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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel eins, Teil vier)

Es regnet immer noch. Drei Wecker stechen mit verschiedenen Pfeif-, Hup- und metallischen Schrilltönen in mein Gehirn, neben mir schläft Claudia seelenruhig weiter. Ich sehe zur Uhr: es ist halb neun. Neblig, dunkel. Aber der vorletzte Drehtag der ersten Staffel, danach sind erst mal zwei Monate Ruhe, abgesehen von diversen Proben.

David sitzt schon am Küchentisch; seltsam, wie wenig ich von ihm sehe, seit er bei mir wohnt. Er ist bester Laune, na, Alter, wie geht's. Sein Gesicht ist so freundlich, daß ich gar nicht mies draufsein kann; ich muß lächeln, setze mich zu ihm und lege ihm eine Hand auf die Schulter. Hab's mitbekommen, meint er, keine Sorge, die wird schon wieder. Oder du sie los. Wie schön er das sagt, in so wenigen Wörtern, ich bin froh, daß er da ist. Hole zur Feier des Tages frische Semmeln, und er kocht Cappuccino, richtig mit schaumiger Milch und so, während die Semmeln durch das dünne Papier ihren karamelligen Geruch verbreiten.

Am Set herrscht wieselnde Hektik. Die Produktionsassistentin hat ihren Besuch angekündigt, kommt eigens aus Köln, um zu sehen, wie das Projekt läuft, das für sie nicht mehr ist als einer von vielen Vorgängen mit Unterschriften und Besprechungen. Wir geben uns große Mühe, Meria strahlt, krault Deedee am Bauch und spendiert schon mittags Sekt. Ich nähere mich nicht ein Mal dem Bierkasten. Als die Frau aus Köln dann da ist, bekommt sie keiner mit; sie hockt eine Viertelstunde irgendwo im Hintergrund und verschwindet dann zu einem wichtigen Termin. Doch: Track hat sie natürlich gesehen, beschreibt sie uns: Frau Oberlehrerin mit gerafftem Grauhaar und zugeklammerter Möse. Hihihi, alle, selbst Deedee lacht mal mit uns, weil auch Meria nichts für die Frau übrig hat.

Alles geht wahnsinnig schnell, wir bekommen am Schluß noch zwei kurze Szenen vom letzten Drehtag rein, so daß ich morgen freihabe. Cag auch, er hängt sich sofort ans Telefon und schmiedet den Abend. Lulu weiß ein Fest bei einer psychotischen Studentin, die er ein paar Tage zuvor abgeschleppt hat. Das ist für einen ganzen Abend noch zu unsicher, aber Track stampft kurzerhand noch ein eventuelles Late-Night-Dinner in Kellys Hotelzimmer aus dem Boden, weil sie Besuch von dem Regisseur erwartet und überhaupt keinen Bock auf ihn hat.

Also setzen wir Deedee zu Hause ab und fahren erst mal zu Cag. Ich will nicht zu mir, weil ich keine Böcke habe, Claudia dort anzutreffen und mich dann vielleicht noch überreden zu lassen, bei ihr zu bleiben und gemeinsam fernzusehen. Statt dessen rufe ich vorsichtig an, mit der Hand schon auf der Gabel, aber zum Glück geht David ran. Hallo David, Lust auf ein Fest, und er, na klar, Alter. Wir verabreden uns um neun bei Cag. David kommt auch mit, werfe ich in die kiffende Runde, und Track, prima, der hat ein Auto, dann kann ich mich besaufen. Selbst in solchen Dingen ist er mechanisch und zielstrebig. Wenn gesoffen wird, wird richtig gesoffen und dann auf dem Tisch getanzt in einem Aufwallen von ohnmächtigem Begeisterungsschaum, bis zum Umfallen.

Nach dem dritten Joint ist es halb neun, und wir haben wahnsinnigen Hunger. Cag findet nur Zwiebeln und Eier im Kühlschrank, worauf keiner Lust hat, also beschließen wir, vor dem Fest noch was essen zu gehen. Als David auftaucht, bekommt er einen vorbereiteten Einzeljoint zwischen die grinsenden Lippen gesteckt. Schnell rauchen, Mann, keine Zeit mehr, ordnet Lulus verwaschene Stimme an, David zieht so gut er kann, wir sehen seine Augen förmlich zuschwellen, so schnell geht das.

Was sollen wir überhaupt essen, fällt Cag ein, als er gemessenen Schrittes der Horde voran geht. Lulus Antwort, egal, was Süßes jedenfalls, stößt auf begeistertes Gejohle, also rauschen wir ein paar Ecken weiter in diese ranzig stinkende amerikanische Hackfleischbraterei und bestellen so viele Milkshakes, Apfeltaschen und Eisbecher, wie wir tragen können. Jeder hat seine spezielle Art, sich mit dem klebrigen Zeug abzufüllen: Track schüttet es ungeduldig in sich rein, wild durcheinander, mit einem sehr abwesenden Blick in den fanatisch aufgerissenen Augen. Cag dagegen bringt es irgendwie fertig, aufrecht wie ein Brett zu sitzen und per Strohhalm würdevoll süßen Brei durch sein Grinsen laufen zu lassen, während Lulu nur kindisch und ohne Ziel auf seinem Tablett rumpanscht und leise kichert, als erzählte ihm seine Apfeltasche witzige Gerüchte. David sieht einerseits sehr glücklich aus, mustert uns andererseits abwechselnd mit diesem Psychologenblick, von dem ich nie weiß, was er genau bedeuten soll. Kelly leidet darunter, nicht so wichtig wie das Essen zu sein, und grabscht deshalb immer mal wieder den anderen in die Pampe oder ins Gesicht. Ich weiß mal wieder nicht genau, wer oder was ich bin, aber in diesem Zustand hilft mir mein bekiffter Humor darüber hinweg.

Als alle einigermaßen fertig sind und ihre Kommentare abgegeben haben, Mann bin ich stoned, Mann bin ich voll, Wahnsinn was für ein Kackfraß, ich glaub ich hol mir noch ein Eis auf den Weg, sammeln wir die Momente für ein gemeinsames raschelndes, scharrendes Erheben und fallen lachend durcheinander aus der Futterstation hinaus. Mann, in genau acht Minuten haben wir mehrere zehntausend Kalorien zu uns genommen, strahlt Track mit hochgestrecktem Handgelenk in die taumelnde Runde, das ist sicher Weltrekord.

Davids Auto ist ziemlich eng: ein sehr schrottreifer Audi aus coolen Zeiten, in denen alle Bilder in honigfarbenes Licht getaucht waren. Kelly, Track, Cag und ich sitzen hinten, Kelly auf Tracks Schoß, was beide mindestens bei jeder Kurve mit frivolem Gekicher kommentieren. Lulu wirft David seine Hände in die Sicht, da rechts glaub ich, und wir machen eine Stadtrundfahrt, landen schließlich, längst schweigend, irgendwo im Westend. Ein blaues Leuchtschild sagt Polizei; das ist das Haus, meint Lulu. Bist du wahnsinnig, eine Party bei den Bullen, willst uns wohl verarschen oder was, kommt ihm von der Rückbank entgegen. Nee nee, das Fest ist im dritten Stock.

Lachendes Gestolper die Treppe rauf, auf unser Klingeln öffnet ein mißtrauisches Gesicht ohne irgendeinen Ausdruck von Einladung. Lulu rettet uns, sagt einfach Hallo Tina, schiebt die Tür auf, hängt sich an den Mund der Frau, und wir strudeln hinein. Versammeln uns nach einem Rundgang durch dröhnend überfüllte Zimmer in der Küche, weil wir keinen kennen. Cag dreht einen Joint, und wir brabbeln irgendwas, tolle Platte, wollt ich mir eh kaufen, aber die erste war besser, wie findet ihr die Kleine mit dem blauen Kleid, was willst du denn mit der, ist doch höchstens vierzehn, morgen hast du die Eltern aufm Hals, na und Mann, wo is hier was zu trinken, werd mal das Klo suchen, Mann bin ich stoned, harter Tag heute, habt ihr bemerkt, wie glücklich Deedee war, weil Meria ihn wieder mag. Scheiße, hör auf mit Deedee, gib mal das Teil weiter, ich hab schon wieder Hunger, he Jungs, acht Wochen frei, wir sollten was unternehmen, nach Spanien fahren, lieber nach Berlin, da geht was ab, ach was Amsterdam, da is die Scene, apropos, was zu schnupfen wär nicht schlecht, guck mal die da mit den roten Strümpfen, rote Strümpfe, der dreht durch, laßt uns am besten noch einen rollen.

Lulus Auftritt mit schwingendem Schritt, roten Schlitzaugen und Zwei-Meter-Grinsen, lahme Bande, was hängt ihr da in der Küche, die Mädels sind drüben. Klar Alter, aber wo ist das Koks; Lulu hebt mit wissendem Strahlen die Augenbrauen, verschwindet kurz und trägt dann triumphierend ein Papierbriefchen in der erhobenen Hand in den allgemeinen Jubel. Nachdem ein Strohhalm aus der amerikanischen Rinderzerwolfungskneipe ein paar Mal die Runde gemacht hat, drehen sich die Kommentare einige Zeit nur noch um den subjektiven Zustand und die Qualität des Pulvers. Mann, meine Nase ist wie Marmor, wo hastn das Zeug her, ich sag euch Koks ist die einzig wahre Droge, Wahnsinn, irre, alle durcheinander in einem anschwellenden Crescendo.

Aus allen Ecken der Party dröhnt verschiedene Schreimusik durch unsere Gehirne, sammelt sich dort und mixt alles durcheinander, wir reden wie Apparate, die Augen blicklos durch die Gegend fliegend, als wollten wir uns selbst überholen, ohne auf die Straße zu sehen. Mehr, mehr, schreit Track, und Lulu sammelt Geld ein, verschwindet wieder kurz.

Übrigens, was war denn das für eine Kleine neulich auf Theos Fest, fragt mich Cag mit genießerisch indiskretem Blick. Das reißt mich an Seilen in die Realität zurück, weil ich mir vorstelle, wie sie bei mir anruft und Claudia geht ans Telefon. Na, du Geheimniskrämer, sagt Kelly, laß uns doch an deinem Glück teilhaben; ihr Blick dabei gefällt mir plötzlich gar nicht mehr: drängt mich irgendwie in eine Ecke. Zum Glück kommt Lulu gerade mit dem neuen Pack zurück, und das Gespräch konzentriert sich wieder auf die Droge. Nicht lange: Hast du neulich Mojos Neueste gesehen, fragt Cag Lulu. Der bringt außer Hä mit offenem Mund und halbgeschlossenen Augen nichts raus; na ja, die Kleine mit den Wahnsinnstitten auf Theos Fest, unser stiller Bassist hat da ja einiges am Laufen. Nerv mich nicht, sage ich zu Cag. Sag uns wenigstens den Namen, er mit großem Grinsen. Geht dich nichts an, ich zurück, und er gibt's auf. Wir schnupfen noch eine Runde, dann beschließt Track zu tanzen, wir folgen ihm in den Rest der Wohnung.

Alle Zimmer sind mehr oder weniger leer, was Möbel angeht. Statt dessen vollgestopft mit Leibern, die je nach Musik entweder verknotet am Boden sitzen oder zuckend durcheinander pulsieren. Hier ist was los, schreit Track und stürmt mitten rein in das Fleischmeer, reißt sich Hemd und T-Shirt über den Kopf und taucht dann nur noch gelegentlich aus dem ekstatischen Sumpf. Der Kerl ist drauf, das ist der Hammer, sagt Cag vor sich hin und läßt den Satz ohne Punkt stehen, den Blick plötzlich wie hypnotisiert auf ein Mädchen gerichtet, das in der Ecke an der Wand lehnt, mit sehr aufgelöster Körperhaltung, als hätte man die große Spannfeder aus ihrem Rücken gezogen, das Gesicht in langen braunen Haaren ertrunken. Mit der linken Hand stützt sie den rechten Arm, über den immer mal wieder aus ihrem Glas ein bißchen Sekt schwappt. Bis später, sagt Cag. Links neben mir hat David angefangen, der Gastgeberin irgendwas über Fotos zu erklären; Kelly hat sich inzwischen mit Track in eine tropfende Doppel-Hüpfpuppe verwandelt, und Lulu taucht immer kurz irgendwo auf, um sofort wieder zu verschwinden, also gehe ich schwankende, ironisch grinsende Wände entlang zurück in die Küche und sammle mit dem Zeigefinger die Staubreste von den Linien auf der Tischplatte auf. Suche in den Nahrungshaufen auf dem Buffett nach irgendwas und habe doch überhaupt keinen Appetit, trinke einen Becher Rotwein, der einen trockenen, rostigen Geschmack in meinem Mund hinterläßt, sehe aus dem Fenster in schwarzen Samt, sehe mich um, schaue irgendwo hin, ohne zu wissen, was ich noch sehen wollte.

Das Leben fällt von mir ab wie winzig kleine Schuppen, die zu Boden rieseln.

Meine Hände werden kalt, und die Zeit bleibt stehen. Ich stelle mir vor, den Moment zu malen, aber die Übelkeit, die in meinem Bauch rumwühlt, läßt sich nicht ablenken und hat sowenig Geduld wie ein zu einem mißglückten Scherz in Bandagen verschnürter Hund. Schon ist da dieses vage Gefühl, als wüchse etwas hinter meiner Zunge, als verkrampften sich dort kleine Muskeln, die im normalen Leben nicht vorkommen.

Meine Beine sind mit Kies gefüllt, als ich aus der Küche stapfe, Schritt für Schritt, an aufgerissenen Lachgesichtern vorbei, die in unaussprechlichem Schrecken vor dem Dunkel, das sie erwartet, erstarrt sind. Lulu, mit der Gastgeberin am Arm, lacht unsicher blöde, als er mich sieht, aber sie kapiert sofort. Das Bad ist gradeaus, deutet sie in eine Richtung. Macht nix, ich besorg morgen neues, lallt Lulu und zieht sie in die andere Richtung schräg nach unten weg.

Als hätte ich die Hand noch in der Türverriegelungsbewegung, falle ich vor die Kloschüssel, und im selben Moment bricht die ganze süße Masse wie klebrige Sahne aus mir raus, ein großer schaumiger Schwall, noch einer und ein dritter nach einer kleinen hämmernden Pause. Dann hänge ich da, versuche die zähen Fäden zu schlucken, würge wieder, aber es kommt nur noch ein ungenaues Aaaaa-Geräusch, ein paar rote Tropfen mischen sich in den schmutzigen Schnee, dann wieder schlucken, schlucken, als müßte ich mein Leben in mich hineinschlucken, bevor ich es in die Schüssel kotze.

Neben dem Klo hockend höre ich der Zeit dabei zu, wie sie pumpend um mich herum läuft, vibriert und langsam an Intensität verliert, sich sammelt, beruhigt und ordnet, bis ich wieder fast bei mir bin. Meine Stirn ist feucht, eiskalt; beim zweiten Versuch schaffe ich das Aufstehen, zum Waschbecken Hangeln, irgendwas gerät an meine Handkante, fällt und zerbricht mit trockenem Klirren auf dem Boden; ich drehe den rechten Hahn bis zum Anschlag auf. Betrachte den Wasserstrahl, der dermaßen stark raussprengt, daß er aussieht wie fest; ich halte eine Hand rein, benetze meine Stirn, den Hals, stecke schließlich den ganzen Kopf so weit wie möglich in die glasklare Wucht, bis ich den Schmerz der Kälte im Nacken spüre.

Dann spüle ich mir den Mund, schäume ihn mit einem Stück Zahnpasta aus und sehe in den Spiegel. Was ich erkenne, ist irgendwie mein Gesicht: ein bißchen blaß mit roten Flecken, ich wuschle den Kopf in einem Handtuch rum, sehe mich wieder an und muß grinsen. Und plötzlich geht es mir gut, und ich sage laut, anyway.

weiter: Teil fünf


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