geschrieben im Mai 2005 als Gastbeitrag zu dem Buch "Ballhunger - Vom Mythos des brasilianischen Fußballs" von Jürgen Roth und Gerd Fischer, das Ende 2005 im Verlag Die Werkstatt erschien. Leider ist der Text durch die unter äußerst seltsamen Umständen zustandegekommene fristlose Entlassung von Rdorigo Costa durch Manager Stefan Reuter im April 2006 inzwischen nur noch sehr bedingt aktuell - aber eben nur scheinbar, denn die Umstände sind, wie gesagt, äußerst dubios, und Rodrigo Costa bleibt, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, ein Löwe (wie übrigens auch eine umgehend ins Leben gerufene Unterschriftensammlung belegte).

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Rodrigo Costa - der unbekannteste Brasilianer der Welt

Sein erstes Spiel in und für München absolvierte er unter einem Spruchband mit der Aufschrift "Heimat ist, wo das Herz weh tut". Am 7. Juli 2002, UI-Cup, Hinspiel zweite Runde gegen einen FC Bate Borisow. Der TSV 1860 München zog für dieses Spiel aus unerfindlichen Gründen, aber zur großen Freude seiner zuvor heimatlosen Fans, ins eigene Stadion um und verlor 0:1. Martin Max schoß ein Tor, das nicht zählte, Simon Jentzsch hielt einen Elfmeter, und Trainer Peter Pacult war "zufrieden", vor allem mit den Neuen, Remo Meyer und Rodrigo Costa. Die, sagte er, hätten "gut gespielt".

Der Brasilianer, volksmundet es gerne, werde in der Bundesliga "nie richtig heimisch". Da spiele man Rumpelfußball, sei das Wetter immer schlecht, der Winter hart, das Essen mies, die Bezahlung mau. Die Guten gehen darum gleich nach Madrid oder Mailand; von den Schlechten hält es der eine oder andere ein paar Monate aus, dauerverletzt und unverstanden, und packt dann, meist nach vergeblichen Verhandlungen um Phantasiegagen, die Koffer. Ein Brasilianer in München ist zwar nichts besonderes - beim FC Bayern "zaubern" (AZ) regelmäßig fünf bis zehn davon. Aber bei 1860? Und noch dazu einer, der, wie zu lesen war, mit Palmeiras Sao Paolo nicht weniger als fünf Titel gewonnen hat?

Das sind so alte Weisheiten, aus der Zeit vor "One World", als "Spielerberater" noch kaum mehr als zwielichtige Exreservisten mit einem kleinen Notizbuch und "Brasilianer" immer mindestens zweimal Weltmeister waren und als Bildchen in drei Sammelheften klebten. Rodrigo Barbosa Costa kannte, als er im Sommer 2002 bei Freising aus einem Flugzeug stieg, kein Mensch. Ganz Eingeweihte (mit mehr als einem kleinen Notizbuch) wußten zu künden, daß er eine Saison beim FC Santos gespielt hatte und am 30. Juli 1975 in Laranjal Paulista geboren ist - aber wo liegt das gleich wieder? Das mit den vielen Titeln stellte er gleich selber klar: "Ich habe einmal mit Palmeiras die Regionsmeisterschaft gewonnen, zweimal mit Gremio Porto Alegre die Copa Sul und die Gaucho in Südbrasilien." Bei Gremio immerhin zählten Nene, Luizao und Marcelinho zu seinen Mitspielern; die kennt man auch bei uns.

In seiner ersten deutschen Saison wurde Costa von der Lokalpresse manchmal gelobt und manchmal geschmäht. Ein "Glücksgriff" sei er, die Abwehr halte er zusammen; gegnerische Stürmer mochten bisweilen verzweifeln an dem gutaussehenden, immer ansteckend fröhlich lächelnden Mann, der andererseits, vielleicht aus purem Frohsinn, ab und zu auch Sachen machte, die niemand verstand, am wenigsten seine Mitspieler. Im dritten Bundesligaspiel (3:0 gegen Werder Bremen) holte sich Costa seine erste deutsche gelbe Karte ab; müßten Schiedsrichter das Kartonrechteck dem verwarnten Spieler jeweils übergeben, könnte er inzwischen seine Wohnung damit tapezieren - wo doch Brasilianer in der Bundesliga für gewöhnlich nur verwarnt werden, wenn sie ihren Berater, ihren Fön oder beide mit auf den Platz nehmen. Zur DFB-Pokal-Premiere in Aachen (7:0) durfte er sogar ein Tor schießen. Und im November 2002 in einem "Chat" auf der Vereinswebseite ein bißchen plaudern: München sei "eine wunderschöne Stadt", die bayerische Küche "klasse, ich esse auch gerne Weißwürste", der TSV 1860 "ein super Klub - hier herrscht eine gute Atmosphäre. Es macht Spaß hier zu spielen." Das nämlich sei wichtig: "Ich will einfach nur spielen, egal wo. Es ist mir egal, ob es kalt ist oder regnet. Kein Problem für mich."

Es war eine lustige Zeit in München. 1860, seit kurzem ohne seinen Traditionsdompteur Werner Lorant (der den Verein von der Bayernliga in die Champions-League-Qualifikation geknurrbellgrummelt hatte), gewann, verlor, spielte unentschieden, wurstelte im Bundesligamittelfeld herum; in der Abwehr wirkte mal dieser, mal jener (Meyer, Pfuderer, Pürk, Suker, Stranzl, Ehlers, Costas längst vergessener Landsmann da Silva, Hoffmann, Cerny, Kurz, Borimirov, Votava, sogar Paul Agostino) - nur Rodrigo Costa (fast) immer, und zwar von An- bis Abpfiff, und die zaghaften hämischen bis vernichtenden Bemerkungen der Journaille über den Zustand der blauen Hintermannschaft sparten seinen Namen (fast) immer aus. Interviews gaben andere (meistens der 21jährige Neuwunderstürmer Benjamin Lauth). Costa führte auf dem Platz versuchsweise einen neuen Umgangston ein (er "schrie und schrie", meldete die Presse dann doch mal), und als "Dusel-Sechzig" (SZ) am zehnten Spieltag auf dem dritten Tabellenplatz thronte und sich die Spieler beim Rückflug aus Mönchengladbach schon mal informierten, wo die eventuellen Champions-League-Spielstätten so liegen, hing ein großes, freundliches Lächeln über dem über dem verträumt im Nachsommerlicht dahinschlummernden Rasengelände an der Grünwalder Straße.

Es wurde schnell alles anders. Costa mußte zum Ende der Hinrunde pausieren, sich danach auch mal als "Zapfsäule" bezeichnen lassen, der "dutzendweise" Fehlpässe unterliefen. Das Derby gegen Bayern ging (wegen Gelbsperre ohne ihn) 0:5 verloren, das Spiel in Berlin (mit ihm) gar 0:6. Der "autoritäre Macker" (Exstürmer Olaf Bodden) respektive "Sandler" (Präsident Wildmoser) Pacult wurde durch den Exberliner Falko Götz ersetzt. Dieser wies Costa einen Stammplatz auf der Bank zu, verlor so regelmäßig, daß der TSV 1860 am Ende den UI-Cup verpaßte, und mistete dann die Mannschaft aus: Häßler, Max, Jentzsch und mindestens fünf weitere mußten gehen. Costa - vielleicht hatte man ihn übersehen - durfte bleiben.

Und spielen, nun wieder regelmäßig, doch geredet und geschrieben wurde auch in der folgenden Saison über andere: Benny Lauth (Krise, Triumph, Krise), Roman Tyce (dritter Frühling, dritter Absturz), Markus Schroth (Comeback), Andreas Görlitz (Entdeckung), Daniel Baier (dito), Lance Davids (Talent), Matthias Lehmann (dito), Janne Saarinen, Francis Kioyo, über diesen, jenen und praktisch jeden, immer wieder - nur über Costa nicht. Der spielte einfach. Als die Hinrunde zu Ende gegurkt war (Platz 14), widmete ihm die SZ ein paar Zeilen ihrer Generalabrechnung: "Unvergleichlich, wie sich Costa jeden Ball auf den rechten Fuß legt, weil er mit dem linken wirklich überhaupt nichts kann." Zur Verstärkung der Abwehr wurde ein neuer Wunderbrasilianer eingeflogen (Fernando Santos), der alle Vorurteile bestätigte, indem er wesentlich mehr kostete, als man zuerst meinte, und umgehend ausfiel ("Knochenödem"). Rückrunde: Costa spielte, die Presse schwieg. Sie hatte anderes zu berichten: Präsident Wildmoser wurde samt Sohn ins Gefängnis verschafft, Trainer Götz hinausgeworfen, die Mannschaft widerstandslos auf die Abstiegsplätze verwiesen. Der neue Trainer Gerald Vanenburg mischte das Personal wild durcheinander, nur Costa blieb, wo er war. Im "alles entscheidenden Schicksalsspiel" (die Presse) gegen Hertha BSC (1:1) semmelte Kioyo in der letzten Minute den "alles entscheidenden" Elfmeter in den Himmel, und kein Mensch sprach davon, daß der Strafstoß gar nichts mehr entscheiden hätte können, wenn nicht Costa nach fünf Minuten das 1:0 erzielt hätte. Hinterher wurde er dann doch ausnahmsweise mal zitiert: "Der neue Trainer kam zu spät." Und ging gleich wieder, nach dem nächsten, dem letzten Bundesligaspiel.

So sah die TZ das Ende: "Keine Mannschaft. Kein Trainer. Kein Stadion. Und ein Präsident, der nicht mehr aufhört, zu weinen." Von Rodrigo Costa, der mit 12 gelben Karten einen einsamen Strafrekord aufstellte, nach der 1:3-Niederlage in Gladbach auf dem Weg in die Kabine den Zeugwart (versehentlich) krankenhausreif rempelte und "seine ‚Vereinstreue' mit dem grußlosen Abschied nach Brasilien demonstrierte" (daselbst), ahnten Eingeweihte: Der geht, zum HSV wohl. In Hamburg aber hatte man ihn wohl übersehen und holte lieber Benny Lauth. Costa blieb, wieder mal. Wahrscheinlich paßte er am ehesten zu den Vorstellungen des neuen Präsidenten Karl Auer: "Viele Spieler sollten sich ein Beispiel an unserer Waschfrau Anna nehmen. Die ist seit 27 Jahren im Verein und hat zuletzt zwei Wochen lang darum gekämpft, eine neue Waschmaschine zu bekommen. Das sind Werte!"

Nun spielte also ein Brasilianer in der zweiten Liga. Die Saison 2004/2005 begann mit einem neuen Trainer (Rudi Bommer) und 13 neuen Spielern. Rodrigo Costa mußte sich neue Namen merken und konnte ein paar davon gleich wieder vergessen: Vermeintliche "Leistungsträger" (BILD) wie Pflipsen, Bulut und Lepoint spielten hier und da, saßen dann auf Bank oder Tribüne; der Trainer (sein fünfter) hieß ein paar Wochen später Reiner Maurer, und der einzige, der all das Durcheinander von einem Stammplatz (Gelb- bzw. Gelbrotsperren ausgenommen) miterlebte, war Costa. Vielleicht hatte man ihn wieder mal übersehen.

In seinem ersten Zweitligawinter jedoch machte der Brasilianer eine erstaunliche Wandlung durch: Plötzlich meldete er sich zu Wort, wann immer man ihn ließ, und je näher der TSV 1860 an die Tabellenspitze heranrückte, desto öfter ließ man ihn. Er erzählte von abendlichen Treffen der Mannschaft im Wirtshaus "Bei Rosi", von Feierlichkeiten, Hoffnungen, Gebeten, Prämien für Spieler anderer Vereine, die dafür die Konkurrenten aus Fürth und Frankfurt zu schlagen hätten, Mitspielern, die gefälligst an den Aufstieg glauben sollten; er nannte sich im Münchner Merkur einen "großen Fan von 1860" (seinen rechten Oberarm ziert ein tätowierter Löwe), mischte sich gar in die Planungen für die nächste Saison ein ("Alle guten Spieler müssen hierbleiben!"), fuhr freiwillig ganz allein zu Fanclubtreffen in die ländlichste Provinz, setzte sich zu "Telephonaktionen" an den Hörer und ließ seine Situationsanalyse ("Ein Punkt reicht leider nicht!") per MP3-Datei ins Internet einspeisen. Was war denn da passiert?

Vielleicht dies: Am 14. Dezember 2004 spielten in Madrid, im echten Bernabeu-Stadion, vor 65.000 Menschen unter dem Motto "Against Poverty and Violence" die Teams "Ronaldo & Friends" und "Zidane & Friends" gegeneinander - Namen wie Roberto Carlos, Roque Junior, David Beckham, Thomas Rosicky, Jan Koller, Diego Tristan, Raul Gonzalez, Edgar Davids perlten von der Anzeigetafel, fußballexterne Großverdiener wie der Autofahrer Michael Schumacher durften auch mittun, und mittendrin in dem Promigebimmel erwähnte die Presse - als Torschützen! - einen "Portugiesen" namens "Ricardo Costa". Der freilich hieß und heißt Rodrigo, war von Herrn Ronaldo (den er "aus dem Urlaub" kennt) persönlich um Teilnahme gebeten worden, hatte sich aus dem winterlichen Trainingslager in Seefeld hinausgebettelt und ein Flugticket gekauft. Und schwärmte hinterher, er habe sich "mit tollen Menschen unterhalten", sei sogar vom brasilianischen Nationaltrainer gefragt worden, "wo ich spiele und wie es mir geht". Die Frage, ob er nun mit einer Nominierung rechne, beantwortete er indes realistisch ("Ach was!"), und als Souvenir blieb ihm am Ende nur das eigene Trikot ("Hinten drauf stand mein Name!") - denn Costa ("Zum Glück habe ich alles im Kopf gespeichert") hatte keinen Photoapparat dabei, und die Kameras der großen Welt übersahen ihn mal wieder ("Ich war der einzige nicht so bekannte Spieler"), so daß nur ein einziges Bild existiert, auf dem er zu sehen ist: Da stehen ungefähr 25 Superstars vor der tobenden Tribüne Spalier, halten ein Transparent der Vereinten Nationen und ihre teuren Gesichter in die Linsen, und hinten am Rand, im Profil und halb verdeckt, sieht man den "Portugiesen" vorbeihuschen. "Also vermutlich ist er es", schrieb die SZ unter das historische Dokument und "startete" einen "Aufruf": Wer Photos von Costa aus Madrid habe, möge sie doch an 1860 schicken, zur Weitergabe an den verhinderten Weltstar. "Bitte, ja. Das wäre super", fügte der hinzu.

Seinem Selbstbewußtsein war die Eskapade aber sichtlich zuträglich. In der Rückrunde ließ die Abwehr des TSV 1860 gegnerische Stürmer reihenweise verzweifeln; die Mannschaft blieb als einziges deutsches Profiteam ungeschlagen. Im April 2005 hat Rodrigo Costa gegen Saarbrücken, als gegnerische Spieler nach dem späten Ausgleich das Spielgerät nicht gleich herausrücken wollte, eine Massenschlägerei initiiert, ist wieder mal vom Platz geflogen, hat seinen Vertrag bei 1860 bis 2008 verlängert - und dazu gesagt, er träume davon, einmal in der brasilianischen Nationalmannschaft zu spielen. Davon wird er weiter träumen müssen, in der zweiten deutschen Liga, als unbekanntester Brasilianer der Welt: In Oberhausen mußte er eine Woche später gesperrt zusehen, wie seine Mannschaft mit einem 0:0 den Aufstieg vergeigte; das letzte Spiel der Saison gegen LR Ahlen ging dann auch noch 3:4 verloren, weil's sowieso schon wurst war. Droben auf der Tribüne verkündete ein Spruchband eine bekannte Weisheit: "Heimat ist, wo das Herz weh tut." Und da, immerhin, ist und bleibt Rodrigo Costa unverzichtbar.


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