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Geschrieben 1999 für das von Stefan Erhardt und Johannes John herausgegebene Buch "Oldies, die wir nie vergessen" (Reclam Leipzig). Inzwischen sind meine Slade-Forschungen weiter gediehen und haben manches ergeben, was den Text bestätigt resp. stellenweise widerlegt. Eine Aktualisierung wäre mir aber zu mühselig gewesen. Nur so viel: Das Album "Stop" gibt es wohl tatsächlich nicht. Und empfehlen sollte man auf jeden Fall Noddy Holders Autobiographie "Who's Crazee Now?" sowie den in jeder Hinsicht famosen und grandiosen Film "Flame".
 
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Wahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwah-wahwahwah - yeah!

Über Slade und "Mama Weer All Crazee Now"

Meine Mutter war im Prinzip dagegen, und eigentlich hatte sie von ihrem Standpunkt aus recht: Ein Lied, dessen Schlußrefrain "Wahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwahwah - yeah!" lautete, - ein solches Lied konnte der geistigen Entwicklung eines Neunjährigen ganz bestimmt nicht viel Förderliches tun. Und seiner Rechtschreibungsfähigkeit erst recht nicht! (Stimmt: noch fünf Jahre später mußte ich mir beschämt in einer Englisch-Extemporalie die Schreibung "grazy" anstreichen lassen, die wohl aus einer Slade-induzierten Reflexionsverwirrung heraus entstanden war.) Aber so funktioniert der alte Popmusik-Mechanismus nun mal: Was den Eltern nicht paßt, ist dufte, und was die Eltern regelrecht zur Weißglut treibt, das ist unser Ding! Daß man den Virus, den man sich solcherart einfängt, ein ganzes Leben lang nicht mehr loswird, spielt auf einer anderen Platte und ist eigentlich ja auch nur eine Bestätigung seiner Wirksamkeit.

Mit "Mama Weer All Crazee Now" fing für mich im September 1972 alles an. Nein, seien wir nicht ungerecht: Marc Bolans "Metal Guru" und Sweets "Little Willy" hatten schon drei, vier Wochen zuvor für wohlig ekstatische Schauer gesorgt, wenn ihre elektrisierenden Anfangsakkorde plötzlich den bayerisch rundgefunkten "Schlager der Woche"-Matsch aus dem Braunschen Schneewittchensarg unterbrachen und Äonen entfernt erscheinen ließen. Aber "Mama Weer All Crazee Now" wirkte dagegen wie eine 1000er Kawasaki gegen das Knattern der festgeklupperlten Spielkarten an der hinteren Gabel des 24er Fahrrads. Englisch war noch ein Buch mit sechseinhalb Siegeln, aber der elementare Alltagsgrundkurs reichte aus für die Erkenntnis, daß sich hier was gänzlich anderes abspielte als auf den elterlichen Beatles- und Stones-Platten, die bis dahin als popmusikalische Grundversorgung genügt hatten: Brüll! Dröhn! Gröl! Lärm!, und "crazee" hieß unzweifelhaft "verrückt"! Der Virus war eingefangen.

Ilja Richters "Disco" und die Zeitschrift POP sorgten für die Illustration der neuen Faszination, die die kühnsten Träume bestätigte. Slade sahen tatsächlich mindestens so wild aus wie sie klangen: vier Veitstänzer in buntschillernden Kasperlanzügen; Zylinder mit Spiegelscheiben, Pailetten-Umhänge, Hosen aus Alufolie, turmhohe Absätze, Glitzerpuder, Lametta-Fransen und ein dermaßen entfesseltes Begeisterungsgrinsen in Noddy Holders Gesicht, daß man sogar die Monster-Koteletten, die sein Gesicht einrahmten wie zwei in die Backen verbissene Bisamratten, für haargewordenen Irrsinn nehmen mochte. Die Assistenz-Idole Alice Cooper, Sweet und sogar Marc Bolan konnten da nur mitschwimmen, als Vanillesoße zur großen Dampfnudel.

Es folgte der Kauf der ersten eigenen Single ("Gudbuy T'Jane"), und Slade tobten durch eine fast drei Jahre währende ununterbrochene Superhit-Serie, die den Fan auf Trab hielt: "Cum On Feel The Noize", "Skweeze Me Pleeze Me", "Merry Xmas Everybody", "My Friend Stan", "Everyday", "The Bangin' Man", "Far Far Away". Die fünf Buchstaben zierten Schulbänke, Federmäppchen, Hosenbeine; die vier brithumorigen Knallgesichter strahlten per Poster von Schrank und Wand; der Dauereinsatz zerfledderte die Single-Covers und ruinierte den Saphir; das Taschengeld rollte in 60-Zehnerl-Einheiten über den Plattenladentisch; den Weihnachtswunschzettel zierten seltsame Ausdrücke wie "Slayed" und "Sladest"; die nach-unterrichtlichen Vertiefungsbemühungen galten nicht "Arithmetik 1" und "Seydlitz-Bauer", sondern "POP", "TOP" und "POPFOTO", und die kühnsten Träume hatten turmhohe Absätze oder kreisten um die unlösbare Frage, woher ein Päckchen Original-Glitter zu beziehen war (von "POP"! per Preisausschreiben! leider nicht gewonnen). Dann kamen die Probleme: "How Does It Feel" klang deutlich erwachsener, aber inzwischen war 1975, und für einen (fast) Zwölfjährigen war "How Does It Feel" mittlerweile deutlich zuwenig progressiv. Slade verschwanden aus den Charts und meinem Leben wie der letzte Schnee in der Märzsonne und tauchten erst wieder auf, als es mit Beginn der Spätadoleszenz Zeit wurde, sich über den bisherigen Lebenslauf Gedanken zu machen und in einem Anflug von Frühnostalgie vergessene Mysterien wiederzuentdecken.

Da stellte sich heraus, daß keiner der alten Hits auch nur einen Deut schlechter geworden war, da fanden sich sogar Bindeglieder in die Neuzeit, denn Slade gab es natürlich immer noch, und sie waren auch selbst keinen Deut schlechter geworden (vorläufig höchstens manchmal, wenn sie allzu sehr in den Metal-Sumpf abrutschten), sondern erlebten dank einem triumphalen Auftritt beim Reading-Festival 1980 gerade ein regelrechtes Comeback. Da kam die Zeit des Sammlerwahns: 20 Mark für die Original-Single "Wild Winds Are Blowing" von '69! Das Doppelte für "Burning In The Heat Of Love" von '77 (ganz schlecht, aber ungeheuer selten)! Das Dreifache für "Rock 'n' Roll Bolero" (noch schlechter, noch seltener)! Die Independent-LP "Return To Base": unbezahlbar! Die Single "Give Us A Goal": hat überhaupt niemand! Das Album "Stop": gibt's wahrscheinlich gar nicht!

Da stellte sich aber vor allem die Frage, worauf der "Slade-Effekt" eigentlich beruht hatte (und beruhte). Konnte das alles wirklich Zufall gewesen sein, wie Slade-Verächter nicht müde wurden zu behaupten? Oder eine gezielte Verschwörung zwecks Vernichtung der abendländischen Intelligenz, wie Gentle-Giant-Fans süffisant zischten? Ich begann zu forschen.

Da waren also vier Teenager aus Wolverhampton: Neville "Noddy" Holder, Dave Hill, Jimmy Lee, Don Powell. Seit ihrer frühen Kindheit hatten sie in diversen Bands musiziert und sich endlich unter dem Namen 'N Betweeners versammelt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Die wollte darin erstmal noch eine Weile hängenbleiben und ignorierte das Quartett auch nach seiner Umbenennung in Ambrose Slade und einem ersten Album mit Coverversionen von Zappa über Beatles bis Steppenwolf und ein paar eigenen Song-Versuchen weiterhin heftig. Zufällig lernten sie 1970 den Ex-Animals-Bassisten Chas Chandler kennen, der ihnen einen neuen Vertrag besorgte, den Namen auf Slade halbierte, sie als Skinheads ausstaffierte und die Platte "Play It Loud" produzierte, ein liebenswert obskures Mischgewächs aus Beatles, Zappa und Steppenwolf (diesmal aber fast nur mit eigenen Songs). Das wurde auch nicht viel. Slade tourten eifrig, was manchmal für den Anfang nicht falsch ist. Als dann Chas Chandler sein zweiter Klient Jimi Hendrix wegstarb, konnte er sich ganz auf Slade konzentrieren, und siehe da: Die versuchsweise Umpflanzung ihres Live-Gelärmes ins Studio auf der Single "Get Down And Get With It" funktionierte und schob sich, zwar mühsam, auf Platz 10 der englischen Charts. Der Nachfolger "Coz I Luv You" etablierte das grammatikalische Markenzeichen und Jimmy Leas prägnante Geige und war die erste Nummer eins. Es folgten "Look Wot U Dun" und "Take Me Bak Ome", das mit Hilfe des mittlerweile erspielten härtesten Fan-Kerns im Studio entstandene Donneralbum "Slade Alive" und schließlich "Mama Weer All Crazee Now". Und wir sind wieder da, wo wir waren. Ohne Ergebnis: Es kam eben so.

Aber irgendwo muß in der chemischen Formel Slade ein Katalysator versteckt sein, der sie von allem anderen unterscheidet. Schließlich blieb (trotz jahrelangen ruinösen und bis in die Grundernährung hinein wirksamen Mißerfolgsphasen) keine andere bekannte Band in der Musikgeschichte auch nur annähernd so lange in ihrer Originalbesetzung zusammen wie Slade; schließlich haben sie nach verbürgter Zeugenaussage nicht nur (beispielsweise) "Gudbuy T' Jane" erst im Studio "geschrieben" und sofort (in zwei Takes) aufgenommen (was besonders zu Anfang ihrer Karriere für unerhört niedrige Produktionskosten sorgte), sondern auch ganz andere Dinge getan. Man höre mal die leider nie wiederveröffentlichte "Skweeze Me Pleeze Me"-B-Seite "Kill Em At The Hot Club Tonite": Das ist englischer Tin-Pan-Alley-Swing-Pop vom Feinsten, kompetent und souverän komponiert und gespielt und gekrönt von einem ganz unerwartet feinfühligen, melancholischen Text, für den Noddy Holder sein häuserblockschüttelndes Luftschutzsirenenorgan auf ebenso unerwartet charmantes Late-Night-Bar-Niveau zurückschaltete. Slade glänzten zwischendurch auch mühelos als Folk-, Funk-, Soul-, Punk-, Bombast-, Metal-, Progressiv-, Schlager- und Bluesrock-Band, ohne je einen einzigen Trommelschlag lang nicht wie Slade zu klingen.

Aber das Eis ist dünn: Schreckliche Ausrutscher wie "The Waltz (C'est la vie)" (trotzdem ein Hit), "My Oh My" (trotzdem ein noch größerer Hit), "Ooh La La In L.A." (zum Glück kein Hit mehr) und die abscheuliche Weihnachts-Party-Stimmungs-Furzkissen-Platte "Crackers" (nebst schauderhaft-peinlichstem Plattencover der Menschheitsgeschichte; auf den Plätzen zwei und drei folgen "The Amazing Kamikaze Syndrome" und "Rogues Gallery") legen den Verdacht nahe, daß Slade neben vielen Talenten leider auch mit einem eklatanten Mangel an Geschmack und Fingerspitzengefühl geschlagen waren. Oder Scham: "All Join Hands" wärmte unverhohlen "My Oh My" noch mal auf (und "Still The Same" zum dritten und "Do You Believe In Miracles" zum vierten Mal); "Merry Xmas Everybody" erschien jeden Winter aufs Neue als Single, und die nach Holder/Leas Rückzug an den gemütlicheren Heimtresen verbliebenen Dave Hill und Don Powell bretterten sich auf dem ersten "Slade II"-Album zu allerlei Klischee-Schwartenkrachern auch noch den "Bonus-Track" "Merry Xmas Now!" zusammen. Von Jimmy Leas Nach-Slade-Berufstätigkeit als Produzent hat man nie Nennenswertes erfahren, und bei genauerem Hinhören bestehen eigentlich alle großen Slade-Hits aus genau drei Teilen: einem völlig übersteuerten Riff, einer völlig übersteuerten Strophe und einem völlig übersteuerten Refrain, die nach einem relativ einfachen Schema zusammengebaut sind.

Durchaus möglich also, daß das Ganze doch auf einem glücklichen Zufall beruhte. Einem enorm glücklichen Zufall allerdings: Denn ein Leben ohne Slade erscheint mir auch 27 Jahre nach dem Urknall mit "Mama Weer All Crazee Now", nach 27 Jahren Begeisterung, Überdruß, Wiederentdeckung, Begeisterung, Überdruß, Wiederentdeckung und fruchtloser Analyse immer noch als genau das, was es ist: eigentlich kein Leben. Zumindest kein verrücktes.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer