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Geschrieben 1996 fürs WOM-Journal. Inzwischen könnte man ein paar Dinge aktualisieren: etwa daß bei dem Reunion-Album "Justus" auch Mike Nesmith dabei war, bei den seitdem unternommenen Tourneen jedoch nicht.
 
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Das anarchistische Marionettentheater

Vor 30 Jahren wurden THE MONKEES erfunden - richtig verstanden haben sie bis heute weder fanatische Fans noch verbiesterte Kritiker.

Die Beatles waren an allem schuld: Ihr kometenhafter Erfolg und vor allem Richard Lesters Film »A Hard Day’s Night« brachten die Hirne der amerikanischen Musik- und Filmindustrie zum Rattern. Daß sich dann ausgerechnet die Durchgeknalltesten davon sammelten, war Zufall und führte zur irrsten, wirrsten, genialsten und schrägsten Geschichte, die die Pop-Welt je erlebt hat.Bob Rafelson, ehemaliger Trommler einer mexikanischen Jazzband, und Bert Schneider, Sohn des Präsidenten der mächtigen Columbia Pictures, waren von Lesters chaotischer Beat-Komödie so angetörnt, daß sie ihre lukrativen Jobs im Film-Biz hinwarfen und Raybert Productions gründeten, mit dem einzigen Ziel, eine TV-Serie um eine Band zu produzieren, die anders als alles andere sein sollte: »eine New-Wave-Show, total far out«, wie Schneider erklärte.

Das Personal, das die - gelinde gesagt - ungewöhnlichen Castings (Frage: »Stell dir vor, du wärst auf dem Mars. Wo würdest du einen Hamburger essen gehen?«) überstand, war ein Garant für Unkonventionalität: Micky Dolenz (21), ein ehemaliger TV-Kinderstar, der bei den Missing Links schon mal ein bißchen Gitarre gespielt und zuletzt Architektur studiert hatte, bekam die Rolle, indem er Schneider und Rafelson dabei half, einen Turm aus Gläsern, Pappbechern und Flaschen zu bauen. Peter Tork (22), zu aufgeregt, um irgendwas zu sagen, wurde erwählt, weil er aussah wie Harpo Marx. Tork (eigentlich Thorkelson) hatte zuletzt als Penner in Greenwich Village sein Geld verdient, indem er in Cafes den Hut rumgehen ließ. Schon so etwas wie ein Teen-Idol war Davy Jones (20), der die beiden Tycoons mit unverschämten Fragen in breitem nordenglischen Akzent überzeugte. Mike Nesmith (25) schließlich wählte man aus, weil er zwar schon verheiratet und Vater war, als einziger der vier aber eine nennenswerte musikalische Reputation vorweisen konnte: Er hatte mit Linda Ronstadt und späteren Mitgliedern der Byrds und Eagles gespielt und war zu den Auditions nur gegangen, weil ihn sein Kumpel Stephen Stills (der wegen seiner schlechten Zähne abgelehnt worden war) zum Spaß hingeschickt hatte.

Nach einer seltsamen Art von Schauspielunterricht, während dem die vier sich stundenlang in Zeitlupe bewegen und so tun mußten, als wären sie Krabben, Teekessel oder Giraffen, begannen die Dreharbeiten zu »The Monkees«. Die ersten Ergebnisse waren frappierend: Kameras liefen ohne Regisseur, Darsteller unterhielten sich mit Personen hinter der Kamera, Filme wurden unter- oder überentwickelt, umgedreht, liefen rückwärts, die Szenerie verlagerte sich binnen Sekunden von Palm Beach in die Sahara. »Sie ließen uns Szenen so lange spielen, bis sie perfekt waren«, erinnert sich Dolenz. »Dann nahmen sie die Outtakes.« Die benebelte Mittsechziger-Filmindustrie war begeistert und drehte den Geldhahn auf. Keinen Tag zu früh: Dolenz war inzwischen arbeitslos, Tork Tellerwäscher, und Nesmith stand auf der Straße, nachdem sein Bauwagen beschlagnahmt worden war.

Der Versuch, die Monkees ihre Musik selbst schreiben zu lassen, erwies sich als Desaster: »Das klang so richtig nach Garagenband«, kommentiert Nesmith. Der als musikalischer Direktor hinzugezogene Don Kirshner brachte ein schillerndes Team von Komponisten, Arrangeuren und Produzenten (von denen der erste schon nach sechs Stunden an der Verrücktheit der vier Hauptdarsteller scheiterte) zusammen, sorgte für renommierte Studiomusiker, und schon brach die Hysterie los: Angeheizt durch eine gigantische Werbekampagne, waren die Monkees Ende September 1966 unter Amerikas Teenagern das neue Ding. Die TV-Serie, wohl doch ein bißchen zu unorthodox und verrückt, wurde allerdings nie ein solcher Renner wie die Musik: Das erste Album, eine quirlige Sammlung von Beat-Knallern, ausgeflippten Experimenten und Teenie-Romantik, führte 15 Wochen lang die US-Charts an und wurde erst vom Nachfolger »More Of The Monkees« von der Spitze vertrieben, der sich wiederum 18 Wochen ganz oben hielt. Dieser Nachfolger führte zu ersten Unstimmigkeiten: »Wir waren auf Tour, als das Album erschien«, erzählt Tork. »Niemand hatte uns was gesagt, wir mußten die Platte im Laden kaufen, um sie zu hören!« Die Folge war eine Sensation: Mit angedrohten Vertragsbrüchen und Prügeln wegen der nicht autorisierten Single »Valleri« (Nesmith: »Der schlechteste Song aller Zeiten!«) schafften es die Monkees, nicht etwa selbst rauszufliegen, sondern den Super-Magnaten Kirshner abzuservieren und die Single zurückzuziehen.

Ein erster Versuch, die Zügel des Projekts selbst in die Hand zu nehmen, war kurz zuvor gescheitert: Die Jimi Hendrix Experience, auf Betreiben der Monkees ins Vorprogramm ihrer US-Tournee gebucht, schied nach einigen Gigs wieder aus. Die Welt war noch nicht reif für Hendrix, er mußte bis Monterey auf seinen Durchbruch warten. »Headquarters« war die Antwort der vier auf die Vorwürfe, sie wären nur Marionetten, die nicht mal eine Gitarre halten könnten: Nach intensivem Proben spielten die Monkees auf dem Album tatsächlich (fast) alles selbst, was nicht nur zu großen Hits und Evergreens wie »Shades Of Gray« führte, sondern auch zu dem völlig entgleisten Versuch, eine Filmmelodie nachzuspielen (»Band 6«) und zu einem monumentalen Gemälde, nachdem Micky sich die Langeweile damit vertrieben hatte, die Trennscheibe zwischen Aufnahme- und Kontrollraum mit Ölfarben zu bemalen. »Headquarters« hatte Pech und mußte sich nach einer Woche an der Chartsspitze elf weitere Wochen lang mit dem zweiten Platz hinter »Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band« begnügen.

Der Enthusiasmus, in dem Davy Jones während eines Auftritts Tork zurief: »He Mann, wir gründen eine Band!« hielt indes nicht lange, schon bei »Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd.« hielt die Vernunft in Form einiger Studiomusikern erneut Einzug. Der kurze Moment völliger Freiheit hatte aber das Selbstbewußtsein der Monkees enorm gestärkt, den penetranten Vorwürfen der seriösen Rockpresse, sie seien keine richtige Band, begegneten sie nun souveräner: »Wir waren natürlich nie eine Rockband«, stellt Nesmith fest. »Wir waren Schauspieler, wir wußten, was los war und hatten die Dinge trotzdem einigermaßen unter Kontrolle. Wer etwas anderes von uns erwartete, ist ein Blödmann.«

»Pisces, Aquarius, Capricorn & Jones Ltd.« trug technischen Neuerungen ebenso Rechnung wie dem neuen musikalischen Anspruch der Monkees und dem Zeitgeist: In einem der ersten Achtspurstudios der Welt saßen die vier in wallenden Fantasiegewändern und mit blumenbemalten Gesichtern und huldigten auch musikalisch dem Summer Of Love, wenn sie nicht gerade Parties gaben oder auf Tour waren. Dem chaotischen Treiben entsprang ein Album, das erstmals einige Kritiker besänftigte und schon nach zwei Wochen auf Chart-Platz Eins stand.

Mit der Gruppenarbeit als Band war es danach vorbei: »The Birds, The Bees & The Monkees«, das erste von zwei zeitlosen Meisterwerken, entstand in vier verschiedenen Studios, wo jeder der Monkees seine Kumpels versammelte (darunter Größen wie Buddy Miles, Stephen Stills, Shorty Rogers, Harry Nilsson, komplette Orchester und gigantische Bläsersätze), um seine individuelle musikalische Vision zu verwirklichen. Die Resultate hätten für etwa sechs Alben ausgereicht, auf die eine LP schaffte es noch nicht mal Pete Torks Song »Lady's Baby«. Zehn Studiotage lang war dafür ein Baby mit einem Mikrofon verfolgt worden, weil sich Tork, dessen Leben inzwischen hauptsächlich aus Hare Krishna, Naturreis, Wasserbetten und seiner Familie bestand (Jones: »Jeder machte ihn dauernd fertig, dabei war er ein toller Musiker und ein wunderbarer Mensch, das Salz der Erde!«), weigerte, das Kieksen und Blubbern seines neugeborenen Kinds durch eine Geräuscheplatte zu ersetzen. Nachdem die TV-Serie gerade abgesetzt worden war, schaffte es »The Birds, The Bees & The Monkees« nicht mehr bis an die Chartsspitze und blieb das letzte vergoldete Monkees-Album.

Was folgte, beschrieb eine Zeitung als den »geglückten Versuch, eine Karriere zu ermorden«: Der Kinofilm »Head«, dessen 20 verquirlte Handlungsstränge die Monkees mit einem jungen Schauspiel-Renegaten namens Jack Nicholson entwarfen, war so wirr und ausgeflippt, daß selbst Frank Zappa wie ein Fels der Normalität inmitten von Vietnamkriegszenen, inszeniertem Selbstmord der Bandmitglieder und einem Sammelsurium weiterer Absurditäten wirkte. Die LSD-Schickeria von Hollywood war von der zynisch-chaotischen Selbstentlarvung begeistert: Die Frage »Ist hier jemand, der 'Head' verstanden hat?« wurde zum beliebten Partygag. An den Kassen ein katastrophaler Mißerfolg, überlebte der wild zusammengeschnipselte Film als Kult-Ikone der 60er Jahre, nicht zuletzt dank dem von der Band produzierten Soundtrack: Goffin/Kings »Porpoise Song«, die wunderbare Psychedelic-Ballade »As We Go Along«, Jack Nicholsons »Ditty Diego - War Chant« und der Country-Punk-Vorläufer »Circle Sky« (von dem es eine von den Monkees gespielte, atemberaubende Live-Version gibt) aus der Feder von Mike Nesmith machten das Album zu einem Meisterwerk.

Dann fiel alles auseinander: Pete Tork (»Ich hatte eigentlich schon die Schnauze voll, als ich bei den ersten Aufnahmen 'Last Train To Clarksville' spielen wollte und die Produzenten sagten: 'Was willst du Depp mit der Gitarre?'«) verabschiedete sich mit dem programmatischen Song »Do I Have To Do This All Over Again«. Ein kurz vor seinem Ausstieg Ende 1968 aufgezeichnetes TV-Special (»33 1/3 Revolutions Per Monkee«), nicht weniger bizarr als der Kinofilm, wurde zeitgleich mit der Oscar-Verleihung ausgestrahlt, weshalb es nicht einmal auf den Fernsehern der Monkees lief (Nesmith: »Wir kannten's ja schon.«). Die vier, die zu Beginn der Dreharbeiten in einer dem Beatles-Haus aus »Help« nachempfundenen Wohnung zusammengelebt hatten, gingen schon lange getrennte Wege, jetzt hinderte sie niemand mehr daran: Plattenfirmen, Produzenten und Filmbusiness hatten ihr Interesse an den Monkees vollständig verloren, das Album kletterte auf Platz 45, ehe es nach 15 promotionfreien Wochen aus den Charts verschwand.

»Instant Replay«, der im Februar 1969 veröffentlichte Nachfolger, bestand hauptsächlich aus Resten der »Pisces«-Sessions, die zum Teil neu aufgenommen oder überarbeitet wurden. Das etwas konzeptionslose Album litt unter fehlenden Hitsingles und dem gescheiterten Versuch der drei verbliebenen Monkees, mit Ike und Tina Turners Begleitband Sam & The Goodtimers auf Tournee ein neues Publikum zu finden. »Es war eine tolle Tour, ein Riesenspaß«, erinnert sich Nesmith. »Aber die Monkees als Hardcore-Rhythm-'n'-Blues-Band mit schwarzen Musikern, das war den Leuten zuviel.« »Instant Replay« wurde das letzte Top-40-Album der Band (Platz 32). »Die Party war vorbei. Niemand spielte mehr unsere Platten, die Presse tanzte auf unseren Gräbern«, stellt Nesmith bitter fest. »Eigentlich wollte ich auch aussteigen, aber da waren noch Dinge, die wir nicht getan hatten. Es gab noch ein paar Sachen zu sagen.«

Die sagten Nesmith, Jones und Dolenz auf »The Monkees Present«, aber schon das ungeschickt gemalte Cover machte klar, daß die Zeit der Innovationen vorbei war. Obwohl Micky Dolenz erstmals als wirklich kompetenter Songwriter auftrat und selbst Jones mit »If I Knew« einen kreativen Höhepunkt erreichte, den dem hübschen Jüngling niemand zugetraut hatte, war der Mißerfolg vorprogrammiert: Nesmiths zynische Single »Good Clean Fun« (in deren Text es um etwas ganz anderes ging) blieb ebenso erfolglos wie seine mit großen Hoffnungen beladene Hymne »Listen To The Band«. Der 14wöchige Chartsaufenthalt des Albums führte nicht über Platz 100 hinaus, Nesmith kaufte sich aus seinem Vertrag frei (und ruinierte sich dabei vorübergehend, bis er als Erbe der Tipp-Ex-Millionen ein finanzielles Ruhekissen fand). »Wir waren nur noch damit beschäftigt, Prozesse zu führen«, erzählt Dolenz. »Vielleicht hätten wir zusammenbleiben und weitermachen sollen, aber damals schien uns das einfach unmöglich.«

Für das letzte Album »Changes« schaltete sich der einst gefeuerte Don Kirshner wieder ein: Er setzte Dolenz und Jones den Produzenten Jeff Barry vor, mit dem er inzwischen die Monkees-Nachfolger in der Gunst amerikanischer Teenager, die Zeichentrickband The Archies, kreiert hatte. Deren »Sugar Sugar«, eine der erfolgreichsten Singles aller Zeiten, hatten sich die Monkees einst aufzunehmen geweigert; jetzt galt es, die verbleibenden vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen: »Die nahmen irgendwelche Songs mit Bobby Bloom auf, löschten die Stimmen wieder und ließen uns singen«, lautet Davy Jones Kommentar zu dem Bubblegum-Soul-Album, das trotz einigen Stärken und Höhepunkten (etwa der Flopsingle »Oh My My«) nicht an die großen Zeiten der Monkees herankommt. Die Charts sah das Album erst, als es 1986 wiederveröffentlicht wurde. Die Presse prophezeite boshaft, das nächste Album würde nach dem Abgang eines weiteren Bandmitglieds »The Monkee« heißen, aber die Geschichte war definitiv zu Ende. Dolenz und Jones arbeiteten noch für einige Zeit zusammen, Tork war zwischenzeitlich wegen Drogenbesitzes im Knast gelandet und hatte einen Job als Lehrer, ehe er Ende der 70er Jahre als gefeiertes Idol der ersten Punkbands für einige Soloauftritte auf die Bühne des CBGBs trat. Nesmith, dessen Sohn bei den Castings für eine »New Monkees«-TV-Serie abgelehnt wurde, machte sich einen Namen als Produzent, Komponist und Interpret hochkarätiger Country-Rock-Projekte und war der einzige, der sich diversen Wiedervereinigungen der Monkees stets widersetzte. Mit Bedacht: Das 1986 von Dolenz, Jones und Tork veröffentlichte Monkees-Comeback-Album behandelten Publikum und Kritik so, wie es der Titel vorschlug: »Pool It«.


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