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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman

EINS

Der Himmel sieht aus, als wüchsen ihm Federn. Langsam, so langsam, daß, wenn man ununterbrochen hinsieht wie ich, keine Veränderung bemerkbar ist, nur ihre Auswirkung: ein Kranz schneeweißer Federn, an den Spitzen transparent, unten schon dick wie wattiger Dampf, aber weiß, so unendlich weiß. Und der Himmel dahinter so hellblau wie in der Erinnerung an einen letzten Ferientag, damals, als man noch zur Schule ging.

Ich sitze auf dem Fensterbrett, im Schneidersitz, ein Stück Pappe auf den Knien; versuche mit zähen Strichen der Ölfarbe Struktur und Gesicht des Tages zu verleihen; ein Gesicht, das mir später, irgendwann viel später erzählen wird, wie flirrend klar und kühl die Luft an diesem Morgen war. Aber die Farbe krallt sich fest, bildet Rillen mit schmutzigen Linien von Schatten, weigert sich zu leuchten; was mich von der geschminkten Pappe anglotzt, ist das verunglückte Abbild eines gefangenen Moments, der um seine Freilassung bittet, weil er nur dort draußen, in der Weite des luftgefüllten Raumes, so sein kann, wie er ist: nicht.

Vögel ziehen schräge und diagonale Bahnen durch das Bild, deuten Kurven an, ein Netz von Spuren, die in mir den Wunsch zu fliegen so quälend deutlich machen, daß ich wie hypnotisiert in die Entfernung starre: als könnte ich mit der Weite verwachsen, mich auflösen und ein Teil der zeitlosen, lichten Unendlichkeit dort draußen werden.

Davids Gesicht sieht müde aus, aber er lächelt, Kaffee? Ich nicke, er geht Kaffee kochen. Ich sehe auf die Uhr und kratze mit dem hinteren Ende des Pinsels in die ölige Schicht auf der Pappe: 8. März 1985, 7:12. Dann atme ich und spüre, wie die Luft durch unzählige winzige Poren aus meiner Lunge direkt ins Blut strömt, es schäumt in einer Welle durch meinen Körper, die den Kaffee überflüssig macht. Ich trinke ihn trotzdem. Er ist heiß und schwarz, gekrönt mit einer zierlichen Fahne aus Dampf.

Wir sollten den Zeiger festkleben, damit die Zeit stehenbleibt, sage ich verträumt. David lächelt immer noch, still, wie glücklich.

Oder einfach sterben, das ist dasselbe, bläst er in den Hauch über seiner Tasse.

Vier Stunden später sitze ich im VW-Bus und muß mir die üblichen Guten-Morgen-Bemerkungen anhören, kannst du mir bis morgen deine Augenringe leihen, mein Fahrrad hat einen Platten hahaha, oder wie war's gestern beim Lokalverbote sammeln hehehe. Cag sitzt neben mir und reicht mir mit seinem Grenzenloser-Optimismus-Lächeln den Rest von einem Joint, der penetrant nach Gitane-Tabak riecht. Ich spüre, wie meine Augen noch weiter zuschwellen, und lehne ab.

Am Drehort stehen vier oder fünf Leute vom Team in der kalten, verfrühten Frühlingssonne und treten auf der Stelle, Kaffeebecher in der Hand; schütteln sich die Kälte aus den klammen Kleidern, hantieren an Scheinwerfern rum, rauchen freihändig Stummelzigaretten mit diesem Durchhalteblick der Verwegenen, die um jeden Preis noch vor Mittag den ersten Hustenanfall hinkriegen wollen. Meria, die Regisseurin, steht irgendwo abseits im Gras, hält sich an ihren buntgescheckten Indien-Klamotten fest und diskutiert mit dem Choreographen, einem Schwarzen aus New York namens Hadrian, der sich weigert, deutsch zu verstehen, weil er seinen Humor behalten will. Als wir aus dem Bus fallen und unsicher in die plötzliche Helligkeit blinzeln, dreht sich Merias rotbunter Haarschopf zu uns um, wirft uns ein aufmunterndes Stück Lächeln entgegen und verschwindet wieder in der Realität.

Wir bewegen uns zerstreut über den knirschenden Kies zur Thermoskanne: fünf kleine, demolierte Menschen, die den Tag erst besser kennenlernen müssen, um ihm möglicherweise vertrauen zu können. Deedee, dessen Grinsen funktioniert wie ein mechanisches Spielwerk mit Rostkarzinomen, läßt verunglückte Aufheiterungen los und wuschelt sich verlegen in den blonden Strubbelhaaren, wenn sie ganz daneben gehen. Cag versucht, die Abwesenheit Humphrey Bogarts nicht auffällig werden zu lassen; Track lacht so unvermittelt laut, kurz und aggressiv, daß man zwischen den einzelnen Ha-Ha-Stößen die Luft klirren hört. Kelly rollt ihren Charme wie einen roten Teppich in beliebige Richtungen und stakst darauf dahin: ein dürrer Körper mit einem Haufen Zähne und Haare obendrauf. Ich bin Mojo und weiß nicht recht, was ich bin, aber das wissen ohnehin alle, und für die Leute hier bin ich vor allem ein wandelnder Rausch.

Wie ich an diesen Haufen geraten konnte, mit dem ich jetzt meine Tage und Nächte verbringe, ist keine große Geschichte; trotzdem weiß ich nicht richtig, wie ich sie erzählen soll. Irgendwann will fast jeder mal Schauspieler werden; vor allem, wenn er seit einiger Zeit auch schon das Gefühl hat, Musiker zu sein - da gehört das wohl irgendwie dazu, daß man sich zumindest Gedanken macht. Ich spiele Baßgitarre in Deedees Band, wir benennen uns jeden Monat um. Zur Zeit heißen wir The Jetboys, ohne zu wissen warum. Spielen regelmäßig in allen kleinen Löchern in München und Umgebung, lassen uns regelmäßig rauswerfen und addieren das als zweifelhaftes Renommee zu unserer Band-Biographie.

Irgendwann hat Deedee, der im übrigen glaubt, Sänger zu sein, die Regisseurin Meria kennengelernt, die irgendwas von seinem Gesicht und einem guten Karma erzählt und ihm eine kraß überzeichnete Nebenrolle in einer mißratenen Vorabend-Serie mit sozialer Aussage und so verschafft hat. Seitdem ist sie so was wie seine Mami, folgt ihm mit gutmütigem Lächeln und Bauchreiben von Auftritt zu Auftritt und zeigt ihm aus der Erfahrung ihrer eigenen, völlig mißverstandenen Jugend, wie er sich noch peinlicher bewegen kann.

Eines Abends hab ich also beschlossen, die Chance zu ergreifen. Wir hingen in einer Kneipe rum: Meria, Deedee und ich, nach einem Drehtag, der vor allem daraus bestand, daß Deedee seine Vier-Sekunden-Szene auf alle nur denkbaren Arten verpatzte, während ich als Statist im Hintergrund bei jedem neuen Versuch ein Bier und die zweite Hälfte einer Zigarette zu verzehren hatte.

Ich lallte Meria was vor davon, daß ich zum Schauspieler geboren bin, benützte Wörter wie ‚gewissermaßen' und ‚anlagebedingt', rezitierte (das Ergebnis der Rachsucht eines verärgerten Lehrers) ein paar Zeilen von Schiller, Wallenstein, da schleudert selbst der Gott der Freude den Pechkranz in das brennende Gebäude (mit so übertriebenem Gehampel, daß mir die Gelenke weh taten), warf bedeutende Gesichter in die Gegend und fühlte mich wie Marlon Brandos unehelicher Sohn. Die Story hatte ich auch gleich parat: Mach doch eine Serie über unsere Band, das wäre der Stoff des Jahres, eine todsichere Geschichte.

Meine Euphorie dauerte nur ein paar Runden lang, ertrank dann in zusammenhanglosem Gefasel, aber der Same war gesetzt und fing an zu keimen. Ein Jahr später gab es außer uns dreien schon einen Produzenten, den keiner je gesehen hat, einen Drehbuchschreiber, dessen beste Ideen Schraubverschlüsse haben, einen Kameramann aus faltigem Leder und eine ganze Horde Leute, die auch nur so rumhingen und mal Schauspieler werden wollten. Ein paar richtige Profis waren auch dabei, aber Meria hat ein Faible für Laien und brachte die Guten gleich in belanglosen Randrollen unter.

Die folgenden Wochen bestanden aus einem seltsamen Chaos, das man Probeaufnahmen nannte. Jeder, der sich irgendwie dazu berufen fühlte, wurde mit uns in einen Raum gesteckt und hampelte ein paar Stunden exaltiert herum. Scheinbar dachten die meisten, daß man Schauspieler wird, indem man alle Hemmungen über Bord wirft und sich aufführt wie ein Wahnsinniger. Meria und ihr Kameramann standen derweil tief bewegt in einer Ecke und ließen das Theater über sich ergehen; hielten sich immer mal wieder ein Quadrat aus gekrümmten Daumen und Zeigefingern vor ein Auge. Dann hatten sich aus dem wüsten Haufen von Kommen und Gegangenwerden die Hauptdarsteller rauskristallisiert und sollten nun zu Schauspielern gemacht werden. Mehr oder weniger erfolgreich, aber das ist eine andere Geschichte.

weiter: Teil zwei


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