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Geschrieben 1995 fürs WOM-Journal.
 
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Einsam am Strand des Lebens

Zu Lebzeiten kannte ihn in der weiten Welt der Popmusik so gut wie niemand. Heute, 31 Jahre nach seinem Tod, fällt auf die Frage nach den einflußreichsten Künstlern aller Zeiten kaum ein Name so oft wie der von NICK DRAKE.

Berühmtheit war ihm nie geheuer. In „Fruit Tree“, einem seiner schönsten Songs, verglich Nick Drake sie mit einem Obstbaum, der „erst blühen kann, wenn sein Stamm in der Erde steckt. Deshalb finden berühmte Menschen nie einen Weg, bevor nicht viel Zeit seit dem Tag ihres Todes vergangen ist.“ Worte, die sich wie ein Requiem auf einen Mann lesen, der zu Lebzeiten nie fand, was er suchte, und nie bekam, was er verdient hatte.

Geboren am 19. Juni 1948 in Burma, entstammte Drake einer typischen Familie der kolonialenglischen Mittelklasse. Nach kurzem Aufenthalt in Bombay verlebte der sensible Junge seine Kindheit in England, besuchte dieselbe Schule wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater, begeisterte sich für Sport und kaufte sich schließlich zum Entsetzen seiner Eltern – über den Kaufpreis von 13 Pfund – eine Gitarre. Schon die ersten Versuche als Songwriter tragen Züge jener selbstmitleidlosen Melancholie, die sein ganzes Leben und Werk bestimmen sollte: „I was born to love no one / no one to love me / only the wind in the long green grass / the frost in a broken tree“, sang er in dem unveröffentlichten „Magic“.

Während seines Studiums in Aix-en-Provence begann sich Nick Drake für die Literatur französischer Symbolisten und Existenzialisten zu begeistern. Er rauchte Haschisch, hörte Tim Buckley, Van Morrison und Randy Newman und schrieb eigene Songs, die all diese Einflüsse verarbeiteten. Zugleich zog sich der scheue Poet immer mehr von der Welt zurück, vermied körperlichen Kontakt sogar mit Freunden und gab nur in seiner Musik Auskunft über sein Innenleben. Auf der Bühne begleiteten ihn zwölf Streicherinnen in schwarzen Abendkleidern und weißen Federboas. Eine bezeichnende Szene ereignete sich, als während eines Auftritts sein Mikrofon ausfiel: Hingebungsvoll sang Nick einen Song zu Ende, den niemand hörte.

Auf Empfehlung der Folkband Fairport Convention lernte Drake den Produzenten Joe Boyd kennen, der von seinen Tapes überwältigt war. Das Debütalbum „Five Leaves Left“ (benannt nach dem Warn-Zettel in Zigarettenpapier-Packungen) erschien 1968. Drakes zerbrechlich-lyrische Songs, gelegentlich umrahmt von verspielten Orchesterarrangements seines College-Freunds Robert Kirby, begeisterten alle Kritiker und verkauften sich immerhin so gut, daß Drake sein Studium aufgab, um nach London zu ziehen. "Ich bat ihn inständig, die Sicherheit des Studiums nicht einfach so hinzuwerfen", erinnert sich sein Vater, "aber er meinte, genau die Sicherheit sei das, was er nicht wolle."

Die Tournee zum Album wurde für Nick Drake zur Tortur: Ganz allein saß er am Bühnenrand auf einem Stuhl und sang mit gesenktem Kopf, unbemerkt vom Publikum. Die Folge war ein weiterer Rückzug. Sein Zimmer in London - nur von einer blanken Glühbirne beleuchtet und im Winter so kalt, daß ein Aufenthalt nur mit Decken am Ofen erträglich war - begrenzte fortan die Welt des Songwriters. Dort entstanden die Songs für "Bryter Layter", aufgenommen mit einer "richtigen" Band und für Drakes Verhältnisse überraschend "fröhlich". Obwohl die Kritik wiederum jubelte, wurde das Album zum kommerziellen Desaster. Nicht genug damit, verkaufte zudem Joe Boyd, Drakes einziger wichtiger Freund, sein Label an Island Records, um nach Los Angeles zu ziehen. Depressionen waren fortan ständige Wegbegleiter des dünnen, blassen Song-Poeten, dessen Eltern ihm dringend rieten, einen Psychiater aufzusuchen. Er lehnte zunächst ab, aus Angst, sich vor Bekannten zu blamieren, fügte sich aber, als Boyd ihn darum bat. Die Antidepressiva, die Nick Drake fortan immer wieder in großen Mengen nahm, um sie dann wieder für einige Zeit trotzig abzusetzen, besserten seinen Zustand nicht: Drei düstere Jahre verbrachte er damit, in dunklen Zimmern herumzusitzen, aus dem Fenster oder auf seine Schuhe zu starren. Er zog sich ins Haus seiner Eltern zurück, hielt sich von Menschen fern und sprach mit niemandem. "Ich kann nicht mehr", sagte er seinem Freund Brian Wells. "Ich habe keine Kraft mehr." Seinen Eltern, die ihn oft tagelang verzweifelt suchten, während er durch die Gegend streifte, erzählte er: "Die ganze Zeit fließt Musik durch meinen Kopf. Aber ich kann sie nicht festhalten."

Chris Blackwell, der Chef seiner neuen Plattenfirma, stellte Drake schließlich sein Haus an der spanischen Küste zur Verfügung, dort besserte sich sein Zustand kurzzeitig etwas. Gleich nach seiner Rückkehr nach England entstanden in zwei Nächten die Aufnahmen zu "Pink Moon", das nicht nur Robert Kirby für Drakes Meisterwerk hält. Dunkel, irritierend und nackt klingen die Songs, verzweifelt ohne den Trost des Selbstmitleids die Texte, die Nick schrieb, während er erneut in die persönliche Katastrophe schlitterte: "Er war so verwirrt, daß er hilflos am Straßenrand stand", erinnert sich Kirby, "weil er nicht hinübergehen konnte."

"Pink Moon", dessen Bänder Nick Drake auf die Türschwelle seiner Plattenfirma legte, weil er sich in das Büro nicht hineintraute, sollte sein Abschied vom Musikgeschäft werden. Der vorzeitig Gealterte verbrachte einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik und zwang sich danach zu regelmäßigen Besuchen bei Freunden, wo er dann schweigend saß. Auf Sheila Woods mutige Frage, wieso er sich nicht umbringe, wenn er so unglücklich sei, antwortete er: "Das wäre zu feig. Außerdem habe ich nicht den Mut dazu."

Ein Versuch, zur Armee zu gehen, scheiterte ebenso wie der Plan, Studiomusiker oder Computerprogrammierer zu werden. Neue Songs entstanden nicht, weil Drake den völligen Mißerfolg seiner Alben weder verstehen noch verdauen konnte. Zwar verachtete er Geld so sehr, daß er sogar vermied, welches bei sich zu tragen. Daß das Anliegen seiner Poesie, die Sicht der Menschen auf die Welt und sich selbst zu verändern und verfeinern, so wenig Widerhall fand, enttäuschte ihn jedoch maßlos. "Seine Alben waren sagenhaft gut, aber niemand hat sich je um ihn gekümmert", erinnert sich der Platten-Mogul David Geffen. "Ich wollte ihm helfen, aber seine Plattenfirma hat mich so lange hingehalten, bis es zu spät war."

Schließlich fand Drake doch die Kraft, vier Songs aufzunehmen, die zu seinen brillantesten und zugleich erschreckendsten gehören. "Ich finde keine Worte mehr", verabschiedete er sich nach den Studio-Sessions von John Wood, seinem Produzenten. "Ich fühle nichts. Ich will weder lachen noch weinen. Ich bin innerlich tot."

Danach machte der 26jährige plötzlich Pläne: Er reiste nach Paris und verlebte den Sommer 1974 in einem Hausboot auf der Seine. Eigene Platten wollte er nicht mehr aufnehmen, aber Songs für andere Interpreten schreiben, worum ihn unter anderen Francoise Hardy gebeten hatte. Und zum ersten Mal seit Jahren sah seine Mutter Molly Nick Drake bei seiner Rückkehr "richtig glücklich. Es war so aufregend, so erleichternd und hoffnungsvoll."

Am 25. November 1974 fand Molly Drake ihren Sohn tot im Bett, gestorben an einer Überdosis Tryptizol, das ihm gegen Depressionen und Schlaflosigkeit verschrieben worden war. Gegen einen Freitod spricht nicht nur, daß Drake keine Zeile des Abschieds hinterließ: Kurz zuvor hatte er seiner Mutter aus Paris Albert Camus’ "Mythos von Sysiphos" mitgebracht. Der französische Existenzialist vergleicht darin das Leben mit Sysiphos’ endlos vergeblichem Versuch, einen schweren Stein einen Berg hinauf zu rollen. Worum es gehe, so Camus, sei nicht das Erreichen des Ziels. Der Sinn des Lebens ist der Versuch, die Anstrengung, die Suche.


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