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Geschrieben im Juli 1999 fürs WOM-Journal.
 
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Die Diva der gebrochenen Seelen

Sie hat die ganze Popgeschichte miterlebt – wie der Ball ein Fußballspiel miterlebt. Zwanzig Jahre nach ihrer triumphalen Wiedergeburt mit »Broken English« widmet sich MARIANNE FAITHFULL nun wieder der Popmusik. Michael Sailer besuchte sie bei den Proben zu ihrer aktuellen Tournee.

Die Brewery Road heißt nur so, aber »The Depot« trägt seinen Namen zu Recht: Der Studiokomplex im Londoner Stadtteil Islington war bis vor nicht allzu langer Zeit eine der vielen braunziegeligen Lagerhallen, die die Straße säumen. Der Eingang erinnert noch daran: Über eine Rampe gelangt man in einen langen Gang, an dessen Ende öffnet sich eine nackte Holztür in den Kosmos der Marianne Faithfull, die sich bei meiner Ankunft gerade mit Brille und Textblatt durch »We Shall Live Again« singt – dank schwarzer Jeans und schwarzem T-Shirt sind im Halbdunkel des Studios auf der improvisierten, ebenerdigen »Bühne« außer ihrem Gesicht nur ihre leuchtend roten Pumps zu sehen.

Da ich der einzige Zuhörer bin – abgesehen von zwei Tonleuten und Mariannes Manager –, ist meine Ankunft das Startsignal für eines der kuriosesten und zugleich anrührendsten Konzerte, die ich je erlebt habe. Nachdem sich Marianne zunächst geweigert hat, Ansagen mitzuproben, dauert es dann ungefähr 20 Sekunden, bis sie im Intro zu »Broken English«, dem Titelsong ihrer nach wie vor bekanntesten LP, die Band vorstellt. Ihre Stimme, das ist vom ersten Ton an klar, ist so etwas wie ein guter Rotwein: Sie wird solange immer besser, bis sie irgendwann umkippt. Das kann nächstes Jahr passieren oder erst in 30 Jahren. Bis dahin bleibt Marianne musikalisch ein naives Kind im Körper einer gealterten, mißbrauchten, gestrandeten, wiedererstarkten und stolzen Frau. Ihre Tanzschritte sehen so aus, wie man sich vorstellt, daß auf Filmparties und Atelierfesten der mittleren 60er getanzt worden ist. Dabei schließt sie die Augen und scheint sich in jene Zeit zurückzuträumen, und tatsächlich strahlt in solchen Momenten eine Jugendlichkeit aus ihrem Gesicht, die weder die Katastrophen der letzten 30 Jahre noch die Jahre selbst antasten konnten.

Von der Vergangenheit nahtlos in die Zukunft: »Vagabond Ways«, der Titelsong des neuen Faithfull-Albums, macht neben den Einflüssen ihrer Beschäftigung mit der Musik von Kurt Weill eine Qualität deutlich, die man Marianne Faithfull für gewöhnlich nicht zuschreibt: Ironie, von Barry Reynolds geisterhaft schöner Slide-Gitarre in ein prächtiges Gewand aus samtener Melancholie gehüllt. Ein kurzer Plausch in der Pause, dann geht es zurück an die Arbeit. Das Programm, durch das Marianne ihre größtenteils ein bis zwei Generationen jüngere Band treibt wie eine freundliche, manchmal strenge Lehrerin, ist eine Rundreise durch alle Stationen ihrer Pop-Karriere: von »Come And Stay With Me« vom allerersten Album über Obskuritäten wie »Dreaming My Dreams« von »Faithless« (1975 sieben Wochen Nr. eins in Irland, im Rest der Welt kaum bemerkt) bis zu ganz Neuem. Die Auswahl erfolgte beim Wiederhören: »Die gehören alle« (ihrem Manager) »Francois«, sagt Marianne zu dem CD-Stapel mit ihrem Gesamtwerk, der neben dem Sofa steht. »Schon komisch, so ein Haufen Arbeit, dabei hat es sich nie wie Arbeit angefühlt.« Kein Wunder, daß das Set noch viel zu lang ist und schweren Herzens gekürzt werden muß.

Nach einer schwer bluesigen Version von »Brain Drain« ist wieder Pause. Zwei Freunde kommen hinzu, Marianne hat sie eingeladen; »damit sie das Publikum simulieren«, lacht sie, aber tatsächlich sind Daniel (der Schwager von Keith Richards’ Sohn Marlon, geboren im Mai ’76, als Marianne gerade die Tournee startete, mit der ihr Comeback begann) und Elisa sehr kritisch: Beifall gibt es nur bei absoluten Höchstleistungen. Und Daniel hat eine gute Ladung von jenem Kraut dabei, das seit über einem Vierteljahrhundert Mariannes Lieblingsstimulans ist (von alkoholischen und anderen Phasen abgesehen, von denen sie »gerne«, aber nicht viel spricht). Das löst die Zunge, man plaudert über Enkelkinder und die anstehende Tournee bis nach Polen, die Marianne allen Beschwerlichkeiten der Busreise kaum erwarten kann. Und sie erzählt von ihrem letzten Auftritt, vor »ich weiß nicht wievielen« Jahren im Londoner Shepherds Bush Empire. Da hatte ein Joint unmittelbar vor Konzertbeginn nicht nur für »verändertes Raumgefühl« gesorgt, sondern auch für einen Schock: »Als ich auf die Bühne kam, fingen sie plötzlich mit diesem Trockeneis-Nebel an. Ich wußte, daß Barry nicht raucht, und so dachte ich: Mein Gott, das Theater brennt!«

Mit dem krautigen Glimmstengel im Mund versammelt Marianne ihre Band wieder um sich und kündigt den nächsten Song an. Auf Barrys erstaunten Blick wegen des eigentümlichen Geruchs bekommt er eine Rauchwolke ins Gesicht geblasen und spielt unter allgemeinem Gelächter die Anfangssequenz von »The End« von den Doors. Das folgende »Wilder Shores Of Love« bricht Marianne nach zwei Strophen ab, aber nicht etwa, weil sie was zu meckern hätte, sondern weil sie jetzt in Schwung kommt: »Können wir noch mal anfangen? Ich glaube, jetzt sind wir da, wo wir hinwollten ...«

Der sonnige Nachmittag geht zur Neige, als ich wieder auf der Brewery Road stehe; von fern ist immer noch Mariannes Stimme zu hören, entspannt schwebend und zeitlos, als gehörte sie zu dieser Stadt wie das Brummen des Autoverkehrs und der Sommerwind.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer