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geschrieben im April 2004 für den Musikexpreß, dort im Juniheft stark gekürzt erschienen.

 
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Television: "Den da will ich haben!"

Für manche ist "Marquee Moon" nur eines der besten Popalben aller Zeiten, für andere das beste überhaupt. Als die Platte 1977 erschien, ahnte kaum jemand, welch ein nachleben sie haben würde. Und heute wissen nur noch die wenigsten, daß die Vorgeschichte der Platte schon 1968 begann.

Es war keine Kritik, sondern eine Liebeserklärung in hymnischer Poesie, die Anfang Juni 1974 in der Soho Weekly News erschien und ein paar Wochen später im Magazin Rock Scene erweitert nachgedruckt wurde. Vom einem "schwanengleichen Nacken, dem schönsten des Rock'n'Roll" war da die Rede, von einer Gitarre wie "tausend schreiende Amseln". Verfasserin war ein aufstrebender Szene-Darling der New Yorker Underground-Poeten: Patti Smith, die sich inzwischen selbst eine richtige Band gesucht hatte und gemeinsam mit der Gruppe auftrat, die sie dazu inspiriert hatte und als heißestes Eisen in der seit dem Durchbruch der New York Dolls wiedereröffneten Pop-Schmiede der Stadt galt: Television. Aber Television waren keine sensationellen Senkrechtstarter; als Patti Smiths Artikel erschien, hatte die Band fast die Hälfte ihrer Geschichte bereits hinter sich.

Als Tom Miller seinem besten Freund Richard Meyers 1968 nach New York folgte, lag die Szene der Stadt in Splittern und Trümmern. Der "Sommer der Liebe", der die Ostküstenmetropole sowieso nur in grimmig ironisierter Form berührt hatte, war in Gewalt, Repression und Zynismus versunken, auch Andy Warhols "Factory" hatte ihre besten Tage hinter sich, Velvet Underground rieben sich mit aussichtslosen Tourneen auf, und Freaks wie die Fugs lockten mit ihren Agitprop-Aktionen kaum mehr eine Ratte aus dem Keller, wenn sie nicht sowieso im Gefängnis saßen. Heroin hatte Marijuana als Modedroge abgelöst, und nur sehr langsam sammelten sich in dem Spannungsfeld von Frustration und unterdrückter Lebenslust neue, junge Gesichter, um den Rock'n'Roll wenn schon nicht wiederzubeleben, dann doch wenigstens in einem exzessiven Feuerwerk endgültig zu vernichten. Im Hinterzimmer der Spelunke Max's Kansas City drängelten sich Leute wie Patti Smith, Richard Mapplethorpe, David Johansen, Cherry Vanilla, Iggy Pop, Wayne County - Maler, Musiker, Dichter, Theater-Visionäre, die das gemeinsame Anliegen verband, das brutal-kaputte Lebensgefühl ihrer Zeit in brutal-kaputte Kunst zu verwandeln. Aber außer David Bowie, der sich von der Sumpfblüten-Szene zu seiner Glam-Spielart inspirieren ließ, bekam jenseits von Downtown NY kaum jemand etwas davon mit.

Miller und Meyers kannten sich seit ihrer Kindheit in der Arbeiterklassenvorstadt Wilmington in Delaware. Miller hatte sich als Klavierschüler für Wagner begeistert, dann durch Albert Ayler und John Coltrane den Jazz entdeckt und Saxophon gelernt und war schließlich auf der High-school an die Gitarre gewechselt, nachdem ihm sein Zwillingsbruder John Motown- und Beat-Platten vorgespielt hatte. Mit 16 spielte er zusammen mit Drummer Billy Ficca in einer kurzlebigen Rockband und lief dann mit Meyers von zu Hause weg, um den Rock'n'Roll zu leben. Das Ziel der Freunde war das sonnige Florida, aber sie kamen nur bis Alabama, wo sie wegen eines Lagerfeuers an der Landstraße, bei dem ein ganzes Feld in Flammen aufging, von der Polizei festgenommen wurden. Sie brachte Richard zu seiner Mutter nach Norfolk in Virginia, von wo er bald wieder aufbrach, diesmal nach New York - während Tom in Wilmington seinen Schulabschluß machte und sich danach einem Grundkurs in Drogenkonsum unterzog, der ihn für spätere Zeiten von jedem Bedürfnis nach chemischer Bewußtseinserweiterung kurierte.

Die Zustände in New York schockierten den sensiblen, verträumten Tom, der sich nur für Literatur und Musik interessierte. Er fand einen Job in dem legendären Antiquariat The Strand und verbrachte die Nächte gemeinsam mit Richard und einer alten Schreibmaschine, auf der sie Gedichte schrieben. Richard startete das handkopierte Poesie-Magazin "Genesis Grasp", und die Ergebnisse der nächtlichen Tippereien erschienen als Buch unter dem Titel "Wanna Go Out?" und dem gemeinsamen Pseudonym Therese Stern. So zogen die Jahre dahin, bis die beiden eines Nachts im April 1972 im Mercer Arts Center landeten und die New York Dolls erlebten. Der Auftritt der derangierten Glam-Revoluzzer war die Initialzündung. "Es war, als brächten sie die Straße auf die Bühne", beschrieb Richard später seine Begeisterung. Er überzeugte Tom, seine Akustikgitarre wegzulegen und eine Band zu gründen. Nach tagelanger Überredung sprang der Funke schließlich über. Tom zeigte ihm, wie man einen Baß hält, rief Billy Ficca an, der in Boston für eine Bluesband trommelte, und sagte ihm, er müsse alles liegen und stehen lassen und sofort nach New York kommen. Die Suche nach einem zweiten Gitarristen für die Neon Boys, wie die Band nun hieß, gestaltete sich jedoch schwierig. Auf eine Anzeige in Creem mit dem Wortlaut: "Rhythmusgitarrist gesucht. Talent nicht erforderlich." meldeten sich Kandidaten wie der Strichjunge Douglas Colvin (Spitzname Dee Dee), der nicht nur keinen einzigen Akkord spielen konnte, sondern das noch nicht einmal bemerkte. Andere wiederum, wie Chris Stein von den Stilettoes, waren zu gut, um sich auf das Anfänger-Geplonke von Richard Meyers einzulassen. Schließlich nahm das Trio ohne Verstärkung in einem Vierspur-Kellerstudio fünf Songs auf (Meyers' Kompositionen "Love Comes In Spurts" und "That's All I Know (Right Now)" sollten später als Single erscheinen, Millers drei Songs verschwanden in der Vergessenheit) und warf danach frustriert die Brocken hin. Die New York Dolls waren inzwischen Superstars, an allen Ecken schossen Epigonen aus dem Straßenpflaster, um es ihnen gleichzutun; die Neon Boys hatten offensichtlich ihren Moment verpaßt.

Tom Miller verbrachte die nächsten Monate damit, auf Bob Dylans Spuren mit seiner Gitarre durch Clubs und Cafés zu ziehen; Richard agierte als sein "Manager". Ihr Geld verdienten beide in dem Kino-Buchladen Cinemabilia, dessen Inhaber Terry Ork ein fanatischer Underground-Rockfan war. Er stellte Tom den jungen Gitarristen Richard Lloyd vor, der sich einige Jahre in den Glam-Szenen von Boston und Los Angeles herumgetrieben hatte und nach seiner Rückkehr und einigen Monaten als Stadtstreicher in Orks Loft in Chinatown untergekommen war. Es funkte sofort. Terry Ork stellte der wiederbelebten Band, die nun zuerst Goo Goo, dann auf Meyers' Vorschlag hin Television hieß, sein Loft zur Verfügung und sorgte für Nachschub an Heroin, mit dem Lloyd vom Alkohol loskommen wollte, das aber auch Hell und Ork selbst regelmäßig konsumierten. Es war die Zeit der glamourösen Pseudonyme. Meyers nannte sich nun Richard Hell, Tom nahm den Namen des Dichters Verlaine an. Billy allerdings weigerte sich, statt Ficca künftig Fucker zu heißen.

Für ihren ersten Auftritt am 2. März 1974 mieteten Television auf den Rat von Suicide und The Fast hin das Townhouse und dekorierten die Bühne mit Fernsehern. "Das klingt furchtbar", stellte Verlaine hinterher fest. "Wir müssen mehr üben." Richard Hell, der die Band auf kurze Haare und seinen selbstentworfenen existenzialistischen "Mülltonnen-Chic" mit übergroßen Fifties-Sonnenbrillen, Lederjacken, zerrissenen Hemden und Sicherheitsnadeln einschwor, hatte auch ein Live-Kozept im Kopf: Beeindruckt von der engen Verbindung, die Bands wie die New York Dolls zu ihren angestammten Clubs hatten, wollte er auch für Television ein "Heim-Lokal" suchen. Auf dem Weg zu einer Bandprobe wurden Verlaine und Lloyd fündig: ein heruntergekommenes kleines Loch, auf dessen Vordach die rätselhafte Aufschrift "CBGB OMFUG" stand. Die beiden sprachen mit dem neuen Inhaber, Hilly Kristal, der erläuterte die Abkürzung ("Country, Bluegrass, Blues And Other Music For Uplifting Gourmandizers"), und als Verlaine und Lloyd betonten, sie hätten alle diese Stile drauf, reservierte er Television drei Sonntage ab 31. März, an denen er ansonsten geschlossen gehabt hätte.

Obwohl nicht selten auf der Bühne das Equipment zusammenbrach und die Band nach wie vor Schwierigkeiten mit den eigenen spielerischen Ansprüchen hatte, wurde sie in Windeseile zur Sensation. Zwar im Durchschnitt ein bißchen älter als die Dolls, ernannte die Szene sie umgehend zu deren Nachfolgern; David Bowie, Lou Reed, Paul Simon und Gene Simmons von den Nachwuchs-Pubrockern Kiss kamen, um dabeizusein. Und Patti Smith, die sofort auf Terry Ork zumarschierte und sagte: "Den da will ich haben. Tom Verlaine. Du mußt diesen Kerl für mich angeln." Stilettoes-Sängerin Debbie Harry fand, Richard Hell habe "soviel Sex-appeal, daß jeder, Mann wie Frau, zum Groupie werden konnte", während Richard Lloyd vor allem männliche Verehrer anzog. Sechs Monate lang kochte das CBGB, auch im Max's und in anderen In-Clubs waren Television das große Ding; andere Bands folgten in ihrem Windschatten (u.a. Douglas Colvin mit seinen Ramones), dann streckte endlich auch die Musikindustrie ihre Fühler aus - sehr vorsichtig, denn die Erfahrungen mit den vorangegangenen Superstars der Stadt, Velvet Underground und New York Dolls, hatten gezeigt, daß sich Ruhm, Genie und Sensation nicht leicht in Verkäufe umsetzen ließen. Richard Williams von Island Records ließ sich schließlich breitschlagen und produzierte Anfang 1975 mit Brian Eno die ersten Demos. Tom Verlaine zog nach den Aufnahmen zwei Schlüsse: Er mußte zukünftig selbst produzieren, und die Band brauchte einen anderen Bassisten. "Er wollte keinen meiner Songs aufnehmen", sagte Hell später. "Ich war im Grunde nur noch ein Schatten und bin kurz darauf ausgestiegen."

Es war nicht nur Hells rudimentäres Spiel, das für Konflikte sorgte. Er und Verlaine hatten sich als grundverschiedene Persönlichkeiten entpuppt. Hell gestaltete das provokante Outfit der Band (mit T-Shirt-Aufschriften wie "Please kill me"), stand für ein Image aus Sex, Gewalt und Verzweiflung und gebärdete sich auf der Bühne wie entfesselt. Der ebenso romantische wie nüchtern-strenge Schöngeist Verlaine fürchtete, Hells Eskapaden könnten das Publikum von seinem Gesang ablenken. Seine Songs trugen Titel wie "Venus" und "Guiding Light", während Hell mit "Fuck Rock'n'Roll" und "Blank Generation" etwas andere Ansprüche dokumentierte. Die unterschiedliche Einstellung zu Drogen tat ein übriges. Im März 1975 spielten Television zwei Gigs im Vorprogramm der in den letzten Zügen liegenden New York Dolls - deren neuer Manager Malcolm McLaren sie unter dem Motto "Communist Chic" in rote Kunstlederanzügen gekleidet hatte. McLaren war von Hells Aussehen so begeistert, daß er (vergeblich) anbot, sich um die Band zu kümmern, und den neuen Look schließlich seiner in London wartenden Band Sex Pistols verpaßte. Kurz darauf waren sowohl Hell als auch die Dolls Johnny Thunders und Jerry Nolan arbeitslos, und nachdem Richard das Angebot von David Johansen abgelehnt hatte, bei den neuen Dolls einzusteigen, gründete er mit Johnny und Jerry eine neue Band: The Heartbreakers. Der Bruch mit seinem ehemals besten Freund hinterließ Narben, die nie vollständig verheilt sind: "Ich fühlte mich total veraten", sagt er heute. "Sein Verhalten war bösartig, blind und egozentrisch. Ich kann das zwar von dem trennen, was ich an ihm respektiere, aber es fällt mir nicht leicht."

Hells Nachfolger wurde Fred Smith von der neugegründeten Stilettoes-Nachfolgeband Blondie. "Blondie waren ein sinkendes Schiff, Television meine Lieblingsband", erklärt Smith seine Entscheidung, die Debbie Harry und Chris Stein mit dem gerade eingestiegenen Drummer lem Burke konsterniert und wütend zurückließ: "Junge, was für ein Fehler!" sagte Debbie später.

Musikalisch war Smith eine ideale Ergänzung. Die Band, die sich nun mit der Patti Smith Group den Proberaum teilte, übte wie besessen und nahm schließlich mit dem Vierspurgerät von Pattis Drummer Jay Dee Daugherty eine Single auf, die Terry Ork auf seinem eigenen Indie-Label veröffentlichen wollte: den siebenminütigen Experimental-Song "Little Johnny Jewel". Von Lou Reed bis zu Richard Lloyd (der deswegen für zwei Monate ausstieg) riet jedermann mit gesträubten Haaren davon ab, aber Verlaine beharrte, die Platte werde sich ohnehin nicht groß verkaufen und im Radio sowieso nicht gespielt werden. Er behielt recht; das radikale Konzept sorgte für Aufsehen. Eine Empfehlung im Männermagazin Penthouse kurbelte das Interesse an, und bald kam die Band mit dem Verpacken und Verschicken kaum mehr nach. Die 2000 im August 1975 gepreßten Exemplare waren in ein paar Wochen ausverkauft. Nun mußte die Industrie reagieren. Arista (wo im Dezember Patti Smiths Debüt HORSES erschien) bot einen Vertrag an, aber Television lehnten ab (zuwenig Geld). Seymour Stein (Sire) wollte aus Television "die neuen Grateful Dead" machen und bekam statt dessen Talking Heads und Ramones. Atlantic lud die Band ins Studio, wo Keith Richards gerade "Crazy Mama" mischte, weshalb die Session sehr hektisch und chaotisch geriet. Präsident Ahmet Ertegun teilte dem Demo-Produzenten Jerry Wexler mit: "Jerry, ich kann diese Band unmöglich unter Vertrag nehmen. Das ist keine irdische Musik." ("Wow! Was für ein Kompliment!" dachte Richard Lloyd.)

Als sich mit Elektra im Juli 1976 endlich doch ein passendes Label fand, schienen Television zum zweiten Mal ihren Moment verpaßt zu haben. Inzwischen war Punk weltweit der letzte Schrei und ihr Ruf als Vorreiter verblaßte. Für weitere Verzögerungen sorgte die Suche nach einem Produzenten. Verlaine wollte Rudy Van Gelder, den Hausproduzenten des Jazz-Labels Blue Note, aber Fred Smith spielte ihm Stones- und Led-Zeppelin-Platten vor, die Andy Johns als Toningenieur aufgenommen hatte, und konnte ihn überzeugen. Johns wiederum war komplett andere Dinge gewohnt ("Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Mein Eindruck war: die können nicht spielen, nicht singen, und die Musik ist sehr bizarr"), gab nach einer Woche auf und verabschiedete sich. Die Band machte mit seinem Assistenten Jim Boyer weiter. Als Johns nach Weihnachten 1976 zum Mix zurückkehrte, war er von den konzentrierten, perfekten Arrangements und dem reduzierten, trockenen, gänzlich auf die Songs zugeschnittenen Sound begeistert. MARQUEE MOON; darin waren sich alle einig, die das Album hörten, war ein singuläres Meisterwerk: kompliziert, aber eingängig, absolut eigen und dennoch urtümlich, zurückhaltend und dennoch direkt, groovig und intellektuell, poetisch und brutal, nüchtern, dramatisch, eisig kühl und dennoch romantisch - und in jeder Hinsicht vollkommen. Daß sich so etwas nicht würde wiederholen lassen, war eigentlich auch jedem klar.

Im Februar 1977 erschien das Album. Es wurde kein großer Hit - in Großbritannien kam die Platte auf Platz 33 der LP-Charts, in den USA gar nicht in die Top 150. Aber Nick Kent war nicht allein, als er eine ganze Seite im New Musical Express vollschrieb, die in der nüchternen Feststellung gipfelte: "In einer Million Bands findet man nur eines wie diese; ihre Songs gehören zu den größten aller Zeiten." Von Echo & The Bunnymen über U2, The Smiths, Pavement, die Pixies bis Blur - wer auch immer in den 80er Jahren und danach eine Gitarre in die Hand nahm und nicht Heavy Metal spielte, hatte MARQUEE MOON sehr genau gehört. Und als Television ein Vierteljahrhundert später aus dem Debütalbum der Strokes ein spätes Echo entgegenschallte, wurden sie endgültig als das anerkannt, was sie waren: konkurrenzlose Pioniere und Meister einer bis dahin unerhörten Musik - und eine der genialsten Gitarren-Bands, die die Welt je gehört hat und hören wird.


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