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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel zwei, Teil fünf)

Die Proben beginnen sich in meinem Gefühl zu verändern. Natürlich ist nichts wirklich anders, nicht Deedees verkrampftes Herumgehopse, Merias chaotische Launen, Cags lächelnde Coolheit, Tracks Intensität in allen Gesten und Bewegungen, Maximilians mit grunzendem Scheinschlaf überspieltes Desinteresse, Hadrians gutgemeint angestrengte Animationsversuche; aber mein Platz in der Gruppe ist nicht mehr ganz derselbe, überhaupt verschieben sich einige Bezüge.

Nach ein paar Tagen setzt sich Deedee in einer Pause zu mir und schaut auf den Boden. Du entwickelst dich ganz schön, sagt er leise, wie vor sich hin. Meria findet das gut. Was findet Meria gut, ich, und er, wie du dich eben entwickelst. Du bist nicht mehr so ablehnend. Ach was, sage ich, aber mit freundlicher Stimme und einem gutmütigen Lächeln. Wird schon wieder.

Tatsächlich habe ich Julia seit jenem Nachmittag im Biergarten nur zweimal getroffen; das erste Mal zwei Tage danach, als ich vormittags eine längere Pause hatte, unterwegs Semmeln kaufte und wir auf ihrem Balkon frühstückten. Die zweite Begegnung war in Cags Wohnung, wo wir zu fünft, Cag, Julia, Track, Lulu und ich, einen ziellosen Abend mit Joints und Fernsehen verbrachten. Sie wollte nicht rauchen und ging bald, wir machten hartnäckig und kommentarlos weiter, was wir angefangen hatten. Seitdem ist eine Woche vergangen.

Bei dem Frühstück hat Julia gesagt, ich solle mich nicht so zurücksetzen, mir einen Platz in der Geschichte einfach selbst suchen und definieren und dann an dieser Rolle arbeiten. Schließlich sei ich kein schlechterer Schauspieler als irgendeiner von den anderen, ich müsse es nur wollen. Diese Sätze haben mir ein Gefühl gegeben, als wüchsen mir überall an meinem Körper Muskeln, als öffneten sich mit einem Mal meine Augen nach der anderen Seite: ich sah alles nicht mehr von außen, sondern als Teil meines Lebens.

Cag scheint zu bemerken, daß sich etwas verändert, ich spüre gelegentlich seinen mißtrauischen Blick auf meinen bewegungen; mir ist, als flüsterte er Track verstohlene Kommentare ins Ohr, als versuchte er gleichzeitig, die Situation für Merias Augen anders zu gestalten. Er hat Angst, ich könne ihm entgleiten und dadurch die übersichtlichen Fronten verwirren. Dabei versuche ich nur, die Dinge aus einer anderen Richtung zu berühren, um dadurch ihre Wirkung auf das Geschehen deutlicher zu machen. Statt dessen entsteht, wie Julia mir vorausgesagt hat, ein seltsames Mißtrauen; Cag zieht sich mehr und mehr zurück und spielt den einsamen Helden.

Was machen wir mit dem freien Nachmittag, frage ich, und er, was sollten wir schon damit machen. So ungefähr, was geht'' mich an, was du machst, du kannst ja mit Meria ein Täßchen Malzkaffee trinken gehen. Ich werde mal nach Hause fahren und meine Hemden bügeln, sagt er von weit oben herab.

Und als ich dann bei Julia auf den Klingelknopf drücke, kommt er gerade die Treppe herab. Die Haustür läßt sich auch von innen nur per Türöffner aufkriegen, also steht er da, ganz ohne Grinsen, die Arme verschränkt, sieht mich an und wartet. Ich läute noch mal, und Julia sieht aus dem Fenster runter, ruft Hallo. Du solltest Cag rauslassen, ich, und sie, ach so, ist er eingesperrt; und ich sehe in Cags Gesicht, wie ihn unsere Vertrautheit, das fröhliche Geplänkel, wütend macht, weil er sich vom Mittelpunkt verdrängt fühlt. Der Türöffner summt, und ich drücke die Tür auf, grinse Cag an und frage, hast du keine Lust, selber zu bügeln, aber die Ironie geht voll daneben. Ich hatte was anderes vor, antwortet er gestelzt und geht an mir vorbei.

Was ist denn mit Cag los, frage ich Julia, aber sie weicht der Frage aus. Der Ärmste muß feststellen, daß er nicht das Maß aller Dinge ist, sagt sie vieldeutig und kocht Kaffee. Dominik ist auf dem Land bei meinen Eltern, kommt sie meiner Frage zuvor, stellt Kanne, Milch und Zucker auf den Tisch und setzt sich mir gegenüber; die Sonne schneidet ihre Form aus dem Schatten.

Wie waren die letzten Tage, fragt sie, sieht mich so offen an, daß ich dem Impuls widerstehen muß, meinen Blick irgendwohin fliehen zu lassen. Sehr aufbauend, sage ich betont langsam, ich fühle mich anders. Wie anders, sie, und ich, allen gegenüber anders, als bräuchte ich nur selbst meinen Platz bestimmen, damit alle ihn akzeptieren. Sie lächelt zufrieden, als wäre ihr etwas gelungen. Wie immer gelungen.

Wir sitzen den ganzen Nachmittag in ihrer Küche, und diesmal macht mich der Kaffee überhaupt nicht zittrig, löst nur meine Zunge. Wir trinken Wein aus kleinen Wassergläsern und reden in die Dämmerung hinein, unmerklich langsam fallen Schatten um unsere Gesichter, geben der Situation ein Fundament von Vertrautheit und Nähe. Was machen wir heute abend, frage ich wie selbstverständlich. Ich weiß ein Fest, sie, und ich, wo. Bei Marco, eurem Fahrer, dem Sänger von Manuels Band. Wir sprechen über die Band, sie findet die düstere Pose peinlich und übertrieben, aber ihre Versuche, Manuel davon zu überzeugen, treiben ihn in die gegensätzliche Richtung. Track und Marco sind die Triebfedern, meint sie, die glauben an die Sache und sind nicht davon abzubringen. Manuel war anfangs eher skeptisch.

Ich bemerke an der Art, wie sie das sagt, daß sie Manuel gerne innerlich etwas distanziert von der Band sähe. Sie hätte ihn lieber mehr unter Kontrolle, denke ich, wie sie alles unter Kontrolle haben will. Sie imponiert mir.

Marcos Wohnung ähnelt einer Geisterbahn ohne vergnüglichen Anspruch. Die Wände sind tapeziert mit bedrohlichen Symbolen und Schädeln in fotografischer Airbrush-Technik, schwarze Tücher verhängen die Fenster, und überall stehen Dinge herum, die wie pseudosatanische Kultgegenstände wirken. Dafür gibt es außer einem niedrigen Tisch und der wuchtigen Stereoanlage keine Möbel. Etwa zwanzig Leute huschen durch die Räume, sammeln sich in kleinen Kreisen um diverse Joints, huschen wieder weiter durchs Zwielicht, alles unterlegt von einer dumpf pumpenden Musik, die sich anhört wie die Elektroversion mittelalterlicher Kirchenlieder.

Marcos Verhalten stellt die ganze Stimmung auf den Kopf: er lächelt Julia freundlich an, schüttelt mir die Hand, führt uns in die Küche und schenkt uns mit vollendet aufgesetzter Höflichkeit Wein ein. Seine Fröhlichkeit läßt den ganzen Aufzug derart maskenhaft erscheinen, daß ich sofort anfange, ironische Bemerkungen fallenzulassen. Wann schreiten wir zur Exhumierung, ich, und er, unser alter Zyniker, hahaha, das hab ich mir schon gedacht.

Mein Humor hält dem Ansturm der versammelten Düsternis nicht lange stand, zudem kenne ich außer Marco niemanden näher als vom gelegentlichen Sehen. Also halte ich mich größtenteils an Julia und, um ihr nicht zur Last zu fallen mit meiner Unfähigkeit zur Kommunikation, an diverse Weinflaschen. Ein paar Joints werden wortlos weitergereicht, und dauernd legt jemand seine neue Demo-Kassette in den Rekorder, mit großen Gesten und ständigen Hinweisen auf bestimmte Stellen, jetzt kommt dieses Solo, von dem ich dir erzählt habe, hör mal den Sound, das glaubt keiner, daß das ein DX-7 ist, mindestens Fairlight. Nach kurzer Zeit springt dann ein anderer auf, der sein Band schon die ganze Zeit ungeduldig und demonstrativ wie eine Zigarette mit Elfenbeinspitze in der Hand gehalten hat, reißt die Kassette raus und wirft seine rein, um nahtlos mit der Beschreibung fortzufahren. Wie zur Erleichterung klingen die Stücke alle, als hätte sie derselbe Computer ausgeschieden: ein monotones Getucker mit wabernden, dunklen Brummwellen darunter, manchmal noch mit einer pathetisch verrenkten Baß- oder Sprechstimme unterlegt, alles so freudlos, daß sich bei dem Gedanken, nicht schnell genug dicht zu werden, grollende Panik in meinem Bauch regt.

Julia hört konzentriert zu, manchmal mit etwas Ungeduld kommentierend; die ganze Situation schneidet sich immer mehr auf sie zu, als wäre sie eine berühmte Produzentin, von der sich jeder der Kassettenmenschen den Vertrag für sein Leben erhofft. Ich sitze daneben und trinke. Oder gehe vom Zimmer in die Küche, wieder ins Zimmer, aufs Klo, in die Küche, wieder ins Zimmer. Und irgendwann spüre ich, daß ich gar nicht mehr zu ihr durchkomme, und frage Marco spielerisch lässig und verwegen, wo sind denn die ganzen Mädels, was ist das überhaupt für ein Fest hier. Er sieht mich an und grinst unsicher, sein Blick sagt in etwa, oh je, der Typ wird mir doch nicht auf den Teppich kotzen. Genau das würde ich am liebsten tun.

Nach der zweiten Flasche Wein im Alleingang teile ich Julia mit, daß ich gehe. Och, jetzt schon, sie, und ich, ich bin müde, und das Gelaber dieser Techno-Mönche geht mir auf die nerven. Ich muß mich zurückhalten, um nicht anzufügen, außerdem habe ich noch was vor. Ich habe morgen frei, sage ich statt dessen, und sie, dann frühstücken wir und machen uns einen schönen Tag. Wie befreit fliehe ich jetzt aus der seltsamen Veranstaltung, fühle mich, als hätte der Abend genau das gebracht, was ich mir erhofft hatte.

Als ich in unsere Straße einbiege und absteige, um mein Rad abzuschließen, rasselt ein weißer Jeep an mir vorbei. Auf dem Beifahrersitz sehe ich Claudia, die so angestrengt wie ein artiger Schüler stur geradeaus glotzt: als wollte sie unbedingt von mir gesehen werden. Ohne mich zu bemerken natürlich. Ich stelle mir vor, daß sie schon fünfzehn erfolglose Runden um den Block hinter sich hat, und muß über das Bild grinsen: ohne Zorn oder Eifersucht, weil ich den komisch gefönten Gymnastikkerl neben ihr nicht kenne, einfach belustigt und mit dem Gedanken, jetzt, da ich die Botschaft empfangen habe, kann sie ja was Vernünftigeres mit dem Abend anfangen.

Droben sitzt David am Tisch, raucht einen nadeldünnen Joint und wühlt in einem Berg von Schwarzweißfotos. Schiebt mir eines nach dem anderen hin, lauter Bilder von den Dreharbeiten der ersten Staffel. Da liege ich am Boden mit vier Zigaretten im Mund und Cags Fuß auf dem Kopf, da strecken Cag und ich unsere Ärsche in die Kamera, da beißt Lulu in einen selbstgebauten Fünffach-Hamburger, da streichelt Meria Deedee den Bauch, da glotzen drei Grimassen über ein Autodach, da rollt Lulu mit riesigen Augen und kreisrundem Mund einen Joint vom Format einer Fahrradpumpe, da liegt Maximilian quer über seinem Stuhl, während Track ihm mit großem Jux-Blick verstohlen eine Flasche in Fast-Auskipp-Position über den Kopf hält, und überall grinsen und lachen und lachen und grinsen Horden von Gesichtern genau in die Linse.

Was für ein Traum, denke ich, was für ein Leben, und ich spüre jetzt schon einen Anflug von wohlig ziehender Sehnsucht nach einer Zeit, die so gar nicht war; diesen sonderbaren Schmerz, den man beim Anblick solcher Fotos immer leidet: die Erinnerung an Momente in einem fließenden Ablauf, die durch die Bilder zu einer abgeschlossen runden, einfachen und fern vergangenen Geschichte verklärt werden. Sieh mal, sagt David immer wieder, und ich schaue und fühle, lache bei manchen Bildern kopfschüttelnd auf und komme den Tränen immer näher, bis sie schließlich durch kleine Öfnnungen an der Nasenseite aus meinem Körper quellen und ich nur noch mit zerbrochener Stimme sagen kann, Mann, was für ein Traum. Und David schüttelt langsam den Kopf und sieht wieder durch den Nachthimmel hindurch auf irgendwas weit dahinter.

Die Tür ist angelehnt, hinter dem Spalt steht Dominik und sieht mich an, macht mit ausgestreckten Händen kleine Schüttelbewegungen; als ich in die Wohnung trete, dreht er sich um und läuft in sein Zimmer. Das ist doch nur der Mojo, höre ich Julias Stimme von dort. Sie saben ihn gerade erst zurückgebracht, er ist noch ein bißchen durcheinander, erklärt sie mir, ich folge ihr in die Küche, wo ich den kleinen Balkon zum Hof zum ersten Mal richtig sehe, nicht in dampfendes Licht oder fließende Dunkelheit getaucht. Da steht ein kleiner Tisch mit zwei Hockern, daneben Pflanzen und eine Gießkanne, auf dem Tisch zwei Tassen, zwei Teller, Besteck.

Ich hab einen Wahnsinnshunger, sagt Julia und reißt ungeduldig die Papiertüte mit den Semmeln auf, die ich mitgebracht habe. Ich bin wie überrollt von ihrer Lebendigkeit, mein Ichauch bleibt sinnlos neben mir in der Luft hängen, während sie alles mögliche tut, Zeug aus dem Kühlschrank auf den Balkon trägt, Kaffee aufgießt, die Semmeln in einen Korb legt, Dominik daran hindert, Messer und Marmeladengläser auf den Boden zu werfen. Meine Unsicherheit ist wieder da, weil ich meine Rolle in dem Ablauf nicht finde. Setz dich, sie, und ich setze mich, was mir ein bißchen Ruhe gibt.

Dann sitzen wir beide, sie ißt einfach drauflos, immer mehrere Sachen durcheinander, irgendwann lasse ich mich anstecken und ignoriere das Gefühl, mich nicht richtig zu bewegen. Und wir tauchen wieder ein in unser endloses Fortsetzungsgespräch über alles und die Welt. Sie holt eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und läßt den Korken mit einem Schrei aus Freude und Übermut in den Hof fliegen, wir stoßen an, und ich beginne mich wohl zu fühlen. In den kurzen Sprechpausen beobachten wir Dominik, der am Boden sitzt und Gegenstände um sich liegen hat, immer wieder einen aufhebt, betrachtet und wieder fallenläßt oder in der Gießkanne versenkt. Unser Gelächter animiert ihn, diesen Vorgang immer schneller zu wiederholen, bis ihm Julia ein Stück Semmel gibt. Er packt es mit der ganzen Hand wie einen großen Stein und lutscht zwischen den Fingern daran herum, wundert sich über die plötzliche Glitschigkeit des Dings, ahnt einen Zusammenhang und wirft es ebenfalls in die Gießkanne. Julia schimpft scherzhaft, ich lache, und Dominik jauchzt vor Freude über den gelungenen Versuch, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Din, sagt er und deutet auf Julias Sektglas. Nein nein, das kannst du nicht trinken, sie holt eine halbvolle Babyflasche mit Tee aus der Küche, prüft mit der Hand die Temperatur und überreicht sie ihm, worauf er angestrengt nuckelnd und saugend dasitzt und unser Gespräch, unsere Gesichter und Bewegungen mit raschen Blicken verfolgt.

Julia erzählt von ihrer Schwangerschaft, entfaltet ein Bild von rasender Intensität, eine Abfolge von Momenten höchster Begeisterung, schreienden Glücks, heulender Schmerzen, erschlagender Angst; ihr zum Zerreißen gespannter Bauch mit so dünner Haut, daß man glaubte, das Kind durchschimmern zu sehen, ihr zäher Körper, der sich bei der Entbindung mit aller Kraft ans Leben klammerte, um von den Schmerzen nicht hinübergezogen zu werden. Ich beschränke mich fast ganz aufs Zuhören. Als die Sektflasche und der Korb mit den Semmeln leer sind, packt Julia eine Tasche mit Spielzeug voll und fragt, gehen wir in unseren Biergarten. Es rührt mich an, daß sie unseren sagt, als würden wir dort schon lange Zeit unsere Nachmittage verbringen; ich muß an David und die Fotos denken. Vielleicht kann man den Vorgang umdrehen, aus Bildern eine Geschichte machen, die dann in der Erinnerung abgeschlossen rund und trotzdem wahr ist, obwohl nichts passiert.

Dann spüren wir den Hunger, den das viele Reden, das pausenlose intensive Dasein unbemerkt in uns hat wachsen lassen; beschließen, essen zu gehen. Packen Dominik mit seinem bunten Sammelsurium von Gegenständen wieder in den Wagen. Julia schiebt ihn, ich schiebe mein Rad, und wir stellen erstaunt fest, daß es schon dämmert. Als wäre der Tag wie ein Güterzug an uns vorbeigerauscht, mit lauter vollkommen verschiedenen Wägen, die im Gedächtnis doch das einheitliche Bild einer gleichmäßigen Bewegung hinterlassen. Mir kommt es vor, als wären trotzdem hunderte von Stunden vergangen, seit ich ihre Wohnung betreten habe, so riesig und durcheinander ist der Haufen von Geschichten, Blicken, Momenten und Gefühlen, durch den wir uns in rasendem Tempo bewegt haben.

Beim Italiener, auf den wir uns spontan geeinigt haben, wird Dominik dann sehr plötzlich müde. Fängt an zu quengeln und sich zu langweilen, zieht an der Tischdecke und an Julias Hosenbeinen. Sie gibt ihm ein Stück Grissini, er wirft es mit einem überdrüssigen Laut irgendwohin, will auf ihrem Schoß sitzen, will wieder runter, bis sie schließlich die Geduld verliert und die kristallene Harmonie zwischen beiden in einem lauten Satz zerbricht.

Ich beobachte die beiden mit einem Lächeln, das mir nicht paßt: wie ein schlecht geschnittenes Hemd. Als er mit einem lauten Schrei in schluchzendes Heulen verfällt, braust Julia auf, jetzt reicht's mir, wir zahlen und verlassen das Lokal. Ich bin für eine Zeit nicht mehr in der Situation enthalten, erst als wir in der Wohnung sind und Dominiks Geheule durch die Aufmerksamkeit für ein klickende Geräusche erzeugendes Spielzeugauto abgelöst wird, als er schließlich im Bett liegt und Julia die Vorhänge zuzieht, das Zimmer leise verläßt und die Türe anlehnt, da fange ich in ihrem lächelnd sich entspannenden Blick wieder an zu existieren.

Wir müssen leise sein, bis er schläft, sie, und ich, na klar, das können wir doch. Wir sitzen in der Küche und unterhalten uns flüsternd, Julia steht immer wieder auf, schleicht zum Kinderzimmer. Schließlich höre ich, wie sie vorsichtig die angelehnte Tür ganz schließt. Er schläft, sagt sie, wir sind frei. Die Fröhlichkeit in ihren Augen erwacht wieder, und wir kichern leise und übermütig über unsere angestrengten Versuche, geräuschlos Schuhe und Jacken anzuziehen und die Wohnung zu verlassen.

Dann stehen wir auf der Straße und wissen nicht, wohin. Die Nacht ist warm, die Straße leer, es fühlt sich an, als würde irgendwas auf uns warten in dem endlosen Raum aus Luft und Zeit, der über der Stadt hängt. Wir gehen einfach los, ohne recht darauf zu achten, wohin, redend und redend; die ganzen kleinen Geschichten müssen ein Leben lang in uns gewartet haben, weil sie jetzt so wahnsinnig schnell das Ohr des anderen erreichen wollen.

Die Kneipe, in der wir nach ihrem Fest waren, und wir sitzen wieder an der Bar. Einige Gesichter vom letzten Mal stehen fotografisch in der Menge: wie Pfosten, die aus einem Fluß ragen. Ich kenne das Lokal nur mit ihr und beschließe, daß das so bleiben wird, was auch passiert. Daß ich später höchstens in verzweifelten Momenten einen Fuß hier reinsetzen werde, um das Bild nicht abzunutzen. Beim zweiten Bier sind wir bei den anderen angelangt, bei Cag und Track. Was hältst du von Cag, ich, und sie, ich weiß nicht. Sie läßt den Satz ohne warum stehen, was so klingt, als wollte sie das Thema überhaupt gerne vermeiden. Ich glaube, Cag hat ein Auge auf dich, sage ich zu meinem Glas. Laß das, antwortet sie, nicht böse, aber bestimmt. Sie erzählt lieber von Dingen, die nur einen von uns angehen; dieser Gedanke gibt mir ein seltsames Gefühl, das ich aber mit dem dritten Bier runterschlucke.

Mittendrin geht die Musik aus, und das Licht wird heller, die Kneipe verwandelt sich in eine Halle, von der erwartet wird, daß man sie verläßt. Und jetzt, frage ich mutig. Gehen wir zu mir und trinken Kaffee, sagt sie fast ohne Pause. Draußen fällt ihr ein, daß sie keinen Kaffee mehr hat. Also müssen wir erst zu mir radeln und welchen holen. Es fängt an zu nieseln, und sie wackelt auf meinem Gepäckträger rum, schreit und lacht, während ich krampfhaft in die Pedale trete, um noch schneller zu fahren, und mir dabei denke, wieso hält sie sich nicht an mir fest.

Vorsichtig und leise betreten wir ihre Wohnung, flüstern wie im Anschluß an die Szene vor dem Weggehen; aber das Bier hat meinen Blick verändert: die Proportionen der Wohnung erscheinen mir ganz anders. Sie wirft einen Blick ins Kinderzimmer, tänzelt dann zu mir in die Küche und setzt Wasser auf. Ich sitze am Tisch, rauche und sehe ihr zu.

Wir trinken den Kaffee, das Flüstern ist zu anstrengend, also schweigen wir und sehen uns nur an, und ich beobachte mich dabei, wie ich über meine Grenzen trete und ihr fest in die Augen sehe, mit einem lockernd gemeinten Lächeln, ein letzter Rest von Zurückhaltung vielleicht. Ich bin todmüde, sagt sie. Ich auch, ich, lasse meinen Kopf in die aufgestützten Hände fallen und sehe sie an wie ein sterbender Hund seinen Herrn. Willst du hier schlafen, sie, und ich, um neun holt mich Marco zur Probe ab. Macht nichts, Dominik wacht sowieso um acht auf, sagt sie.

Das Schlafzimmer wird beherrscht von einem riesigen, zweifach unterteilten Fenster, das jetzt von einer weißen Jalousie verhangen ist. Davor steht das Bett, fast so breit wie lang, ein Fernseher, an der gegenüberliegenden Wand ein Regal mit Büchern. Julia setzt sich auf die linke Bettkante, also nehme ich automatisch die rechte. Ziehe mir das T-Shirt über den Kopf und blicke über die Schulter nach ihr. Sie liegt schon im Bett, die Decke bis ans Kinn, strahlt mich an.

Also ziehe ich den ganzen Rest, Schuhe, Socken, Hose und Unterhose, auf einmal an mir herunter und schlüpfe auch unter die Decke. Ein unendlich gedehnter Moment steht zwischen zwei Leben, und ich spüre keinen Übergang, dafür zum ersten Mal ihre Hand auf meiner Haut. Du hast ja nichts mehr an, sagt sie, und das in meinem Ehebett. Was denkst du, ich, und sie, das mag ich.

Sie gleitet auf mich, und wir küssen uns so ungeduldig und tief und heftig, als hätten wir ewig ewig darauf gewartet, nur dieses eine im Kopf: ineinander sein. Ihr Körper bewegt sich wie eine Welle, dann löst sie ihren Mund von meinem, setzt sich auf mich, dirigiert mich mit einer schnellen Bewegung an den Beginn dessen, wo wir beide hinwollen. So verharren wir eine Weile, unsere Blicke binden sich ineinander, ihr Mund ist halb offen und verzerrt, wie bei einem Kind, das gleich zu weinen anfängt.

Oh, das mag ich, das brauche ich, sagt sie tief aus dem Bauch und saugt mich in sich, und wir fallen in einen rasenden, stoßenden Rhythmus. Ich stöhne, fast absichtlich, als wollte ich alles ausstoßen, was quer in mir steht; sie lacht vor Freude, geschüttelt von unserer Bewegung sieht sie zur Decke, während ihre Hände nach allem an mir fassen, was sie zu fassen kriegen, es wieder loslassen und etwas neues suchen.

Komm, denke ich, bleib, alles durcheinander. Ich liege jetzt auf ihr, immer nur für einen kurzen Augenblick, löse mich, um tief in sie zurückzufallen, wenn sie mich an sich reißt, wegstößt und wieder an sich reißt, der Rhythmus des Lebens, denke ich, da ist er. Laß ihn nicht mehr los, denke ich, während ich mich in ihren zuckenden Bauch pumpe, während die Bewegungen langsamer, weicher werden und sie seufzt: wie überrascht über das, was uns da passiert ist.

weiter: Teil sechs


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