zurück zur Musik-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
mehr Musiktexte:

Havana Affair - in Kuba mit den Manic Street Preachers

Köln, Ende Januar 2001: Während sich im Domviertel die ersten noch schüchtern vermummten Narren in sporadischem Schneetreiben sammeln, sitzt in einem nagelneuen, warmen Sony-Zimmer ein etwas müder James Dean Bradfield, auf dem inzwischen recht üppigen Bauch eine akustische Gitarre, und blickt aus dem Fenster auf den frisch aus dem Boden gestampften "Mediapark", der aussieht, als hätten fünf Architekten nach einem Besuch in Disneyland einen kollektiven Alptraum gehabt. James summt eine unbestimmte Melodie; als ich ins Zimmer marschiere, muß er aufs Klo. Dann lümmelt er im Sofa, grinst sein charakteristisch verschmitztes Bubengrinsen und fragt: "Na, was gibt’s Neues?"

Zunächst mal ihn: Wir kennen uns seit bald acht Jahren, aber als jovialen, rundlich-gemütlichen Menschen kannte ich ihn bisher nicht. Wenn James selbst an den James von 1993 zurückdenkt, sieht er "einen total aufgeregten, verschüchterten Jungen, umgeben von verwirrten Leuten, die ihn fassungslos anglotzen und nichts verstehen, weil er so schnell redet. Viel von unserer Wut und Energie hatte damit zu tun, daß manche Leute behaupteten, die Zeit für Rockbands sei vorbei, wir seien irgendwie eine archaische Erscheinung. Und wir wollten ihnen unbedingt beweisen, daß sie im Unrecht waren."

In ihren frühen Jahren gab sich die Band alle Mühe, diesen Beweis anzutreten: Ihre T-Shirts zierten Sprüche wie "ALL ROCK’N’ROLL IS HOMOSEXUAL", "SUICIDE BABES" und "I HATE AMERICAN INDIE ROCK", in Interviews schimpften sie mit erstaunlicher Eloquenz auf Kollegen, Politiker und alles, wonach man sie sonst noch fragte. In Zeiten, da es als chic galt, in farblosen Lumpenklamotten und Baggy-Kluft herumzulaufen, kleideten sie sich wie eine Barbie-Version der New York Dolls, und die Galerie ihrer Vorbilder war eine seltsame Mischung aus Guns N‘ Roses, Karl Marx, Sylvia Plath, Arthur Rimbaud, Public Enemy, Nietzsche, Orwell, Ibsen, Camus und Konfuzius, deren Zitaten ihre Platten zierten.

Der Preis für den Angriff auf die ganze Welt als solche war hoch: Statt von ihrem ersten Album wie angekündigt 16 Millionen Stück zu verkaufen und sich aufzulösen, durchkroch die Band alle Niederungen von Spott, Mißerfolg und Verachtung, verlor auf dem langen Weg nach unten ihren Texter und "Gitarristen" Richey Edwards, der, alkohol- und magersüchtig, 1995 verschwand, und erntete erst 1996 mit dem Album EVERYTHING MUST GO den Preis für die Mühen.

Und dann schien das Ende nahe: Nunmehr in der obersten Etage der Rock-Prominenz angekommen, lieferte das verbliebene Trio 1998 ein ermüdendes Stadionrock-Album ab, absolvierte eine Dienst-nach-Vorschrift-Welttournee und zog sich nach dem Silvesterauftritt vor 65.000 Menschen in Cardiff zurück – wie mancher meinte: endgültig. Gerüchte über ein anstehendes Best-of-Album mit dem Titel "Forever Delayed" als letztes Statement machten die Runde.

Doch wieder mal war alles ganz anders: Selbst enttäuscht, daß sie zu "gewöhnlichen" Rockstars degeneriert waren, warfen die Manics alle Regeln des Business über Bord und stürzten sich ohne Vorbereitungen und Demoaufnahmen in ein Abenteuer, an dessen Ende das neue Album KNOW YOUR ENEMY steht – mit 17 Songs ebenso lang wie das schwellbrüstige Debüt. Der Titel war Programm: "Der Feind, das war das, was aus uns geworden war", verkündete Bassist Nicky Wire.

"Wir hatten zwei Regeln", sagt James. "Erstens: Nichts wird geprobt. Das ist irgendwie so eine Art Gesetz, das für alle Bands gilt: Bevor du ins Studio gehst, mußt du in ein Probestudio. Diesmal hatten wir nur vier Songs. Die anderen Sachen haben wir drei- oder viermal gespielt, und dann waren sie spätestens beim dritten Take fertig. Die andere Regel war: keine Streicher. Okay, auf ‚Miss Europa Disco Dancer‘ hörst du welche, aber das sind Keyboards. Als wir anfingen, die Songs zu spielen, war alles ein totales Desaster, Lärm und Durcheinander. Es klang wie Public Image Limited, aber wir waren so begeistert davon, daß wir beschlossen: Genau so machen wir’s!"

Das Ergebnis ist so vielseitig, daß sich beim ersten Hören Verwirrung einstellt: Zwischen Lärm und Ballade ist so ziemlich alles zu finden, was passieren kann, wenn drei Leute einfach drauflos spielen, von denen zumindest einer ein geniales Gespür für Melodien hat – und einer seine Schnauze wiederentdeckt, die ihn einst berühmt und berüchtigt machte. Nick Wire singt nicht nur seinen "Wattsville Blues" selbst, er ist auch auf der kuriosen Disco-Nummer "Miss Europa Disco Dancer" zu hören: "Braindead motherfuckers!" lautet sein Text. "In Spanien hatten wir Sky TV im Studio und sahen ‚Ibiza Uncovered‘, dieses ‚Big Brother‘-Zeug, wo sie zehn doofe, geile Leute in eine Villa tun und zusehen, wie sie sich besaufen, Drogen nehmen, ficken, sich verlieben und entlieben", erklärt James. "Dann gab es eine andere Sendung, ‚Jamaica Uncovered‘, genau das gleiche. Es war wie eine Verschwörung der TV-Produzenten: Wie können wir aufhören, soviel Geld auszugeben, aber noch mehr Geld verdienen, mehr Quote kriegen? Die Idee in ihren Köpfen war offensichtlich: Bring den Abschaum dazu, den Abschaum zu unterhalten. Schmeiß die ganzen Schauspieler raus, schmeiß die Drehbuchschreiber raus – und das hat funktioniert! Das Fernsehen spiegelt immer die schlimmsten Aspekte unserer Kultur wider, und was das widerspiegelt, war: Die Leute fahren gern in Urlaub, um sich zuzudröhnen. Und wir dachten: Wenn wir das noch länger anschauen, werden wir hirntote Arschlöcher."

Lockerer wurde auch James‘ Herangehensweise an Nicks Texte, die ihm schon früher bisweilen Rätsel aufgaben: "Es war oft schwer, als Sänger Identitäten zu übernehmen, die er als Texter übernommen hatte. Das ist heute nicht mehr oft so, aber bei einigen Songs, ‚His Last Painting‘ zum Beispiel, hab ich ihn gar nicht erst gefragt, um was es geht, sondern versucht, selbst herauszufinden, was ich daraus machen kann."

Richtig ernst war es James aber mit seinem ersten (beendeten) Versuch als Texter. Die anrührende Semi-Ballade "Ocean Spray" ist seiner Mutter gewidmet, die am 27. Juli 1999 an Krebs starb. "Sie war in einem dieser richtig alten Krankenhäuser, die es wahrscheinlich nur noch in Großbritannien gibt. Die haben da große Angst vor Infektionen und so was, deshalb empfehlen sie den Leuten, viel Cranberry-Saft zu trinken, weil das Infektionen abtötet. Also schickte mich meine Mutter dreimal am Tag los, ihr ‚Ocean Spray‘-Cranberry-Saft zu holen. Das hat mich beeindruckt: daß jemand, der dem Sterben so nahe ist, sein ganzes Vertrauen in eine Tüte ‚Ocean Spray‘ setzt. Es sagt was über den menschlichen Geist, daß man immer glaubt, es könne noch eine Chance geben, gesund zu werden."

Der Tod von James‘ Mutter fiel in eine Zeit, als sich manches änderte – zum Beispiel die erste Ziffer in den Altersangaben der drei Musiker, und damit auch die Einstellung zum eigenen Leben: Beschleicht nicht jeden um die 30 gelegentlich das Gefühl, mehr hinter als vor sich zu haben, mehr Erinnerungen als Erwartungen? Lieber alte Sachen wiederzuentdecken als neue zu finden? "Ja, stimmt. Letztes Jahr an Weihnachten war ich drei Wochen im Haus meines Vaters und hab meine alten Platten durchgewühlt. Wenn du 31 bist und seit 13 Platten kaufst ... zum Beispiel hab ich das erste Album von den Saints gefunden, ‚I’m Stranded‘, das hatte ich total vergessen. Das ist unglaublich, diese Stelle, wo der Typ ‚Alright!‘ schreit. Aber es stimmt, viele Leute verändern sich mit Anfang 30. Was du grade gesagt hast, klingt ziemlich traurig, aber ich denke, es fängt auch etwas Neues an, wenn Sachen zurückkommen, auf die du nicht geachtet hast. Viele davon kommen dir jetzt viel besser und wichtiger vor als damals."

Zurück in die Zukunft. Die Live-Aktivitäten zu KNOW YOUR ENEMY beginnen an einem Ort, wo noch nie eine Rockband aus der kapitalistischen Welt aufgetreten ist: in Kubas Hauptstadt Havanna. Wie kam das zustande? "Als wir das Album durchhörten, fragte jemand: Wieso spielt ihr so oft auf Kuba an? Tatsächlich sind drei oder vier Referenzen an Kuba drauf: eine Stelle in ‚The Convalescent‘, dann ‚Baby Elian‘ natürlich, ‚Let Robeson Sing‘, und ‚Freedom Of Speech Won’t Feed My Children‘ kann man auch darauf beziehen. Da sagte Nick: Es wäre Wahnsinn, wenn wir den ersten Gig in Kuba spielen würden. Unser Manager Martin saß dabei und meinte ganz ernsthaft: Ich sehe mal, was sich machen läßt. Er fuhr hin, und dann sagte er: Es wird ein harter Brocken, aber ich denke, es klappt. Das war’s. Ich denke aber auch, daß die Geschichte eine Bedeutung hat. Viele Leute halten uns für ein bißchen überholt und altmodisch, politisch und musikalisch, glorreich gescheitert. Und viele Leute in Amerika und anderswo sehen Kuba genauso. Das ist ein guter Hintergrund. Kuba ist kein perfektes Modell für einen sozialistischen Staat, aber so Sachen wie das Gesundheitswesen sind ein echter Erfolg. Daß es nicht mehr solche Erfolge gibt, ist die Schuld der USA. Wenn Kuba ein Erziehungs- und Bildungssystem hinkriegt, wie es in ganz Amerika keines gibt, das in keinem Verhältnis zur Wirtschaftskraft und Größe des Landes steht, wieviel mehr könnten sie ohne das Embargo erreichen? Es nervt die Amerikaner einfach, daß die so was hinkriegen, mit einer anderen Ideologie."

Hat der Kuba-Plan nicht auch damit zu tun, daß die Manics seit Beginn ihrer Karriere in den USA kein Bein auf den Boden bekommen haben? "Nein, aber nachdem es so aussah, als würde die ganze Sache klappen, haben wir uns überlegt: Wenn wir Arbeitsvisa brauchen, um nach Kuba einzureisen, können wir danach nie wieder auf USA-Tournee gehen. Das wäre die perfekte Entschuldigung!"

Und wieder grinst James, wie ein kleiner Junge, der sich für einen gelungenen Streich nicht so recht schämen mag.

Und dann, am 14. Februar, bin ich in Havanna. Wenn es diese Stadt nicht gäbe, könnte sie auch keiner erfinden, und der außergewöhnliche Anlaß sorgt in mancherlei Hinsicht noch für eine Steigerung: Betrunkene Waliser filmen inmitten grollender und grinsender Cuba-Carabinieri die Ankunft ihrer noch betrunkeneren Kumpels, das Taxi brettert mit 120 Sachen vom Flughafen durch Schwaden von historischen Abgasen, vorbei an grotesken Chevy-Fossilien, dreireifigen Truck-Ruinen, ostereiförmigen Kabinenrollern, buntscheckig wäscheverhängten Wohnklötzen und leicht verblichenen Schildern mit der Aufschrift "Ins neue Jahrtausend mit Fidel und der glorreichen Revolution" in die Innenstadt – überholt wird rechts, die Hupe ist ans Gaspedal angeschlossen. Es ist "Dia de los Enamorados" – der Tag der Verliebten, und die kilometerlange Mauer an der Strandpromenade Malecon ist vollbesetzt mit solchen; ob die große Party irgendwann endet, bleibt dem müden Europäer schlafbedingt verborgen.

Man kennt das Klischee: Auf Kuba werde gearbeitet, wenn der Bus fährt; der fährt, wenn es Benzin gibt; das gibt es nicht, also wird gefeiert. Die pompösen Ruinen von imperialistischer Okkupation und Diktatur rotten vor sich hin, man wohne und feiere sie herunter. Die Wirklichkeit sieht (etwas) anders aus: Überall in Havanna sind Restaurierungsarbeiten an den Häuserpalästen im Gange. Die laufen zwar meist so ab, daß einer pinselt, der zweite auf den Mörtel für seine Steine wartet und der dritte in der Schubkarre schläft, aber man spürt: Hier bewegt sich was. Durch die sonnengewärmten Straßen dröhnt eine wilde Mischung aus Rap, Salsa, Kindergeschrei und Motorenlärm; überall wird etwas getan, auch wenn manchmal nicht ersichtlich ist, was. Vom Standpunkt der globalisierungswütigen US- und Euro-Wirtschaftsmaschine betrachtet ist all das nicht gut. Der Kapitalismus steht mit gespreizten Krallen bereit, um die Insel in ein Paradies von Arbeit, Konsum und Werbung zu verwandeln – aber er darf nicht. Kuba kennt seinen Feind. KNOW YOUR ENEMY – wer könnte besser geeignet sein für den Auftritt der ersten "westlichen" Rockband auf der karibischen Insel als jene drei Waliser, die ihre Karriere Ende der 80er mit zynischen Tiraden gegen Großkonzerne und ökonomische Verblödungsdiktatur begannen? Noch allerdings kann keiner der Passanten, die ich danach frage, mit dem Namen der Band auch nur das geringste anfangen.

Freitag, der 16.Februar: Am frühen Morgen ist Havanna ein langsam erwachendes Monster mit rosa Wangen; wer jetzt schon eilig auf den Beinen ist, ist fremd und braucht diverse Dinge: ein Arbeitsvisum, eine Konzertkarte, einen Interviewtermin. Der Weg zum internationalen Pressezentrum führt direkt am legendären Hotel Nacional vorbei, einem 1930 mit Geldern der (heute in Miami exilierten) Mafia erbauten Prunk-Palast. Von hier ist es für die Manic Street Preachers nur ein kurzer Fußmarsch zur Pressekonferenz mit 120 entweder einheimischen oder bereits deutlich sonnenverbrannten Reportern, deren Fragewut sich in Grenzen hält. Nicky Wire, ganz in weiß, führt das (für die Dolmetscherin nicht immer rätselfreie) Wort; James und Drummer Sean Moore (die optisch auch als Parteifunktionäre durchgehen würden) halten sich zurück.

Das größte Interesse gilt den Punkten, wo sich Manics und Kuba berühren. Zum Beispiel dem neuen Song "Baby Elian". Der sei jedoch nicht bloß auf den Fall des Jungen Elian Gonzalez gezogen, um den zwischen Kuba und den USA ein heftiger Streit entbrannte, sondern laut Nick "ein Kommentar dazu, wie sehr die US-Medien die Meinung der ganzen Welt beherrschen". Kuba (dessen Flagge eine Single und den Bühnenhintergrund der Band ziert, weil sie "rein ästhetisch so unglaublich schön ist"), lobt er, wehre sich tapfer gegen die Kulturhegemonie der USA: "So was wie Limp Bizkit gibt es hier immerhin nicht, diese widerliche Band, die wir in Großbritannien jeden Tag hören müssen." Und weil wir schon bei den Amis sind, zitiert ein Journalist Noel Gallagher: "Britische Bands wie wir haben in den USA keinen Erfolg, weil die Amerikaner einen schlechten Geschmack haben." Nick, entwaffnend grinsend: "Da hat er recht." Ob die Chancen der Band in den Staaten durch die Kuba-Geschichte nicht zusätzlich gemindert würden? "Das hoffe ich!"

Freundliches Lachen; James stellt den kubanischen Gitarristen Dago vor, den er am Abend zuvor kennengelernt und zu einer Session beim Soundcheck eingeladen hat. Dann werden die Fragen schärfer: Steckt hinter der ganzen Aktion nicht ein PR-Trick? Da platzt Sean der Kragen: "Die kubanischen Medien sind viel offener, interessierter und freundlicher zu uns, als es die britischen Medien je zu kubanischen Musikern waren", schimpft er, stellt das Mikrophon wieder weg, läßt sich aber noch zu einer minutenlangen Tirade hinreißen, die nur der neben der Dolmetscherin sitzende Mann vom Kulturministerium mitbekommt. Man versöhnt sich wieder: Es wäre "die größte Ehre", wenn Fidel Castro persönlich zum Konzert erschiene, grinst Nick in die allgemeine Belustigung hinein.

Nachdem noch einmal klar gesagt wurde, daß es hier neben anderen Überlegungen ("Unsere letzte Tournee haben wir in der langweiligsten Stadt der Welt begonnen, diesmal wollten wir das Gegenteil tun!") auch um eine "Geste der Solidarität" geht, trennen sich die Wege: die Manics zurück ins Hotel, der Rest muß Visa, Filme, Zigarren, Rum und anderes besorgen oder sich einfach noch ein bißchen im Schatten ausruhen.

Um halb sieben versinkt die Sonne in einem Meer aus Quecksilber. Das Teatro Karl Marx steht eine gute halbe Fußstunde vom Hotel Nacional ziemlich allein zwischen Ufer und dem großzügig angelegten Stadtteil Miramar, wo die Alleen zu Tunnels und die Vorgärten zu kleinen Dschungeln verwachsen sind. Direkt vor der Halle ein weitgehend leerer Taxiparkplatz, über den in der milden Abendluft die brachialen Akkorde von "Found That Soul" hallen. Die Ohren der Kubaner, die an der nächsten Ecke auf Bänken sitzen, plaudern, trinken und lachen, erreichen sie nicht mehr.Seltsame Vorstellung, daß, während die ganze Stadt ausruht, feiert und sich von der Hitze des Tages erholt, eine Handvoll Waliser die einzigen Menschen sind, die noch arbeiten. Zu sehen ist von außen durch die mit einigen photokopierten Manics-Zetteln behängte Glasfront nur Lizzie vom Manics-Management Hall or Nothing; sie steht in der neonhellen Eingangshalle und telephoniert verstreuten Journalisten hinterher, die sich noch nicht akkreditiert haben.

Am Samstagabend sieht der Platz vor dem Teatro ganz anders aus: Die Straße ist weiträumig abgesperrt, je zwei Ordner an den Barrikaden lassen nur Fußgänger passieren. Vor der Halle bilden sich lange, ungeordnete Schlangen aus größtenteils minderjährigen Kubanern, unter die sich einige grinsende Erwachsene und auffällig bleiche Briten mischen. Aufgeregte Erwartung liegt in der Luft, in einem kleinen Haus neben der Halle werden die Kameras der angereisten Journalisten einer mysteriösen Prüfung unterzogen.

Dann füllen sich langsam und stetig die rot gepolsterten Sitzreihen vor der Bühne und auf den beiden Logenbalkonen. Eine Handvoll Ordner an den drei Glastüren verteilt rote Fähnchen mit der Aufschrift "Manic Street Preachers Cuba 17-02-01", und einer der eifrigen und dauergrinsenden Kulturbeamten, die sich um uns auswärtige Berichterstatter kümmern, flüstert mir in höchster Erregung ins Ohr: "Es besteht vielleicht eine Möglichkeit, Fidel Castro zu photographieren!" Ich: Wann? Wo? "Hier. Er kommt wahrscheinlich gleich."

Tatsächlich: Als die meisten der 4.900 Plätze besetzt sind, stehen plötzlich alle wieder auf, drehen sich um und wedeln wie die Irren mit ihren Fähnchen. Da leuchtet ein grauer Bart in der Mitte des unteren Balkons, der Mann dazu lächelt freundlich, winkt und setzt sich in die erste Reihe. Kurz darauf gilt der entfesselte Jubel dem anderen Ende des Saals: Vor einer überdimensionalen Kuba-Flagge betreten die Manics die Bühne und entfesseln nach schüchterner Begrüßung mit "Found That Soul" ein Lärmgewitter, das den ehrwürdigen Schauplatz manch historischen Kongresses bis in die Grundmauern erschüttert.

Das Programm ist eine gut ausgewogene Mischung aus alt und neu, wobei die Alben "Gold Against The Soul" und "The Holy Bible" leider ausgespart werden. Auf "Found That Soul" folgt das längst ewig gewordene "Motorcycle Emptiness", für "Kevin Carter" und "Ocean Spray" verstärkt ein kubanischer Trompeter die Band und sorgt mit ekstatischen Soli für Begeisterungsstürme. Spätestens nach "The Masses Against The Classes" erinnert die Atmosphäre im Saal an die ersten Auftritte der Rolling Stones vor entfesselten Horden deutscher Teenager Anfang der 60er Jahre.

Aber immer wieder schaltet die Band einen Gang zurück und nützt die räumlichen Ausmaße des Saals für ihre melodischen Qualitäten. "If You Tolerate This Your Children Will Be Next" und "Let Robeson Sing" sorgen – obwohl niemand ein Wort versteht – für magische Momente, und als James ganz allein zur Akustikgitarre "Baby Elian" singt, erhebt sich der Maximo Lider (und alle mit ihm) und applaudiert minutenlang. Für Verwirrung sorgt Nick mit seinem für kubanische Ohren etwas arg schrägen "Wattsville Blues", und endlich steigern die ohrenbetäubenden Powerakkorde von "You Love Us" und "Motown Junk" die Begeisterung zur Raserei. Die Textzeile "I laughed when Lennon got shot" verkürzt James allerdings auf "I laughed" – in Havanna steht seit einiger Zeit ein Denkmal für den Ex-Beatle. Dann, nach einer monumentalen Version von "A Design For Life", ist Schluß. Die Band winkt und geht von dannen, Castro desgleichen – und versäumt so das für die Manic Street Preachers höchst ungewöhnliche Ereignis von gleich zwei Zugaben. Nunmehr ohne "Aufpasser", löst sich die Sitzordnung bei "Australia" endgültig auf, dann bittet James (allerdings vergeblich) das Publikum, die Strophen von Chuck Berrys "Rock’n’Roll Music" zu singen, die er leider vergessen hat – der Ur-Oldie wird zum Halb-Instrumental und unterstreicht so noch einmal die neue Experimentierlust einer Band, die ich in den letzten Jahren selten so ausgelassen und gut gelaunt gesehen habe wie an diesem Abend.

Draußen auf dem Platz, wo sich danach alle versammeln, sieht es für einen kurzen Moment so aus, als wolle sich die seit Tagen anhaltende Hitzewelle in einem Gewitter entladen, um das Ereignis gebührend zu krönen; aber die Wolken verfliegen schnell wieder. Schnell sind auch die Medien. Schon eine halbe Stunde nach dem Konzert meldet die Sprecherin der Nachrichtensendung "En tres minutos", Commandante Fidel Castro habe einem Konzert der "grupo musicale británico de rock Manik Estret Bretschers" beigewohnt. "Eine Geste der Solidarität mit der Unabhängigkeit unserer Insel."

Auf der spätabendlichen After-Show-Party im kolossalen "Salon 1930" des Hotel Nacional wimmelt und tummelt sich zu einheimischer Live-Musik ein schräg-buntes Völkchen: Sean Moore (nun ähnelt er Al Capone) fachsimpelt mit seinem neuen Freund vom Kulturministerium über Mobiltelephone und einiges Ernsthaftere, James schüttelt Hände und "Cristal"-Bierflaschen, der legendäre Boxer Félix Savón (dreifacher Olympiasieger und "Faust der Revolution") ist einfach er selbst, Lauf-Veteran Alberto Juanterino lächelt, Manics-Biograph Simon Price trägt seine Teufelshörner spazieren. Die Barmänner sind nicht nur von ihrer ungewöhnlichen Kundschaft sichtlich überfordert, eine neue Form der Devisenknappheit tritt ein: Das Bier muß verbilligt werden, weil keine Pesos mehr als Wechselgeld da sind.

Auf meine Frage, ob Fidel vor dem Konzert die Texte der Manics gelesen habe, schüttet sich der Kultur-Mann schier aus vor Lachen: "Was meinst du? Ich kann’s mir schon vorstellen!" James, immer breiter grinsend, erzählt von der Backstage-Begegnung mit Castro: "Wahnsinn! Irrwitz! Da kommt so ein Typ zu uns und sagt, wenn wir Lust hätten, könnten wir in der Garderobe ‚somebody‘ treffen. Wir machen die Tür auf, und da sitzt er! Wir haben rumgezappelt wie die Blöden und am ganzen Körper gezittert!" Und Nick hat in Sachen eigenartiger Humor in dem bärtigen Revolutionär seinen Meister gefunden – auf den Hinweis, es sei ihm hoffentlich klar, daß es ein ziemlich lärmiger Abend werde, antwortete Castro: "Bestimmt nicht so lärmig wie ein Krieg!"

Und dann, irgendwann kurz vor Sonnenaufgang, geht Havanna schlafen, wie ein Traum. Auf dem Weg durch einsame Nebenstraßen macht sich bereits ein Gefühl nostalgischer Sehnsucht bemerkbar: So etwas wird es nicht mehr geben. Aber wenn man den Ankündigungen der Band glaubt, ist Havanna nur die erste einer ganzen Reihe spektakulärer Aktionen im Jahr 2001 gewesen. "Es gibt noch soviel zu beweisen!" hat James in Köln gesagt. Wer die Manic Street Preachers immer noch für eine "archaische" Erscheinung hält, dem könnte demnächst Hören und Sehen vergehen. Sagen wir’s mit Tom Robinson: It’s gonna be a long hot summer from now on.

geschrieben im Februar 2001 für den Musikexpreß


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer