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Ein Fußballspiel fand nicht statt

Happy Family

Frühling im Englischen Garten

Der Brachflächen-liebhaber

Bayerischer Filmpreis 2003

In der Forschungs-brauerei

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MASSENFLUCHT OHNE ANKUNFT

Kommt der Frühling spät, wird der Englische Garten sonntags zum Schauplatz einer besonders grausigen Begleiterscheinung des modernen Individualismus: Alle gehen dahin, wo alle sind, und keiner merkt etwas. Eine zivilisationshistorische Studie.

Zunächst muß festgestellt werden, daß der Frühling gar nicht "kommt", zumindest nicht nach München; denn da ist er immer schon da. Er wartet bloß darauf, daß der rostschlammige Dreck, den man im Zeitalter maschineller Wetterzurichtung Winter nennt, brockenweise abfällt, damit er wieder strahlen kann. Das tut er dann zunächst sporadisch, und alles, was ein Gesicht hat, reckt es der bitter entbehrten UV-Quelle entgegen.

Manchmal dauert es recht lange, bis die ersten Brocken fallen; in solchen Jahren umweht selbst Ende März noch ein eisiger Sibirienwind den hoffnungsvollen Beginn. Aber wenn die Sonne erst einmal hindurchbricht durch Wolken, Nebel und Schwaden von Gummi, Ruß und Rauch, dann passiert, was Heinrich Heine während eines Münchenaufenthalts 1828 so erlebte: "Endlich kam der Tag, wo alles ganz anders wurde. Die Sonne brach hervor aus dem Himmel und tränkte die Erde, das alte Kind, mit ihrer Strahlenmilch, die Berge schauerten vor Lust und ihre Schneetränen flossen gewaltig, es krachten und brachen die Eisdecken der Seen, die Erde schlug ihre blauen Augen auf, aus ihrem Busen quollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Wälder, die grünen Paläste der Nachtigallen, die ganze Natur lächelte, und dieses Lächeln hieß Frühling." Dann wirft man sich mit Vehemenz hinein in die immer wieder so neue Jahreszeit. Diese indes findet heutzutage seltsamerweise in streng begrenzten Arealen statt.

"Meine wirkliche Welt ist im Lauf meines Lebens nicht viel größer geworden als das Haus und die Straßen der Kindheit", schrieb Isabella Nadolny Mitte der 60er Jahre - eine Stimme aus einer im Unwirklichen versunkenen Vorzeit, denn wer käme heute auf die Idee, seine "wirkliche Welt" in jährlich wechselnden Schlafsilos und Entlastungsstädten zu suchen oder auf röhrenden Pisten, die sich wie tödliche Feuerwalzen durch den (zumal kindlichen) Erlebensraum hindurchschneiden? Da zudem der größte Teil der (sowieso im Normalfall vorübergehend) in München Lebenden seine Kindheit ganz woanders hinter sich gebracht hat, hält man sich an Reiseführer und Tips von anderen, die schon länger da sind, und versammelt sich am ersten frühlinghaften Sonntag unweigerlich und vollzählig im Englischen Garten, unbewußt angelockt möglicherweise auch von verlegenheitsgeschenkten Pracht-Bildbänden, die die ehemals soldatische Kleingartenkolonie so zeigen, wie sie, mindestens sonntags, nie mehr sein wird: still, lichtdurchflutet, menschenleer.

Man sei "dortselbst", behauptete einst Thomas Mann und meinte die Münchner Stadt, "von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt", lebe vielmehr "angenehmen Zwecken". Das mag zu Zeiten des dorschigen Literators, der die Gemütlichkeit weder er- noch je empfunden hat, so gewesen sein; der späterhin zugezogenen Werbe-, Web- und Wertpapierbranche seiner Heimatgegend böte sich jedoch an einem ersten Frühlingssonntag heutiger Zeiten, wenn sie denn sehenden Auges durch den Garten ginge, ein anderes Bild:

Man schiebt sich - eng gedrängt in solchen Massen, daß buchstäblich kein Kieselstein länger als drei Sekunden unbetreten bleibt und das plötzliche Ausschießen von Bodengrün und Zweigbelaubung durchaus auf den Überdruck im Erdreich zurückzuführen sein könnte - staubige Wege entlang, läßt sich von soeben den Bächen entschlüpften Moderassenhunden mit möpselndem Fell-Extrakt besprühen, widmet sich ausgiebigem Post-New-Economy-Karriere-Bla ("Thorwald geht ja nun wieder nach Boston!" - "Ach, hat er sein Loft schon abgestoßen?" - "...") - brüllend und kreischend nicht aus Übermut, sondern um den dröhnenden Lindwurm des Mittleren Rings zu übertönen. Bisweilen schert ein Kind aus, verfällt in ungesunde Kontemplativität angesichts eines unscheinbaren Halms und wird weitergerissen von sorgenden Elternhänden. Man trägt wampige, grell beschriftete Baumwollsäcke, wirft sich Plastikscheiben zu, die Frisbee heißen und einst von klugen Indianern erfunden wurden, um das Reflexhirn des rosaroten Fremdlings auf Hundeformat zu stutzen. Man wälzt sich schlangenweise in den Pestwolken des 54er Busses zum Chinesischen Turm (der sein Erscheinungsbild mit jedem Modernisierungsumbau mehr der infantilen Funktionalität eines Autobahn-Automatenrestaurants annähert), wo dann, wer nicht unterwegs von Bikern, Bladern und Skatern über den Haufen gefahren worden ist, erneut Schlangen bildet und endlich einen Krug voll Schaum und eine der wenigen noch erhältlichen "Bierbeilagen" (H. Qualtinger) verzehrt: die Pappendeckelstaubbreze oder eines der Öl-Salz-Gemenge, die wahlweise als Schweinefleisch oder Fisch verkauft werden. Der Gesamtvorgang dauert im Einzelfall eine knappe Dreiviertelstunde, und auffällig ist der fremdelnde Blick, der vom ersten Schritt auf den Kies bis zum letzten Schluck Bier (aus dem immer noch viertelvollen Krug) anhält.

Abweichendes, möglicherweise an archaische Bräuche knüpfendes Verhalten wird nicht geduldet: Belegt ist der Fall eines Mannes, der sich am hellichten Frühlings- allerdings: wochentag! in einer leeren Wiese niederließ, um nichts zu tun. Es dauerte keine fünf Minuten, da war er von Polizeikräften umstellt, die ihn von Kopf bis Fuß durchsuchten, um die Motivation solch verdächtigen Benehmens zu ergründen. Wer in solcher Lage keinen Zweck (gymnastische Übung etc.) oder wenigstens Grund (Sonntagsarbeit, blind, ortsfremd, verlaufen, erschöpft) vorzuweisen hat, wird disziplinarisch sichergestellt, schon zur Prävention, während unverdrossene Kräuterbrocker mit fassungslosem Staunen davonkommen ("Kuck mal, die macht da wohl ins Gebüsch oder so was!").

Neben der bekannten Vereinheitlichung (die auch hier nach dem Muster erfolgt, das wir aus der Gastronomie kennen, wo nicht mehr jede Straße ihre Gastwirtschaft hat, sondern man als entviertelter event-Nomade drei bis fünf "Kult-Wirten" in die jeweilige location hinterherzieht, die sie gerade "bespielen") sind es zweierlei prägnante zivilisatorische Prozesse, die sich im E-Garten-Verhalten des modernen Wahl- und Zufallsmünchners niederschlagen: zum einen die Entfernung und Entfremdung selbst von der städtischen Rudimentärnatur und eine institutionelle Unfähigkeit im Umgang mit ihr, die zum Beispiel dazu führt, daß man froh ist, nach absolviertem Märzwiesenpicknick incl. bei Aldi erworbenem Bärlauchquark mit aufquellendem Heuschnupfen, frisch eingefangener Nierenentzündung und einem guten Pfund Hundekot im Turnschuhprofil den Parkplatz endlich wieder erreicht zu haben. Zum anderen ein unter diesem Aspekt nicht ganz unparadoxer Fluchtreflex aus der ehemals als angenehm empfundenen Enge, Nähe und Ruhe des häuslichen (bzw. neuerdings: betrieblichen) Umfelds, die allerdings Förderung erfuhr durch die gezielte Vernichtung lebensfreundlicher Milieus in Innen-, Zwischen- und Hinterhöfen mittels deren Umwandlung in betongeklinkerte, ganzjährig von sterilem Nadelgestrüpp verschattete Mehrzweckfreizeitareale. Diese Fluchtbewegung ist von der ohnehin erwarteten Enttäuschung mangels Aufmerksamkeit nicht zu bremsen: Scheint die Sonne ausdauernder und intensiver, verlängern sich auch die Fahrtwege, und man erklimmt die höchsten Berggipfel, um dort dasselbe Bier und identische "Pommes" zu konsumieren.

Ganz neu ist zumindest die innere Entfernung vom Umliegenden und -stehenden nicht: Schon Friedrich Hebbel wollte 1839 vom Monopteros aus "den großen Garten und die Stadt" vollständig "übersehen" haben und wies auf "die grünen Tannen" hin, "an denen der Park reich" sei, die wir aber trotz intensiver Suche nur sehr vereinzelt (und ganz jung) finden. Heute ist es dem Teilnehmer am Sonntagsgewühl ebenso einerlei, ob da Nußbaum oder Kiefer steht, solange nur genügend Abfallkübel den Weg säumen und der Kiosk das gewohnte "Magnum" bereithält. Die tiefliegende Sehnsucht nach Wildwuchs, Weite und wucherndem Detail scheitert an Rezeptionsfiltern, von denen man nicht lassen kann. Das Detail, im Alltag als "Bit" bekannt, ohne das der Rundblick nichts erkennt, rauscht ungesehen vorbei. Je drängender die Suche, desto höher das Tempo, geringer die Aufmerksamkeit.

So will sich ein seltsamer Kreis nicht ganz schließen: Einstmals auf Geheiß des (vor vier Tagen unbemerkt ein Vierteljahrtausend alt gewordenen) Kriegsministers Benjamin Thompson (und auf Kosten von dessen Kriegskasse, da München damals kaum 1.500 Steuerzahler zählte) den wilden Isartal-Urwälder entrissen, da selbiger späterer Graf Rumford zur "Milderung der Sitten" seiner Soldaten es für angezeigt hielt, diesen durch Gartenarbeit eine sinnvollere Betätigung zu verschaffen, als es das müßige Herumlungern, Betteln und Zechen war, und sie zugleich der Natur und ihrer Hege und Pflege nahezubringen, ist der Englische Garten heute zum Ort der weitesten denkbaren Entfernung von der wirklichen Welt und ihren Gegebenheiten geworden. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Soldaten der Ökonomie mit Schaufeln, Hacken und Rechen auszustatten, wenn sie sonntags hinausschwirren zwischen die anonymen Bäume, ohne dort je anzukommen.

(gedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 30. März 2003)


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