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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel zwei, Teil vier)

Deine Rosa gefällt dir, stellt Cag am nächsten Morgen fest, weil ihr so plötzlich beide weg wart. Ich empfinde so was wie Scham, wenn ich mir vorstelle, was er denkt. Quatsch, ich, wir haben uns nur unterhalten. Und er, ach so, unterhalten. Ja, unterhalten. Worüber denn, er lächelt, aber nicht ironisch, er erwartet keine Antwort, und das weiß ich. Vergiß es, sage ich, und er, viel Glück jedenfalls. Vielleicht meint er das ernst, ich spüre keinen Neid und keine Eifersucht in dem, was er sagt. Wir sind so verschworen wie eh und je, auch Track zwinkert nur ein bißchen und lacht; ich fühle mich wohl.

Laßt uns ins Kino gehen, sagt Cag nach der Probe. Wir einigen uns auf einen modischen amerikanischen Kriminalfilm mit einem schwarzen Clown, der reden kann wie ein Maschinengewehr, um mal was zu sehen, was wirklich witzig ist, nicht nur verkrampft wie unser Quatsch.

Um acht bin ich bei Cag, wieder mal als Letzter. Das ganze Zimmer kichert durcheinander, und ich höre deutlich Julias Stimme in dem Lärm. Schon vom Gang aus, ohne etwas zu sehen, stelle ich mir die Szene vor: sie als spitzer Mittelpunkt, um den alles kreist. Wir trinken ein paar Gläser Wein und rauchen einen Joint, gehen dann zu Fuß los, weil das Kino gleich um die Ecke ist. Auf dem Weg bricht die Unsicherheit durch meine Bewegungen, als folgten die anderen vorgezeichneten Bahnen, zwischen denen für mich kein Platz bleibt, als wären nun Julia, Cag, Track und Lulu der Mittelpunkt, um den ich irgendwie herum stolpere, ohne Zugang oder einen Platz zu finden.

Im Kino passiert mir eine der dümmsten Geschichten meines Lebens. Noch während der Vorspann läuft, der schwarze Polizist einen blöden Gangster zum Aufgeben zwingt, indem er ihn einfach zusammenschreit, nachdem er einen ganzen Parkplatz voller Autos demoliert hat, noch bevor die eigentliche Handlung angefangen hat, merke ich, daß ich dringend pinkeln muß, stehe noch mal auf, gehe durch eine gepolsterte Seitentür, nach rechts statt nach links, eine Treppe runter, durch eine schwere Stahltür und stehe auf der Straße. Muß ums ganze Gebäude herum laufen bis zum Kinoeingang, wo die Kassiererin meine Karte sehen will.

Die ist in meiner Jacke, ich, und sie, ach so, und wo ist Ihre Jacke. Drinnen, sage ich, ich bin aus Versehen raus, weil ich aufs Klo wollte. Das gibt's doch gar nicht, ruft sie zu dem Kerl an der Saaltür, der hier wollte aufs Klo und ist auf die Straße raus, ha ha ha. Der Kerl lacht nicht. Ganz neu, sagt er und sieht mich an. Scheiße, meine Jacke ist wirklich drin, schreie ich, ich kann sie ja verdammt noch mal rausholen und euch zeigen; aber da wird ihnen der Vorgang zu anstrengend, und sie lassen mich wieder in den Saal, wo ich nun erst mal wieder durch die Tür auf die Toilette verschwinden muß.

Hast du einen durchgezogen da draußen, raunt mir Cag zu, als ich endlich wieder sitze und der Film schon einige entscheidende Wendungen genommen hat. Erzähl ich dir später, ich, und da muß ich plötzlich lachen, lache vor mich hin und in mich hinein, habe Lust, die ganze Geschichte sofort allen laut zu erzählen. Denkbar schlechter Moment, also lasse ich's. Cag sieht mich groß an, als hätte ich seine Vermutung bestätigt oder etwas noch viel Verrückteres getan, vor den Sitz gepinkelt oder so was.

Julia sitzt zwischen Track und Lulu; ich sehe immer wieder aus den Augenwinkeln vorsichtig zu ihr hin und stelle erschrocken fest, daß Track jedesmal dasselbe tut. Er sieht sie an, als wollte er sich jeden Moment auf sie stürzen, hinter seinem dünnen wohlwollenden Lächeln hervor. Ich versuche mich auf den Film zu konzentrieren, was mir irgendwie auch gelingt, weil die Handlung fesselnd und ziemlich einfach ist: der Boß pokert regelmäßig mit dem Polizeichef, der immer verliert und deshalb die krummen Geschäfte mit Drogen deckt, die der schwarze Polizist auffliegen läßt, gegen den Widerstand seiner Kollegen, seiner Vorgesetzten, der Gangster und schließlich irgendwie der ganzen Großstadt Los Angeles.

Danach reden wir alle wie der Polizist, lachen nur noch so, a-haa-haa-ha. Ich stehe wieder irgendwie abseits, neben den anderen und neben mir, fühle, wie Cag die Situation um sich zu bauen versucht, was ihm in der Regel auch gelingt. Ich habe lange Zeit in seinen Bewegungen und Gesten, in seiner Stimme und dem, was sie sagt, nach Anhaltspunkten dafür gesucht, wie er das schafft; jetzt versuche ich mich gegenteilig zu profilieren, weiß meinen Versuch vergeblich, so zu sein wie er.

Wir sitzen in einem Café und erzählen und lachen, ich sage nichts von meinem Mißgeschick, weil ich nicht weiß, wie ich damit anfangen soll. Dann wird es spät, wir stehen auf, Julia küßt Cag und Track flüchtig oder nicht flüchtig auf den Mund, winkt mir mit einem Augenzwinkern kurz zu und ist schon verschwunden. Mir fällt auf dem Heimweg ein, daß sie mir tags zuvor in der Kneipe erzählt hat, sie küsse Leute, die sie wirklich mag und mit denen sie arbeiten will, nicht gerne einfach so, weil sie zum Beispiel Merias ständige Küsserei für aufgesetzt und falsch hält. Ich stelle daraufhin erstaunt fest, daß ich stolz bin, nicht von ihr geküßt worden zu sein wie Cag und Track. Oder rede ich mir das nur ein, suche ich in allem nach guten Zeichen?

Dann ist Wochenende, und ich sitze mittags am Fenster und schaue blicklos in die strahlende Helligkeit, bade in lauter Musik aus dem Zimmer hinter mir und spüre, wie es mich nach draußen zieht, ohne zu wissen, wohin. Ich gehe durchs Zimmer, lege neue Musik auf, nehme irgendwas in die Hand und lege es wieder weg, starre wieder aus dem Fenster, versuche, Julias Gesicht in meinem Gedächtnis zu malen, aber es erscheint mir nur als unbewußte Ahnung: ein Zwischending von Geruch, Bild und Geräusch. Sonst nichts. Es dämmert, und ich habe ein undeutliches Gefühl von Schuld, weil der ganze Tag sinnlos vergangen ist. Dabei träume ich doch manchmal in dem ständigen Trubel von nichts anderem als genau davon: nichts zu tun als beobachten, wie die Zeit vergeht.

Am Sonntag ist das Wetter noch greller, die Hitze noch brütender und der Himmel fast schwarzblau. Ich falle förmlich aus dem Schlaf, sehe auf die Uhr und stelle fest, daß es erst halb acht ist, eine Zeit, zu der ich seit mindestens zwei Jahren nicht mehr freiwillig aufgestanden bin. Ich renne durch die Wohnung auf der Suche nach luftiger Kleidung, werfe Hemd, Hose und Schuhe vors Bad, dusche eiskalt, singe lauthals unter dem Wasserstrahl, der mich lähmt und zugleich hektische Bewegungen aus mir herausbrechen läßt wie vorwitzige Pflanzentriebe im Frühling in Extrem-Zeitraffer.

Die Treppe fliegt an mir vorbei nach oben, ich springe aufs Rad und tauche in die stechende, schlagende Hitze, fahre einfach drauflos, ohne Ziel. Und finde mich in der Gegend wieder, in der ich aufgewachsen bin: die Straße mit der alten Telefonfabrik, die in ihrer gedrungenen, niedrigen, riesigen Kasernenhaftigkeit noch richtig nach Fabrik aussieht, die große Uhr im Einfahrtshof, der leere Glaskäfig für den Pförtner, eine Kette identischer Fenster. Die wenigen Autos, ein Wirt, der einen Eimer Wasser vor sein Lokal kippt, die leere Schule mit den hohen Fenstern, im Hof der Spedition schlafen vier Lastwägen, ein Radiosprecher verbreitet mit großem Hall versuchte Fröhlichkeit in die Stille, auf dem großen grünen Platz sitzen alte Leute in Zweier- und Dreiergruppen oder allein auf Bänken hinter Rabatten mit Rosen, halten Stöcke; hier wohnen so viele alte Leute, daß der Zustand Sonntag körperlich spürbar ist. Unbemerkt und ohne etwas zu bewirken fliege ich durch die Gegend, spüre, daß jenseits meiner hastigen Bewegungen ein riesiges schwarzes Ungetüm von Langeweile lauert, Vergeblichkeit. Und kann schließlich doch nicht mehr, lasse mich von der stehenden Luft bremsen, steige ab und setze mich auf eine freie Bank; augenblicklich fließt der Schweiß in Bächen aus mir heraus. Ich sitze und atme und sehe transparenten, bunten Nebelkugeln zu, die vor meinen Augen tanzen.

Als ich mich wieder erhebe, ist es, als hätte ich Stunden dagesessen: meine Beine und Arme sind schwer und kaum mehr beweglich. Ich schleppe mich zu einer Telefonzelle und mache das, was ich, wie mir erst jetzt auffällt, schon am Samstag hätte tun sollen: ich durchwühle das zerfledderte Telefonbuch nach Julias Nummer. Sie meldet sich mit ihrer hohen Stimme, die am Telefon so dünn und dennoch kompakt klingt, als könnte ich sie mit der Hand umfassen, schon wieder: ein Vogel.

Was machst du, frage ich, und sie, weiß nicht. Ich warte ungeduldig, erzähle irgendwas von dem schönen Wetter und dem langweiligen Tag, bis sie endlich sagt, warum kommst du nicht vorbei zum Kaffeetrinken.

Die Wohnung ist durch das blitzhelle Tageslicht vollkommen verändert: die dumpfe Unübersichtlichkeit ist verschwunden mit dem Halbdunkel, das den Zimmern die Ecken nahm und sie wie Kammern voll schmutziger Wäsche und oft benutzter Gegenstände wirken ließ. Durch die weit geöffneten Fenster fließt Helligkeit in jeden Winkel, verbindet die Wohnung mit der Außenwelt; alles wirkt aufgeräumt, offen und friedlich. Julia sitzt mir gegenüber am Küchentisch, und ich weiß nicht, was ich reden soll, kriege kaum Luft vom schnellen Radfahren und möchte irgendwas sagen, um die Situation in die Hand zu bekommen: sie zu ordnen und überschaubar zwischen uns zu stellen.

Dominik, ihr Sohn, sitzt am Boden und hält ein buntes Spielzeug in den Händen, entlockt ihm ab und zu ein rasselndes Geräusch, worauf er mich jedesmal kurz ansieht, mit dem unsicheren Lächeln, das Kinder manchmal haben, wenn ein Fremder in ihren Bereich eindringt, ohne ihnen Angst zu machen. Wir trinken starken, schwarzen Kaffee, sofort werden meine Bewegungen unkontrolliert und hektisch: ich schlage die Beine übereinander, stoße dabei an ein Tischbein, sitze in mich gekrümmt, rauche mit leicht zitternden Fingern und versuche, das Zittern dadurch zu verbergen, daß ich alle paar Sekunden die Glut am Aschenbecher reibe, um gerade erst entstehende Asche zu entfernen.

Julia dreht sich um, sieht durch die Balkontür flüchtig nach draußen und schlägt vor, in einen Biergarten zu gehen. Gleich um die Ecke ist einer, klein und ruhig, sagt sie. Ich hätte lieber mehr Leute um uns, die uns Gesprächsstoff geben könnten, aber dann fällt mir Dominik ein. Er schiebt seinen Kinderwagen selbst, konzentriert und erfüllt von der Wichtigkeit seiner Tätigkeit; wir gehen hinterher, ich unsicher tänzelnd, mit Seitenblicken auf Julia, die irgendwas erzählt, von ihren Eltern, belanglose Geschichten, die ich kaum höre, die trotzdem schön klingen: wie eine Melodie, die durch die ruhige Nachmittagsluft perlt.

Der Biergarten ist schattig und sehr klein, von einer Steinmauer umgeben und fast menschenleer: die drei Stammgäste, deutlich als solche erkennbar, sitzen an getrennten Tischen, starren in eine Zeitung, in die Bäume und ins Glas, bewegungslos. Ich gehe Bier holen, fühle, wie mir Julias Blick folgt, und imitiere angestrengt irgendeinen möglichst lockeren Gang. Dominik sitzt am Boden und wühlt in den Steinen Rum, hält einen in die Höhe und sieht seine Mutter an, steckt sich den Stein in den Mund und spuckt ihn sofort wieder aus, als sie rausdamit sagt. Er grinst mich an und hält mir den nächsten Stein entgegen. Ich schüttle langsam den Kopf, versuche die Rolle eines Erwachsenen zu spielen. Julia erzählt von den vielen kleinen Streichen, mit denen Dominik sie ärgert. Ich weiß nichts darauf zu sagen, grinse nur.

Nach ein paar Schluck Bier fühle ich mich allmählich entspannt und der Situation gewachsen, als hätte sich der Knoten um meine Eingeweide in etwas Warmes, Flüssiges verwandelt. Ich bin froh, daß wir die Szene nicht mehr proben müssen, sagt sie, und ich versuche zu verstehen, was sie damit meint, lege Bedeutung in jedes Wort und die Art, wie sie es betont. Versuche zu denken, daß die Künstlichkeit der gestellten Zärtlichkeit sie stört, aber eine dunkle, richtungslose Eifersucht entgegnet mir, daß sie damit ebensogut Ekel vor dem körperlichen Umgang mit mir meinen kann. Ich bin nahe daran, sie zu fragen, und lasse es doch.

Es dämmert bereits, als wir beim zweiten Bier sind und sie von ihrem Job als Statistin beim Theater erzählt. Sie fühlt sich als Schauspielerin und will den Job als Einstieg verstehen, genauso wie die Rolle in der Serie. Ich ertappe mich mit dem Wort naiv im Kopf. Vielleicht ist sie wirklich naiv, aber ich bewundere die Leichtigkeit, mit der sie das Leben behandelt: als würde ihr alles zufliegen, weil sie es sowieso schon erwartet hat.

Dominik beginnt sich zu langweilen und wirft mit Steinen nach uns. Hör auf, sagt sie, und scherzhaft, ich hau dich. Ich fühle mich wohl bei dem Gedanken, irgend jemand, der mich so sieht, könnte mich für Dominiks Vater halten. Auf dem Weg zurück in die Wohnung löst sich unsere Nähe langsam auf. Die Wohnung ist schön, sage ich, völlig blödsinnig, aber ich meine es tatsächlich ernst. Nebenan wohnt Manuels Schwester mit ihrem Mann, entgegnet sie mit einem rauhen Anflug von Bitterkeit, sie hat uns die Wohnung besorgt. Ich erfahre, daß die Schwester auch abends auf Dominik aufpaßt, wenn Julia im Theater ist. Soll ich dich hinfahren, biete ich an, und sie, na klar, ich bin gleich wieder da.

Ich trage den Kinderwagen ins Treppenhaus, während sie Dominik oben abliefert. Warte unten, bis sie die Treppen heruntergelaufen kommt. Bleib unter dem Vordach, sagt sie ohne weitere Erklärung, aber ich verstehe auch so, oder bilde mir das wenigstens ein. Der Gedanke, die Schwester von Manuel könnte mich für einen Rivalen ihres Bruders halten, erfüllt mich mit einem seltsamen Stolz: als erhielte die Situation dadurch die Konsistenz eines Bildes, das ich in ein Erinnerungsalbum kleben kann, egal was daraus wird.

Ein Stück vom Haus entfernt setzt sich Julia auf den Gepäckträger, und wir fahren schwankend los; sie jauchzt und lacht, während wir durch leere Straßen gleiten, schreit mir kurze Kommentare zu, und ich scheine ihr jetzt näher zu sein als im Biergarten: als hätte ich eine erste Prüfung bestanden.

Nach dem kurzen Abschied vor dem Theater trete ich wie ein Verrückter in die Pedale, fühle mich geschwollen von Stolz und aufgestautem Tatendrang, erzähle mir auf der ziellosen Fahrt durch die Stadt Geschichten: lange Zeitungsberichte, in denen ich als weltberühmter Schauspieler, Rockmusiker oder Fußballspieler vorkomme, erfinde Interviews, gebe kurze, philosophische Antworten, die von der Härte des Millionengeschäfts und meiner schwer erarbeiteten inneren Ruhe an der Spitze sprechen, nonchalant und heiter, weise und welterfahren und so laut, daß mich zufällige Passanten für einen Irren halten müssen. Das habe ich mir schon als kleiner Junge angewöhnt: mein Leben durch Talsohlen zu treiben, indem ich es mir selbst als glänzenden Traum beschreibe.

Bei einem ersten kurzen Rundgang durchs Moonlight Mile erkenne ich niemanden, fahre noch mal los, kaufe mir in der Bahnhofsbuchhandlung ein Taschenbuch von einem amerikanischen Autor, der drei Jahre älter ist als ich. Bemerke bei der Rückfahrt durch die Stadt, wie Entfernungen, Häuserfronten, Autoketten an mir vorbeirasen, als könnte ich mich ungehindert und ohne Zeitverlust zwischen allen Punkten bewegen.

Dann sitze ich im Hof an einem Tisch und lese, rauche und trinke, lasse nach jeder halben Seite meinen Blick scheinbar uninteressiert herumwendern, während sich der drückende Impuls, mit sprudelnden Wörtern über den erstbesten flüchtig Bekannten herzufallen, langsam löst.

Zwei strahlende Zahnreihen im Cafe identifiziere ich durch die weich spiegelnde Glasscheibe als Cag und Lulu. Gewohnheitsmäßig benehme ich mich so, als bemerkte ich sie nicht, will von ihnen erkannt werden. Erst als sie im Hof stehen, sehe ich sie an, grinse breit, als sie mich entdecken und mit Hey und Wow an meinen Tisch tänzeln. Na Alter, Lulu ist ziemlich stoned, seine Lippen sehen aus, als wäre ihm das Grinsen schon an die Zähne hingetrocknet, mit den Augenlidern ist es ähnlich. Cag sieht sich um und meint mit fröhlicher Ironie, wie man sich doch immer wieder über den Weg läuft.

Ich lasse das Buch zufallen und frage, was gibt's Neues. Das hier, Lulu hält einen Joint in die Höhe, und wir lachen alle drei, bis sich der Rhythmus sammelt. Ich, was Neues ist das nicht, und Cag, Vertrautes hat auch seinen Reiz. Wir gehen durchs Cafe, über die Straße auf einen Kinderspielplatz, hocken uns auf die Wippe und rauchen, führen uns auf wie kleine Kinder. Cag fängt an, eine Sandburg zu bauen; Lulu balanciert mit ausgestreckten Armen unsicher auf dem Zaun, verliert das Gleichgewicht und fällt wie eine Gliederpuppe in den Sandkasten, wo er kichernd liegenbleibt. Das ist die reinste Wüste, Mann, wir müssen was trinken, ehe wir eintrocknen, sinniert er vor sich hin. Cags Bauwerk weigert sich, Stabilität anzunehmen, bis er schließlich wütend hineintritt und sagt, sowieso müssen wir was trinken.

weiter: Teil fünf


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