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Ein Fußballspiel fand nicht statt

Happy Family

Frühling im Englischen Garten

Der Brachflächen-liebhaber

Bayerischer Filmpreis 2003

In der Forschungs-brauerei

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WER EINER IST UND WER NICHT

Tiefe Wahrheiten vom Stammtisch im vorzivilisatorischen Biotop — ein Besuch in der Forschungsbrauerei

München, man weiß es, ist ein gigantisches Plastikspielzeug der Becker-Beckenbauer-Klasse, immer frischmodern lackiert, ökonomisch surrbrummend und höchstens in randständigen Bereichen geographischer und jahreszeitlicher Art mitunter dumpftümelnd, in jedem Falle aber pfundig, geilo und restwurscht. Was sich hier tut, tut sich in Echtzeit auch im Fernsehen, und alles, was sich tut, ist im bunten Eventhefterl endverbrauchermeutenfreundlich tabelliert, samt Parkplatzangebot und Promifaktor.

Doch weist der Freund aus Thüringen darauf hin, es sei ein winzig Stück jenseits der südöstlichen Stadtgrenze eine ganz stromlinienunförmige und enorme "Forschungsbrauerei" im Gange, da ein wundersam Bier produziert werde, und bei Gelegenheit möge man doch mal sich hinbegeben, eine Probequantität erwerben und expedieren. Man staunt; desto mehr, je näher man dem Ziel kommt. Die bekannte Stadtrandzoneninfrastruktur (Baumarkt - Parkplatz - Reihenhausbox - Tankstelle - Plastikmüll an Distel) wird langsam hegemonial, letzte Hi-Tech-Stahlglaspilze verblassen in der Ferne, die Ringstraßen röhren kaum mehr ohrenbetäubend, und man findet sich in einer Art vorzivilisatorischem Biotop: Die Rundbuckelstraße endet an einer Bahnschranke, Bewohnbares gibt es nur noch in Form von Hüttchen mit Formbetonumrahmung aus dem prä-gentechnischen Zeitalter, ein einsamer "Bild"-Kasten meldet: "Alles wieder gut!" Hier, so weiß man aus Erzählungen, hausen auch mal gerne (in Bauwägen und anderen Provisorien) die Gehartzten, denen man in Zeiten noch brühwarmer Verelendungsgesetze besser aus dem Wege geht.

Dann aber, mit einem Mal, direkt vor der Bahnschranke, die hinausweist in grauzonale Gemengelagen verfallener Kieshaufen, halbtoter Restwälder und unrealisierter Gewerbegebiete: die "Forschungsbrauerei" samt gemütlichem Biergarten und eigenem Parkplatz; Erinnerungen werden wach an Hochzeiten, Familienfeiern und Leichenschmäuse in der frühen Kindheit. Handgeschriebene Tafeln, handfestes Mobiliar, zwei Biersorten zur Auswahl: ein "Pils", das, sei es auch erforscht, hier doch arg fremdelt und wahrscheinlich auf die ca. zwei Zufallstouristen abzielt, die jährlich auf verschlungenen Wegen vorbeikommen, - und "St. Jakobus", ein (wie das handgeklebte Etikett mitteilt) nicht nur "Bier", sondern "Blonder Bock", der (wie der spätere Selbstversuch erweist) würzig und rund hineinläuft ins Körpergefäß und umgehend Wohligkeit verbreitet. Wofür es bei 7,5 Umdrehungen einen Parkplatz braucht, lassen wir außer acht.

Im Schankraum erntet der hier nie gesehene Neugast schaumige Blicke vom Stammtisch im dunklen Verschlag neben dem Tresen, der um elf Uhr vormittags bei (draußen) strahlendem Sonnenschein vollbesetzt ist und die erste Runde lange hinter sich hat. Wer das nun wieder sei, sprechen die glasigen Augen unter den Filzhüten, und daß der sich hoffentlich bald wieder schleiche. Man kann sich aber nicht entziehen dem sinnhaften Fluß der (im folgenden entdialektisierten) Gespräche, die hier ertönen und die wahren Grundtatsachen des Lebens ergründen.

"Der Schorsch", erfährt man, das sei "ja auch einer." "Ja ja", kommt es nach minutenlang schwebendem Grundeinverständnis zurück. Und: "der Hallerhuber Heinz, das ist erst einer!" Wiederum: "Ja ja." Und Schweigen. "Der Hallerhuber." - "Mei." Dann die erstaunliche thematische Wendung: "Hat er gemeint, ich wäre auf der Brennsuppe dahergeschwommen." - "Hat er sich gebrannt." - "Ist, wie es ist." - "Der Schorsch hat's selber gesagt." - "Der auch." - "Und der Wiedinger Alois, was ist denn nachher mit dem?" - "Mei." Wiederum Stille. "Ja ja, der Hallerhuber, das ist einer." - "Ja ja."

Da endlich trippelt aus der Küche ein altes Weiblein in karierter Schürze heran und fragt, was man denn hier wolle. Vier Flaschen St. Jakobus, sagt man, kriegt sie in einer Plastiktüte mit Werbeaufdruck des seit circa 1978 nicht mehr tätigen Kaufhauses "Kepa" ausgehändigt und zieht sich mit dem flauen Gefühl des noch mal davongekommenen frechen Eindringlings zurück. Was das jetzt für einer gewesen sei, hört man im Hinausgehen, und ist versucht, zu antworten: Mei. Doch spart man sich solch freche Reden lieber auf, bis man wieder dort ist, wo man hingehört.

(gedruckt in der taz am 13. Juli 2004; der Anlaß zu dieser Geschichte war die freundliche Bitte von Michael Rudolf, ihm zu Forschungszwecken je eine Flasche der Forschungsgetränke zukommen zu lassen, wofür ich ihm zu großem Dank verpflichtet bin)


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