Im Sommer 2003 verlegte der "Zündfunk" im Bayerischen Rundfunk seinen Sendebeginn auf (man kann es sich denken) 19 Uhr. Aus diesem Anlaß gab es eine Reihe von Aktionen, unter anderem schrieben verschiedene Autoren eine Geschichte mit der knappen Themenvorgabe "Neunzehn". Das hier war mein Beitrag, geschrieben an einem Nachmittag Ende Juni, am 8. Juli im Studio des BR aufgenommen und wohl auch irgendwann ausgestrahlt. Vorlesen durfte ich den Text tags darauf dann auch noch live, zusammen mit Roderich Fabian, FX Karl, Karl Bruckmaier und einigen anderen in einem gemütlichen Biergarten in Regensburg (Kinokneipe am Ostentorkino).

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Hier zu lesen: Abseitiges
Neunzehn

Neunzehn

Es wird soviel hineingeschrieben in diese sowieso schon so volle Welt, daß es absurd wäre, noch etwas hinzuzuschreiben, bevor das alte nicht verbraucht ist, i.e.: bevor man es wenigstens weggelesen oder zumindest darüber geredet hat oder als allerkleinste Bedingung die Buchhändler ihre Lohnnebenkosten abgeführt haben, damit diese dann umverteilt werden können zu anderen Leuten, die sich neue Tapeten kaufen, unter die sie das Weggelesene als Makulatur hinschmieren, womit sich eine seltsame Form von zeitversetzter Korrelation assoziieren ließe, aber um diese zu erklären, bräuchte ich jetzt zu lange und zuviele Wörter, und außerdem schriebe ich damit schon wieder etwas hinein in die Welt, was eigentlich - auch das will ich nicht erläutern - schon drin ist.

Und es ist ja wirklich alles schon einmal geschrieben worden; das heißt: nicht ganz alles. Ich könnte jetzt hergehen und ein Wort erfinden, zum Beispiel "Nalm", aber was wollte ich damit mitteilen und wem? Und gesetzt den Fall, ich fände einen, der das mit dem Wort "Nalm" Mitzuteilende noch nicht weiß, hätte der überhaupt Zeit zum Lesen? und wäre nicht vielmehr selber damit beschäftigt, etwas in die Welt hineinzuschreiben, was anderswo schon drinsteht? oder meinetwegen Tapeten an die Wand zu kleben?

Ich könnte mich fragen, warum die Welt von dem vielen, was man in sie hineinschreibt, nicht voller wird, aber - und ich ärgere mich ganz besonders, daß es mir nicht vergönnt war, das Wort "aber" zu erfinden; das ist vielleicht ein Wort: Es ersetzt zum Beispiel fast immer alles, was davor steht - aber auch diese Frage (die Frage nach der nicht voller werdenden Welt) ist schon mal geschrieben worden, von Guy Debord, als Aussage zwar, was jedoch nichts macht, weil die meisten Fragen Aussagen sind und man die anderen am besten gar nicht stellt, schon gar nicht sich selbst. Ich zum Beispiel frage mich schon mein ganzes Leben lang, wie das eigentlich gehen soll, daß man sich selber etwas fragt, wovon man die Antwort nicht schon vorher weiß. Im Grunde genommen kann man es sich auch sparen, sich selbst etwas zu sagen, aus demselben Grund; und wenn ich sehr ehrlich sein soll, dann muß ich zugeben, daß ich es am vernünftigsten finde, am Fenster zu sitzen, die Füße in die Sonne zu halten und den Vögeln zuzuhören.

Aber manchmal sagt man sich unwillkürlich etwas. Jetzt zum Beispiel (das heißt: nicht in diesem "Jetzt", sondern in einem "Jetzt", das mit dem gegenwärtigen "Jetzt" in einer Weise korreliert wie das in die Welt Hineingeschriebene mit der unter die Tapete geschmierten Makulatur oder andersherum); - jetzt zum Beispiel sitze ich am Fenster, halte die Füße in die Sonne, versuche den Vögeln zuzuhören (was aber nicht geht, weil der Schlosser im Hinterhof sich unter Aufbietung seiner gesamten Manneskraft bemüht, aus unförmigen Eisenteilen komplett groteske Lärmgeräusche herauszufräsen, weshalb die Vögel ihre Mittagspause, wie ich annehme, drei Häuser weiter unter der Dachrinne verbringen und sich fragen, in was für eine Welt sie da wieder hineingeraten sind). Und wie ich da so sitze und das schrille Lärmen um mich herum tobt, sage ich zu mir: "19."

Hm. Interessant. Zum Beispiel bin ich in einem Jahrhundert geboren, das sich mit Vornamen so nannte (oder mit Familiennamen?). In diesem Jahrhundert sind neben meinem neunzehnten Geburtstag, auf den ich jetzt nicht näher eingehen möchte, soviele dumme, absurde, widersinnige, groteske Dinge passiert, über die alle möglichen Leute dermaßen viel dummes, absurdes, widersinniges, groteskes Zeug in die Welt hineingeschrieben haben, daß ihnen am Ende nur übrigblieb, die Vor- und Nachnamen der Gegenstände, die derweil am Straßenrand umeinanderlagen, auch noch hinzuschreiben, und daß sich in mir eine große, wohlige Wärme ausbreitet, wenn ich meine Tapeten betrachte. Andererseits habe ich mindestens 19 Lieblingsbücher aus diesem Jahrhundert, und vielleicht wäre es ganz interessant, herauszufinden, was sich in denen jeweils auf Seite 19 tut, und damit zugleich ein schönes Beispiel dafür zu liefern, was Schriftsteller den ganzen Tag so tun, wenn sie nicht damit beschäftigt sind, in Biergärten herumzusitzen (wo die Bibliothek zum müßigen Herumblättern außer Reichweite ist), Blumen zu pflücken, die Füße in die Sonne zu halten, den Vögeln zuzuhören oder in Müllcontainern zu wühlen.

Zum Beispiel wird Professor Pnin (dessen Eltern übrigens an Typhus starben, als er 19 war, und der 1919 vor der Roten Armee aus seiner Heimat geflohen ist, was beides unabhängig von seiner jeweiligen Astralität ziemlich wichtig ist) auf Seite 19 von einem grauhaarigen Schaffner darauf hingewiesen, daß die Haltestelle Cremona, an der er auszusteigen gedenkt, vor zwei Jahren aus dem Fahrplan gestrichen wurde und er somit im falschen Zug sitzt. Das ist sogar noch wichtiger. Humbert Humbert hingegen ist auf Seite 19 zum ersten Mal in seinem Leben verliebt, aber die Liebe bleibt unerfüllt. Vier Jahre (und eine Seite) später stirbt das arme Mädchen an Typhus. Ohne diese Seite 19 wäre das Jahrhundert mit der 19 vorne dran in vielerlei Hinsicht ein anderes gewesen, zumindest literarisch, was wir hinzufügen müssen, weil es Leute gibt, die behaupten, es gebe außer Literatur noch etwas anderes auf der Welt. Vielleicht wäre das Jahrhundert noch einmal anders geworden, wenn Nabokov seinen neunzehnten Roman doch noch geschrieben hätte. Hat er aber nicht. Andere schon, von denen war bereits die Rede.

Doch weiter: Einem guten Freund passiert es auf Seite 19, daß er - im Auftrag seines Großvaters - zum ersten Mal in seinem Leben ein Geschäft betritt, um eine Flasche Bier zu kaufen. Ohne hierauf näher einzugehen, stelle ich fest, daß auch dieses erste Mal prägend war, ebenso wie einige weitere erste Male: Sepp Maier spielt auf Seite 19 zum ersten Mal Fußball , Tristram Shandys Vater zieht auf Seite 19 zum ersten Mal die Uhr auf , was wir überhaupt nur eben deshalb wissen. Helmut Kohl zieht auf Seite 19 zum ersten Mal seine Hose selbst aus und wieder an , Alfred Issendorf stellt sich auf Seite 19 zum ersten Mal einige der Fragen, die wir gerade vermieden haben . Sam schickt sich auf Seite 19 an, seine ersten Worte an Julie Vandermasten zu richten, was ihm später (oder vielmehr zweitausend Jahre früher) ein ungeheures Martyrium und einen zusätzlichen Wochentag einbringen wird ; Thomas Bernhards Onkel kauft auf Seite 19 eine Fahrkarte nach Meran und zurück, kommt aber nie in Meran an und auch nie mehr zurück ; Herbert Rosendorfer sieht auf Seite 19 den ersten Toten seines Lebens ; Giles de Ath ringt sich auf Seite 19 zu seinem ersten Interview durch, was zu einem Spaziergang, ins Kino und in eine entsetzliche Farce hineinführt , aus der der, Verzeihung: Riesendummkopf Thomas Mann sein ganzes Leben lang nicht mehr herausgekommen wäre oder ist; Thomas Kapielski schleppt auf Seite 19 zum ersten (und letzten) Mal seine Kunst ins Valentinmusäum ; der liebe Gott wird auf Seite 19 von Sara ausgelacht und ist darüber so sauer, daß er beschließt, Sodom und Gomorrha zu Klump zu schlagen . Father Brown hat auf Seite 19 seinen ersten Fall exakt zur Hälfte gelöst ; der Landvermesser K., von einem solchen Erfolg weit entfernt, spürt zum ersten Mal "wirkliche Müdigkeit"; Tom Sawyer muß auf Seite 19 einen Zaun streichen, aber nicht mehr lange, was meines Wissens die erste gemeinsame Erwähnung von Kapitalismus, Reklame und moderner Sozialpolitik in der Weltliteratur darstellt. Johannes Scherr endlich stellt auf Seite 19 fest, daß "vom Anbeginn der Zeiten alle auserwählten Geister Pessimisten gewesen sind" und "die Menschheit aus dumpfem Überdruß an der Zwecklosigkeit des diesseitigen schon längst verdorben und gestorben sein" müßte, wenn es zwischen Wahn und Wahrheit einen erkennbaren Unterschied gäbe.

Apropos: Spinoza ist auf Seite 19 erst beim Inhaltsverzeichnis, Schopenhauer bei der Vorrede angekommen, Hitler dagegen fällt auf Seite 19 schon durch die Aufnahmeprüfung der Wiener Akademie; aber, um bei den Lieblingsbüchern zu bleiben, im 19. von Wassili Rosanows "Abgefallenen Blättern" findet sich die Feststellung, "seit dem Buchdruck" sei "die Liebe unmöglich geworden", was zur Strafe dafür, daß ich ein bißchen geschwindelt habe, hier nicht herpaßt.

Oder doch? Karl Valentins ungefähr 19. Film ist ganz ohne Buchdruck entstanden, spielt aber in einem Senderaum, wo eine Radiosendung aufgezeichnet werden soll. Das ist jetzt, diesmal numerisch, schon wieder ein bißchen geschwindelt, aber bevor endlich der erste Protest aufkommt, was ein solcher Schmarrn überhaupt soll, lasse ich es einfach so stehen, führe Wittgenstein an (Seite 19: "Wir können nichts Unlogisches denken, weil wir sonst unlogisch denken müßten."), finde im "Rückläufigen Wörterbuch" auf Seite 19 das Wort "Geisteszustand", zitiere mich daher selbst (Seite 19: "Kann sich noch jemand erinnern, wie ich jetzt eigentlich hier wieder hergelangt bin?") und füge hinzu, daß sich bei dem unverzichtbaren Ror Wolf auf Seite 19 der unverzichtbare Satz findet: "Alles andere wird sich von selbst ergeben."

Angesprochene und zitierte Werke in der Reihenfolge ihrer Erwähnung: Vladimir Nabokov: Pnin (Reinbek 1995), Vladimir Nabokov: Lolita (Reinbek 1998), Jürgen Roth: Unter keinem Wipfel ist Ruh. Eine lange Erzählung vom Land (Hamburg/Wien 2001), Sepp Maier: Ich bin doch kein Tor (Hamburg 1980), Lawrence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Band 1 (Zürich 1983), Eckhard Henscheid: Helmut Kohl. Biographie einer Jugend (Zürich 1991), Willem Frederik Hermans: Nie mehr schlafen (Leipzig 2002), Paul van Herck: Framstag Sam (München 1981), Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator (Frankfurt 1991), Herbert Rosendorfer: Eichkatzlried (Frankfurt 1981), Gilbert Adair: Liebestod auf Long Island (Zürich 1998), Thomas Kapielski: Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII (Berlin 1998), Bibelübersetzung von Allioli (Dinglingen 1926), Gilbert Keith Chesterton: Father Browns Einfalt (Zürich 1991), Johannes Scherr: Größenwahn (Leipzig o. J. (ca. 1877)), Spinozas Ethik (Leipzig 1887), Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung I (Zürich 1994), Adolf Hitler: Mein Kampf (München 1937), Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus (Frankfurt 1973), Michael Sailer: In Wahns Welt. Belästigungen 31-60 (München 2002), Ror Wolf: Raoul Tranchirers Mitteilungen an Ratlose (Zürich 1988)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer