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geschrieben im Herbst 2002 für den Musikexpreß

 
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Gimme Gimme Shock Treatment!

Die europäische Pop-Welt ist 1978, von den Nachbeben der Punk-Revolte erfaßt, nicht leicht zu schockieren, aber was am Abend des 16. Juni in Brüssel über sie hereinbricht, überfordert die stärksten Nerven. Am Ende ziehen Wolken von Tränengas durch den Club "Ancienne Belgique" am Boulevard Anspach, der nach einer Orgie der Gewalt und Zerstörungswut, die Beobachter mit dem "Ausbruch der Hölle" vergleichen, nur noch eine Ruine ist, umstellt von einer Hundertschaft fassungsloser Gendarmen. Was ist da passiert? Nicht viel; oder alles: ein Suicide-Konzert.

Acht Jahre zuvor hatte alles angefangen: In einem staatlich unterstützten New Yorker Projekthaus namens "The Project of Living Artists", wo sich in einem Loft im zweiten Stock Maler, Performance-Artisten, Jazz-Musiker und andere Künstler trafen, um 24 Stunden am Tag "any fuckin‘ thing they wanted" (Vega) zu tun oder auch nur mangels Wohnung eine Unterkunft zu haben, trafen sich der Free-Jazz-Musiker Martin Rev (bürgerlich Reverby) und der Maler und Bildhauer Alan Vega (bürgerlich Bermovitz). Beide lebten damals auf der Straße und hatten radikale Ansichten über moderne Musik, die sie nun gemeinsam umsetzten: alles spielen, was verboten ist, den Rock-Kadaver ausweiden und das Skelett mit Elektroschocks zum Tanz auf dem eigenen Grab bringen. "Es war hart, nichts zum Essen zu haben", sagte Vega später. "Die Musik war wie eine religiöse Erfahrung für uns. Wir versuchten, die Armut, den Hunger niederzukämpfen, um zu überleben."

Obwohl die USA damals eine gewisse Underground-Szene um Bands wie die Stooges, MC 5, Electric Eels, Velvet Underground beherbergten, kam Suicides Radikalität im Herbst 1970 absolut zu früh. Ihr erster richtiger Auftritt fand im Frühling 1971 in der OK Harris Gallery statt, unter dem Motto "A Punk Music Mass". Die Zuhörer reagierten größtenteils verstört, auch weil Rev nicht mehr trommelte, sondern nur noch Knöpfe drehte: "Wir waren nicht die ersten, die Drum-Maschinen einsetzten", sagte er später, "die gab es zum Beispiel auch bei Bar-Mitzvah-Feiern. Aber wie wir sie benützten ... ‚Wo ist das verdammte Schlagzeug, Mann?‘ schrien die Leute. Und dann hatten wir auch keine Gitarre, das war damals fürs Publikum wie eine Beleidigung." "Wir brachen den Status quo", meint Vega. "Das macht jede Bandirgendwie, aber wir taten es auf vierfache Weise. Erstens der Name, dann die Duo-Besetzung, das Fehlen von Schlagzeug und Gitarre, und dann kam die Angst dazu, die wir live erzeugten. Wir schwammen definitiv gegen den Strom." Und wie – zu Revs monotonem Orgel-Gehämmer schlug Vega mit Fahrradketten um sich und johlte wie unter Strom, was den Korrespondenten der deutschen Zeitschrift POP so überforderte, daß er 1973 bei seinem Besuch im legendären Mercer Arts Center Rev gleich ganz übersah: "Ein bis zum Nabel make-upierter Typ, der mit Vorliebe über Tische und Stühle springt, unschuldige Zuschauer mit Magenstößen bedient oder versucht, sie in Raufereien zu verwickeln." "Wir spielten im Mercer oft gleichzeitig mit den New York Dolls", erzählte Alan Vega später. "Wenn man von ihrem Raum in unseren kam, war es, als würde man von 1972 nach 2072 gehen."

Ab 1974 veränderte sich die Situation – für andere. Aus dem deprimierenden Muff der New Yorker Szene sprossen im Windschatten der New York Dolls neue Bands: die Ramones, Dictators, Patti Smith, Television, Talking Heads, Blondie und andere verwandelten die Stadt – oder Teile davon – in einen brodelnden Hexenkessel neuer Musik. Die meisten der Bands, die regelmäßig in Hilly Kristals Club CBGB gastierten, hatten bald einen Plattenvertrag, nur Suicide waren immer noch zu extrem. "Wir waren als einzige in Manhattan ohne Vertrag geblieben. Das war so, ‚Wir haben alle gesignt außer Suicide, aber die sind auch das Letzte.‘" (Rev) "Ich weiß noch, wie Cheap Trick in unserem Vorprogramm spielten", erzählt Vega. "Viele Bands wurden Stars, nachdem sie uns supportet hatten. Das war wohl so eine Art Test: Schauen wir mal, ob die Typen vor einem Suicide-Publikum bestehen."

Es war der Ex-New-York-Dolls-Manager und Ramones-"Entdecker" Marty Thau, der Suicide schließlich bei seinem Label Red Star unterbrachte und gemeinsam mit dem Ramones-Produzenten Craig Leon das Debütalbum produzierte. Es erschien 1978, und obwohl Thau ebenso wie die Band vom kommerziellen Potential der Minimal-Songs überzeugt war, blieb die erhoffte Revolution aus; statt Geldbergen erntete man neben viel Verwirrung Stapel von enthusiastischen Kritiken, die mal wieder niemand las. Daß es selbst für Menschen, die sich gierig auf alles stürzten, was auch nur entfernt nach Punk oder New Wave aussah, nicht ganz leicht war, die eigene Begeisterung für Suicide zu verstehen und einzuordnen, kann der Verfasser dieser Zeilen bestätigen: Obwohl sich die Songs wie Brummkreisel im Kopf drehten und man die Platte immer wieder auflegen mußte, blieb eine gewisse Unsicherheit, ob etwas derart Anderes wirklich gut sein konnte.

Als Rev und Vega die Bühne des "Ancienne Belgique" betreten, ist die Reaktion des Publikums indifferent; kaum einer ahnt, was nun kommt. Martin Revs monotone Speed-Beats und zerrende Heimorgel-Läufe knallen schon beim Opener "Ghost Rider" so brutal auf die Trommelfelle, daß Alan Vegas gegrummelter Rudimentärgesang, seine hysterischen Schreie, Kiekser und Stöhnlaute schnell zum Ärgernis werden. Im Gegensatz zu heute, wo man sich in dem renovierten Club an der Bar kostenlos Ohrstöpsel aushändigen lassen kann, sind die 2.000 Zuhörer dem Lärmsturm schutzlos ausgesetzt; raus könnten sie – aber dann nicht mehr rein, "aus technischen Gründen". Ein unwilliger Buh-Chor übertönt zaghaften Beifall (hauptsächlich von Suicides Begleitern), dann kommt "Rocket USA", noch eine Stufe primitiver, böser, monotoner. Vega läßt sich hineingleiten in den Vulkan von Minimal-Krach, als wollte er den Weltuntergang synchronisieren, und diesmal wird der Unmut lauter: "Elvis! Elvis!" fordern die Chöre, meinen Costello und wissen nicht, daß Presley Vegas absolutes Idol ist und sie ihn damit nur noch mehr anstacheln. "Cheree" tönt konventioneller, aber nach dem zickig-hysterischen "Dance" wird das Buh-Geschrei so impertinent und ansteckend, daß das epische Loser-Höllen-Drama "Frankie Teardrop" keine Chance mehr bekommt: Eine Zeile, dann ist das Mikro weg. Revs Synthesizer läuft weiter, wie ein elektrisches Schreckschuß-MG. Als er plötzlich im Hagel von Stühlen, Flaschen und Unrat plötzlich abbricht (weil Rev keine Hand zum Spielen mehr frei hat), feiern die Leute die Stille wie das entscheidende Tor zum WM-Sieg Belgiens. Aber Vega fordert und erhält das Mikro noch einmal zurück, darf ein paar weitere Zeilen stammeln – jetzt ohne instrumentale Begleitung –, kräht ein letztes "Shut the fuck up!" und rettet sein Leben (mit gebrochenem Nasenbein).

Elvis Costello könnte danach leichtes Spiel haben, aber er ist nicht der Mann, der solche Situationen zu seinen Gunsten nützt. Dreißig Minuten lang schlägt er dem Mob seinen Zorn um die Ohren, verschwindet dann gruß- und zugabenlos und läßt eine schäumende Menge zurück, die jetzt endgültig nicht mehr zu halten ist. Fliesen, Stangen und Bretter werden von der Decke und den Wänden gerissen, Stühle zerlegt und die gesamte Einrichtung samt Bühne buchstäblich zu Klump geschlagen. Durch einen Hinterausgang entkommt die Suicide-Entourage, quetscht sich in einen gemieteten Sportwagen und flieht, während aus allen Richtungen die Ordnungskräfte mit Schlagstöcken und Tränengaskanistern anrücken. Stunden später, in einem verlassenen Bistro am Stadtrand, werden die Ereignisse rekapituliert, und als Howard Thompson, der Suicide ihren britischen Plattenvertrag mit Bronze Records verschafft hat, verkündet, daß er das Konzert auf Kassette mitgeschnitten hat, sind sich alle einig, daß die Aufnahme veröffentlicht werden muß. Sie wird – zunächst auf Flexi-Disc, neuerdings auch auf CD – unter dem Titel "23 Minutes Over Brussels" zum sinistren Klassiker, das authentische Dokument einer Konfrontation zwischen Morgen und Gestern.

Es war nicht das letzte Mal, daß Suicide derartiges erlebten. Über einen Auftritt im Vorprogramm der Cars im Universal Amphiteater in Los Angeles erzählte Alan Vega später dem ehemaligen Sonic-Youth-Trommler Bob Bert: "Der Lärm von 15.000 Leuten war wie eine monströse Woge, die uns überschwemmt hat wie nichts, was man je gehört hat." Cars-Kopf Ric Ocasek revanchierte sich, indem er das (wesentlich zugänglichere) zweite Suicide-Album produzierte. Für einen Moment erwachte da sogar das Interesse der Plattenindustrie: Als das Album fertig war, versammelten sich diverse A&R-Figuren von Arista Records (und der zufällig anwesende Bruce Springsteen) zum Probehören. Springsteen war so beeindruckt, daß er vor der versammelten Industrie-Meute auf Alan Vega zuging und ihn wortlos umarmte, mit Tränen in den Augen. Aus dem Deal wurde nichts.

In dem großen Aufbruch, der Ende der 70er die Pop-Welt erschütterte, waren und blieben Alan Vega und Martin Rev, die bis heute als Solokünstler, mit diversen Projekten und sporadisch auch gemeinsam (zuletzt diesen Herbst auf "American Supreme) aktiv sind, einsame Vorreiter – fragt sich nur, für was, denn während Punk, New Wave und Power Pop sich in Nullkommanichts in Flächenbrände verwandelten, blieb Suicides enigmatisches, brisantes Erbe zunächst unangetastet liegen. Erst in den 80ern erkannten Synth-Duos und Bands wie Soft Cell, Chemical Brothers, The Orb, Depeche Mode, Human League, Sigue Sigue Sputnik, The Jesus & Mary Chain, Nine Inch Nails, Prodigy und die keimende Techno-Szene, welch ungeheures Potential in den extrem reduzierten Attacken auf praktisch jede Pop-Tradition lag. Die Wirkung Suicides aber blieb unerreicht, und ob es ihren Epigonen gelungen ist, daraus Bleibendes zu schöpfen, oder ob dereinst Klassiker wie "Ghost Rider" und "Rocket USA" als einsame schwarze Türme über Wüsten der Vergessenheit ragen, werden wir erst in vielen Jahren wissen. "Wir träumten davon, die Welt zu verändern", schrieb Red-Star-"Informationsminister" Roy Trakin (der in Brüssel neben dem Aufnahmegerät saß) später. "Und dann bemerkten wir nicht, daß wir sie verändert hatten."

"Suicide is not about alienation but about hope. They are not robotic monsters intent on leveling civilization and culture. Suicide will outlast each trend because they are the real thing -unique and experimental, yet totally accessible and in line with the tradition of rock and roll. Suicide is Alan Vega's vulnerability and cock-eyed pessimism/optimism as it is Martin Rev's stoical mask hiding a sense of humor and humility that is inspiring as it is heartbreaking."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer