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Geschrieben Ende 2003 für den Musikexpreß, dort gekürzt gedruckt (im Januar). Inzwischen hat der Text keine große Relevanz mehr, und sowieso ist er mehr Satire als Musiktext, aber was soll's ...
 
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Die Pop-Agenda 2005 - popfit für die Zukunft

Die Popmusik befindet sich in einer schwierigen Lage. Das Wachstum sinkt, Schallplattenkonzerne sind in der Krise, Qualifikationschancen für den Nachwuchs brechen weg. Zu den strukturellen Problemen kommt noch hinzu, daß Investitionen und Ausgaben für den Popkonsum drastisch zurückgegangen sind und der globale Wettbewerb auf den Märkten der Musikerzeugung weitere Kostensenkungen erzwingt. Verschärft wird die Krise durch den demographischen Wandel: In den letzten Jahren ist die Lebenserwartung von Popmusikern (erfreulicherweise) gestiegen, doch wachsen immer weniger Interessierte nach. Während noch im Jahre 1978 etwa 300 Fans für einen Popstar aufkamen, sind es heute durchschnittlich noch etwa fünf. Der Anteil der Pop-Produkt-Käufer zwischen 15 und 64 Jahren gegenüber den über 65jährigen Popstars wird in den kommenden Jahren weiter sinken. Gleichzeitig steigt die Lebens- und Karriereerwartung weiter. So ist die durchschnittliche Tantiemenbezugsdauer von 1970 bis heute von zwei auf 20 Jahre gestiegen, also um 1000 Prozent. Der damit einsetzende Ausgabendruck trug mit bei zum Anstieg der Tonträgerpreise. Mehr wirtschaftliche Dynamik als Grundlage für Popschöpfung braucht neue Produkte, Verfahren und Märkte. Doch wird es gleichzeitig immer schwerer, neue Produkte beim Konsumenten durchzusetzen die Popsysteme müssen saniert werden, um effektiv zu bleiben; sie müssen umgebaut werden, um sie im Kern zu erhalten. Und nicht zuletzt die Problematik der gerechten Verteilung von Popressourcen ist treibender Faktor dringend notwendiger Reformen, in deren Zuge tiefe Einschnitte in Besitzstände nötig sein werden. Kurz und salopp gesagt: Wir alle werden den Gitarrengurt enger schnallen müssen, um die Zukunftsfähigkeit der Popmusik zu sichern.

Die Maßnahmen im einzelnen:

- Chancen geben: Die "Popausbildungsoffensive 2004"

Die Strukturen der Popausbildung sind verkrustet und nicht mehr zeitgemäß. Schnellerer Einstieg in die Karriere, Entrümpelung der Lehrpläne, neue Technologien und lebenslanges Lernen treten an die Stelle veralteter instrumentaler und theoretischer Kenntnisse. An der gemeinsamen "Popausbildungsoffensive 2004" beteiligen sich Fernsehsender, Produzenten, Konzerne und die Pop-Medien. Ziel muß es sein, jedem Star-willigen Jugendlichen einen Chartsplatz zur Verfügung zu stellen und so die Popversorgung auch weiterhin zu sichern und zugleich den Vormarsch sog. Independent-Firmen zu bremsen, die kaum zum tatsächlichen Aufkommen an kommerziell verwertbarer Popmusik beitragen.

- Mehr Pop: Mini-Karrieren, Lockerung des Flop-Rechts, Abbau von verkrusteten Strukturen

Die große Zahl von Popfähigen ohne festen Plattenvertrag und Chartsplatz macht eine Reform unumgänglich, deren Ziel es sein muß, wieder mehr Menschen in Lohn und Hit zu bringen. Die Popmarktreformen greifen hier bereits: An Projekten wie "Big Brother" und "DSDS" hat sich erwiesen, daß mit den neuen Mini-Karrieren der richtige Weg eingeschlagen wurde, auch wenn bislang noch kein durchschlagender Erfolg erzielt werden konnte, was die Umwandlung von Mini-Karrieren etwa auf dem "The Band"-Sektor in Vollzeitkarrieren anbetrifft. Hier besteht noch Reformbedarf. Auch das Flop-Recht muß den neuen Umständen angepaßt und besser handhabbar gemacht werden: Die bis jetzt gültigen Regelungen sehen vor, daß in Plattenfirmen mit bis zu zehn Acts kein Flopschutz (externe Promo-Anbindung, Verschickung in "Wetten daß?" und andere Ankurbelungssendungen, Garantiespielzeit im Radio) besteht. Wird ein elfter Act gesignt, tritt der volle Flop-Schutz in Kraft. Zukünftig können zusätzlich zehn Acts befristet gesignt werden, ohne daß der Flopschutz ausgelöst wird. Plattenfirmen müssen nun also nicht mehr auf Zusatz-Hits ohnehin überbeschäftigter Produzenten wie Dieter Bohlen ausweichen, um vorübergehenden Interpretenbedarf zu decken.

- Ein leistungsfähiges Popversorgungssystem erhalten

Rund 90 Prozent der Bevölkerung in den Industrie- und Dienstleistungsstaaten werden durch die einschlägigen Weltfirmen beliefert. Sie alle haben unabhängig von Alter und Geschlecht den gleichen Anspruch auf die notwendige Popversorgung. Die demografische Entwicklung und der technische Fortschritt stellen das Popversorgungswesen vor neue Herausforderungen. Um auch in Zukunft eine hochwertige Popversorgung zu gewährleisten, sind umfassende und nachhaltige Reformen nötig, um die finanzielle Lage der notleidenden Weltfirmen und Großkonzerne zu stabilisieren. Hierzu muß jeder Konsument seinen Beitrag leisten. Im Gegenzug wird die Industrie erfahrungsgemäß zu gewissen Gegenleistungen bereit sein, etwa punktuellen Preissenkungen, die wiederum die Attraktivität der Popprodukte erhöhen.

- Pro Mainstream

Der Mainstream ist der Wachstumsmotor der Popwirtschaft. Unavantgardistische Rahmenbedingungen und eine finanzielle Entlastung sorgen für neue Dynamik, Wachstum und mehr Pop. Die Initiative "Pro Mainstream" wird dazu beitragen, das Augenmerk der Konsumenten auf eingeführte, qualitativ hochwertige und effektiv marktfähige Produkte zu konzentrieren, um die Popversorger zu entlasten. Die behutsame Markteinführung innovativer Produkte wird gerade dadurch auch zukünftig gesichert sein.

- Pop für die Welt: Förderung strukturschwacher Regionen

In einer beispielhaften Regierungserklärung hat Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärt: "Einfach die aktive Popmarktpolitik, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, zurückzufahren, noch bevor die neuen Strukturen greifen, das kann nicht unsere Lösung sein." Bekanntermaßen läßt sich Popmusik gerade dort am schwierigsten durchsetzen, wo überkommene Musikstrukturen verkrustet sind und kulturelle Besitzstandswahrung wirkt. In gemeinsamer Anstrengung werden sich jedoch auch in solchen Gebieten effektive Popstrukturen durchsetzen lassen, wodurch lukrative neue Märkte geöffnet und die Popversorgung nachhaltig gesichert werden. Dazu werden u. a. Einrichtungen wie Popakademien, Nachwuchswettbewerbe sowie die Ansiedlung von Filialen großer Tonträgerkonzerne gezielt gefördert werden.

- Familie und Pop: Mehr Generationengerechtigkeit

Die Zeit der Generationenkonflikte ist vorbei; eine innovative Popgesellschaft kann sich derartige innere Zermürbungen nicht mehr leisten, sondern muß gemeinsam an der Zukunft arbeiten. Noch nie ließen sich Familie und Pop besser vereinbaren wie heute, doch sind weitere Anstrengungen nötig, damit in Zukunft eine einheitliche Popversorgung für alle Generationen gesichert werden kann. Die Popförderung unserer Kinder kann nicht früh genug beginnen. Der zukünftige Popkonsum unserer Kinder ist eng mit guter Poperziehung verknüpft. Frühkindliche Popförderung ist viel mehr als die von unbelehrbaren Ideologen oft beklagte "Berieselung" von Kindern. Sie bedarf Leitbilder und qualitativ guter Angebote mit meßbaren Standards. Vorschläge für solche Standards wird die Industrie gemeinsam mit Poppresse, Fernsehen und Produzenten entwickeln.

Weitere, noch im Kommissions- und Task-Force-Stadium befindliche Themen:

- Mehr Eigenverantwortung: Die Ich-Pop-AG, Kapital für Pop

- Neue Regelungen für Hitlose: Fördern und Fordern

- Schnellere Vermittlung: Umbau von Plattenfirmen in Pop-Center, Pop-Service-Agenturen

- Optimistisch in die Zukunft: Die neue Rolle der Medien

Rückfragen und Förder- bzw. Forderungsanträge sind an den Bundesminister für Popentwicklung, Heinz R. Kunze, zu richten.


e-mail:michael sailer | impressum | Michael Sailer