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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel zwei, Teil drei)

Claudia wartet zu Hause auf mich, als ich die Tür aufreiße und eigentlich nur noch schlafen will. Wie war's heute, und ich höre so deutlich den beleidigten Unterton raus: wie war's heute nachdem du die letzte Nacht mit irgendeinem Weib verbracht hast und es ja gar nicht mehr nötig hast an mich auch nur zu denken; so deutlich, daß ich gar nichts sage, nur, anstrengend eben, wie immer, kein Wort von dem Abend davor, wie sollte sie auch den Humor verstehen; alles, was sie sagen würde, wäre Aha und so so, mit verschränkten Armen und Das-findest-du-also-toll-Gesicht, die lächerliche Karikatur einer drohenden Pose mit ihren kurzen Beinen in den umgeschlagenen Stiefelschäften, das Mausgesicht zum Dreifachkinn nach hinten geschoben.

Ich sage, was soll das, gönnst du mir irgendwas nicht, dann sag's mir und ich verzichte darauf. Glatte Lüge, ich würde auf nichts verzichten im Tausch gegen das leere Nichts von bloßem Zusammenhocken und -hängen, das sie mir zu bieten hat.

Aber ich liebe dich doch, sagt sie, verliert ihre Haltung und fängt wieder an zu heulen. Das kann ich einfach nicht brauchen. Hör auf zu heulen, schreie ich, wer hat dich weggeschickt, wer hat dir befohlen, mich allein zu lassen, wer hat dir eingeredet, daß es keinen Spaß macht, mit mir ins Bett zu gehen, wer hat angeordnet, daß ich für alles alles alles was ich genieße bezahlen muß, und warum ausgerechnet bei dir. Verdammte Scheiße, wollte ich etwa nicht mit dir zusammen sein, hab ich's vielleicht nicht versucht, wollte ich dir nicht alles von mir geben, und hast du nicht mit belanglosen Bemerkungen und oberflächlichem Getue alles kaputtgemacht. Soll ich jetzt etwa Geilheit simulieren, ja, komm nur her, mein kleines Biest, wo ich doch weiß, daß du's nur tust, um mich wiederzuhaben. Zum Geier, wozu soll ich mich und dich dauernd erniedrigen, was hast du davon.

Sie wird kreidebleich vor Wut, still und hart, ein deutliches Zeichen dafür, daß ich recht habe mit meinem Geschrei. Also gut, sagt sie im Urteilston, dann gehe ich jetzt. Quasi, für alles weitere bist du selbst verantwortlich. Ja ja, schreie ich, gerne. Und wenn du irgendwann mehr von mir willst als Befriedigung für deinen erbärmlichen kranken Stolz, dann komm zurück und zeig's mir, aber bis dahin verpiß dich und verdammt noch mal, verpiß dich! Sie hat nichts verstanden. Er will nur diese anderen Weiber ficken, will mich einfach und billig loswerden; ich seh's an ihrem Gesicht, sie hat nichts nichts nichts kapiert, aber klapp geht die Tür und sie ist draußen, und ich bin was weiß ich wieso froh, daß endlich Ruhe ist, und ob sie mich versteht, ist mir im Moment so was von scheißegal.

Die nächsten Tage unterscheiden sich nur in Nuancen, die mich nicht interessieren, kleinen Dingen, die an mir abfließen, ohne mich zu berühren, wie Regenwasser an einem Grashalm, das dann in die Erde sickert, von den Wurzeln aufgesaugt, fein zerteilt neue Bestandteile des Halms bildet. Tatsächlich regnet es ununterbrochen; die Stimmung bei den Proben ist indifferent, keine sucht einen Grund zum Streiten, keiner versucht sich oder die anderen zum Lachen zu bringen. Abgesehen von Deedee, der krank wird, wenn die Leute um ihn ernst und konzentriert wirken. Wir machen ihm Angst, wenn wir Dinge tun, ohne uns darüber lustig zu machen.

Cag und Track verbringen die Nachmittage und Abende nach den Proben meist bei Manuel beziehungsweise Julia; ich stelle mir vor, wie sie sich angestrengt mit Manuel befassen, um unterdessen gierige Seitenblicke und attraktive Bemerkungen nach seiner Frau zu werfen. Etwas daran nervt mich, ich kann nicht sagen, ob ich eifersüchtig bin oder angeekelt von der Unehrlichkeit, die ich mir in ihrem Verhalten vorstelle.

David sehe ich selten; manchmal spätnachts, wenn er von irgendwelchen Jobs heimkommt, rauchen wir viele Joints, und er erzählt mit gelöstem Lächeln und ultralangsamer Stimme Geschichten von ausgeflippten Leuten, mit denen er zu tun hat: Hotelkellnern, die seit zwanzig Jahren dasselbe Hemd tragen, mit dunkelgrauen Feldern um den Kugelschreiber in der Brusttasche, stummen Tankwarten, die Kunden mit vorgehaltenem Revolver bedienen, Künstlern, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen, um ihren Farbsinn nicht vom Sonnenlicht verbrennen zu lassen, zu Zwergen geschrumpften alten Frauen, die mit den Gesichtern von Politikern auf Plakaten reden, alten Männern, die stumm zusehen, wie ihre Möbel aus dem Haus getragen werden, Hundebesitzer, die mehr nach Hund riechen als ihre Hunde, weil sie das gleiche essen, ehemaligen Geschäftsleuten, die auf Bänken wohnen, weil ihr Einkommen nur für einen Briefkasten am Eingang eines leerstehenden Hauses reicht, Pförtnern, die behaupten, russische Agenten würden nachts Telefonzellen zerstören, in die Jahre gekommenen Prostituierten, die tagsüber mit Deosticks zwischen den Beinen rumlaufen, arbeitslosen Spaziergängern, die Nägel in Bäume schlagen, damit sie die Blätter verlieren, Handwerkern, die Zigaretten essen, weil sie während der Arbeit wegen der Lösungsmittel nicht rauchen dürfen. Sein Blick flieht dabei aus dem Fenster, nicht nur in die Ferne, sondern durch den trüben, gelbschwarzen Nachthimmel, zu etwas dahinter.

Mann, diese Frau ist der Hammer, sagt er, und ich irgendwie hm, was für eine Frau. Die hängt mir Zettel unter den Scheibenwischer: Hallo David, hast du heute schon gefickt; sein Grinsen geht wieder auf. Du hast wieder ein Auto, ich, und er, klar, seit vorgestern, schöner neuer Golf. Laß uns mal wohinfahren, träume ich, und draußen räuspert sich ein entferntes Gewitter.

Wenn ich allein bin, lese ich die neuen Bücher, sieben bunte Mappen mit ähnlichen Titeln. Die Geschichten entfalten sich nicht richtig in meinem Kopf, weil die Dialoge sowenig flüssig sind, daß sie förmlich zerbröseln. Meine wenigen Textzeilen bestehen wie gehabt aus ein paar dummen Sprüchen, die von Folge zu Folge immer wieder auftauchen, keine richtigen Gags, weil sie nicht lustig sind, auch keine sinnvollen Aussagen, die irgendwas zur Handlung beitragen.

Dann kommt meine Geschichte, in der drittletzten Folge. Ich bin nicht mehr nur einfach Bassist, sondern Student an einer ziemlich psychedelischen Musikschule, mit hundertjährigen Operndirigenten und pubertären Computerkomponisten, taubstummen Jongleuren und vertrockneten Ballerinas. Einer dieser Computerfreaks hört von meiner Band und erfindet einen Hit, den er per Interface in die Hitparaden jagt, und das drei Tage vor meiner entscheidenden Prüfung. Dann wird alles wieder ganz wirr, die Band will irgendwas mit dem elektronischen Klimbim machen, wobei sie nicht erwischt werden darf, also muß ich dafür sorgen, daß meine Lehrerin nicht den Raum betritt; und wie macht das ein romantischer Sprüchewiederholer wie ich? Er erklärt der Lehrerin seine unsterbliche Liebe und macht solange an ihr rum, bis die anderen mit ihrer Tätigkeit fertig sind, was natürlich nicht ganz klappt, und so weiter. Und am Schluß dann die große Verfolgungsjagd, die sich in Wohlgefallen auflöst, als die Lehrerin ihre ebenfalls unsterbliche Liebe zu ihrem gerade durchgefallenen Schüler entdeckt, die lange lange Kußszene und der Abspann. Und die Lehrerin ist Rosa/Julia.

Nach einer Woche scheint wieder die Sonne, und die allgemeine Laune hebt sich. Wobei hinzukommt, daß endlich meine erste große Szene mit Julia geprobt werden soll. Cag und Track gehen mir den ganzen Vormittag auf die Nerven, na, Alter, bist du innerlich bereit für die Sensation, du mußt ja mächtig verliebt sein, man sieht dich seit Tagen ohne Bierflasche. Selbst Deedee kann sich nicht zurückhalten, erzählt mir irgendein aufmunternd gedachtes Zeug, so etwa: Siehst du, du bekommst ja auch deine Chance, da gibt es doch keinen Grund mehr, sich über Meria zu beschweren. Zum Glück ist Kelly bis Drehbeginn anderweitig mit ihrem Regisseur beschäftigt, die würde mir noch fehlen.

Wir hüpfen durch irgendwelche Einstellungen, Meria dreht den einen oder anderen an den Schultern zurecht, sagt, also bitte, unterbricht wieder, streichelt Deedee am Bauch; Maximilian gräbt mit einem Streichholz in seinen Zähnen und hängt ansonsten in seinem Stuhl, als hätte man halbweiches dunkles Wachs darübergegossen. Dann öffnet sich im Hintergrund eine Tür, und die ganze Szenerie verschwindet in dieser Richtung wie in einem Strudel. Cag und Track wieseln um Julia herum, die tatsächlich eine Ausstrahlung hat, als betrete ein Stück reines metallisches Leben den Raum. Sie gibt Meria die Hand, lächelt und wechselt ein paar zwitschernde Wörter mit ihr, stellt ihre Tasche ab; steht da, eine Hand in der Hüfte; ihre Bewegungen sind so treffend und richtig, daß mir die Situation entgleitet. Ihre völlige Sicherheit lenkt meine Aufmerksamkeit auf jede meiner Bewegungen; verkrampft und heimlich arbeite ich an der Stellung meiner Beine, an meinem Gesichtsausdruck.

Sie kommt zu mir, hallo wie geht's, wieso bist du denn neulich so schnell verschwunden; daß sie mich in ihrer Wohnung an jenem Tag überhaupt bemerkt hat, reißt mich aus dem Hintergrund: die Antwort verknotet sich in meiner Kehle, ich finde keinen Zusammenhang und grinse nur, blicke zu Boden. Meria klatscht in die Hände. Okay, Cag, Track und Deedee, ihr seid für heute fertig. Ich bin ihr dankbar wie einer Retterin, Cag und Track blicken deutlich enttäuscht, während Deedee nur ein gehorsames Geräusch herausschluckt.

Es ist sehr ruhig und der Raum sehr groß, als die anderen weg sind. Meria erklärt Julia ihre Rolle, die nickt aufmerksam, lächelt erst am Ende, sieht mich an; ich lege meine ganze Kraft in den Versuch, ihrem Blick standzuhalten, und es funktioniert für eine Weile, bis sie den Kontakt unterbricht und aufsteht. Maximilian ordnet uns im Raum an und beschreibt, wo wir uns die Tür und so weiter zu denken haben. Ich kann nicht ruhig stehen, spüre, wie die Schenkelknochen in meinem Becken bohren, je nachdem, auf welche Seite ich mich verlagere. Ich weiß, daß ich verliebt bin, natürlich weiß ich es, aber es kommt mir nicht in den Sinn. Ich kann an gar nichts denken und versuche unbewußt, die Szene zu meinen Gunsten auszunützen, irgendwie. Das Problem ist, daß ich jede Frau küssen kann, solange ich nicht in sie verliebt bin.

Meria bastelt an der Szene, ich lasse mich abwesend dirigieren; mein Text ist ebenso einfach wie bescheuert, irgendwie rutscht er mir aus dem Mund. Rosa, sage ich, erstaunt darüber, wie wenig meine Stimme so klingt, wie ich sie mir im Moment des Sprechens vorstelle. Mojo, was ist mit dir? Sie übertreibt auch, aber charmant, gar nicht unbeholfen. Ich kann nicht mehr schlafen, ich kann nicht mehr denken, alles in meinem Kopf ist rosa. Wer sich den Text ausgedacht hat, muß noch größere Probleme haben als ich, aber ich bemühe mich, den Satz so zu sprechen, als sagte ich ihn selbst. Wie in einer weichen Lawine gleite ich in den Kuß und öffne die Augen erst auf Merias Danke wieder. Noch mal, fügt sie hinzu, und dann noch mal, und als die Szene sich zweimal wiederholt hat, war es natürlich gar kein Kuß, nur eine einstudierte Bewegung, bei der sie mir mit Anweisungen den Weg zeigt. Mach die Augen auf. Berühr sie mit links, offen zur Kamera. Dreh den Kopf nicht so stark. Ihre Wörter sind viel realer als das, was ich tue. Klar, wir spielen ja nur. Spielen nicht mal: proben nur das Spielen. Ich bin kein Schauspieler, denke ich. Die Wahrheit ist, daß ich nur Schauspieler geworden bin, weil mich irgend jemand irgendwann irgendwohin gestellt hat.

Als Meria die Probe für beendet erklärt hat, packe ich mein Zeug zusammen und sehe verstohlen Julia dabei zu, wie sie das gleiche tut. Sie benimmt sich, als wären wir so was wie Kollegen, ein Zustand, den ich als unerträglich empfinde: als wäre ich auf unserem gemeinsamen Weg irgendwo falsch abgebogen. Was soll ich sagen? Die Szene ist zu idiotisch, um einen Abend daraus zu bauen, aber sie nimmt mir die Situation aus der Hand, lädt mich auf ein Fest in ihre Wohnung ein.

Es ist dunkel, als ich vor dem Haus stehe, aber die Straße riecht nach Frühling, nach gestern und morgen, nach Sehnsucht, ich weiß nicht, wonach oder wieso. Cag begegnet mir vor der Tür, sieht mich grinsend an, du auch hier, ich grinse ebenso unsicher zurück, fühle, wie etwas zwischen uns knistert und bröckelt, aber es ist mir egal; ich will nur dieses Gesicht sehen, das in meiner Vorstellung mehr mit mir als irgend jemandem sonst zu tun hat.

Und dann fliegt sie den ganzen Abend in der Gegend rum. Die Wohnung hat nur drei Zimmer, aber wir halten uns praktisch nie länger als ein paar Sekunden im selben Raum auf. Ich trinke viel und lasse mir Gespräche aufdrängen, von unmöglichen Leuten mit Plastikgesichtern, die weitab von meiner wirklichen Welt Pläne bauen, von denen ich ebensowenig halte wie verstehe, und die irgendwann einer nach dem anderen hinter der Wohnungstür verschwinden.

Es bleiben ungefähr sechs Leute. Ihr Mann ist auf Tour: unterwegs als Pianist einer Gruppe, und ich stelle fest, daß der Rest der Party daraus besteht, daß ungefähr sechs Leute wie Mücken um sie herumtanzen, wahlweise und abwechselnd auf sie einreden und -kichern, beschämt finde ich mich mitten unter ihnen, in einem Gewusel verlegener Menschen, die mit Gewalt Kontakt herstellen wollen.

Wo gehst du hin, fragt sie, und ich versuche ihr zu erklären, wie ich die Situation empfinde und daß ich sie peinlich finde und deswegen gehe. Ich komme mit, zischt sie in mein Ohr, unverschämt lebendig, springt fröhlich in Schuhe und zieht noch ein paar schnelle Kreise durch die Wohnung, so schnell, daß den anderen davon schwindlig wird und sie ihr Gehen gar nicht bemerken.

Das Schließen der Haustür saugt die Lautstärke aus meinen Ohren, und ich stehe auf der Straße in der kühlen Luft, die ich gewöhnt bin wie eine frühere Geliebte, zu der man immer wieder für eine Nacht zurückkehrt. Aber neben mir steht eine Frau, die ich überhaupt nicht kenne, in die ich noch vor Minuten verliebt war und mit der ich jetzt nichts anzufangen weiß. Sie nimmt meinen Arm, wir füllen die Straße mit hallenden Schritten und sparen uns so die Wörter.

Dann sitzen wir in einer Kneipe, an der Bar, neben mir ein Mann um die fünfzig, der aussieht, als wartete er seit Jahren auf etwas und habe vergessen, was es ist, neben ihr auch ein Mann, Jahrzehnte jünger, der gar nichts mehr erwartet, sondern total betrunken ist und ziellos in einem Teller Nudeln rumstochert, nichts erwischt, den rot angelaufenen Kopf schüttelt, die Gabel weglegt, noch mehr Salz draufschüttet und die Prozedur von vorne beginnt, hinter uns an kleinen runden Tischen viele Leute mit übergeschlagenen Beinen und in die Luft gereckten Zigaretten, die alles mögliche von der Zukunft und ihren Ansprüchen und Fähigkeiten erzählen und ab und zu hysterisch loslachen, und mir wird die Situation erst wieder bewußt, als sie mir schon ihre halbe Lebensgeschichte erzählt hat. Den Ausbruch aus dem liberalen und dennoch spießigen kleinstädtischen Elternhaus, eine unendliche Zahl von Porschegesichtern, die sie in irgendwelche Häuser schleppten, um sich mit Champagner und kleinen Geschenken ihren Arsch zu kaufen; sie spricht von ihrem Stolz, mit dem sie das alles nahm, ohne sich wirklich zu verkaufen, ich frage mich, was ihr denn daran lag; sie erzählt von ihrer Ehe, ihrem Sohn, der eineinhalb Jahre alt ist, von ihrem Mann, den sie so liebt, wie ein einzelner Baum auf einem Hügel den Blitz liebt, der ihn Nacht für Nacht zerschmettert und ihn für Augenblicke mit einer namenlosen, riesigen Energie erfüllt. Ich ahne, wie sie diese Energie aufsaugt, braucht, obwohl oder weil sie ihr Angst macht. Ich trinke Bier um Bier und höre zu, höre zu, höre zu, bis ihre Stimme nur noch ein fremdartig vertrauter, harmonischer Klang in meinen Ohren und meinem Kopf ist.

Dann begleite ich sie nach Hause. Als die Tür zu ist, spüre ich, wie sich Wellen von Verlangen und Sehnsucht in meinem Bauch ausbreiten, euphorische Lähmung, ein Gefühl, als müßte ich explodieren, als hätte mich dieser Blitz getroffen, dessen wütende Kraft in mir tobt und rast und jubelt.

Dann sitze ich zu Hause am Tisch, und der Abend dreht und windet sich durch meinen Kopf. Was habe ich ihr alles erzählt, was habe ich alles gehört, ich will jedes ihrer Wörter in meiner Erinnerung festbrennen, spüre aber, wie mir alles entgleitet, andere Formen und Bedeutungen annimmt, die ich mißtrauisch betrachte, unsicher, ob ich sie richtig verstehe, ängstlich, mich in etwas zu stürzen, was nur in meiner Phantasie existiert. Sie hat mich geküßt und ihre ganzen Freunde allein in der Wohnung gelassen, um mit mir den Abend zu verbringen, hat mir alles von sich erzählt, voller Vertrauen die intimsten Dinge offenbart. Oder sie hat sich mit Ehrgeiz eine Fernsehrolle verschafft, die Party verlassen, als sich eine günstige Gelegenheit ergab, den aufdringlichen Kerlen zu entkommen, die da an ihr klebten, um sie möglichst schnell zu begatten, hat alles mögliche geredet, um nicht in peinliches Schweigen zu fallen, mich abgefertigt mit vorbereiteten, oft erprobten Geschichten. Sie will mir Mut machen, sie mag mich, sie liebt mich; oder sie will mir nur nicht zeigen, wie wenig sie an mir interessiert ist, weil es um eine ganze Menge geht.

Durcheinander, mit wirrem Gehirn, beschließe ich endlich, schlafen zu gehen, da geht die Tür auf und David kommt, Haare, Gesicht und Hände gesprenkelt mit weißer Farbe. Er lächelt, du bist noch auf. Klar, sage ich mit abgeklärtem oder betrunkenem Blick. Und, wie war's heute. Ich spiele alles herunter, aber irgendwie bemerkt er natürlich, was los ist. Mann oh Mann, sagt er, und ich, na und, was ist dabei, sich zu verlieben. Und wir lachen beide. Rauchen einen Joint und schweigen, und dann sieht er mir voll in die Augen und sagt, das ist gut, Mann. Zieht die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten und noch mal, das ist wirklich gut. Und so fühle ich mich auch: gut, gelöst, entspannt und stark, müde, hilflos wohl.

weiter: Teil vier


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