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INHALT

Ein Fußballspiel fand nicht statt

Happy Family

Frühling im Englischen Garten

Der Brachflächen-liebhaber

Bayerischer Filmpreis 2003

In der Forschungs-brauerei

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ÜBER STOCK UND STEIN, FASAN UND KANINCHEN

Eine kleine (Münchner) Brachflächenkunde

Freizeit ist ein knappes Gut, das effektiv bewirtschaftet sein will. Deshalb strömt der moderne Münchner, vom unaufmerksamen Schedule-Metzger mit freier Zeit bedacht, die für einen Autobahnbesuch zu gering bemessen ist, hinein und hinaus in die entsprechenden Flächen, Stätten und Angebote: Erholungszonen, Sportplätze, Freizeitgebiete, Fahrradstrecken, Badeareale, Begegnungsräume - allesamt dermaßen bedroht und bedrängt vom Wachstumsschmarotzer Oberflächenversiegelung, daß zum Beispiel die meisten Abenteuerspielplätze längst ins Internet verlegt wurden und die verbliebenen Reste um so intensiver genützt werden müssen.

Den Brachflächenmenschen kann solcherlei Gaudium nicht reizen; er ist resistent gegen die Verlockungen von Spaßbad, Trimm-dich-Pfad, Teichfolie, Hartstrupp-Rabatte, "renaturierten" Felsensplitter-Spalieren und putziger Landschaftsarchitektur. Es zieht ihn in die Nische, in das, was es nicht gibt, weil es keiner sieht - in die Brache.

Die Brachfläche ist, so will es die Wortbedeutung, etwas, wo nichts ist: nicht Haus, nicht Feld, nicht Park, Fabrik und Center, Auto manchmal schon, dann aber tot und am Verwesen. Die Brache ist, etymologisch, "morsches" Land, dem wirtschaftenden Zugriff weitgehend entzogen. Im städtischen Raum sind Brachflächen eigentlich nicht vorgesehen und waren dennoch immer da: wo der ehemalige Nutzgarten verwilderte, weil billige Gemüseimporte den Gurkenanbau nicht mehr lohnend erscheinen ließen, wo mitten im Bau-Boom aufgrund ungeklärter Grenzverhältnisse ein Mäuerchen samt Wiese stehenblieb, wo drei Söhne den vierten vergeblich zu überreden suchten, das baufällige Elternhaus durch einen lukrativen Wohnblock zu ersetzen, wo extensiv produzierende Firmen Teile ihres Betriebs stillegten oder gleich ganz pleite (oder weg) gingen, wo Stadtplaner etwas planten, was dann keiner wollte und brauchte, wo Wege nicht mehr begangen, Zwecke nicht mehr bezweckt werden.

Etwas, wo nichts ist - das ist in Zeiten galoppierender Rezessionsängste, in denen jeder verpflichtet ist, das Letzte aus sich und dem seinen herauszupressen, natürlich ein Skandal, zumal eine Brachfläche Zeit braucht, um zu reifen; erst nach Jahren, wenn Zäune und verwitterte Mauerreste von Brombeeren überwuchert, das Kopfsteinpflaster von Baumwurzeln gesprengt sind und zerbeulte Verbotsschilder unter Moospolstern verrosten, entfaltet sie sich zu voller Blüte. Das geschieht immer seltener, denn der städtische Raum wird enger und zugleich weiter: Gärten werden beim Neubau gar nicht erst mehr vorgesehen, sondern die Mauern bis an den Nachbarszaun hinangeschoben, und wenn doch einmal ein Stückchen frei bleibt, tritt der neuerdings florierende Berufsstand des Landschaftsarchitekten mit seinem Arsenal von Betonstein, abstraktem Blechkunstwerk und Konifere auf den Plan. Der Münchner Stadtrand, einst ein locker zusammengehäufelter Ring von brachen Arealen, ist zum röhrenden Auto-Lindwurm verkommen, die verbliebenen Zwischenräume meistenteils totgestaltet. Und etwas weiter draußen wuchern grell leuchtende, scharfkantig verputzte Schlafstädte in militärischer Ordnung ins Land hinein.

Lustigerweise ist es manchmal gerade die Tätigkeit des Menschen, die Brachflächen schafft, zwischen Lagerhallen und hinter Werkstätten etwa und ganz besonders dort, wo sich die Bahn müht, eine Geld- und Geschwindigkeitsmaschine zu werden, die mit nutzlosem Kram wie Bahnwärterhäuschen, Abstellgleisen und Rampen nichts mehr anfangen kann und das Zeug daher unbewacht in der Gegend herumliegen läßt. Aber die Tätigkeiten, die solch segensreiche Nebenwirkung haben, werden weniger. Multimedia- und Gentechnik-Komplexe gedeihen nur in sterilem Ambiente, und wenn sie wegen Börsencrash nach vier Jahren wieder abgerissen werden, ist das Gelände, wenn nicht für immer chemisch verseucht, inzwischen so teuer, daß dank Schnellbauweise sofort noch höhere dastehen und mit noch breiteren Zufahrtsstraßen an die weit entfernte Stadtpumpe angeschlossen werden.

Nur noch selten geschieht es, daß Zeit ist, in der zerstrittene Erben sich nicht einigen können, was mit der Ruine und dem millionenteuren Grundstück geschehen soll, in der die Stadt etwas bauen möchte, aber das Geld noch nicht reicht oder der Architektenwettbewerb noch nicht gewonnen ist. Dann beginnt der Verfall sein friedlich nagendes Werk. Zurückgelassene Gegenstände, vom Zweck befreit, vereinen sich mit Wildwuchs und bilden charakteristische Klein-Landschaften. Der Brachflächenmensch weiß, daß es eine Natur in Mitteleuropa seit der Seßhaftwerdung des Menschen nicht mehr gibt. Simulierende Anstrengungen, "praktisch" geformte Biotope sind ihm ein Greuel, weil geschichtslos und bloße Dokumentationen der Einfallslosigkeit ihrer Entwerfer. Hingegen spricht noch das kleinste Stück verrosteter Mechanik, das er im Dickicht hinter dem Moosacher Bahnhof, am westlichen Ende der Panzerwiese, in einer aufgegebenen Gärtnerei am Frankfurter Ring, an stillgelegten Trambahntrassen, in verfallenden Werkstatthäuschen oder einer leerstehenden Ziegelei am Stadtrand findet, zu ihm. Eine zerbröckelnde Mauer an einem toten Weg hinter der Belgradstraße, einst von Kinderhand mit einem Landschaftsbild versehen, kündet von vergangener Freude und Hoffnung. Auch was späterhin in solchen Ecken und Winkeln landet, weiß Geschichten zu erzählen: ein hölzerner Fensterflügel mit ornamentierter Messingolive, der im fauligen Zustand noch mehr Grazie ausstrahlt als sein kunststoffener Nachfolger im Haus nebenan, ein alter Sicherungskasten mit gerade noch lesbarer Beschriftung ("Küche" - "Stube" - "Zimmerherr"), ein Kinderfahrradgerippe, an dessen hinterer Strebe noch immer eine Wäscheklammer die längst durchweichte Spielkarte hält, Berge von alten Zeitungen und Dokumenten verschlungener Lebensbemühungen; manchmal findet sich sogar ein Grabkreuz für einen Hund. Es sind stets Geschichten mit Brüchen, unvollendete, in Tragik oder Farce zerlaufene. In einer Welt des pausenlosen Fortschreitens, unablässigen "Sinn-Machens", die ihre Vergangenheiten abstreift, ehe sie noch Form gewinnen können, ist er Fossil und Forscher zugleich, sucht Spuren, folgt Pfaden ohne Ziel und macht sie so zu seinen eigenen, in der Gewißheit, daß, um Nabokov zu zitieren, die Gegenwart nur die Spitze der Vergangenheit ist und eine Zukunft nicht existiert.

In Berlin, hat man dem Brachflächenmenschen erzählt, gebe es derlei noch allerorten, denn nicht nur sei dort vieles übriggeblieben, was keiner will, weil es sich (noch) nicht rentiert; vor allem entstehen zufällige Lücken dort, wo im rasenden Wahn der erneuernden Totalität geklotzt wird oder solches unmittelbar bevorsteht. War nicht überhaupt die ganze DDR nach (und zum Teil schon lange vor) ihrem Ende ein einziges Netz blühender Brachlandschaften? München hingegen ist kein gutes Pflaster (!) für Vergeblichkeiten, weil schlicht zu teuer - und schließlich ist ein großer Teil seiner heutigen Bewohnerschaft ja gerade hergezogen, um der Melancholie des planlosen Seins zu entfliehen, dorthin, wo die Euphorie des Machbaren eine "Offensive" nach der anderen lostritt.

Bisweilen findet der Brachflächenmensch Hinweise auf Geistesgenossen: Fußspuren im Staub, einen verrotteten Liegestuhl samt Sonnenschirm, der an einsame Mittagspausen im Niemandsland zwischen Fabrik und Bahngleisen erinnert. Denn zwar ist der Brachflächenmensch im Grunde ein Einzelgänger, der auch nicht gerne über seine seltsame Vorliebe redet, aber es sind seiner mehr, als man glauben möchte. Vielleicht hat der Mensch als einziges Wesen auf Erden, das zukunftsgerichtet denken kann oder dies wenigstens meint, seinem Bedürfnis nach erinnernder Identität, die sich nicht aus Jahrestagen, abstrakten Benennungen, Slogans und anonymen Statistiken ziehen läßt, seit Beginn des großen Aufbruchs zuwenig Beachtung geschenkt. Das Bedürfnis, das sich zum Beispiel auch in der unübersehbaren Masse alter, kaputter, kaum mehr erkennbarer Gegenstände zeigt, die unter Rubriken wie "Antike" und "Werkzeuge alter Berufe" bei Internet-Auktionshäusern angeboten werden, ist zweifellos da, auch wenn man es an sich selbst mit einem Anflug von ratloser Verlegenheit registriert. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach ungefüllter, nicht an Ergebnissen orientierter Zeit, die sich so manifestiert.

Zeit ist Geld und geht in jedem Fall vorbei; daher gibt es Brachflächen auch immer nur sozusagen vorübergehend; sie haben etwas von bedrohten Tierarten, denen sie vielleicht deshalb nicht selten ein heimliches Schutzgebiet im brausenden Toben der Stadt bieten (und natürlich kennt der Brachflächenmensch die Kaninchen mit Vornamen, ebenso wie sie bei seinem Erscheinen auf Flucht verzichten).

Je länger aber das Vorübergehen dauert, desto mehr blutet dem Brachflächenliebhaber das Herz, wenn der Tag des Betons gekommen ist und das vielfältig verschlungene Gewebe aus Idylle, Nutzlosigkeit, Stillstand und freundlich lächelnder Schönheit umstandslos zerbaggert, abgetragen und mit Kies zugeschüttet wird, aus dem sich sodann Armeen gleichförmiger Gebäudemonster auffalten, in und zwischen denen außer dem Menschen und seinem Plastikgerümpel nur noch der Einheitsgrashalm Platz findet.

Fassungslos steht der Brachflächenliebhaber dann zum Beispiel an dem ruppigen Zaun, der ihn vom Gelände der ehemaligen Stetten-Kaserne trennt: Im vergangenen Winter wohnte hier zwischen knorrigen Baumgreisen noch ein Fasan, nun ragt der Kran über der grauen Wüste, in der bald ein "Wohnen am Stadtwald" stattfinden soll. Denn nichts verkörpert ihm lebloses Leben so sehr wie der "Stadtwald", in dem nutzlose Schnellwuchsbäume vor sich hindämmern (so sie nicht von Miniermotten zershreddert werden), Papierkörbe Schatten auf Ensembles von Hundekot an Halm werfen, Menschen auf Rädern die Teerwege entlanghuschen und es für das Natürlichste der Welt halten, daß sie Kirschen nur aus dem Supermarkt kennen und in ihrem ganzen Leben noch keine lebende Blindschleiche gesehen haben (sondern höchstens die autoreifenbehandelten Exemplare auf der Zufahrt zum Freizeit-, eben: Park). Für die ist ein Grün ein einziges großes Grün; zum Unterscheiden müßten sie zuerst einmal anhalten, und damit ginge die Mühe erst los.

Der Brachflächenliebhaber ist ein seltsamer Menschenschlag - dem Dynamiker, der ihn zufällig trifft, erscheint er rückständig, verbohrt, feindselig und in seiner renitenten Sturköpfigkeit, mit der er jedem Vorwärtskommen mit Skepsis im Wege steht, vollkommen unverständlich. Freunde leiden unter ihm, wenn sie etwa vom spaßigen und ergiebigen Samstagvormittag auf der "Erdbeerfarm" berichten und er das Pfund feinster Walderdbeeren dagegenhält, das er kürzlich in einem verwilderten Winkel des Oberföhringer Bürgerparks gesammelt hat. Keine "Gartenstadtsatzung" könnte ihm helfen, denn zwar schüfe eine solche möglicherweise Raum für Brachflächen; doch blieben diese im Normalfall unzugänglich, da auf privatem Grund und meist unter Beobachtung. Ansonsten sind ihm Zäune selten ein Hindernis, denn kein Maschendraht hält auf Dauer stand, und bisweilen hilft der Brachflächenmensch ein bißchen nach.

Doch ist seine Wirkung freilich letztlich sehr gering; er protestiert nicht einmal laut, wie das Baumschützer, Grünparkerrichter, Müllrecycler und Hamsterfreund gelegentlich tun. Denn im Grunde weiß er, daß das, was er so liebt, weil es ihm Zuflucht, innere Ruhe, Gelegenheit zur Kontemplation und Entspannung gibt, auf einem zufälligen Irrtum beruht. Daß die Brachfläche nicht am Anfang aller Dinge steht (wie der mangels Spuren verfallender Zivilisation weitaus weniger attraktive Urwald), sondern zwischendrin aus Versehen auftaucht, weil zwei Räder des nutzenden Fortschritts sich nicht anständig verzahnt haben. Er ahnt auch, daß er selber, indem er nichts tut, nicht das Richtige tut und, indem er in seinem Nichtstun glücklich schwelgt, noch nicht einmal das Richtige fühlt.

Er weiß: Alles auf der Welt und die Welt selbst streben ihrem Ende entgegen. Nichts wird sie aufhalten, alles wird vergehen, und am Ende wird sogar das Vergehen vergehen. Es bleibt ihm nur das Jetzt, und sein mildes, entrücktes Lächeln rührt wahrscheinlich daher, daß er spürt: Er ist, während auf dem angrenzenden Parkplatz erschöpfte, verbissene Menschen am Ende eines Tages, den sie mit sinnlosen Tätigkeiten für sinnlose Dinge verbracht haben, in Autos steigen und dem abendlichen Ablauf Stau-Mikrowelle-Fernseher entgegeneilen, in diesem Jetzt (und hier) der einzige, der das weiß. Schämt er sich nicht? Doch, manchmal ein bißchen.

(gedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 8. Juni 2003)


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