennt zu seinem Wagen. Verdammter Feigling. Und seine Bande. Dem Jungen am Empfang ist mein Zustand aufgefallen, und ich hatte mein Telephon gesperrt für jeden außer meinem Ehemann. Einen Monat später sehe ich die Telephonabrechnung, und da steht ein Anruf am 3. April um 7 Uhr noch was früh von unserem Privatanschluß ins Hotel, und SIE HABEN IHN NICHT DURCHGESTELLT. Das ist das hübsche Peninsula-Hotel, das ich unter keinen Umständen je wieder betreten werde.

Butkes durchsucht meine Sachen und findet einen von Steve Scappas Rezeptblöcken, den der Trottel in meinem Zimmer gelassen hat. Ein verdammter Arzt läßt seinen Block in meinem Zimmer! Sie legen mir Handschellen an und karren mich in eine Zelle. Und ich sitze da im Polizeirevier von Beverly Hills und sehe einen Blitz in meinem Kopf. Ich kann das nicht erklären, aber ich SEHE es und FÜHLE es und ich weiß es – ich weiß es ich weiß es ich weiß es. Plötzlich taucht meine Anwältin auf, die in Urlaub war und mir keinen Privatdetektiv auftreiben konnte. Und sie bringt jetzt mich zu Exodus. Niemand will mich haben, ich lasse Frances bei ihr und warte auf ihre Großmutter und schlafe ein und wache auf und der Fernseher läuft in der Krebsstation im Krankenhaus. Ein Zaunkönig und ein Sperling in einem goldenen Feld – Bilder, die man sieht, während man stirbt. Ich greife nach der Fernbedienung, aber etwas hält mich vom Umschalten ab. Ich bin im Krankenhaus, nicht in der Entzugsabteilung, ich mußte wohl einfach ins Krankenhaus, keine Ahnung. Rosemary kommt ins Zimmer und sieht tot aus, und ich schreie und schreie und denke, es ist eine Überdosis. Weil Eric hat die Gewehre weggebracht, und daß es keine Überdosis ist, erfahre ich erst lange nachdem ihr alle wißt, was der Scheißkerl getan hat.

Und das ist fast das Ende.

Außer, ja, Steve Scappa. Der Idiot will mir kein Valium geben. Er hat die Sache immer noch ‚in der Hand‘, nachdem er bei der Kontrolle dieser wahnsinnigen Situation so großartige Arbeit geleistet hat. Ich buche einen Lear-Jet, packe mein verdammtes Kind und marschiere in dieses elende Gewächshaus. And fuck you.

Traurig? Nein, das sind nur die fröhlichen Abschnitte. Die traurigen sind schlimmer. Das sind nur die Eindrücke, die Eile, Aktionen und Tatsachen. Die traurigen Abschnitte sind schlimmer, so grob und schmutzig, daß ich mich manchmal frage, ob es überhaupt einen Sinn hat, weiterzuleben, denn Gott ist ein scheußliches Stück Dreck, weil er die Dinge zuläßt, die ich erlebt habe, und vielleicht gibt es überhaupt gar keinen Gott. Kranke, böse Sachen. Warum zum Teufel habe ich jetzt, in dieser Sekunde keine Nadel im Arm, ich weiß es nicht, aber in manchen Nächten wünschte ich, ich würde diese Leute noch kennen, und wenn es nicht wegen dem Menschen wäre, der oben schläft, wäre ich tot. Aber bei wem außer Edward oder Drew könnte ich sie zurücklassen?

Und übrigens, oh ja, ich stimme zu, daß es mich statt ihm erwischen hätte sollen. Im Ernst. Wie oft am Tag glaubt ihr wünsche ich mir, ich wäre tot? Und dann versuche ich zumindest, mich nützlich zu machen. Allerdings könnte auch ein Karriere-Selbstmord irgend jemandem irgendwo etwas bringen. Fuck it."

Wie gesagt: Vieles in diesem Fall bleibt ungeklärt, manches wohl für immer.

Nur eines steht unverrückbar fest: Kurt Cobain lebt nicht in Alaska oder Marokko oder als Tankwart im Mittleren Westen; er ist tot. Am 10. April 1994 versammeln sich 6.000 Fans vor dem Flag Pavillon in Seattle, um ihn zu betrauern; am 14. April wird sein Leichnam im Beerdigungsinstitut Bleitz eingeäschert (und Gerüchten zufolge zuvor von Angestellten der Firma mißhandelt: Courtney Love klagte später, sie hätten die Leiche verkleidet, ihr den Kopf rasiert und mit ihr getanzt, das Ganze auf Video aufgenommen, ihr zugeschickt und, man wagt kaum, es niederzuschreiben, sich am Ende "Souvenirs" abgeschnitten – Will Smart, der Anwalt der Firma, habe Kurts Mutter 250.000 Dollar Entschädigung angeboten und gedroht, falls Courtney die Geschichte öffentlich mache, werde er der Presse "jede dreckige kleine Sache", die sie je getan habe, mitteilen).

Auch der Ort, an dem Kurt Cobain starb, existiert nicht mehr: Im Mai 1996 hat Courtney Love die zur Wallfahrtsstätte gewordene Garage samt Gewächshaus abreißen lassen. Was bestehen bleibt, sind jedoch letztlich weder die schrecklichen Begleitumstände noch ungeklärte Details, sondern: seine Musik.


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