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Geschrieben Anfang 1996 fürs WOM-Journal.
 
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Sonnenkind im Land des Regens

In Kalifornien ist MARIA McKEE nicht nur geboren, sondern auch musikalisch großgeworden. Was sie in den europäischen Nebel zog, erfuhr Michael Sailer bei einem Spaziergang durch Marias Wahlheimat Dublin.

"Life Is Sweet" heißt Maria McKees neues Album, aber ganz so süß ist das Leben in der irischen Hauptstadt nicht: Arbeitsplätze sind so rar, daß mittlerweile mehr junge Iren jenseits der Inselgrenzen leben als innerhalb. Das erzählt jedenfalls der Taxifahrer, der auch eine gute Erklärung für die Reiselust hat: "Die jungen Leute müssen die Welt sehen, um zu lernen. Hier kann man nur in den Pub gehen." Immerhin eine Möglichkeit, der Feuchtigeit zu entgehen, mit der die irische Luft meist so gesättigt ist, daß es schwerfällt, zwischen Regen und Nebel genaue Unterscheidungen zu treffen. "Ich mag das Wetter", sagt Maria McKee mit einem Blick aus dem Fenster ihres kleinen Häuschens am Kenilworth Square, das sich zwischen größeren Stadtvillen förmlich duckt. "Ich bin jetzt wieder die meiste Zeit in Los Angeles, Freunde wohnen inzwischen hier in meinem Haus", erzählt Maria von ihrem Weg nach Irland und zurück. "Ich mußte einfach raus aus Los Angeles, weil dort soviel schiefgelaufen war. Eine Zeitlang war ich in New York, dann kam ich hierher, eigentlich nur zu Besuch. Ich wußte nicht, was ich hier wollte, aber Dublin hat mir so gefallen, daß ich gleich drei Jahre geblieben bin, um in Ruhe mein Leben zu ordnen und herauszufinden, ob ich wirklich mit der Musik weitermachen wollte."

Der Stadtteil Rathgar hat nicht viel von der düsteren Enge der Dubliner Innenstadt, nur die Zahl der Kirchen ist typisch: Elf liegen in unmittelbarer Nähe. Religiöse Gedanken fanden sich früher auch in vielen von Marias Texten. "Oh je, hör bloß damit auf! Das war wirklich schlimm, was ich da teilweise zusammengereimt habe, von Kirchtürmen, Sündern und Erlösung. Wir waren damals gerade mit U2 auf Tour, und da habe ich wohl so was wie meine spirituelle Humanitätsphase durchgemacht und dachte, als Rockmusiker habe ich eine moralische Verpflichtung. Schrecklich! Diese Missionarspose war ein peinlicher Irrtum.

Große Gesten liegen Maria McKee nicht mehr, heute singt sie mit Vorliebe von Menschen, ihren Beziehungen, Glück und Schmerzen, die ihnen das Leben zufügt. "Ich habe gelernt, zu beobachten und über wirkliche Menschen zu erzählen. In kleinen Geschichten liegt viel mehr Wahrheit als in pathetischen Botschaften." Nicht immer ist es leicht, zu verstehen, wovon Maria singt, die Sprache ihrer Texte ist lyrisch und fein verschlüsselt. "Stimmt, du mußt manche Sachen schon mehrmals hören, um sie richtig mitzukriegen. Ich finde Platten, die man beim ersten Hören versteht, langweilig. Viele meiner Texte kommen aus einem relativ frei improvisierten Fluß von Assoziationen, die beim Lesen trivial klingen könnten. Deshalb sind sie auch nicht im Booklet abgedruckt." Mit einer Ausnahme: "Absolutely Barking Stars". "Ja", lacht Maria, "das ist auch eigentlich ein Gedicht. Aber hast du beim Lesen ganz verstanden, worum es geht? Ich bin selbst noch dabei, es zu erforschen."

Während wir durch die Straßen schlendern, verwandelt sich die diffuse Feuchtluftigkeit immer mehr in echten Regen, also flüchten wir in einen jener vieltausend Pubs, die wie ein Netz ausgelagerter Wohnzimmer die Freizeit der Dubliner koordinieren. Maria erzählt von ihrer musikalischen Karriere, die schon mehr als einmal in Sackgassen steckengeblieben ist: "Vergiß nicht, daß ich erst 16 war, als alles anfing. Man muß auch mit 16 nicht alles glauben, was einem erzählt wird, aber ich war eben naiv." Damals, 1985, ergatterte sie mit ihrer Band Lone Justice den ersten Plattenvertrag und wurde mit Vorschußlorbeeren und großen Erwartungen überhäuft. Eine Bürde, unter der die Band nach zwei Alben zerbrach: "Das meiste Material auf dem zweiten Album entstand mit dem Gewehr im Rücken. Die Leute von der Plattenfirma wollten unbedingt einen Hit und setzten mich unter Druck. Brachten mich mit allen möglichen berühmten Leuten zusammen, die mir helfen sollten, aber ich war einfach noch nicht so weit. Ich konnte mich unter diesem Druck nicht entwickeln."

Das gelang ihr als Solistin schrittweise: Zwei Alben brachten ihr einen gewissen Ruf als Songwriter ein, zwei Hits ("Show Me Heaven" und "A Good Heart", den sie für Feargal Sharkey schrieb), taten ein übriges. Aber richtig zufrieden ist Maria erst jetzt, mit "Life Is Sweet". "Das Album ist in relativ kurzer Zeit von selbst entstanden. Das hat mir bewiesen, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Ich meine, es war die härteste Arbeit, die Bruce Brody, mein Produzent, und ich je gemacht haben, aber es lief einfach. Ich wollte mich als Songwriter herausfordern, nicht auf das verlassen, wovon ich wußte, daß ich es kann. Ich kenne Eddie, den Chef meines Labels, seit zwölf Jahren, und er hat oft versucht, mich von meiner Vorliebe für Independent-Musik abzubringen. Diesmal hat sich niemand eingemischt. Ich konnte meine ganzen Einflüsse verarbeiten."

Die sind enorm zahlreich und beschränken sich keineswegs auf die USA: "Ich bin Amerikanerin, aber ich höre wenig amerikanische Musik. Ich liebe die alten Roxy Music und Brian Enos Rockalben. Weißt du, was ich machen möchte? Ich würde gerne ein Album von Cindy Lauper produzieren, und sie müßte "Needle In The Camel's Eye" covern. Als ich ein kleiner Teenager war und auf der Gitarre herumklimperte, war mein Bruder in einer Band, bei Arthur Lees Love. Die waren so was wie die Velvet Underground der Westküste. Hast du 'Forever Changes' schon mal gehört? Das ist wirklich toll. Mein Bruder war mein größter musikalischer Einfluß, und seine Einflüsse wiederum waren Leonard Bernstein, Folk und Gospel. Bevor ich anfing, Rockmusik zu machen, wollte ich Sängerin am Broadway werden, daher kommen meine Theatereinflüsse. Ich liebte Lou Reed und Bowie, diese großen Inszenierungen. Viele frühe Punkbands haben das gut verarbeitet. Patti Smith, Wire und Bauhaus haben mich sehr geprägt. Deshalb ist Bruce so wichtig für mich, er hat mit John Cale gearbeitet und richtig Musik studiert, war sogar Lehrer. Unser neuer Bassist Martin LeNoble kommt aus Amsterdam und hat bei Porno For Pyros gespielt. Ich bin froh, daß ich jetzt endlich eine echte Band habe, die nicht aus typischen Mainstream-Rockern besteht."

Wenn "Life Is Sweet" den Erfolg erntet, den das Album verdient, könnte es mit der ruhigen Arbeit allerdings sehr schnell wieder vorbei sein. Die Tretmühle des Big Business jegt Maria aber keine große Angst ein: "Es wäre sehr schön, einen Nummer-eins-Hit zu haben. Ich denke, durch einen einzigen Hit ändert sich das Leben nicht so sehr. Schwierig wird es, wenn die ganze Maschinerie losgeht. Schau dir zum Beispiel Sheryl Crow an: Ich meine, in wievielen Fernsehshows kann man auftreten, ohne seine Würde zu verlieren? Zum Glück eignet sich meine Musik sowieso nicht dazu, sie wie diesen Oasis-Song fünfzehn Millionen Mal am Tag im Radio zu spielen. Wenn ich tatsächlich mal eine Million Platten verkaufe, wäre das mehr als genug. Ich habe keine Lust, dann eine irrsinnige Freakshow mitzumachen, um von zehn auf elf Millionen zu kommen. Man kann das auch übertreiben. Aber so ist unsere Zeit: Ein hysterisches Verlangen nach dem ersten Fick, und wenn das dann vorbei ist, sagt man 'Mach's gut, ich ruf dich an', und das war's. Das ist genau die Art, wie Medien heute mit Musik umgehen. Aber wer weiß, vielleicht würde ich genauso durchdrehen, wenn ich kommerziell richtig erfolgreich wäre. Das ist vielen passiert, von denen ich es nie erwartet hätte. Es ist wohl auch unfair, von Leuten zu erwarten, daß sie entweder so bleiben, wie man sie kennen und lieben gelernt hat, oder sich anständig umbringen."

Während sich draußen der Regen wieder in Nebel verwandelt und vielkehliges Gemurmel den mittäglichen Pub erfüllt, erinnert Manager Paul nach einem Blick auf die Uhr an die Realitäten des Geschäfts: Bevor Maria am späten Nachmittag das Flugzeug nach Kalifornien besteigt, stehen noch eine ganze Reihe von Terminen an. Da bleibt gerade noch Zeit für einen Imbiß. Und für einen kleinen Rückzug ins Private: "Bitte keine Fotos, wenn ich esse! Meine Tischmanieren sind leider sehr amerikanisch."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer