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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel eins, Teil drei)

Der Rest der Bande hockt in der Küche und grinst mich an, als ich erscheine. Hoho und Hey Hey, ich grinse auch, nur im T-Shirt, lächle aber mehr, will sie nicht verraten. Nehme eine halbvolle Flasche Coke vom Tisch, bis später, und gehe wieder rüber.

Helga ist schon angezogen, trinkt gurgelnd die Hälfte von dem Coke in einem Zug, ich muß weg, gibst du mir deine Telefonnummer. Hält im Schuheschnüren inne, strahlt mich an, noch einmal fällt die Zeit wie Staub aus der Luft; ihr Gesicht sieht aus, als löste sich plötzlich alles, sie ist unglaublich schön, jetzt. Du, sagt sie und tippt mir mit dem Finger auf die Nase, zieht mich dann zu sich, und wir küssen uns. Ich gebe ihr einen Zettel mit meiner Nummer und weiß, daß ich mir wünschen werde, sie würde ihn benützen. Und daß sie das wahrscheinlich nicht tun wird.

Den Rest des Nachmittags verbringen wir in der Küche. Ich will nichts erzählen von Helga, tu es trotzdem, aber nur mit vielsagendem Grinsen und genießerischem Gesicht, zur Decke oder aus dem Fenster. Wir spülen Millionen Gläser und Teller ab, wechseln fließend die Plätze, einer sitzt immer mal wieder und dreht einen Joint, eine harmonische Großfamilie. Draußen steht strahlend blauer Himmel, ich strecke mich aus dem Fenster, sehe unter mir ein Stück Dach und vor mir einen Stadtteil, den ich nicht kenne. Wo sind wir hier, frage ich Theo, den Gitarristen. In meiner Wohnung, er, und ich, Arschloch, welcher Teil dieser verfluchten Stadt. Neuhausen, sagt er. Er hätte auch sonst was sagen können. Als alles einigermaßen sauber ist, sitzen wir um den Tisch: Cag, Track, Kelly, Theo und ich, rauchen und schweigen, sehen zufrieden und müde den Gläsern auf dem Fensterbrett beim Trocknen zu. Es blitzt fast unsichtbar gegen die Sonne, jemand lacht, alle lachen.

Am Montag ist alles anders. Es schüttet, als ich aufwache, dunkel wie im November. Ich weigere mich zu duschen, kratze mich nur am Kopf, fühle kleine Schwellungen mit platzenden Bläschen unter den Haaren, putze mir die Zähne; trinke Kaffee mit David, der heute auch mit zum Set muß. Er ist Fotograf, außerdem Merias kleiner Bruder, und soll immer mal so ein bißchen rumknipsen, für die Fernsehzeitungen und die interne Werbung und solchen Unsinn. Er muß einen grauenvollen Sonntag hinter sich haben, sieht aus wie von der U-Bahn überfahren: überhaupt kein Gesicht mehr, nur ein Stück zerknitterte graue Pappe. Ich hab nichts davon mitbekommen, weil ich den ganzen Tag im Bett verbracht habe.

Noch Kaffee, fragt er mit einer Stimme wie Rod Stewart. Klar, ich, aber seine Finger zittern dermaßen, daß er die Hälfte auf den Tisch schüttet. Sorry, murmelt er, und ich vorsichtig, wie war's gestern. Er sieht mich nicht an, weia, lange Pause, schüttelt den Kopf, sagt noch mal: weia.

Wie heißt sie, frage ich, will ihn aufheitern. Sein Grinsen ist so gequält, daß ich's gleich wieder lasse. Um zehn klingelt Marco, wir stolpern die Treppe runter. Cag strahlt uns an, na, ihr Verbrecher. Ständig zitiert er irgendwelche Beatles-Filme, ich kann gar nicht mehr unterscheiden, was davon vielleicht doch von ihm ist. Den Rest der Fahrt schweigen alle, David schläft lautstark.

Meria ist schlecht gelaunt. Deedee meint, sie solle sich in den Regen stellen und ihre Sorgen abwaschen, aber das geht voll daneben: sie spricht kein Wort mehr mit ihm, und er tänzelt den ganzen Tag unsicher grinsend um sie herum. Du bist doch noch meine liebe Mami? sagt er natürlich nicht.

Es ist deprimierend. Keine Szene klappt auch nur annähernd, Scheinwerfer brennen durch, weil der Nebel überall reinzieht, dann gerät Kelly mit Meria aneinander, die alte Frau-Frau-Geschichte, rennt heulend in den Schminkwagen. Wally tröstet sie mütterlich, nach einer Stunde ist sie wieder da, als ich gerade mein viertes Bier aufmache. Wieder klappt nichts richtig, die Beleuchter werden sauer, weil sie denken, wir machen das mit Absicht, lassen einfach so die Zeit verstreichen, damit noch eine von ihren geliehenen Zehnkawes durchbrennt. Maximilian sitzt nur in der Ecke und stützt sein Gesicht in die Hand.

Dann kommt auch noch eine Szene, die ich fast allein habe, eine der wenigen. Zaghaft versuche ich mal wieder, Meria klarzumachen, daß der Bewegungsablauf völlig hirnrissig ist, unlogisch und nicht durchführbar. Anyway, sagt sie, ihre Lieblingsvokabel an solchen Tagen, was soviel heißt wie, danke für die Geräuschkulisse, jetzt halt mal's Maul und tu was ich sage. Ich wünsche mir, bei den anderen im Wohnwagen zu sein. Das muß man sich vorstellen: ich bin wirklich Schauspieler, spiele eine Soloszene, mein großer Auftritt, der Höhepunkt meines Lebens, und mir verrutscht der ganze Tag zu dem Wunsch, mit ein paar Verrückten in einem Wohnwagen zu hocken.

Es dauert nur ein paar Sekunden, ich muß durch den Raum gehen, ein Telefon abheben und ein paar Sätze sagen, die man so nie sagen würde. Ich höre Maximilians Brummen und stehe auf, bleibe stehen, beobachte mich dabei, wie mir jeder Gedanke an irgendeine Bewegung irgendeines Muskels Schwierigkeiten macht, weil ich sofort nach einer Bedeutung suche. Als hätte ich noch nie ein Telefon abgehoben. Klassische Krankheit aller schlechten Schauspieler, denke ich und mache die einzige Bewegung, die mir unter so vielen Leuten, die Dinge von mir erwarten, die ich nicht kann, gelingt: Ich ziehe eine Flasche aus dem Träger, lasse mit dem Feuerzeug den Deckel wegspringen und trinke schon wieder einen langen Schluck. Das Bier füllt meinen Mund mit bösen und schönen Erinnerungen, ist aber zu warm und schäumt in der Speiseröhre so schnell auf, daß mir ein stechender Schmerz zwischen den Lungen Tränen in die Augen treibt.

Nicht so früh, Mojo, höre ich Merias sorgenvolle Stimme. Es ist fast Mittag und ich habe Durst, gebe ich zurück. Laß nur, ist eh schon wieder sein zehntes, höre ich vom Rand der Szene. Halts Maul, ich zurück, im selben Moment brennt wieder ein Scheinwerfer durch, woran ich jetzt wohl auch noch schuld bin; mein Kopf ist schwer und dröhnt, und ich will hier wirklich weg. Natürlich ist jetzt wieder irgend jemand beleidigt, und Dorothea gibt mit schneidender Stimme bekannt, daß ich ab sofort während der Drehzeit Bierverbot habe. Was für eine blöde Fotze, denke ich halblaut, marschiere durch den Raum, packe den Telefonhörer, der fällt mir natürlich aus der Hand; Scheiße, schreie ich.

Deine Hauptdarsteller sind vielleicht Mimosen, kommt wieder vom Rand. Ich denke, konzentrier dich, zeig's den Trotteln, aber das ist wirklich zu lächerlich: was sollte ich mit dieser Szene, die jeder zu Hause zehn Mal am Tag spielt, schon beweisen?

Es klappt, und natürlich ist ein Fussel in der Kamera, alles noch mal; jetzt bin ich locker, sehe danach zu Maximilian, der brummt und die Schultern ein Stück hebt.

Ich muß noch eine Szene spielen: diesmal stelle ich nur meine Baßgitarre zur Seite und setze mich hin. Ohne Text. Wally kommt selber aufs Set, um mein Gesicht zu pudern, was mich freut. Reg dich nicht so auf, flüstert sie, alle tun nur ihren Job und sind schlecht gelaunt, wenn nichts klappt. Kann ich was dafür, ich, und sie, natürlich nicht, denk nicht dran, du siehst besser aus dann. Sie hat recht, trotzdem kann ich Deedees Grinsen im Hintergrund nicht ertragen. Könntest du draußen warten, manieriere ich in seine Richtung, er wuschelt sich die Haare und verschwindet sofort. Das kostet mich wieder Kredit bei Meria, aber jetzt scheiß ich drauf. Wenn ich mal meine Soloszenen mit seinen vergleiche, schon von der Anzahl her ... aber er ist eben der Sänger.

Die Szene stimmt beim ersten Versuch. Mit einem Mal sind alle wieder fröhlich, ich darf einen Becher Sekt trinken und zum Abschminken. Cag und Track sind noch dran, ich bekomme inzwischen einen Versöhnungsanfall und setze mich zu Deedee in den Wagen. Na, und wie geht's so überhaupt, frage ich harmlos, und er, na ja, es geht einem so, wie man will, daß es einem geht. Das ist fast schon wieder zuviel, aber ich bin zu müde.

Kelly schaut kurz rein, Hallo Jungs, geht wieder. Gefällt sie dir, schleudert mir Deedee mit seiner ganzen Naivität entgegen. Quatsch, sage ich, krumme Haxen und ein Gesicht wie ein Geier: nichts für mich, Alter. Er grinst, ich auch; aber dir, frage ich. Er schüttelt nur den Kopf, seinen Gesichtsausdruck bekommt außer der Tischplatte keiner mit. Na na, ich muß noch ein wenig weitersticheln, aber er reagiert nicht mehr, fängt plötzlich von unserer Band an, die mir seit Wochen aus dem Kopf ist.

Die anderen meinen, du hast zuwenig Interesse. Und ich, was heißt Interesse, ich hab momentan eine ganze Menge mit dem Quatsch hier zu tun. Und er, was, du findest das also einen Quatsch. Klar, meine ich, ist doch was für neurotische Kleinkinder. Na, so sehe ich das gar nicht, es ist schon eine tolle Sache, sagt er ganz ernsthaft; wenigstens habe ich ihn von seinem Thema wieder weg. Daß er das alles, was ich über die Serie und über Kelly gesagt habe, Meria wird beichten müssen, ist mir jetzt egal.

Irgendwann ist auch dieser Tag vorbei, und es regnet immer noch. Cag ruft an, aber ich sage nur, ich will meine Ruhe. Alles klar, Alter, wir auch, war ein harter Tag. Der Kerl hat soviel Verständnis, daß er mir manchmal verdächtig ist. Irgendwann wird er den Rest der Welt bezahlen lassen oder so was.

Mitten in der Nacht, als der Fernseher schon seit Stunden aus ist und ich im Tiefschlaf liege, geht die Tür auf, und Claudia torkelt rein. Ich hab's befürchtet. Stellt sich demonstrativ vor dem Bett auf: das Kinn in den Hals gedrückt, verschränkte Arme und leicht wackelig auf den Beinen. Und, frage ich und reibe mir die Augen, was gibt's. Das fragst du mich, sie, was denkst du eigentlich, was wir miteinander zu tun haben. Komm, sei friedlich, leg dich ins Bett und laß mich in Ruhe, sage ich, ich bin wahnsinnig müde, will endlich mal pennen. Du kommst also nie zum Schlafen, so so.

Ich werde sauer, weil sie so dermaßen besoffen ist, dreh mich um und sage gar nichts mehr. Verdammt noch mal, ich muß mit dir reden, sie ist schon wieder den Tränen nahe. Wenn ich daran denke, wie sie monatelang keine Anstalten gemacht hat, mich auch nur zu berühren, vom Ficken ganz zu schweigen, dann ist dieses Theater echt für die Katz.

Was willst du, frage ich, ich wollte die ganze Zeit mit dir schlafen, und du hast nicht mal was davon bemerkt, jetzt bin ich müde und will pennen, also tu was du willst, aber komm mir jetzt nicht so. Das sitzt. Sie kniet am Boden, in voller Montur mit Jacke und Schal und Schuhen, und heult leise. Scheiße, ich werfe die Decke weg, lege den Arm um sie und sage, hör auf zu weinen, es ist doch nichts.

Sie, du bist so anders, und ich, von dir ist man's auch nicht gewöhnt. So bin ich nun mal, sagt sie, jetzt schon wieder ruhiger. Zieht sich aus und legt sich ins Bett. Schläft sofort ein, klar, alles was sie von mir wollte und immer wollen wird ist die Bestätigung, daß ich noch da bin, falls sie mich doch mal brauchen sollte. Wen ich brauche und wofür, steht hier nicht auf der Tagesordnung.

Ich denke an Helga, versuche mir ihr Gesicht vorzustellen, das weiche, ausgeglichene Lächeln, mit dem sie mein Leben betrachtet hat, als es ihr am Bahnhof der Gelegenheiten begegnete, aber es verschwimmt immer wieder sofort und rutscht nach irgendeiner Seite weg. Anyway, denke ich, bevor ich einschlafe.

weiter: Teil vier


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