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Geschrieben 1999 für das von Stefan Erhardt und Johannes John herausgegebene Buch "Oldies, die wir nie vergessen" (Reclam Leipzig).
 
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Unwiderstehliches Primitivgetucker

Über Hot Butter und »Popcorn«

Oh selige Zeiten, als noch niemand hauptberuflich damit beschäftigt war, sogenannte Stil-»Schubladen« zu erfinden! (Übrigens ein interessantes Paradoxon: Zuerst hatten die überlasteten Herren Musikjournalisten vor lauter Sektempfängen keine Zeit mehr, sich Platten anzuhören, und erfanden daher griffige Begriffe, um die tönenden Dinger auch so zeilenhonorig abhandeln zu können, – und dann nahmen die wuchernden Begriffe so überhand, daß man sich die Platten manchmal doch wieder anhören mußte, weil sich unter »progressive Birmingham Grunge Disco House Remixes mit phatt gefeatureten Upbeat-downtown Grooves der Blue Move Soul ‘n‘ Bass Retro Schule um die Altmeister des Ambient Dub Rock Jungle« – oh selige Zeiten, als es noch Binde-Striche gab – keiner mehr was vorstellen kann.) Noch mal: oh selige Zeiten, als noch niemand hauptberuflich damit beschäftigt war, sogenannte Stil-»Schubladen« zu erfinden! Denn wo hätte »Popcorn« wohl reingepaßt?

Davon träumt eigentlich fast jeder, der sich irgendwann einen wie auch immer gearteten und ausgestatteten Synthesizer anschafft: mit einem einzigen Song fürs ganze Leben aussorgen; fünf Minuten Musen-Mühsal, fünfzig Jahre Müßiggang. Den wenigsten von uns wird das je gelingen, und den wenigsten ist es je gelungen. Gershon Kingsley schon. Stan Free kaum.

Kingsleys Beruf läßt sich vielleicht am besten mit dem Wort »Gebrauchskomponist« beschreiben. Er war einer jener wenigen Musiker, die sich schon in den frühen 60er Jahren Gedanken machten, wie man Synthesizer nicht nur zur Erzeugung beeindruckender Effektgeräusche und Geräuscheffekte einsetzen könnte, sondern als (fast) richtiges Musikinstrument. Zusammen mit dem Franzosen Jean Jaques Perrey veröffentlichte er die beiden Vollelektronik-Platten »The In Sound From Way Out« und »Kaleidoscope Vibrations«. Kingsley, der als Broadway-, Off-Broadway und Reklame-Jingle-Komponist ein relativ sorgenfreies Leben führte, frönte seinem elektronischen Hobby als nächstes mit der Platte »Music To Moog By«, die 1970 erschien und unter dem erfundenen Interpretennamen »The Popcorn Makers« den folgerichtig betitelten »Song« in einer Ur-Version enthielt. Der ansonsten nicht eben für intellektuelle Höhenflüge bekannte Pop-Dampfplauderer Frank Laufenberg schrieb dazu in einem seltenen Moment der Klarsicht: »In sehr deutlicher Weise zeigt ›Popcorn‹, daß der Moog-Synthesizer als Musikinstrument zu jenem Zeitpunkt noch sehr entwicklungsfähig war.«

Stan Free war Sessionmusiker. Er hatte unter anderem für John Denver, Arlo Guthrie, Paul Simon, Peggy Lee und das Boston Pops Orchestra (wer immer das auch gewesen sein mag) die Tasten gedrückt und ein paar Singles unter eigenem Namen veröffentlicht, die niemand hören wollte, da fiel ihm Kingsleys Platte in die Finger, und Free witterte Morgenluft und warme Butter. Er tastete ein vereinfachte Version der saiten-, trommel- und stimmfreien Dick-duck-dick-duck-didu-duck-Hymne zusammen und staunte dann wohl selbst am meisten: Mitte 1972 kam keine gutsortierte Sammlung substanzfreier Placebo-Pop-Singles mehr ohne »Popcorn« aus. Die gehirnerweichende Wirkung des unwiderstehlichen Primitiv-Getuckers stieg mit der Entfernung vom Entstehungsort: Die US-Charts meldeten Platz neun, Großbritannien Platz fünf, und im traditionell für geniale Blödheiten anfälligen Deutschland zierte die synthetische Frühgeburt des zehn Jahre später durch die Stehausschänke schwappenden »Ententanzes« die Spitze der Hitparaden.

Ein paar Wochen nach dem großen »Puff!« war der ganze Spuk vorbei. Mangels eines verkaufsfördernden Strahlgesichts als Dreingabe fiel die Präsenz im Fernsehen recht mager aus (das, immerhin: Video zeigte platzende Maiskörner, was sicherlich einen gewissen minimalistischen Charme hat, der jedoch neben dem trampelnden Panzerfrohsinn von Zeitgenossen wie Tony Marshall nicht zur Entfaltung kommen konnte). Zudem ging Stan Free bei der Suche nach einem Nachfolgehit auf Nummer einfallslos: Totgenudelte Pfarrballstandards wie »Tequila«, »Apache« und »Pipeline« waren in Synthesizerversion ungefähr so gefragt wie Hamburger ohne Fleischsohleneinlage. Free führte die Tantiemen brav an Kinglsey ab, schmachtete dahin und verschied 1995.

Aber mit ranzig gewordener Hit-Butter geht es manchmal genauso wie mit ihrer echten Schwester, wenn man sie im Kühlschrank vergessen hat: Keiner merkt was, bis eines Tages seltsame, lustige, gruslige und krabbelige kleine Tierchen durch die Küche laufen. Zuerst tauchte »Popcorn« als Filmmusik wieder auf, schon 1974. Eigenartigerweise waren es neben einer dänischen Quizshow und einer unbedeutenden TV-Serie für Kinder vor allem siebtklassige Fleischwolf-Monster-Streifen, die mit der sterilen Tickermusik unterlegt wurden: »Shriek of the Mutilated« und »Bloodline« zum Beispiel, beide so »kultig«, daß man sie noch nicht mal im Nachtprogramm von RTL und Kabel 1 antrifft. Ausgeschlachtet wurde als nächstes das Erfolgsrezept: Zwar spielte sich die »Band« Silicon Teens um 1980 mit einer ganzen LP vollsynthetisierter Popklassiker noch direkt in die Ramschkisten, aber in der Folgezeit beteiligte sich ein unübersehbares Heer von Musikern an einem weltweiten Projekt zur Ersetzung aller bekannten Musikinstrumente durch elektronische Sinustöne, das unter dem Titel »80er Jahre« in die Geschichte einging. Daß man zu »Popcorn« auch dann noch vortrefflich tanzen kann, wenn man die Melodie wegläßt, demonstrieren anschwellende Menschenwalzen, die sich unter Mottos wie »Love Parade«, »Move« bzw. »Union« seit einigen Sommern lärmend durch Europas Großstädte winden. Kein Wunder, sind die an den Zappel- und Ausscheidungsumzügen Beteiligten doch seit frühester Kindheit konditioniert: durch Videospiele wie »Pengo«, »Digger« und »Trollie Wallie« zum Beispiel, die allesamt die variationsarmen Vernichtungsvorgänge auf ihren Bildschirmen mit »Popcorn« beschallten.

Bekennen mag sich zur lebenslänglichen Prägung durch den Einzelhit kaum jemand, schließlich ist man doch die Zukunft und hat mit den musikalischen Abwegen der Elterngeneration nichts zu tun zu haben. Jean Michel Jarre etwa, selber nicht der Allerangesagteste, legte sich für seine »Popcorn«-Version das Pseudonym Jamie Jefferson zu. Wer sich hinter Electric Coconut verbirgt, einem weiteren Nach-Interpreten, weiß niemand. Und über eine angeblich existierende Surf-Sound-Version ranken sich nur Gerüchte. Lediglich der Techno-Eigenbrötler Aphex Twin, dem sein Image im Prinzip so egal ist wie alles andere, was nicht raucht, stand zu seiner Vorliebe für »Popcorn« und sorgte mit seiner Version für eine Art musikalischer Familienzusammenführung, wie sie ansonsten nur auf käsigen Schlager-Revival-Bällen und in mit der eigenen Schimmelkruste kokettierenden »Easy Listening Lounges« gepflegt wird, wo sich James Last und Udo Jürgens Gute Nacht sagen.

Was lernen wir aus der wirren Geschichte? Daß die Wege der Popmusik unergründlich sind und ähnlichen Quatsch? Daß man nur einen Synthesizer braucht, um die Welt irreparabel zu ändern? Daß sich jede Dummheit irgendwann rächt?

Wahrscheinlich ist es am besten, wir lernen gar nichts. Beim nächsten Mal werden wir sowieso wieder genauso drauf reinfallen, in die Läden rennen, mitschnippen, -wippen und zippeln und uns nach ein paar Wochen verschämt fragen, was um alles in der Welt das nur war und warum.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer