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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel eins, Teil zwei)

Als sich alle einigermaßen mit Kaffee vollgepumpt haben, klatscht uns Meria zusammen. Wir proben, Kinder. Keine Kulisse, keine Gegenstände; nur ein schwarzer Holzboden, ein paar Eisenträger, die wahlweise als Säulen, Häuser, Szenario oder Personen dienen. Maximilian heißt unser Trainer; er sieht aus, als wäre er auf einem Bach von Tränen aus Hollywood angeschwemmt worden (den Stadtplan noch in der Hand). Seine Lieblingsfloskeln sind: ein kurzes tiefes Brummen und ein etwas längeres, etwas höheres Brummen; ansonsten tut er seine Meinung über unsere dilettantischen Raumdurchschreitungen dadurch kund, daß er sich auf verschiedene Weise mit abwechselnden Händen durch die olivenölgetränkten Haarsträhnen fährt.

Keine besondere Szene: wir müssen uns nur ein paar Sätze sagen, dabei versuchen, offen zur Kamera zu stehen, irgendwie Fluß in das Ganze zu bringen. Deedee verbrabbelt ein ums andere Mal seinen Text, ein paar Wörter, deren Sinn ihm nicht nahezubringen ist. Also lernt er sie auswendig, verdreht wieder die Hälfte, wird von Maximilian unterbrochen, schimpft den ganzen Satz in trotzigem Stakkato in den Boden, versucht's noch mal, haspelt wieder rum, wird von Meria am Bauch gekrault. Während wir anderen daneben stehen und versuchen, nicht allzu belustigt auszusehen.

Dann kommen meine Probleme, Bewegung und Text ineinander unterzubringen, was mir unmöglich erscheint. Ich ändere eigenmächtig ein paar Wörter, Maximilian zuckt brummend mit den Schultern: auch egal, ist dasselbe. Meria schüttelt den Kopf, nein nein, Mojo, glaub mir; sie will mir zu verstehen geben, daß sie weiß, was sie tut und wer hier der Boß ist.

Es klappt irgendwie doch, weil die Szene wohl nicht so wichtig ist; die Zeit drängt, also ab in die Maske und dann Stellprobe am Set. Die Spannung löst sich in keckerndem Gelächter, als wir im Wohnwagen sitzen und der Reihe nach mit Make-up vollgekleistert werden. Die Schminkerin heißt Wally, ist über fünfzig und hat immer Berge von Verständnis und gutem Willen dabei. Unsere liebe Omi, die höchstens ein bißchen rot wird und mit hochgezogenen Augenbrauen den Zeigefinger bewegt wie einen Scheibenwischer, wenn wir zu weit gehen. Klar, wir sind schließlich Künstler und verschwenden unser Talent an diesen Unsinn nur, weil wir es gut meinen mit Meria und momentan finanziell nicht so toll dastehen.

Die Aufnahmeleiterin, ein kantiger Brocken namens Dorothea, schreit uns zum Set. Dort meditiert das Team vor sich hin, unser Kichern versickert in der konzentrierten Wichtigkeit des Geschehens; Meria dirigiert den dorthin und diesen da hin, wir stehen in der Mitte rum, Klappe, und bitte, und wir sagen unsere Sätze runter, aus, noch mal, Deedee steht falsch, verwuschelt sich deswegen wieder die Haare, Maske; Wallys Assistentin staubt uns die Gesichter mit Puder voll, als gälte es, sie unsichtbar zu machen, und wir wiederholen das Ganze.

Beim fünften Versuch ist Meria zufrieden, Fusselcheck: sauber, Kaffeepause, Klamottenwechsel. Ich glotze blind in den Drehplan, den ich im Gegensatz zu den Drehbüchern auswendig kenne: Deedee ist mit einer Soloszene dran.

Also hock ich mich in den zweiten Wohnwagen, hol mir ein Bier; Cag wirft einen Blick durch den Türspalt, auch was rauchen? Keinen Bock, zu früh. Er verschwindet wieder, ich sitze in der Ecke und versuche, mich von den quälenden Bildern zu befreien, die mich seit Tagen verfolgen: Claudias Gesicht, das mitten in der Nacht durch den gelben Nebel meines Schlafs taucht, entsetzlich verzerrt von Angst, Bier und Verzweiflung mir Sätze entgegenschreit, von Liebe redet und Haß meint, von Verständnis redet und Kampf meint, von Zukunft redet und manisches Chaos meint. Ich hab sie seit zwei Tagen mal wieder aus den Augen verloren, müde von den erbärmlichen Szenen, die so schnell aus dem Gedächtnis rutschen, genervt von den Versuchen, sich an etwas zu klammern, was sie oder ich oder wir beide zerstört haben und was sie jetzt unbedingt in mir suchen will. So vergeht die Zeit, aus der Ferne höre ich Merias sporadische Kommandos, manchmal Gelächter, fühle mich weit entfernt und weiß nicht, wovon.

Die Abende ähneln sich. Da wir - bis auf Kelly - alle in Bands spielen und jetzt auch noch dabei sind, Fernsehstars zu werden, brauchen wir buntglitzernde Kneipen und Feste, wichtige Gesichter, teures Parfum, Seide, Zigarren, Champagner, Drogen. Trubel bis zur Bewußtlosigkeit.

Marco, der Fahrer, bringt uns der Reihe nach heim, wo ich mich gleich ans Telefon hänge und Cag anrufe. Was heute läuft. Wo ist das Fest. Weiß noch nicht, er muß erst Track anrufen, der mit Kelly ins Hotel gefahren ist, um einen ganz tollen Regisseur zu treffen, der vor allem scharf auf sie ist. Also bis später; ich lege auf, und es klingelt sofort wieder. Track ist dran, bei seinem Gitarristen ist ein Fest, er holt uns mit Kelly bei Cag ab. Der Regisseur? Eine psychotische Backpflaume, meint er: stottert rum und bringt seine Augen nicht von Kellys Rocksaum weg. Hahaha ich, und er, ich halt ihn mir trotzdem warm, solange er hinter Kelly her ist, besteht eine Chance.

Track ist ziemlich kompromißlos, wohl der einzige von uns, der wirklich entschlossen ist, was zu werden. Manchmal erschreckt mich der Ernst, mit dem er sich hinter alle möglichen Connections und Telefonnummern klemmt (und sogar den Konsum von Drogen als einen Vorgang behandelt, der nach einem bestimmten Plan, beginnend mit einem Wort wie ‚Aha', abzulaufen hat); erschreckt mich, weil mir bewußt wird, daß ich wohl gar nicht an später oder so was denke.

Deedee fehlt wie immer, meditiert zu Hause über seine Karriere als Popstar. Er ist auch nicht eingeladen, weil er irgendwie immer stört, dumme Bemerkungen über Rauschgift, Frauen, Musik, Fleischesser und das Leben im allgemeinen macht, die uns nur den Abend verderben. Außerdem ist er Merias Baby, und wir sind nicht der Meinung, daß sie alles, was wir nachts so treiben, brühwarm erzählt kriegen muß.

Kelly und Track fläzen schon auf Cags Teppich, als ich komme; Cag bröselt Dope auf den Tisch, während Lulu, sein dauerbekiffter Mitbewohner, hilflos durchs Zimmer irrt. Suchst du was, Lulu, sagt Cag, ohne seinen Blick von der Mischung zu wenden. Die Papers, Mann, wo sind die Papers; Lulus Sprache besteht fast ausschließlich aus Vokalen, die Konsonanten nehmen irgendwo in seiner Kehle eine Abkürzung und verirren sich. Hab ich in der Tasche, sagt Cag und zieht sie raus, legt sie auf den Tisch, die Augen auf die Mischung gerichtet; Lulu sucht weiter.

Der Joint knallt uns alle gut an, und wir sagen erst mal eine Weile gar nichts mehr. Ich liege auf dem Rücken, sehe aus dem hohen, sechsteiligen Fenster. Der Himmel verliert langsam sein lachsfarbenes Leuchten, sieht aus wie graublauer Samt, der am Rand in stumpfe Kupferfarbe übergeht. Der kahle Baum vor dem Haus reckt wie verzweifelt seine vielen Arme nach oben; aber dann ist er doch nur wieder ein Baum, ehe ich zu weit in den Blödsinn abdrifte. Track hängt schon am Telefon, brüllt immer wieder fragend einen Straßennamen, der sich jedesmal ein bißchen verändert. Schließlich hat er ihn richtig verstanden und wedelt mit dem Zettel vor unseren Gesichtern rum. Es ist neun Uhr und plötzlich stockdunkel, als wir gehen.

Das Fest ist ein Wirbel von Leibern, die gegeneinander taumeln, hämmernd lauter Musik und luftgeschwängertem Rauch. Alles lacht und plappert durcheinander, achterbahnförmige Linien von Halloooo ziehen sich durch das Chaos, Geil! hier, Wahnsinn! dort, und jeder erzählt jedem irgendwas. Ich trinke Wein aus der Flasche, schnorre Track um Zigaretten an, lache in Gesichter, begrüße diesen und jenen und werde betrunken. Ziehe an diversen Joints, bis sich das ganze Fest in ein Gewirr von Farben und Lärm verwandelt. Dann sitze ich in der Küche mit Cag und noch drei Leuten, einer davon schüttet eine Menge Kokain auf den Tisch und redet irgendwas mit Cag, was ich nicht verstehe.

Wir schnupfen; das Pulver macht mich wieder wach; nicht eigentlich wach, eher wie elektrisch geladen. Mein Kopf fühlt sich an, als bestünde er aus massivem Glas. Aus dem anderen Zimmer hören wir jetzt Kellys Stimme, unterbrochen von Salven männlichen Gelächters und Wow!-Schreien. Sie hat's also mal wieder geschafft, der Mittelpunkt von irgendwas zu werden.

Ich erzähle Cag was von Frauen, sein sporadisches Nicken ermuntert mich zum Weitermachen, ich verfranse mich, rede und rede, bis er nickend aufsteht und rausgeht. Ich plappere in dieselbe Richtung weiter, da sitzt jetzt eine Frau mit rotgeheulten Augen, die mich unendlich traurig ansieht. Was'n Los, Baby, schmiege ich um sie, und das geht tatsächlich mal nicht ins Auge: sie erzählt mir ihre Lebensgeschichte, von der ich außer einem immer wieder vorkommenden Namen nichts mitkriege, weil ich wie hypnotisiert auf ihre Brüste starre, die aus einem geschnürten schwarzen Kleid oben rauswachsen, zwei runde, weiche Kugeln, die mir den Rest geben.

Als ich aufwache, weiß ich erst mal nicht, wo ich bin: ein großes, helles Zimmer mit einer Matratze am Boden, auf der ich liege, durch drei flutende Lichtsäulen mit dem draußen vor dem Fenster lebenden Frühling verbunden. Ich bin nackt, und sie liegt neben mir und ist auch nackt. Ihr Name fällt mir nicht ein, vielleicht hat sie ihn gar nicht erwähnt. Durch die Tür höre ich leise Musik: Neil Young, es ist Samstag mittag, und die Zeit erscheint mir so unendlich gedehnt. Die Musik perlt durch die Luft, schlängelt sich vorbei und tröpfelt von den Wänden; already one, now only time can come between us.

Das Mädchen wacht vorsichtig auf, erschrickt kurz, als sie mich sieht, noch ohne es zu bemerken wahrscheinlich, lächelt aber sofort. Hallo, sagt sie, guten Morgen, ich. Überrascht stelle ich fest, wie gut sie riecht, als ich sie küsse, wie weich und warm ihre Lippen sind, noch durchpulst vom Schlaf. Es sollte nur ein flüchtiger Kuß werden, weil ich mich nicht erinnern kann, was in der Nacht passiert ist, aber er dehnt sich, ich will nicht loslassen, ihre Lippen öffnen sich, noch wärmer die Zunge, ich fühle ihre glatten Zähne.

Motorcycle Mama won't you lay it down, singt Neil Young, und sie greift an mir nach unten mit prickelnd kühlen Händen. Ich habe einen Ständer wie Stein und wir ficken fast ohne Bewegung, klammern uns so fest aneinander, daß ich sie an jeder Stelle meines Körpers fühle. Sie stöhnt leise, stemmt sich mir entgegen, wir rollen auf eine andere Seite, und noch immer lassen wir uns nicht los; als ich fühle, daß ich komme, fühlt sie es auch, flüstert ja, und für einen langen Moment sind wir ein Wesen, ein Mensch mit zwei Köpfen, vier Beinen, vier Armen.

Glücklicher war ich noch nie, denke ich, laß es nie enden, aber ich weiß, daß es nur ein paar Minuten sind. If the good times are gone, I'm bound for moving on. Wir schweben irgendwie dösend dahin, und mir fällt ein, daß sie Helga heißt. Ist mir aber jetzt auch egal.

weiter: Teil drei


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