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Ein Fußballspiel fand nicht statt

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EIN FUSSBALLSPIEL FAND NICHT STATT

Kurz- und zusammengefaßte Erinnerungen an das Münchner Olympiastadion anläßlich von dessen Verabschiedung aus dem, ähem, "Spielbetrieb".

Der verdienstvollen Vereinsgeschichte "Legenden in Weiß und Blau" von Hardy Grüne und Claus Melchior ist zu entnehmen, es handle sich um eine "langersehnte Großarena", eine "hochmoderne und architektonisch interessante Arena", mithin: um eine Arena, wo etwas passieren soll und dazumal, als solches passieren sollte, gerade etwas passiert war. Die Olympischen Spiele 1972 nämlich, zu deren Behufe das Münchner Olympiastadion erbaut worden war - angeblich unter Einbringung mehrerer Dutzend fremdländischer Schwarzarbeiter in den frischen Betonguß und ebenso angeblich unter Falschberechnung des Bruchwinkels der Stahlseile, an denen das "innovative" Zelt aufgehängt wurde, was, wie aus flüsternden Quellen zu erfahren ist, ein jederzeitiges Herabplumpsen des Plexiglasmonstrums möglich machen soll. Wäre das Flugzeug, das damals während der Olympiade auf die Schüssel zusteuerte, tatsächlich hineingekracht, wäre unsereinem viel erspart geblieben. Immerhin: München, das bis dahin nur ein Fußballstadion besessen hatte, besaß nun deren zwei und damit endlich auch eine Heimat für den erfolgsmäßig aufquellenden FC Bayern. Welch ein Zufall, daß am späten Abend des 12. November 1972 ein Orkansturm das Dach von der Stehhalle des Sechzigerstadions herabblies und den TSV 1860 ebenfalls zum Umzug in die "Arena" zwang.

Da sollte dann auch gleich nach dem Ende der Vielvölkerschlachten, im August 1972, ein Lokalderby stattfinden, im Rahmen des eigens eingeführten und danach sofort wieder abgeschafften "Ligapokals". Es fand aber nicht statt. Man biß in Würste, trank Bier und sonnte sich, während drunten zweiundzwanzig Gurken in der Sommerhitze herumgurkten und draußen der vielbeschworene "olympische Geist" sein letztes Fürzchen verhauchte. Am Ende stand ein 3:1 für den großbayerischen Deutschmeister gegen den Giesinger Regionalligisten auf der Anzeigetafel, und 80.000 Menschen wunderten sich, woher die vier Tore gekommen waren.

Am zweiten Spieltag der neuen Regionalligasaison paßten noch mehr Menschen und genauso wenig Fußball in das Stadion hinein: 80.000 waren schon drin, als in der dritten Minute das 1:0 für 1860 gegen den FC Augsburg fiel. Der ungewohnte Jubel ("Ein echtes Tor!") animierte 20.000 Leute, die noch draußen standen, ebenfalls nachsehen zu wollen, was denn da los sei. Die "Weltstadt mit Herz"-mäßigen Absperrungen wurden kurzerhand umgerannt, man drängelte sich ameisenartig zwischen Auslinie und Würstlbude, und so wurden erst- (und wahrscheinlich auch letztmals) in einem deutschen Fußballstadion gut 100.000 Menschen Zeugen, wie ein Fußballspiel nicht stattfand. Am Ende hieß es, irgendwie, 1:1, was keinen groß interessierte. Der Ausgleich war nach zehn Minuten gefallen, danach plauderte man mit den Nachbarn oder lernte die Anzeigetafel auswendig.

Es machten in der folgenden Zeit Gerüchte die Runde: Gegen Heilbronn zum Saisonschluß habe es ein echtes Fußballspiel gegeben, das 7:2 ausgegangen sein soll. Aber es waren bloß knapp 4.000 Leute dort, und die können einem ja viel erzählen. Hingegangen sind wir trotzdem immer mal wieder, zum Beispiel gegen Saarbrücken, Fürth und Hof - 60.000 Mann stark und in der Gewißheit, daß ein Fußballspiel nicht stattfinden würde. Tat es auch nicht; insgesamt fielen zwei Tore.

Wir wollen nicht verschweigen, daß dem TSV 1860 im Jahre 1977 der Wiederaufstieg in die Bundesliga gelang. Müssen wir auch nicht, denn dem Triumphzug einer völlig umgekrempelten und größtenteils mit unbekannten Spielern aus dem bayerischen Umland besetzten Mannschaft ging die Rückkehr ins eigene Stadion voraus. Bloß zum Spitzenspiel gegen den Tabellenführer VfB Stuttgart pilgerten mal wieder alle (77.573) auf den Olympiaberg - und sahen weder Fußballspiel noch Tor. Das änderte sich in der Bundesliga zum Teil, doch nach dem hoffnungslosen 0:0 gegen Schalke am ersten Spieltag wollte kaum mehr jemand zuschauen, wie zwar Tore fielen, aber immer für die Anderen. Nach 14 Spieltagen standen drei Punkte zu Buche (ein, na klar, 0:0 gegen Bremen, ein 1:1 in Duisburg). Der anschließende 3:1-Sieg gegen den FC Bayern hatte den Makel, daß er als Auswärtsspiel gerechnet wurde.

Die Jahre, die folgten, sahen alle möglichen Mannschaften, aber selten das, wofür diese zusammengestellt worden waren: ein Fußballspiel. Endlich fand sich der Verein in der Bayernliga wieder, verlor die Olympia-Arena vollständig aus dem Blickfeld und neuerlernte mühselig, langsam, aber stetig das Fußballspielen. Selig erinnern wir uns an den Gründonnerstag 1984, als der Tabellenführer Fürth ins Stadion an der Grünwalder Straße anreiste und 6:1 rasiert wurde. Zur Aufstiegsrunde zog man wider alle Erfahrung ins Olympiastadion um - und 38.000 Zuschauer vertrieben sich die Zeit, während drunten auf dem Rasen ein fußballfreies, na selbstverständlich: 0:0 gegen einen VfR Bürstadt zusammengewurstelt wurde.

Sparen wir uns die weitere Aufzählung trüber Tage - es hat ja alles einmal ein Ende, auch die Zeit des Olympiastadions als Austragungsstätte vergeblicher Fußballspielversuche. Wundern wir uns vielmehr, daß selbst ein derart öder Ort imstande ist, nostalgische Regungen und Abschiedsrührung zu erwecken: Dreihundertachtzehnmal, klagte der Stadionsprecher am vergangenen Sonntag, sei der TSV 1860 im Olympiastadion angetreten. Zum "Endspiel" (Stadionheft) waren der 1. FC Köln und 40.000 Unentwegte angereist; mal wieder ging es um einen Aufstieg, und mal wieder fand zwischen Wurstverzehr, Dünnbierkonsum und frühsommerlichem Sonnenuntergang vieles statt, aber kein Fußballspiel. 0:0 hieß es am Ende (wie denn sonst?), die eingemauerten Fremdarbeiter stöhnten vernehmlich, und kopfschüttelnd zog man nach 33 Jahren ohne Fußball endgültig hinaus aus der "langersehnten", aus der "hochmodernen" und "architektonisch" ach so "interessanten Arena". Auf Nimmerwiedersehen wohl, es sei denn, es käme jemand in ferner Zukunft auf die famose Idee: "Wie wär's, wenn wir zur Abwechslung mal NICHT Fußball spielen? Ich wüßte da ein feines Plätzchen …"

(geschrieben am 12. April 2005 für die taz, dort aber nicht erschienen; selbstverständlich war ich nicht bei allen erwähnten Anlässen im Stadion, hingegen ist mir ein weiterer erinnerlich: ein 1:1 gegen den Karlsruher SC im Jahre 1975, bei dem ebenfalls relativ wenig geschah)


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